Nils Busch-Petersen: Ernüchternde Bilanz

Landauf, landab fragt sich die Wirtschaft, wann der Herbst des Jahres 2025 begonnen hat und wann er endet. Hintergrund ist der „Herbst der Reformen“, den Bundeskanzler Friedrich Merz angekündigt hatte. Seitdem fragen sich die Unternehmen, wo denn die Reformen bleiben, die die Wirtschaft wieder ans Laufen bringen (sollen). Wir sprachen mit Nils Busch-Petersen, seit 35 Jahren Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg (HBB Foto rechts) und pro agro Geschäftsführer Kai Rückewold über die Situation des Handels und die Perspektiven der Lieferanten in Brandenburg.

Herr Busch-Petersen, wie sieht die Lage im Handel derzeit aus?

Seit unserem Gespräch vor zwei Jahren hat sich nichts verbessert. Das müssen wir nüchtern zur Kenntnis nehmen. Das Konsumverhalten bleibt gedämpft und liegt noch immer unter dem Niveau des Jahres 2019, also der Zeit vor Corona.

Gilt das für alle Handelsbranchen gleichermaßen?

Die Nonfood-Branche ist arg gebeutelt. Und zwar durchgehend. Sie leidet vor allem unter der Konkurrenz des Online-Handels und hier insbesondere unter der starken Performance von Drittstaaten-Plattformen. Allein aus China landen täglich 12,5 Millionen Pakete in Europa an; da kann man sich vorstellen, was dem stationären Handel in Deutschland an Absatzpotenzial verlorengegangen ist.

Das dürfte den LEH allerdings weniger tangieren.

In der Tat ist der Vertrieb von Lebensmitteln derzeit noch nicht betroffen – ich betone: noch nicht. Doch auf mittlere Sicht lässt sich das nicht ausschließen, denn was in Zukunft technisch machbar ist, wird auch gemacht. Aber momentan zeigt sich der Lebensmittelhandel recht stabil.

Gemäß dem Motto „Lebensmittel braucht man immer“?

Darauf sollte man sich lieber nicht ausruhen. Entscheidend ist doch wieviel und auf welchem Niveau. In der momentanen weltpolitischen Lage schalten die Verbraucher auf Spar-Modus und greifen eher auf preiswerte Eigenmarken zurück, gehen mehr zum Discounter und kaufen weniger regionale Produkte. Es wachsen also auch im LEH die Bäume nicht in den Himmel.

Und was ist vom nächsten Jahr zu erwarten?

Das Land steckt nach wie vor fest, der „Herbst der Reformen“ ist mehr oder weniger abgesagt. Alles, was das Wirtschaften erträglich machen und den Konsum erleichtern könnte, ist nicht in Sicht. Wir gehen also davon aus, dass uns das kommende Jahr keine spürbare Verbesserung bringt.

Was macht das mit Ihnen als Branchenvertreter persönlich?

Ich muss sehr an mich halten, nicht die Contenance zu verlieren. Es bringt mich aus der Fassung, wenn ich sehe, dass die Politik nur von einem Wahltermin zum nächsten denkt und aus diesem Eigeninteresse die notwendigen Veränderungsprozesse verschwitzt.

Der Leidensdruck innerhalb der Gesellschaft scheint nicht sehr hoch zu sein.

Unser Land ist, ich muss es so sagen, dermaßen wohlstandsverwahrlost, dass man manchmal den Glauben daran verlieren könnte, dass sich da irgendwas ändert. Aber ich schöpfe Kraft und Zuversicht daraus, dass ich schon mal eine gesellschaftliche und politische Totaltransformation erlebt und mitgestaltet habe.

Sie meinen die friedliche Revolution der DDR-Bürger von 1989.

So ist es. Damals haben wir gemeinsam ein erstarrtes, nicht wettbewerbsfähiges und von den Menschen nicht mehr akzeptiertes System in ein besser funktionierendes transformiert. Es geht also.

Welche Schlüsse ziehen Sie daraus für die Gegenwart?

Wir müssen zwar damit leben, dass in einer Demokratie alles etwas schwieriger umzusetzen ist und dadurch etwas länger dauert. Aber: Die Demokratie deshalb als unreformierbar abzustempeln, wird der Sache nicht gerecht. Die Politik muss handeln. Darum geht es.

Zum realen Geschäft an der Basis: Wie stehen Sie zum Thema Regionalität?

Die Verbraucher sagen heute: ich bin für Öko, Tierwohl und Regionalität. Aber wir wissen, dass zwischen diesem Bekenntnis und dem tatsächlichen Kaufverhalten eine riesige Lücke besteht. Wenn’s hart auf hart kommt, verfallen sie doch wieder in das gelernte Muster: Der Preis zählt.

Sind das also nur Lippenbekenntnisse?

So würde ich das nicht sagen. Denn es wächst eine neue Generation heran, die solche Bekenntnisse ernst nehmen. Meine Erfahrung zeigt allerdings, dass Bio mehr zählt als Regionalität. Das Wissen über den Wert regionaler Produkte ist noch nicht so ausgeprägt und noch nicht nachhaltig vorhanden.

Wie kann der regionale Hersteller hier gegensteuern?  

Das kann er nicht allein, sondern nur im Rahmen von Kooperationen und Vernetzung. Dafür gibt es bekanntlich den Marketingverband pro agro. Kooperationen und Netzwerke sind das preiswerteste Marketinginstrument, das man sich wünschen kann.

Welche Rolle kann und soll der Staat dabei spielen?

Kai Rückewold: Hier stehen wir vor der zentralen Frage, wieviel Staat im Rahmen der Sozialen Marktwirtschaft und somit im Prozess des Wirtschaftens nötig und möglich ist.

Ein Beispiel?

Mit dem Schlachthof in Perleberg verschwindet der letzte Schweineschlachthof in Brandenburg. Das hat einen erheblichen Einfluss auf die Fleischverarbeitung im Land. Hier ist die Frage berechtigt, welche Rahmenbedingungen der Staat schaffen kann und soll, damit solche negativen Struktureffekte eben nicht auftreten. Aber da passiert nichts.

Busch-Petersen: Ganz anders sieht der Fall aus, wenn der Staat die Höhe der Mindestlöhne festsetzt. Das ist ein Eingriff in die Tarifautonomie, was verantwortungslos und demokratiegefährdend ist, da es meiner Meinung nach gegen das Grundgesetz verstößt.

Was also kann und muss der Hersteller in eigener Verantwortung tun?

Busch-Petersen: Sich in Denken und Handeln der Kunden hineinversetzen, unverwechselbar im Produktangebot und kompromisslos in der Produktqualität sein, mehr Dynamik im Marketing durch Kooperationen zeigen und neue Zielgruppen über die Sozialen Medien ansprechen.

Inwieweit kann sich da der Handel einbringen?

Rückewold: Der regionale Lebensmittelhandel engagiert sich bereits in vielfältiger Weise. Er steht beispielsweise mit kleineren Lieferanten in enger Verbindung, veranstaltet Warenbörsen oder berät die Partner im Rahmen des Listungsprozesses. Auf der Grünen Woche ist der Handel regelmäßig mit einem großen Aufgebot in der Brandenburghalle präsent. Und nicht zuletzt unterstützt er die Landeskampagne „Deine Wahl ist regional!“.

Die Landesregierung ist also mit im Boot.

Rückewold: Ja, und nicht nur mit der eben genannten Imagekampagne, die im kommenden Jahr mit einem Budget von 300.000 Euro fortgesetzt wird. So ist zum einen im Koalitionsvertrag ausdrücklich die Stärkung der regionalen Wertschöpfungsketten als politisches Ziel festgelegt, zum anderen sorgen zwei Runde Tische pro Jahr für einen regelmäßigen Austausch zwischen Politik und Wirtschaft und vieles mehr.

Auch die Initiative zur Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten gehört dazu.

Busch-Petersen:

In der Tat hat die in Brandenburg zuständige Ministerin Britta Müller kürzlich einen Dialog zur Digitalisierung und Automatisierung im Einzelhandel angeschoben. Ziel ist es, den Verkauf von Lebensmitteln mit Hilfe von Automaten an Sonn- und Feiertagen per Gesetz zu erlauben.

Da ist Ihre Stimme als Branchenverband sicherlich auch gefragt.

Leider nicht. Wir haben zwar mit den Industrie- und Handelskammern zur Kenntnis gegeben, dass wir uns als Handelsexperten gern einbringen würden, haben allerdings eine Absage erhalten. Ich muss schon sagen, dass ich mich darüber etwas gewundert habe, da wir schließlich genau wissen, wie der Hase läuft.

Was sagen Sie zur Sache selbst?

Grundsätzlich kann ich diese Initiative nur begrüßen und hoffen, dass sie zum Erfolg führt. Denn in einer Welt, in der man an jedem Ort und zu jeder Zeit jede Ware kaufen, bezahlen und mittlerweile auch in Empfang nehmen kann, ist jede Regulierung von Öffnungszeiten ein Anachronismus und eine Diskriminierung aller Läden des stationären Handels.

Ihr Wunsch an die Politik?

Alle Signale und Weichen auf „volle Fahrt“ stellen und das unternehmerische Handeln weniger behindern. Wir brauchen keine Hilfe und Überregulierung, wir wollen einfach nur handeln.