Unternehmenskonzepte in bewegten Zeiten

Anhaltende internationale Krisen und die schwache Binnenkonjunktur Deutschlands wirken sich bis in die ländlichen Regionen Brandenburgs aus. Dieser keineswegs überraschende Befund führt indessen zu der Frage, wie Unternehmen auf eine solche bedrohliche Situation reagieren. Der betriebliche „Werkzeugkasten“ hält für derart krisenhafte Zustände etliche Standard-Instrumente bereit: Kostenkontrolle, Investitionsaufschub, Risikovorsorge und vieles mehr. Was aber soll eine Bäckerei tun, wenn die lokale Aministration obendrein – wie in Brandenburg geschehen – das Geschäft beeinträchtigt, indem sie durch Straßenbaumaßnahmen „aus heiterem Himmel“ große Teile von deren Laufkundschaft aussperrt? Wir haben vier Branchenunternehmen gebeten, aus ihrer Praxis zu erzählen.

Daniela Dorn, Bäckerei Dorn.

„Wir sind ebenso wie viele andere Branchenbetriebe von der Krisenlage betroffen. Doch zusätzlich stehen wir vor einem akuten und individuellen Problem: Buchstäblich von heute auf morgen  wurde bei uns in Wahrenbrück die marode Brücke über die Schwarze Elster wegen Sanierungsarbeiten gesperrt. Diese Brücke befindet sich in unmittelbarer Nähe unserer Bäckerei und ist ein wichtiger Kunden-Zubringer. Die Sperrung hat uns einen Umsatzverlust von rund 25 Prozent beschert – und nicht nur das: Unsere drei mobilen Verkaufswagen müssen heute große Umwege fahren, was die schon happigen Transportkosten sowie die Personalkosten wegen längerer Arbeitszeiten in die Höhe treibt. Mehr Kosten bei weniger Umsatz – das ist unsere Situation.

Doch aufgeben werden wir nicht. Da wir in unserer Region gut vernetzt sind, haben wir von einem frei gewordenen Ladengeschäft im Nachbarort gehört. Mit dem Vermieter sind wir schnell handelseinig geworden. Durch tätige Nachbarschaftshilfe haben wir erreicht, dass wir kürzlich eine alternative Filiale jenseits der Brücke eröffnen konnten, um unsere Umsatzverluste wettzumachen. Parallel dazu haben wir in einem Brandbrief an pro agro und den Landrat von Elbe-Elster auf unsere Situation aufmerksam gemacht. Landrat Marcel Schmidt hat uns sofort besucht und sich ein Bild gemacht. pro agro wiederum hat unsere Landwirtschaftsministerin Hanka Mittelstädt in Kenntnis gesetzt, und sie wird im Juli anlässlich ihres Besuchs in unserem Landkreis bei uns vorbeischauen. Dieses Engagement auf verschiedenen Ebenen macht uns sehr zuversichtlich. Dafür muss man allerdings als Unternehmen auch etwas tun.“

Dirk Schwuchow, Schleusenbrauerei Woltersdorf.

„Trotz der angespannten Lage und der enormen Kostensteigerungen haben wir in den Bau eines neuen Produktionsbetriebes mit moderner Technik und deutlich höherem Ausstoß investiert. Die Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen, weil wir viel Geld in die Hand nehmen mussten, um unser Vorhaben zu verwirklichen. Aber die Investition musste sein, da wir sonst im Markt kräftig Boden verloren hätten.

Unser zweiter Standort in Strausberg ist gerade kürzlich eröffnet worden, so dass wir jetzt zwei Standbeine mit unterschiedlichen Aufgaben haben: In Woltersdorf (Kapaztät: 30.000 Liter pro Jahr) mit Restaurant und großem Biergarten brauen wir vor allem unsere handwerklichen Spezialitäten wie Pale Ale (obergärig) oder Double IPA (stark und aromatisch) und in Strausberg eher Volumenbiere wie Helles, Rotbier oder Pils.

In absehbarer Zeit kommen wir auch mit einem Alkoholfreien auf den Markt; sie machen inzwischen rund zehn Prozent des gesamten Volumens aus.

Auch wenn wir keine Gläserne Kugel für einen Blick in die Zukunft haben, beschäftigen wir uns stets mit den Trends, die kommen oder vermutlich kommen. Ich halte es für unverzichtbar, dafür ein Gespür zu entwickeln. Das ist auch einer der Gründe, warum wir mit dem klassischen LEH nicht zusammenarbeiten: In der Regel führen die Supermärkte nur massentaugliche Produkte. Wir indessen sind in der Lage, die von uns erkannten Trends sofort in Produkte umzusetzen – oder auch vom Markt zu nehmen. Als Entscheidungsgrundlage für solche und weitere marktrelevante Fragen spielen unsere intensiven Kontakte zu diversen Kollegenbetrieben eine große Rolle, mit denen wir uns regelmäßig austauschen – hier vor allem mit den Kollegen des Vereins Brandenburger Bierstraße, dessen Mitglied wir sind. Auch das Know-how der Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei in Berlin (VLB) nutzen wir regelmäßig; der Wissenstransfer ist sehr wertvoll für uns.“

Ludolf von Maltzan, Ökodorf Brodowin.

„Wir mussten in unserem Unternehmen erhebliche Strukturveränderungen vornehmen. Auslöser waren und sind die aktuelle Krisenlage sowie der allgemeine Nachfragerückgang in der Biobranche Deutschlands, der auch uns getroffen hat.

Zuallererst haben wir sämtliche Molkerei-Aktivitäten eingestellt, also die Haltung von Milchkühen und Ziegen sowie die Milchverarbeitung aufgegeben. Stattdessen bauen wir eine Mutterkuh-Herde auf, deren Fleisch von der handwerklichen Fleischerei Herold in Lychen verarbeitet wird. Bis zu ihrer Schließung hat das die Eberswalder Wurstwaren GmbH (Britz) für uns erledigt.

Die Herstellung unserer Fertiggerichte haben wir von Eberswalde nach Brodowin in die leer gewordene Meierei verlagert.

Ferner haben wir unseren Großhandel an die Terra Logistics GmbH in Berlin abgegeben, die praktisch unsere Lieferverpflichtungen gegenüber dem Einzelhandel übernommen hat; der Lieferservice für Privat- und einige Geschäftskunden bleibt allerdings in unserer Hand.

Über diese Maßnahmen hinaus haben wir unternehmerisches Neuland betreten, indem wir Brodowin selbst als einen Ort weiterentwickeln, wo Außenstehenden der Ökolandbau erlebbar gemacht wird. Wir befinden uns mitten in diesem Prozess, der noch etwa zwei Jahre lang dauern wird. Momentan sind allerdings schon einige Dinge sichtbar: In unserem Kuhstall hat bereits ein Konzert stattgefunden; wir haben Tiere, die man sich anschauen kann. Ein großer Spielplatz ist in Planung, wir werden Kochkurse anbieten und den Besuchern zeigen, wie man Früchte einweckt und vieles mehr. Unser Motto lautet: Brodowin als Lern- und Erkenntnisort für Erwachsene (Kulinarik inbegriffen) und als Spiel- und Erlebnisort für Kinder“.

Christoph Lehmann, Agrar GmbH Bergsdorf.

„Unser Betrieb besteht aus zwei Unternehmensteilen, dem Ackerbau (Getreide) und der Rinderzucht mit eigener Schlachtung und Verarbeitung. Das Getreide liefern wir zum größten Teil an Verarbeiter und Wiederverkäufer, wobei wegen der schlechten Standortbedingungen und der agrarpolitischen Lage die Geschäfte immer schwieriger werden. Bei den Fleischwaren sieht die Bilanz ähnlich aus. Unser Hauptabnehmer war hier die gehobene Gastronomie, die aber wegen rückläufiger Gästezahlen immer weniger Ware geordert hat. Darauf mussten wir reagieren.

Grundsätzlich konzentrieren wir unsere Absatzstrategie heute stärker auf den Endverbraucher, und zwar auf zwei Wegen: direkt durch Hofladen und Online-Vertrieb und indirekt über den Lieferdienst Knuspr.

Durch unseren neuen Partner erreichen wir Kunden, die wir sonst nie erreicht hätten. Im Großraum Berlin liefert der Online-Supermarkt inzwischen über 125.000 Bestellungen pro Monat aus. Wir machen bereits mehr als zehn Prozent unseres Umsatzes mit Knuspr.

Auch das Marketing fokussieren wir inzwischen auf den Endverbraucher. Hier arbeiten wir mit einem Barbecue-Influencer zusammen (Wandlitz BBQ), der unser Fleisch über seine Social Media-Kanäle promotet – teils allein, teils mit mir zusammen – und damit den direkten Zugang zum Verbraucher eröffnet.  Inhaltlich geht es z.B. um verschiedene Fleischsorten, Zubereitungsarten und Rezepte. Das findet mindestens einmal pro Woche statt.

Parallel dazu unterstützt meine Tochter den Verkauf, indem sie über unsere eigenen Social Media-Kanäle vom aktuellen Hofgeschehen berichtet (über Events, Angebote im Hofladen und vieles mehr). Außerdem kümmert sie sich um die Inhalte unserer Homepage. Wir fahren also in Sachen Werbung praktisch eine Doppelstrategie. Dieser mediale Auftritt hat sich in den vergangenen zwölf Monaten sehr gut entwickelt: Die Zahl der Follower steigt und die direkten Kontakte mit Endverbrauchern nehmen zu.“