90 Prozent der mittelständischen Betriebe, die KI einführen, erleben nach einigen Monaten dieselbe Ernüchterung: Die Tools sind da, sie werden mehr oder weniger genutzt – aber spürbar besser läuft das Geschäft nicht. Dieses Phänomen ist so verbreitet, dass es einen eigenen Fachbegriff trägt: das AI Productivity Paradox. Output ja, Outcome nein. Woran das liegt und was Entscheider konkret tun können, beschreibt dieser Beitrag des KI-Experten Martin Talmeier.
Drei Muster, die immer wieder scheitern
In vielen Betrieben wird KI (meist zuerst einmal ChatGPT und Co.) an die Beschäftigten verteilt und dann von ihnen vor allem für drei Dinge eingesetzt: für Routineentlastung (Texte kürzen, E-Mails formulieren), für mehr Masse (aus einem Post werden zehn) oder als Ersatz für fehlendes Fachwissen. Alle drei Ansätze haben eines gemeinsam: Sie erzeugen keinen echten Mehrwert. Mehr vom Gleichen bleibt Gleiches – nur schneller. Zusätzliche Gefahr: Wer KI für Aufgaben einsetzt, die er selbst nicht beurteilen kann, riskiert Peinlichkeiten und Rechtsprobleme. Und gewonnene Zeit, die einfach in den nächsten Kleinkram fließt, ist keine Produktivitätssteigerung.
Das Problem liegt aber nicht bei den Tools. Es liegt daran, wie KI von den Entscheidern im Unternehmen eingeführt wird. Und hier sind Sie gefragt: als Vorbild, als Motivator, als Kommunikator. KI erwartet beim Mitarbeitenden ein anderes Herangehen an die bisherige Arbeit. Viele Möglichkeiten, aber auch viele Unsicherheiten sind damit verbunden.
Der unterschätzte Faktor: Unternehmenskultur
Jahrzehntelang wurde in Betrieben wie folgt gehandelt und geführt: Wer seinen Bereich sauber hielt und keine Fehler machte, war ein guter Mitarbeitender. Das ist kein Charakterproblem – das ist antrainiertes Verhalten. Und das ist genau das Gegenteil von dem, was KI heute vom Nutzer braucht, um Mehrwert zu erzeugen.

Jetzt erwarten wir plötzlich: kreativ ausprobieren, unternehmerisch denken, eigenverantwortlich handeln. Antrainiertes Verhalten ändert sich nur, wenn der Rahmen sich ändert. Wer den Rahmen ändern muss, sind die Führungskräfte. Und sie müssen sichtbar vorangehen.
Was Mitarbeitende wirklich beschäftigt – aber selten sagen
Wenn KI ins Unternehmen kommt, laufen im Hintergrund Fragen mit, die kaum ausgesprochen werden: Bin ich bald überflüssig? Blamiere ich mich, wenn ich das nicht verstehe? Werde ich überwacht? Diese Ängste lösen sich nicht von selbst auf. Sie brauchen klare, persönliche Antworten von der Führung – und zwar bevor das Tool im Postfach landet, nicht danach. Das sind die drei Botschaften, die laut und wiederholt gesagt werden müssen: KI soll unterstützen, nicht ersetzen. Niemand muss heute alles können. Und: wenn Ergebnisse gemessen werden, wird das offen kommuniziert – wozu Unternehmen im Übrigen auch rechtlich verpflichtet sind.
Ebenso gehören eine schriftliche KI-Richtlinie und eine KI-Grundlagenschulung für alle Mitarbeitenden von Anfang an dazu – beides ist nicht optional, sondern Voraussetzung für einen rechtssicheren und wirksamen Einsatz sowie für klare Leitlinien, in denen die Mitarbeitenden sich sicher fühlen, die Möglichkeiten der KI wertbringend einzusetzen.
Mittendrin statt nur dabei
In der Praxis ist häufig folgende zentrale Sollbruchstelle auszumachen: Führungskräfte wollen KI einführen, nutzen sie aber selbst kaum – oder versteckt. Mitarbeitende beobachten sehr genau, was die Führung tut, nicht was sie sagt. Nutzt die Führung keine KI, nutzen die Mitarbeitenden sie auch nicht oder nur wenig. Drei Verhaltensweisen der Führung machen den Unterschied:
- Eigenen KI-Einsatz offen benennen („Ich habe diesen Entwurf mit ChatGPT vorbereitet“).
- Eigene Fehler teilen anstatt sie zu verbergen („Mein Prompt war zu vage – das Ergebnis war Unsinn“).
- Neugierig fragen statt kontrollieren: „Zeig mir mal, wie du das gemacht hast.“
Vorbild sein heißt nicht, alles zu wissen. Es heißt: sichtbar mitlernen. Und wenn dabei auch mal etwas schiefläuft, ist die richtige Reaktion der Führung die wirkungsvollste Botschaft überhaupt: Wir suchen bei Fehlern Erkenntnisse – keine Schuldigen.
Klein anfangen, aber richtig
Komplexe Programme braucht es dafür nicht. Was funktioniert: die richtigen neugierigen Menschen im Betrieb identifizieren, ihnen Zeit und Vertrauen geben, und alle zwei Wochen zehn Minuten für ein offenes Gespräch reservieren – ohne Folien, ohne Protokoll. Nur drei Fragen warten auf Antwort: Was hat funktioniert? Was war Quatsch? Was lernen wir daraus?
Wer das konsequent tut, erlebt, wie aus Skepsis Neugier wird. Und aus Neugier echte Nutzung. Der Schlüssel für eine erfolgreiche KI-Einführung liegt also nicht in der Technologie. Er liegt in der Frage, wie gut Sie Ihr Team dabei mitnehmen.
Der Autor
Martin Talmeier ist KI-Trainer und zertifizierter Design-Thinking-Trainer am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam sowie Project Lead am Mittelstand-Digital Zentrum Berlin, einem vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderten Projekt.

Seit 2018 begleitet er kleine und mittlere Unternehmen bei der digitalen Transformation und der strukturierten Einführung von KI. Sein Ansatz: keine aufgezwungene Lösung von außen, sondern Befähigung von innen – damit Unternehmen ihren Weg selbstständig gehen können.
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Das Mittelstand-Digital Zentrum Berlin unterstützt kostenfrei kleine und mittlere Unternehmen in Berlin. Brandenburg und bundesweit dabei, die Möglichkeiten und Potenziale der Künstlichen Intelligenz (KI) zu erkennen und für sich nutzbar zu machen. Mit kostenfreien Informationen, Workshops, Webinaren und Projekten begleitet das Zentrum Unternehmen auf ihrem Weg zu KI-Readiness und hilft dabei, passende KI-Lösungen zu finden und zu implementieren. Da sich KI sprunghaft und in hohem Tempo weiterwentwickelt, kann die kostenfreie Unterstützung durch das Mittelstand-Digital Zentrum Berlin hilfreich sein.
Anmerkung der Redaktion: Auf der Basis eines pro agro-Workshops hatten wir bereits im Vorjahr zwei Beiträge zum Thema „Künstliche Intelligenz“ veröffentlicht. Siehe die Newsletter-Ausgabe 07-08/2025 und Newsletter-Ausgabe 09/2025. Über weitere Workshop-Angebote zu diesem Thema halten wir Sie fortlaufend informiert.
