Schönwalde-Glien. 85 Unternehmen aus Direktvermarktung, Lebensmittelhandwerk und Ernährungswirtschaft haben sich im Juni an der Befragung für das pro agro-Branchenbarometer zur Jahresmitte beteiligt. Neben den obligatorischen Fragekomplexen zur allgemeinen wirtschaftlichen Lage kamen Sonderfragen zur Ertragslage, zu unternehmerischen Reaktionen auf den Mindestlohn und Erwartungen an die Bundesregierung hinzu.
Wirtschaftliche Stimmung/ Geschäftsentwicklung
Die Geschäftsaussichten für 2025 haben sich im 1. Halbjahr bei 58 % der Unternehmen gegenüber der Erhebung zum Jahreswechsel 2024/2025 verändert. Dabei zeigte sich die Veränderung überraschenderweise zweigeteilt: Beurteilen 61 % die Lage als schlechter oder deutlich schlechter, haben 39% Prozent eine Verbesserung festgestellt.
Wie sieht es nun für das 2. Halbjahr aus? Während 48 % keine Veränderung sehen, befürchten 29 % eine Verschlechterung der Geschäftsaussichten.

Interessant sind die Gründe für die Bewertung (Mehrfachantwort möglich): Unternehmen die optimistischer in die Zukunft blicken begründen verbesserte Geschäftsaussichten mit steigendem Mengenabsatz im Handel (68% der Befragten) oder im Direktabsatz (53% der Befragten). Hohe Belastungen bei Energie-, Rohstoff- und Personalkosten (je um die 60%) wiederum gaben bei Unternehmen mit schlecht beurteilten Geschäftsprognosen den Ausschlag.
Ertragsentwicklung – Ertragslage
Preisgestaltung gegenüber den Käufern ist eine wichtige Stellschraube wirtschaftlichen Erfolges. 74 % der Befragten vermarkten Produkte auch im Direktverkauf, 26% ausschließlich über den Handel. So sehen etwa ein Drittel der Direktvermarkter eine starke Preiserhöhung für das 2. Halbjahr, die anderen setzen auf Preisstabilität. Ganz anders die Situation bei der Vermarktung an Handelspartner (81% der Befragten): Hier werden bei den zu erzielenden Produktpreisen nur leichte Anstiege erwartet, 33% der Unternehmen erwarten keine Veränderung. Interessant erscheint – im Zusammenhang mit stark gestiegenen Lebensmittelpreisen der letzten 24 Monate – die Frage welchen Anteil die Produzenten am Endverbraucherpreis haben. Bei den wichtigsten Produkten der brandenburgischen Hersteller sind die Zahlen ernüchternd. 63 % der Antwortenden schätzen bei Vollsortimentern unter 30% des Endverbraucherpreises für die Gesamtheit aller gelieferten Waren zu erzielen, weitere 30% tendieren zu unter 50%. Etwas mehr als die Hälfte der Befragten beliefern auch Discounter: Die Zahlen hier stellen sich mit 69% unter 30% Anteil am Endverkaufspreis ähnlich dar. Ob in die Betrachtung Preisentwicklungen bei Sonder- und Rabattaktionen eingeflossen sind, lässt sich nicht sagen.
Kostendruck durch Mindestlohn?
Zum Zeitpunkt der Trendumfrage war in der politischen Diskussion „15 Euro – Mindestlohn“ die meistdiskutierte Lohneinstiegsschwelle in den Medien. Die nun vereinbarte stufenweise Entwicklung zu 13,90 Euro zu Beginn 2026 auf 14.60 Euro ab Januar 2027 ist beschlossene Sache. Was kann das für die Unternehmen der Ernährungswirtschaft bedeuten?
Bei Anhebung des Mindestlohns auf 15 Euro für die entsprechende Arbeitnehmergruppe rechnen die Hälfte der Unternehmen mit Personalkostensteigerungen bis 10.000 Euro/Monat. Bis zu 100.000 Euro/ Monat sehen die größeren Unternehmen als realistische Kostensteigerung.
Interessant auch die Frage welche Auswirkungen die Anhebung für die Befragten auf die Gesamtlohnentwicklung im Unternehmen haben wird.

52 % der Befragten sieht keine Möglichkeit steigende Lohn- und Personalkosten durch Anhebung der Produktpreise zu kompensieren, 44 % glauben daran, dies teilweise tun zu können.
Welche Handlungsmöglichkeiten werden als unternehmerische Konsequenz von den Befragten benannt (Mehrfachantworten möglich)?
Im letzten Jahr planten noch 88 % unserer Umfrageteilnehmer Investitionen in Anlagen und Maschinen sowie von Gebäuden und Digitalisierung sowie Mitarbeiter-Neueinstellungen. Nun gilt es, wenn möglich, Automatisierungsmöglichkeiten oder auch Investitionen (61 %) zu prüfen. Andere Konsequenzen werden Kompensationsversuche über Preiserhöhungen (56 %), eine Reduzierung des Personals (46 %), Schließungen von Teilbereichen (25 %) oder sogar das Infragestellen des Fortbestandes des Unternehmens (25 %) sein.

Und zu guter Letzt:
Erwartungen an die Bundesregierung
Die größten Erwartungen an die neue Bundesregierung, bezogen auf die Belange der Ernährungswirtschaft, haben unsere Befragten bei den Themen Reduzierung von bürokratischen Lasten, insbesondere von Dokumentations- und Nachweispflichten (81 %) sowie der Statistikpflichten durch Abschaffung der Übererfüllung von EU-Vorgaben in Deutschland zu reduzieren (51 %). Auch die Einordnung der Land- und Ernährungswirtschaft als systemrelevant sehen mehr als 60 % der Beteiligten als wichtig.
Eine glaubhafte Kommunikation und gelebtes Selbstverständnis der Systemrelevanz der Land- und Ernährungswirtschaft (56 %) sowie eine bessere Kennzeichnung und/oder Platzierung regionaler Artikel im Lebensmitteleinzelhandel (59 %) wären Maßnahmen von Politik, Institutionen, Handel und Gesellschaft, die dazu beitragen würden, die bewusste Entscheidung zugunsten regionaler Produkte zu unterstützen und damit regionale Lebensmittel-Marken zu stärken. Auch ein konsequenter und selbstverständlicher Anspruch an Regionalität auf Landesfesten durch priorisierte Einbindung von regionalen Anbietern und Angeboten würde als ein zielführender Beitrag angesehen (45 %).
Hintergrundinfo zum pro agro Branchenbarometer
Das pro agro – Branchenbarometer erhebt bereits seit 2020 ein wirtschaftliches Meinungsbild der landwirtschaftlichen Direktvermarkter, des Ernährungshandwerks und der Ernährungswirtschaft aus Brandenburg. Rund 550 Unternehmen wurden an der Online-Befragung beteiligt. Zur Jahresmitte 2025 haben sich 85 Unternehmen aktiv beteiligt, davon sind über 50 Prozent als GbR, GmbH, OHG oder KG organisiert, der andere Teil besteht aus KMUs und Einzelunternehmen. Das Branchenbarometer hat zwar keinen Anspruch auf wissenschaftliche Repräsentativität, gibt aber für einen Teil der Branche ein belastbares Stimmungsbild wieder. Knapp 80 Prozent der Umfrageergebnisse kommen direkt von pro agro – Mitgliedern. Der Agrarmarketing-Verband pro agro e.V. engagiert sich seit 30 Jahren für die Vernetzung und Vermarktung von Brandenburger Produkten und Dienstleistungen aus den Bereichen Agrar- und Ernährungswirtschaft sowie Land- und Naturtourismus. Ein Team von aktuell 16 Mitarbeitern betreut zudem eine Vielzahl von Zukunftsprojekten zur Stärkung der Branche und des ländlichen Raums in Brandenburg/Berli
Die Graphiken dieser PI finden Sie in höherer Auflösung hier.
