Mit regionalen Produkten gegen die Krise

Die Multi-Krise der Gegenwart – Corona, Energiepreise, Rohstoffkosten, Inflation und vieles mehr – stellt die Lebensmittelbranche in Brandenburg (und nicht nur hier) vor große Probleme. Wie die Zentralen großer Handelsunternehmen gegensteuern, darüber berichten die Medien ausgiebig. Was aber kann angesichts einer derart toxischen Gemengelage vor Ort getan werden? Wie wirkt es sich auf den Absatz regionaler Produkte aus, wenn die Konsumenten den Gürtel enger schnallen? Wir haben uns umgehört, und zwar bei dem REWE-Kaufmann Andreas Lück in Oranienburg und bei der Lokalitätsbeauftragten der REWE Ost, Franziska Rutz.

Andreas Lück (Foto) ist ein Unternehmer „durch und durch“. Als Marktleiter einer REWE-Filiale hat er sich 1999 entschieden, den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen und seine Profession – Teamführung, Marktorganisation, Lebensmittelverkauf – in eigener Regie und Verantwortung fortzuführen. Aus dem ersten Supermarkt ist eine Mehrbetriebsform mit zwei Objekten geworden, beide nördlich von Berlin im Landkreis Oberhavel gelegen; der eine in Zehdenick, der andere in Oranienburg.

Dort, in der Oranienburger Lehnitzstraße, hat der Unternehmer mitten in der Krise viel Geld in die Hand genommen, um den Laden zu vergrößern, das Interieur kundengerechter zu gestalten, das Sortiment zu erweitern sowie Frische und Bedienungstheken zu forcieren. Aus dem etwas in die Jahre gekommenen Markt ist ein moderner Konsumtempel mit 1.900 qm Verkaufsfläche und einem Angebot von rund 14.000 Artikeln (früher waren es ca. 11.000) geworden. Etwa die Hälfte der Produkte sind dem Frischesortiment zuzurechnen.

Seit der Wiedereröffnung am 16. November 2022 können sich die Kunden ein Bild von ihrem aufgemöbelten REWE-Markt machen. Dabei hat der Kaufmann die nicht eben kleine Summe trotz der krisenhaften Verwerfungen aufgewendet, obwohl also die Konsumenten an allen Ecken und Enden sparen. „Antizyklisch“ nennt die Wirtschaft ein solches Investitionsverhalten; man könnte auch sagen: Mehr und bessere Angebote sorgen für höhere Nachfrage.

In der Tat scheint die Rechnung aufzugehen. Beispiel regionale oder lokale Produkte: „Die sind natürlich etwas teurer als konventionelle oder Bio-Ware“, sagt Andreas Lück, „aber meine Kunden wollen das und sind bereit, dafür auch mehr zu bezahlen“. Allerdings müsse man dafür sorgen, dass man das auch „angeschoben bekommt“, etwa durch personalisierte Lieferanten-Infos in Form von Text und Bild. Solcherlei Storytelling schafft Transparenz, Glaubwürdigkeit und Vertrauen. „So finden die Kunden viel eher Zugang zu den Produkten und sagen: Dann lasse ich das Geld in der Region.“

Aus der Region auf heimische Teller: Regionale Lebensmittel gibt es jetzt auch wieder im REWE in Oranienburg.

Mag es auch sein, dass die Verbraucher bei ihm etwas weniger Geld für Ware aus heimischen Gefilden ausgeben; sie kaufen eben vorsichtiger und bewusster – aber sie kaufen. Wobei es aus der Erfahrung von Andreas Lück einen Unterschied zwischen Stadt und Land gibt. Das lasse sich am Fleischkonsum belegen: Stadtkunden steigen verstärkt auf konventionelle Massenware um, während Landkunden heimische Ware weiter vorziehen, dafür aber tendenziell weniger konsumieren. Und wie sieht es bei Bio aus? Um Geld zu sparen, greifen die Leute hier eher zur Eigenmarke, sagt er. Das sei auch ein Hinweis auf das Vertrauen in die REWE-Marke.

Wie will er seine Kunden trotz Inflation und steigender Energiepreise bei der Stange halten? Durch ein größeres Angebot an regionalen und lokalen Produkten, betont er, vor allem bei Obst und Gemüse. Die Nachfrage sei vorhanden. Das zweite Thema sei Fleisch, was er angesichts seiner neuen Fleischtheke und über die REWE-Partnerschaft mit Eberswalder Fleisch- und Wurstwaren hinaus („100% Regional“) forcieren will. Vielleicht finden sich mehrere Kaufleute im Umkreis als Abnehmer, hofft er. „Das würde sich positiv auf die Preise auswirken – für uns und die Verbraucher.“

Als „regional“ bezeichnet der Kaufmann solche Lieferanten, die im Umkreis von maximal 60 Kilometern angesiedelt sind. Wer sich rund um den Kirchturm, also in unmittelbarer Nachbarschaft befindet, der ist für ihn „lokal“. Die meisten von ihnen kennt er persönlich, was gut für’s Storytelling ist. Großen Wert legt er auch darauf, dass er – abgesehen vom REWE-Basissortiment – autonom darüber entscheidet, was in den Regalen seiner Märkte steht. Das ändert nichts daran, dass es hier eine enge Abstimmung mit der Lokalitätsbeauftragten der REWE Ost, Franziska Rutz, gibt. Das sei ein „fruchtbares Geben und Nehmen“, unterstreicht er.

Aus dem „Krisentagebuch“ der Lokalitätsbeauftragten REWE Ost

Franziska Rutz (Foto) ist mehr denn je auf Achse. Bei ihren Touren durch Berlin/Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern ist sie nach wie vor auf der Suche nach neuen Lieferanten, aber auch die Kontaktpflege bereits gelisteter Lieferanten der ca. 325 REWE-Märkte ihres Gebiets steht im Fokus. Der Einsatz als wichtiger Ansprechpartner der regionalen Erzeuger und Verarbeiter von Lebensmitteln hat spürbar zugenommen. Ihr Kommentar zur gegenwärtigen Lage:

„Ich war etwas überrascht, wie schnell die globalen Krisen auf der Ebene meiner Lieferanten zu spüren waren. Für die REWE ist insgesamt klar, dass Regionalität und Lokalität im Blickpunkt bleiben und weiterentwickelt werden. Meine Arbeit hat sich jedoch ein Stück weit verändert: Wir müssen jetzt den Erzeugern und Manufakturen einen sicheren Absatzkanal bieten und können mit unseren regional erzeugten Produkten die eine oder andere Lücke in den Sortimenten schließen und Alternativen im REWE-Markt anbieten. Die langfristige und partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den regionalen Lieferanten steht mehr denn je im Vordergrund.

Dadurch hat die Gesprächsintensität enorm zugenommen. Dabei unterstütze ich die Lieferanten, wo ich nur kann. Zum Beispiel dadurch, dass wir unsere Kaufleute persönlich mit ihnen zusammenbringen und weiterhin bei Sortimentsplanungen die regionalen Erzeuger berücksichtigen.

Nicht selten erreichen mich „Hilferufe“ der Lieferanten. Sie nennen mir zum Beispiel die Gründe, warum sie die Preise ein Stück weit erhöhen müssen. Oder sie wollen wissen, welche Möglichkeiten der Reichweitenvergrößerung wir haben. So habe ich in den letzten Wochen den Kontakt in unsere nationale Zentrale gesucht und auf diesem Weg einige Erzeuger aus Brandenburg und der Hauptstadtregion für unseren Online-Handel aufnehmen lassen.

Die ersten Gespräche finden hier aktuell statt. So haben wir eine Möglichkeit der Weiterentwicklung in besonderen Zeiten gefunden. Insgesamt sind die Beziehungen zwischen uns und unseren Partnern enger geworden. Die schwierigen Zeiten haben dazu geführt, dass wir näher zusammengerückt sind. Auch der persönliche Kontakt ist wesentlich intensiver geworden, das heißt unsere Kaufleute schauen viel häufiger bei den Lieferanten vorbei – und umgekehrt. Es ist wie in einer guten Ehe: Erst in schwierigen Zeiten zeigt sich, wie stark die Beziehung ist.“

REWE Markt Andreas Lück oHG
Lehnitzstraße 85
16515 Oranienburg
Tel.: 03301/203359
Mail: andreas.lueck@rewe-kaufleute.com
REWE Marktseite

REWE GROUP Region Ost
Franziska Rutz
Rheinstraße 8
14513 Teltow
Tel.: 03328/3314-446
Mail: franziska.fechner-rutz@rewe-group.com
www.rewe-group.com

Bio und Nachhaltigkeit als Qualitätsmerkmal

Seit über 20 Jahren stellt das in Petzow am Glindower See gelegene Unternehmen Sanddorn- und Wildobstprodukte mit Früchten aus eigenem Anbau her. Von Beginn an, also seit Firmengründung durch Christine Berger, liegen landwirtschaftliche Erzeugung, Verarbeitung und Veredelung der Früchte sowie der Vertrieb in Familienhand. Was mit Sanddornsaft unter der Marke Sandokan begann, repräsentiert inzwischen eine ganze Palette von Produkten, rund 50 an der Zahl. Heute zählt man bundesweit zu den führenden Anbietern von Sanddorn-Produkten – oder wie Dorothee Berger (Foto) sagt: „In unserer Nische sind wir sehr stark.“

Dorothee Berger, seit 2013 Geschäftsführerin, steht an der Spitze eines Unternehmens, von dem man mit Fug und Recht sagen kann, dass hier „alles aus einer Hand“ stammt. Es funktioniert einerseits als ein geschlossenes System, wo der Mehrwert der einzelnen Wertschöpfungsstufen im Betrieb bleibt, wo ökologische Prinzipien wie Bio-Anbau und nachhaltiges Wirtschaften zum Selbstverständnis gehören und wo die vitamin- und vitalstoffreichen Früchte schonend angebaut, geerntet und verarbeitet werden. „Das ist für uns kein Selbstzweck“, betont Dorothee Berger, „sondern in erster Linie ein Qualitätsmerkmal unserer Produkte“.

Andererseits handelt es sich um ein konsequent arbeitsteilig strukturiertes Unternehmen. Das beginnt mit dem landwirtschaftlichen Bio-Betrieb, wo auf 160 Hektar Ackerfläche die Früchte angebaut und geerntet werden; und das setzt sich fort mit dem drei Hektar großen „Sanddorn-Garten“, wo eine Vielzahl von Aktivitäten auch für externes Publikum stattfindet: Anbau von Kräutern und Wildfrüchten, gläserne Produktion, Restaurant und Café mit Blick auf den Glindower See, zwei Hofläden mit regionalen Spezialitäten aller Art.

Diese Vielfalt spiegelt sich auch bei den Produkten selbst wider. So finden sich unter dem Markendach „Sandokan“ Säfte und Nektar, Fruchtaufstriche und Gelees, Süßigkeiten, Tee, Weine und viele Delikatessen mehr. Neben weiteren Wildfruchtspezialitäten hat das Unternehmen auch eine Kosmetik-Range auf den Markt gebracht, nämlich drei Körperpflege-Systeme mit Bio-Sanddornöl. Zu guter Letzt treten die Petzower als Rohwaren-Lieferant auf – z.B. für Hersteller von Backzutaten oder Sanddorn-Schorle; dazu zählen auch Kooperationen mit saisonalen Verarbeitern in Brandenburg.

Das Herzstück des Unternehmens: Der Sanddorn-Garten.

Vertrieben werden die konsumnahen Produkte über den klassischen Lebensmittelhandel, Bio-Märkte und andere stationäre Geschäfte – nicht zu vergessen die Direktvermarktung in Eigenregie, also die beiden Hofläden und einen gut frequentierten Online-Shop. „Beim Nutzungsverhalten von Sanddorn gibt es in Deutschland ein klares Ost/West- und Nord/Süd-Gefälle“, erläutert die Firmenchefin und fügt hinzu: „Der Nordosten ist traditionell Deutschlands Sanddorn-Hochburg.“ Zur Kernzielgruppe zählen gesundheitsbewusste und touristische Verbraucher.

Heute sei das Geschäft „enorm schwierig“ geworden, erzählt sie. Das sei letztlich auf eine Veränderung des Verbraucherverhaltens zurückzuführen: „Der Premiumkunde geht auf Marke, der Markenkunde geht auf Handelsmarke und der Handelsmarken-Kunde geht auf Preiseinstiegsprodukte. Alle kaufen eine geringere Kategorie.“ Teilweise lasse sich das mit Aktionen korrigieren. Aber insgesamt seien die Verbraucher sparsamer geworden, so dass der Absatz regionaler Produkte zurückgehe.

Das ist auch für ihr Unternehmen eine Herausforderung, wenngleich die Situation weniger dramatisch als bei anderen Betrieben ist. Die Erklärung: Wegen des speziellen Produkt-Portfolios ist es möglich, sinkende Absätze durch Eröffnung neuer Märkte wenigstens teilweise aufzufangen – zum Beispiel mit den Gesundheitsprodukten, deren Markt sich weiter positiv entwickelt. Dennoch hat sich Dorothee Berger der kürzlich gestarteten landesweiten Aktionskampagne „Regionale Lebensmittel einkaufen – jetzt erst recht!“ angeschlossen. Ihr sei es sehr wichtig, sich in dieser Krisensituation anderen Betrieben gegenüber solidarisch zu zeigen, persönlich für regionale Produkte zu werben und buchstäblich Flagge zu zeigen. „Es geht mir dabei nicht in erster Linie um einen Appell an Gutmenschen, sondern darum, dem Verbraucher den Mehrwert regionaler Produkte nahezubringen“, sagt sie (siehe auch unseren detaillierten Bericht in der Rubrik BRANCHE).

„Regionale Lebensmittel kaufen – jetzt erst recht!“

Etliche Unternehmen der brandenburgischen Ernährungswirtschaft haben sich zusammengetan, um mit Hilfe einer breit angelegten Aktionskampagne die Verbraucher zu bewegen, trotz Inflation und Kostenkrise beim Einkaufen weiter oder sogar häufiger zu regionalen Produkten zu greifen. Ziel ist nicht nur, die Hersteller von Lebensmitteln vor dem wirtschaftlichen Aus zu bewahren; es geht argumentativ auch darum, den Konsumenten den Mehrwert von regionalen Produkten zu vermitteln. Die von pro agro koordinierte Aktion startete am 14. November 2022 und wird bis ins kommende Jahr punktuell fortgeführt.

Gut positioniert: Die Branche zeigt Flagge vor dem Landtag in Potsdam.

Initiatoren sind Markenartikler aus klassischer und ökologischer Produktion. Sie repräsentieren die Warengruppen Fleisch, Wurst, Milch, Brot, Eier, Obst, Gemüse und Spezialitäten. Konkret handelt es sich um folgende Unternehmen: Ucker-Ei, Bäckerei Exner, Werder Frucht, Löwendorfer Geflügelhof, Eberswalder Wurst, Sanddornspezialitäten Christine Berger, Ökodorf Brodowin, Golßener Fleisch- und Wurstwaren, Hemme Milch, Gut Schmerwitz und Spargelhof Klaistow. Zu den Maßnahmen zählen neben Anzeigen in Printpublikationen und Werbespots im Hörfunk auch der direkte Dialog mit Kunden vor Supermärkten.

Wo die Unternehmen gegenwärtig der Schuh drückt, brachte Hanka Mittelstädt auf den Punkt. Die Inhaberin von Ucker-Ei und pro agro- Vorstandsvorsitzende wörtlich: „Wir stehen mit dem Rücken zur Wand. Der Handel ist nicht in der Lage, unsere gestiegenen Kosten aufzufangen. Die als bereits sehr hoch empfundenen Preise im Supermarkt würden dann noch weiter steigen. Höhere Preise erzeugen noch mehr Kaufzurückhaltung. Aktuell verkaufen wir rund 20 Prozent weniger an den Handel. Ich rechne in 2023 mit unverschuldeten Mehrkosten von 400.000 Euro. Das schafft Ucker-Ei nur, wenn im Supermarkt nicht immer zum Billig-Ei von Irgendwo, sondern zu unserem Markenprodukt gegriffen wird.“

Um den Verbrauchern die Aktionen verständlich und transparent zu machen, hat pro agro eine separate Website ins Netz gestellt (https://www.regional-jetzt.de). Dort sind Hintergründe, unternehmerische Positionen und Argumente für den Kauf heimischer Produkte aufgeführt. Wichtige zusätzliche Botschaft: Wer regional kauft, handelt nicht nur solidarisch und unterstützt die Branche, sondern schafft darüber hinaus einen Mehrwert, der ihm selbst zugutekommt.

Gut argumentiert: Bäcker Exner (links) und Minister Vogel im Gespräch.

Adressat der mannigfaltigen Aktionen ist allerdings nicht nur der Verbraucher, sondern auch die Politik. Bereits am 17. November, also nur drei Tage nach Kampagnen-Auftakt, haben sich die Initiatoren zu einer Solidaritätsaktion vor dem Landtag in Potsdam versammelt, um ihren Stimmen vor Ort Nachdruck zu verleihen. In einem Positionspapier formulieren sie den klaren Wunsch, eine übergreifende Task-Force „Zukunft Ernährungswirtschaft“ über die drei zuständigen Ministerien (Landwirtschaft, Gesundheit/Verbraucherschutz, Wirtschaft) hinweg zu installieren. Ziel ist, in Zusammenarbeit mit Unternehmen und Handel Zukunftslösungen zu erarbeiten.

Weiter soll die brandenburgische Politik dafür Sorge tragen, dass die ideologische Trennlinie zwischen klassisch und ökologisch erzeugten Produkten aufgegeben wird; die Unternehmen würden in der Praxis der Lebensmittelproduktion bereits seit vielen Jahren eng kooperieren. Generell wird erwartet, dass die Ernährungswirtschaft „gleichgewichtig“ zur technischen Industrie bewertet wird. Nötig sei eine zukunftsorientierte Wirtschaftspolitik für die Lebensmittelproduzenten – egal, ob Handwerk oder industrieller Mittelstand. Eine vergleichbare Kundgebung fand heute (24. November) vor dem Berliner Abgeordnetenhaus statt.

Der Slogan „Regionale Lebensmittel kaufen – jetzt erst recht!“ soll nach den Vorstellungen der Initiatoren während der Internationalen Grünen Woche 2023 in der Brandenburghalle zur kommunikativen Kernbotschaft werden. „Wir können nicht einfach auf ländliche Idylle und Romantik setzen, während zahlreiche Unternehmen ums Überleben kämpfen“, so Hanka Mittelstädt.

Unternehmen, die die Kampagne aktiv unterstützen und weiter mitgestalten möchten, sind willkommen – Kai Rückewold koordiniert als Ansprechpartner die Unternehmer-Initiative (rueckewold@proagro.de).

Das sagen die Initiatoren (Auswahl)

„Mit dem Kauf von hochwertigen regionalen Produkten unterstützen Sie nachhaltig unser aller Lebensraum!“ Dorothee Berger, Geschäftsführerin Sanddorn Sandokan
„Jeder Cent der bei Unternehmen der Region bleibt, sichert Ausbildung- und Arbeitsplätze im Mittelstand Brandenburgs und geht nicht in die Kassen von Großkonzernen.“ Tobias Exner, Inhaber Bäckerei Exner
„Die Kunden sollen ein gutes Gefühl haben, gerade auch in der jetzigen Zeit. Sie kaufen regionale und leckere Produkte zu einem fairen Preis.“ Gunnar Hemme, Geschäftsführer Hemme Milch GmbH & Co. KG
„Besonders in der Krise sollten wir alle zusammenhalten, um unseren gewohnten Frieden und unsere wirtschaftliche Sicherheit langfristig zu bewahren.“ Rainer Kempkes, Geschäftsführer Golßener Lebensmittel GmbH
„Helfen Sie bei Ihrem Einkauf die Zukunft einer lebendigen Region und viele tausend Arbeitsplätze direkt zu sichern.“ Sebastian Kühn, Geschäftsführer Eberswalder Wurst & Fleisch
„Mit dem Kauf unserer Erzeugnisse erhalten Sie Arbeitsplätze in Brandenburg und die Tradition des havelländischen Anbaugebietes wird gesichert.“ Petra Lack, Geschäftsführerin Werder Frucht

Trendwende beim Lebensmittelkonsum in nur kurzer Zeit

In der krisenhaften Zeit der Gegenwart haben Direktvermarktung und Ernährungshandwerk in Brandenburg – und nicht nur hier – hohe Einbußen erlitten. Das ist die Kernaussage einer detaillierten Analyse der Bonner Agrarmarkt- Informations-Gesellschaft mbH (AMI), die am 20. Oktober 2022 beim Tag der Direktvermarktung und des Ernährungshandwerks präsentiert wurde. Judith Dittrich (Foto), AMI-Marktanalystin Verbraucherforschung, hat während der Tagung die wesentlichen Fakten vorgetragen und anschließend für den pro agro-Newsletter zusammengefasst.

Kaum zuvor hat sich der Lebensmittelkonsum so schnell verändert wie zu Beginn der Corona-Pandemie. Eingeleitet wurde die Entwicklung von Hamsterkäufen. Doch im weiteren Verlauf der Pandemie kauften die Verbraucher wesentlich bewusster ein. Aufgrund der zahlreichen Einschränkungen ­– geschlossene Restaurants, kaum Freizeitaktivitäten und Homeoffice – mussten die Verbraucher wieder häufiger selbst kochen und mehr Lebensmittel für zu Hause einkaufen.

Da Urlaub, Kino- oder Konzertbesuch zeitweise nicht möglich waren, hatten zumindest diejenigen, die nicht von Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit betroffen waren, mehr Geld zur Verfügung. Und das wurde teilweise für einen höherwertigen Lebensmitteleinkauf ausgegeben. Die Verbraucher wollten sich etwas gönnen. Der Kauf von Markenprodukten nahm zu, neue Produkte wurden ebenso ausprobiert wie neue Geschäfte. Direktvermarktung und Ernährungshandwerk erlebten zu dieser Zeit einen kräftigen Aufschwung und gewannen neue Kunden.

Doch mit Beginn des Krieges zwischen Russland und der Ukraine hat sich dieses Konsumverhalten deutlich gedreht. Seitdem erfahren die Verbraucher in Deutschland kräftig steigende Preise, nicht nur bei Energie und Lebensmitteln. Laut GfK ist die Inflation aktuell die größte Sorge der Deutschen. Im September 2022 kosteten frische Lebensmittel, dem AMI-Frischeindex zufolge, 19,9 Prozent mehr als vor einem Jahr. Und dabei sind über alle Frische-Warengruppen deutliche Preisaufschläge zu sehen. Doch diese Teuerung kam nicht von heute auf morgen. Bereits in den Jahren 2020 und 2021 hatten die Lebensmittelpreise leicht angezogen.

Über zahlreiche Preisrunden wurde das aktuelle Niveau erreicht. Zurzeit wirken viele verschiedene Umstände gleichzeitig und treiben die Teuerung von Lebensmitteln in die Höhe. Das begann bereits auf der Erzeugerebene: So war die Umstellung auf eine Produktion ohne Kükentöten mit Mehrkosten verbunden; die Trockenheit im Sommer hat die Ernteerträge in Deutschland und Europa teilweise reduziert; teurere Futtermittel wirkten sich bei den tierischen Produkten aus. Und natürlich sind die höheren Energiepreise auch in den Unternehmen der Ernährungswirtschaft zu spüren.

Da die Löhne nicht im gleichen Umfang gestiegen sind, müssen viele Verbraucher wieder sparen. Die Discounter, wie Aldi und Lidl, hatten sich zu Beginn der Corona-Pandemie noch mit am schwächsten entwickelt, denn die Kunden wollten sich zu dieser Zeit etwas gönnen. Jetzt ist der Discount der einzige Geschäftstyp, der sich im aktuellen Jahr positiv entwickelt.

AMI-Analysen auf Basis des GfK-Haushaltspanels zufolge lagen die Ausgaben für frische Lebensmittel von Januar bis August 2022 im Discount um knapp 6 Prozent über Vorjahresniveau. Die Verbraucher kaufen ihre Lebensmittel nun wieder vermehrt beim Discounter ein, die sie als besonders preiswürdig einschätzen. Die Food-Vollsortimenter, wie EDEKA und REWE sowie die Großflächen, wie Kaufland und Globus, verzeichnen gegenüber dem Vorjahr sogar ein leichtes Minus. In der Summe kann sich der klassische Lebensmitteleinzelhandel jedoch noch am besten behaupten.

Die höchsten Verluste sind aktuell bei Geschäftstypen mit einem höheren Preisniveau zu sehen. So entwickelt sich zurzeit die Kundenzahl bei Direktvermarktern, Bäckern und Metzgern wieder rückläufig. Deutschlandweit verzeichnete die Direktvermarktung in den ersten acht Monaten des laufenden Jahres bei frischen Lebensmitteln ein Minus von 18 Prozent, die Wochenmärkte ein Minus von 16 Prozent, und die Fachgeschäfte liegen 13 Prozent unter dem Vorjahr.

In Brandenburg und Berlin sieht es nicht anders aus. Auch hier gab es bei den genannten Geschäftstypen deutliche Rückgänge. So sind von Januar bis August die Verbraucherausgaben für frische Lebensmitteln in der Direktvermarktung und auf den Wochenmärkten von 66 Mio. Euro im Vorjahr auf aktuell 51 Mio. zurückgegangen. Damit wird allerdings ein Niveau wie 2019 erreicht – also einem Zeitpunkt, bevor die Direktvermarktung einen kräftigen Aufschwung erlebt hat.

Harte Zeiten, aber reelle Chancen

Rund 70 Akteure der Agrar- und Ernährungswirtschaft sowie Regionalvermarktung im Land Brandenburg hatten sich am 20. Oktober 2022 zum 15. Tag der Direktvermarktung und des Ernährungshandwerks in der Heimvolksschule am Seddiner See vor Ort sowie digital eigefunden, um über die krisenhaften Probleme und brennenden Fragen der Gegenwart zu diskutieren. Eingeladen hatten der Agrarmarketingverband pro agro und das Forum ländlicher Raum – Netzwerk Brandenburg. Nachfolgend die wichtigsten Inhalte und Ergebnisse der Fachtagung.

pro agro-Vorstandsvorsitzende Hanka Mittelstädt wünscht sich mehr Planungssicherheit für Brandenburger Produzenten

Zu Beginn der Veranstaltung betonte die pro agro-Vorsitzende Hanka Mittelstädt die Relevanz der Brandenburger Lebensmittelwirtschaft für die Grundversorgung der Bevölkerung sowie für den Erhalt funktionierender regionaler Kreisläufe und der ländlichen Kultur. „Wir brauchen mehr Planungssicherheit statt mehr Bürokratie und noch mehr sichtbares Handeln für die Stärkung der Region“, lautete ihr Appell an die Politik.

Ihre Worte fielen auf fruchtbaren Boden. So betonte Staatssekretärin Anja Boudon, dass das Brandenburger Landwirtschaftsministerium nicht nur auf die vom Bund und Land angekündigten Entlastungen für Betriebe und private Haushalte setzt. Darüber hinaus werde man die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe unterstützen und die regionalen Wertschöpfungsketten ausbauen sowie den ländlichen Raum und die klimaschonende Landwirtschaft stärken.

Zu Struktur und Performance der Direktvermarktung und des Ernährungshandwerks berichtete Judith Dittrich, Marktanalystin der Bonner Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI), dass 2021 die Ausgaben der Brandenburger und Berliner Haushalte auf Wochenmärkten und bei Direktvermarktern um gut 26 bzw. knapp 19 Prozent gesunken sind (weitere Informationen finden Sie im folgenden Namensbeitrag „Trendwende beim Lebensmittelkonsum in nur kurzer Zeit“).

Jens Beiler, Franziska Rutscher, Dr. Katja Leppin und Ingo Kaplick (v.l.n.r.) berichten über ihre Praxiserfahrungen in der Direktvermarktung ihrer Produkte in Brandenburg

Trotz der gegenwärtig krisengeschüttelten Branche attestierte Andreas Ebeling (Brandmeyer Markentberatung) starken regionalen Marken gute Chancen für die Zukunft. „Marken müssen mit der Zeit gehen und sich gleichzeitig dabei treu bleiben“, lautete sein Credo. Essenziell sei insgesamt, dass Unternehmen wie auch Regionalmarken die Grundregeln der Markenführung beachten. Die Kernpunkte hat der Referent bereits im pro agro-Newsletter 07-08-/2022 skizziert (siehe hier).

Anhand mehrerer Best-Practice-Beispiele wurden anschließend verschiedene unternehmerische Ansätze und Konzepte vorgestellt. Allen gemeinsam waren Beharrlichkeit, Zielstrebigkeit, Kreativität, Mut, Transparenz – und Erfolg. Die präsentierten Betriebe waren: Hoffleischerei Kaplick (PM), „Landgeschmack“ Agrargenossenschaft Görike-Schönhagen (PR), Spargel- und Beerenhof Ragösen & Zickengang Golzow (PM), Ökodorf Brodowin (BAR), Plattform 2020 und – als externes Beispiel – die digitale Hofladenwelt von Hofladen-Sauerland.de.

Rechtzeitig zum Tag der Direktvermarktung und des Ernährungshandwerks wurde auch die Neuauflage der Brandenburger Hofladenbroschüre „Einkauf im Grünen“ fertig und vor Ort ausgelegt. Vom Spreewald bis zur Uckermark, vom Havelland bis ins Seenland Oder-Spree werden insgesamt 670 Hofläden, Direktvermarkter, Landgasthöfe, Selbstpflückmöglichkeiten und lokale Produzenten in einem kompakten Kompendium vorgestellt. Die Broschüre ist ab sofort als klassische Printpublikation oder als digitales Flipbook auf www.proagro.de verfügbar.

Regionalität und Ökologie immer im Blick

Jährlicher Ausstoß an Fertigwaren: rund 100 Mio. Füllungen; saisonale Verarbeitung: ca. 25.000 t Obst und Gemüse; Anteil der ökologisch erzeugten Rohwaren: knapp 70 Prozent. So sieht die bemerkenswerte Bilanz des Unternehmens aus, das 1891 als klassischer Getränkefachhändler in Hamburg begann. Die Zentrale befindet sich nach wie vor in der Hansestadt, doch das umfangreiche Portfolio an alkoholfreien Getränken wird heute im Standort Diedersdorf (Teltow-Fläming) selbst produziert und von dort aus vermarktet – und zwar „so viel regional wie möglich“, so Geschäftsführer Thomas Schramm.

A. Dohrn & A. Timm produzieren in ihrem Werk in Diedersdorf (Großbeeren) im Landkreis Teltow-Fläming

Das in fünfter Generation geführte Familienunternehmen ist seinem Gründungsstandort treu geblieben, wurde aber nach der Wende organisatorisch neu aufgestellt: Im Zuge einer betrieblichen Arbeitsteilung, so könnte man sagen, sind Verwaltung, Vertrieb und Marketing in Hamburg geblieben, während das operative Geschäft in Diedersdorf stattfindet. Dort wird unter anderem die von Brandenburger Vertragsbauern angelieferte Rohware verarbeitet und vermarktet.

„Alles, was uns die Region an Obst und Gemüse für die Herstellung bietet, versuchen wir auch zu bekommen“, betont Thomas Schramm (Foto) – ein klares Bekenntnis zur Regionalität. Versteht sich, dass exotische Früchte wie Orangen zugekauft werden müssen. „Die wachsen nun mal nicht in unseren heimischen Gefilden.“ Und da sind noch die Äpfel des unternehmenseigenen Anbaubetriebs im Alten Land (nahe Hamburg), die teils vor Ort als Tafelobst vermarktet, teils in Diedersdorf gepresst, abgefüllt und auf den Weg zum Abnehmer gebracht werden.

Mit den Landwirten schließt das Unternehmen Anbauverträge über Art und Menge der Früchte. Das geschieht jährlich rechtzeitig vor Anbaubeginn und bietet beiden Partnern nur Vorteile: „Die Bauern haben eine Abnahmegarantie, und wir haben die gesamte Kette von der Erzeugung bis zur Vermarktung im Griff“, sagt Schramm. Man kennt also seine Partner, was ja als Herkunftsnachweis auch einem positiven Qualitätszeugnis gleichkommt.

Thomas Schramm leitet seit fast fünfzehn Jahren die Geschicke bei A. Dohrn & A. Timm

Die Produkt-Range kann sich sehen lassen: klassischer Gemüsesaft (z.B. Tomate, Mühren, Rote Bete, Sauerkraut – Bio und konventionell); Kombi-Produkte wie Apfel/Mango, Fruchtsäfte mit Schwerpunkt Apfel, Orange, Trauben, Mehrfrucht; Pflaumensäfte und Fliederbeer-Produkte. So reichhaltig das Angebot, so vielfältig der Markenauftritt: Grünland (Bio-Gemüse- und Fruchtsäfte), Grünfink (konventionelle Gemüse- und Fruchtsäfte mit naturbelassenen Zusätzen), Scharfe Säfte (Gemüse, Tomate, Karotte, Rote Bete), Herva (Weinschorle).

Unter dem Label „Brandenburger Quell“ gehört dem Sortiment ferner eine komplette Range von Mineralwässern an (Classic, Medium, Naturell), flankiert von Limonaden, Apfelschorle und Fassbrause – alles in Mehrweg natürlich. „Wir sind ein PET-freier Betrieb“, unterstreicht Geschäftsführer Schramm. Die Quelle liegt tief unter der Diedersdorfer Heide am Rande des Brandenburger Nuthe-Urstromtals. Regionaler geht’s nicht. Dabei wird penibel darauf geachtet, dass die Entnahme aus dem Grundwasser im Lot bleibt.

Regionalität steht hoch im Kurs bei Dohrn & Timm. Dabei handelt es sich keineswegs nur um ein wohlfeiles Lippenbekenntnis, sondern um gelebte Realität. Das betrifft die gesellschaftliche Ebene (z.B. durch Sponsoring lokaler Sportvereine) ebenso wie die wirtschaftliche Seite (z.B. durch Einbringung in regionale Wirtschaftskreisläufe). Die Wässer sind laut Schramm von der Erzeugung bis zur Vermarktung komplett – also zu 100 Prozent – regional; viele Produkte tragen damit zur Stärkung der regionalen Wertschöpfung bei.

Im Großraum Berlin/Brandenburg sind die Produkte praktisch flächendeckend in den Regalen des Handels zu finden, egal ob beim Vollsortimenter oder Discounter, beim Bio-Fachhändler oder im Drogeriemarkt. Das muss nicht immer erkennbar unter der eigenen Herstellermarke, sondern kann auch als Private Label des Handelspartners der Fall sein. Und was hat man sich für die nahe Zukunft vorgenommen? „Weitere Innovationen auf den Markt bringen, das regionale Angebot in den nächsten fünf Jahren verstärken“, so Thomas Schramm.

Regionale Produkte als Teil der Problemlösung

Wirtschaftliche Krisen treffen verbrauchernahe Dienstleistungen wie die Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung von Lebensmitteln immer mit besonderer Wucht: Sie wirken unmittelbar und hart, sie greifen jedes Glied der Wertschöpfungskette zeitgleich an und stellen jedes Teilsegment eines Wirtschaftszweiges vor die gleichen schwierigen Probleme. Nehmen wir unsere Branche: Egal ob Lieferanten, Händler oder Gastronomen – alle Akteure sind in gleicher Weise (und nicht selten existenzbedrohlich) betroffen. Wir sprachen mit Olaf Lücke, Hauptgeschäftsführer DEHOGA Brandenburg, und pro agro-Geschäftsführer Kai Rückewold.

pro agro-Redakteur Matthias Kersten im Gespräch mit Olaf Lücke und Kai Rückewold (v.r.n.l.)

Meine Herren, was tun in dieser krisenhaften Gemengelage?

Olaf Lücke: Die negativen Rahmenbedingungen fordern und fördern auch in unserer Branche das schnelle Umdenken und das schnelle Einstellen auf die neue Situation. Das beginnt damit, dass der Gastronom bilanzieren muss, welche Lieferanten er hat und wie er betriebswirtschaftlich aufgestellt ist.

Kai Rückewold: Um es mit einem Satz zu sagen: Wir müssen damit rechnen, dass sich in der gesamten Ernährungsbranche vieles ändern wird.

Das Gastgewerbe war schon während der Corona-Krise arg gebeutelt. Wie sieht das heute aus?

Olaf Lücke: Wir kommen nur schlecht aus dieser Krise raus. Es sind keine Rücklagen mehr da, um die Ausfälle zu kompensieren. Das heißt, die Probleme werden sich erheblich verschärfen.

Was ist schon heute spürbar?

Kai Rückewold: Eine deutliche Kaufzurückhaltung, die genau die Probleme widerspiegelt, vor denen auch alle anderen Akteure der Ernährungswirtschaft stehen. In Zeiten der Inflation spart der Verbraucher zuerst bei Lebensmitteln.

Olaf Lücke: Und wenn höhere Kosten auf sinkende Umsätze treffen, potenzieren sich die Probleme rapide.

Olaf Lücke, Hauptgeschäftsführer DEHOGA Brandenburg

Was erwarten Sie von der Politik?

Olaf Lücke: Sie muss so schnell wie möglich Klarheit bei den Themen Gas- und Strompreisdeckel sowie unterstützenden Maßnahmen schaffen. Ein Gaspreisdeckel im März nächsten Jahres, wenn der Winter vorbei ist, nützt allen Betroffenen herzlich wenig.

Und was können die Unternehmen selbst tun?

Kai Rückewold: Ein Baustein ist, die Effizienz der Arbeitsprozesse zu optimieren und diese Prozesse kostengünstiger zu gestalten. Und sie müssen versuchen, mit dem vorhandenen Personal auf verschiedensten Wegen zu vermarkten, um sich unabhängiger von einzelnen Abnehmern zu machen.

Wie soll das funktionieren?

Olaf Lücke: Zum Beispiel durch den Einsatz von regionalen Produkten, die der Gast auf der Karte sehen will und wodurch sich bei entsprechend hoher Qualität höhere Preise erzielen lassen. Ich kann den Brandenburger Lebensmittelerzeugern und -verarbeitern nur wärmstens empfehlen, den Vertriebskanal Gastronomie verstärkt zu nutzen, da hier höhere Margen erzielt werden.

Kai Rückewold: Gerade in der Gastronomie lassen sich Partnerschaften auf- und ausbauen, die sich in Krisenzeiten bewähren. Das hat die Corona-Pandemie eindeutig gezeigt. Beide Seiten können zum Beispiel jeweils für den anderen Partner werben. Es ist wichtig, in und für Brandenburg ein positives Image aufzubauen und eine gemeinsame Identität zu schaffen.

Wie kann der Lieferant den geeigneten Partner finden?

Kai Rückewold: Wir als regionaler Agrarmarketingverband können hier praktische Hilfe leisten.

Olaf Lücke: Die in der Region verwurzelten Gastronomen wissen sehr genau, wer in ihrem Umfeld die gewünschten Produkte liefern kann. Das hat unser Wettbewerb „Gastgeber des Jahres“, dessen Jurymitglied pro agro ist, wieder eindrucksvoll belegt.

Kai Rückewold: Die Preisträger sind allesamt Gastronomen, die wirtschaftlich gut dastehen. Und ihnen ist klar, dass es sich lohnt, auf den Einsatz regionaler Produkte zu setzen.

Da steht ja noch die logistische Frage im Raum.

Kai Rückewold: Grundsätzlich bringt der Lieferant seinem Kunden die Ware. Doch gerade die kleinen Betriebe sind mit diesem Service personell und organisatorisch häufig überfordert. Diese Frage muss also von Fall zu Fall partnerschaftlich geklärt werden. Denn wenn beide Seiten der Meinung sind, dass sich der jeweils andere bewegen muss, dann herrscht Stillstand.

Olaf Lücke: Das ist für beide Seiten sicherlich nicht einfach. Aber man muss gerade in Zeiten wie heute bereit sein, neue Wege zu gehen. Und das nicht nur in Sachen Logistik.

Kai Rückewold: Vielleicht sollten wir, also pro agro und der DEHOGA Brandenburg, uns an einen Tisch mit Lieferanten und Gastronomen setzen und gemeinsam nach Kooperationslösungen suchen.

Kai Rückewold, Geschäftsführer pro agro e.V.

Olaf Lücke: Gute Idee! Es ist immer richtig und wichtig, im Gespräch zu bleiben, vor allem in diesen Zeiten.

Eine Begegnung vergleichbarer Art findet ja wieder während der kommenden IGW statt.

Olaf Lücke: Stimmt. Die Internationale Grüne Woche in Berlin ist eine Plattform für beide Seiten. Insbesondere die von pro agro organisierten Hallenrundgänge sind eine gute Gelegenheit, um sich auszutauschen und das Interesse an einer engeren Zusammenarbeit zu ventilieren.

Kai Rückewold: Bei der IGW geht es ja nicht nur darum, den Verbrauchern regionale Produkte schmackhaft zu machen, etwa durch Verkostungen an den Ständen oder das pro agro-Kochstudio, wo Brandenburger Köche täglich feine Gerichte aus heimischen Zutaten zaubern. Es geht auch um die Begegnung von Erzeugern und Verarbeitern mit Fachbesuchern, also Gastronomen und Händlern: Kontakte knüpfen und pflegen, Informationen austauschen und vertiefen – immer im Interesse beider Seiten.

„Jetzt erst recht: Gerade in der Krise regional einkaufen!“

Kein Tag, an dem die Menschen in Bandenburg und Berlin nicht mit Berichten über krisenhafte Zuspitzungen konfrontiert werden – sei es in den Medien oder im täglichen Leben. Alle sind betroffen, und jeder reagiert auf seine Weise. Aber, so haben wir uns gefragt, ist es richtig, wenn jeder nur sich selbst der Nächste ist? Muss man bei allen individuellen Nöten und Sorgen nicht auch, das Gemeinwohl im Blick behalten? Die Antwort war nicht leicht, aber eindeutig. Lesen Sie dazu den Aufruf von pro agro-Geschäftsführer Kai Rückewold, flankiert von den Statements einiger Branchenvertreter.

„Regional ist erste Wahl.“ (Foto: Melina Griffin)

Wir alle wissen nicht, wohin uns diese Krisenjahre führen werden. Die Verunsicherung ist groß, und immer wieder befinden wir uns in unterschiedlichen Rollen mit unterschiedlichen Perspektiven: Mal suchen wir bei einer Anschaffung die besten Rabatte und Konditionen, mal erwarten wir für unserer Arbeit oder produzierte Ware bessere und faire Preise. Unsere Haltung ist sehr differenziert, und je näher die Krise persönlich heranrückt, desto mehr macht sie uns zu schaffen.

Die mittelständisch geprägte Land- und Ernährungswirtschaft in Brandenburg leidet aktuell stark unter den steigenden Produktionskosten, darunter insbesondere den hohen Energiepreisen. Ob beim Landwirt der Dünger oder beim Lebensmittelhersteller der Rohstoff, ob die Logistik die steigenden Mindestlöhne – wohin man auch blickt im Kostenapparat: Die Sorgenfalten werden tiefer. Gerade für den kleinen oder großen Mittelständler der Ernährungswirtschaft ist es von geradezu existenzieller Bedeutung, mit diesen Problemlagen fertig zu werden. Was für diese übrigens deutlich schwieriger ist als für finanziell gut gepolsterte multinationale Konzerne.

In den vergangenen Jahren haben viele Mitstreiter Optimismus geschöpft aus dem – zumindest verbalen – Aufgalopp für regionale Lebensmittel. Corona förderte Umsätze bei Direktvermarktern, Hofläden und regionalen Plattformen, einige Unternehmen haben sich recht erfolgreich mit dem Aufbau hoch-volumiger Wertschöpfungsketten positionieren können. Doch egal, wo man zurzeit hinhört: Es herrscht große Skepsis, ob Regionalität in dieser Krise überleben kann.

Ist es daher ein verwegener Gedanke, dass die Branche gerade jetzt in der Krise die Verbraucher mit Nachdruck auf die Vorteile regionaler Lebensmittel hinweist? Muss die Ernährungswirtschaft Brandenburgs nicht gerade jetzt unsere Kunden darauf aufmerksam machen, dass mit der Kaufentscheidung für ein regionales Produkt Arbeitsplätze in der Region erhalten bleiben und Umsätze regionaler Unternehmen zu Steuergeldern in der Region führen? Denn der Erhalt unserer Unternehmen stützt auch den Erhalt unserer lebenswerten Region in der Krise.

pro agro Geschäftsführer Rückewold

Das vielleicht günstigere Produkt aus Übersee, von europäischen Nachbarn, aus anderen Bundesländern mag den eigenen Geldbeutel kurzfristig schonen. Doch das andernorts verdiente Geld bleibt eben nicht in unserer Region, sondern fließt weit weg in Wertschöpfungsketten, die Berlin und Brandenburg nicht mehr stützen. „Patriotisch einkaufen“ mag vor vor einigen Jahren ein wohlfeiles Lippenbekenntnis gewesen sein – heute, in der aktuellen Krisensituation, könnte es ein Verkaufsargument werden, das die Verbraucher erreicht und wachrüttelt.

Ja, ein verwegener Gedanke vielleicht. Aber ein Gedanke, der – von vielen Unternehmen gemeinsam, klar und sichtbar kommuniziert – zu einem Signal für mehr Regionalität und mehr Wertschöpfung werden kann. Ein Signal, das klar und deutlich zeigt: Wir lassen Resignation nicht gewinnen, sondern finden Antworten auf Fragen zu Entwicklungen in Deutschland, die heute niemand wirklich bis zu Ende denken kann.

Der pro-agro-Appell im Spiegel der Branche (Auswahl)

Sebastian Kühn, EWG Eberswalder Wurst GmbH: Wir sind Mittelständler, die Verantwortung übernehmen, Steuern hier bezahlen und unsere Region vielfach unterstützen. Konzerne haben in der Krise sofort politische Unterstützung und eine riesige Marktmacht. Wir kleineren Unternehmen werden meist vergessen. In diesem Sinne haben Verbraucher wirklich sehr direkten Einfluss darauf, ob wir in der Region überleben. Jedes Unternehmen aus Brandenburg, das diese Krise nicht übersteht, wird nie wieder kommen – das haben wir leider nach der Wende schon einmal erlebt.

Georg Kaiser, Bio Company: „Support your local dealer“, so steht es bei uns auf den Einkaufstaschen. Regional einzukaufen bedeutet nicht nur, die heimischen Wirtschaftskreisläufe zu unterstützen, sondern auch sich von globalen Lieferketten unabhängiger zu machen. Und auch ganz offen gesagt: „Use it or loose it!“ Der Einkauf von Kunden*innen beim regionalen Biosupermarkt BIO COMPANY ist gerade jetzt wichtig, um die regionalen Wertschöpfungsketten aus Bauern, Verarbeitern und Händlern über die Krise hinaus zu erhalten.

Hanka Mittelstädt, Ucker-Ei: Regionale Wertschöpfung leistet einen wesentlichen Beitrag zum Gemeinwohl in Brandenburg. Gerade in diesen krisenhaften Zeiten ist es enorm wichtig, die zentrale Bedeutung stabiler Wertschöpfungsketten besonders hervorzuheben – nicht nur im Interesse der Agrar- und Ernährungswirtschaft, sondern auch der Verbraucher. In diesem Sinne soll unsere Ucker-Ei Marketing-Kampagne „Alles eine Frage der Haltung – Regionalität wirkt“ ein Anstoß sein, sich beim Einkauf in den Supermärkten bewusst für regionale Produkte zu entscheiden.

Marcus Reh, EDEKA: Wir führen derzeit Produkte von fast 500 Lieferanten aus der Region. Sie belegen die Verbundenheit und die enge Partnerschaft zu heimischen Landwirten und Herstellern. Die regionale Ausrichtung ist in unserer Struktur verankert: Die EDEKA Minden-Hannover ist genossenschaftlich organisiert und wird von selbstständigen Kaufleuten getragen, die fest in ihrer Gemeinde verwurzelt sind. Sie entscheiden eigenständig über die Sortimentsgestaltung ihrer Märkte und bieten zahlreiche Produkte aus der Umgebung an. Und auch wenn es aktuell viele zusätzliche Herausforderungen gibt, wird das so bleiben!

Tobias Exner, Bäckerei Exner: Regional! Wenn nicht jetzt, wann dann? Schon lange setzen wir auf die Verlässlichkeit unserer Partner und die regionale Wertschöpfung sowie das Prädikat der regionalen Herkunft. Wenn die Welt aus den Fugen gerät, stehen dir deine Familie, deine Freunde und deine Nachbarn am nächsten und geben dir Sicherheit und Zuversicht. Diejenigen, die uns als Kunden und als Dienstleister kennen und schätzen gelernt haben, stehen jetzt an unserer Seite – so wie wir das umgekehrt auch tun. Gemeinsam sind wir stark!

„Jetzt erst recht: Gerade in der Krise regional einkaufen!“ Wie denken Sie darüber? Ihre Meinung interessiert uns. Bitte schicken Sie eine E-Mail mit Ihrem Kommentar an maeurer@proagro.de.

Energiesparen in krisenhaften Zeiten

Deutschland steckt mitten in einer tiefen Energiekrise: Zum einen bewegen sich die Großhandelspreise auf extrem hohem Niveau, zum anderen ist die Verfügbarkeit von Gas erheblich eingeschränkt. Während die drastischen Preissteigerungen bei den Privatkunden lediglich im Gas angekommen sind, sieht es bei den Herstellern wesentlich dramatischer aus. Hier sind infolge geschrumpfter Verfügbarkeit und gleichzeitig gestiegener Preise der Energie viele kleine und mittlere Betriebe der Brandenburger Lebensmittelwirtschaft in ihrer Existenz bedroht. Carsten Topp (Foto), Vertriebsleiter des Energiedienstleisters Ampere, beschreibt Maßnahmen zur Energieeinsparung.

Seit über einem Jahr haben die Strom- und Gaspreise kräftig zugelegt, und durch den Krieg in der Ukraine hat sich der Preisanstieg sogar noch dramatisch beschleunigt. Konkret: An der Strombörse wurde für eine Kilowattstunde Strom im August kurzzeitig über einen Euro pro Kilowattstunde aufgerufen. Vor einem Jahr musste man dafür noch 8,57 Cent bezahlen, und das galt schon als teuer! Hinzu kommt, dass Unternehmen kaum neue Energieverträge erhalten, da viele Versorger den Vertrieb eingestellt haben und sich vorrangig auf die Absicherung ihrer Bestandskunden konzentrieren.

Was hilft bei der Eindämmung der Energiekosten am meisten? Die Industrie macht uns es derzeit vor. Hier ist laut Bundesnetzagentur der Gasverbrauch im August 2022 um 21,9 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat gesunken, was vor allem am Umstieg von Gas auf Öl liegt. Das Problem dabei: Ein Brennstoffwechsel ist nicht einfach, denn viele Unternehmen sind vertraglich gebunden und haben nicht die Möglichkeit, kurzfristig umzusteigen. Die hohen Preise bei Strom und Gas erzwingen also Effizienz.

Was heißt das? Der effiziente Umgang mit Energie sowie ein detailliertes Energie-Monitoring und -Management sind die wichtigsten Stellschrauben für die Gewährleistung von Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit. Vor allem kleine und mittlere Betriebe verfügen häufig noch über große Optimierungsmöglichkeiten. So lassen sich unter anderem bei Beleuchtung, Antrieben oder Pumpen, Kälteanlagen oder Drucklufteinsatz einige Potenziale heben. Auch softwaregestützte „Lastganganalysen“ helfen, den Stromverbrauch im Blick zu haben und gegebenenfalls zu senken (unter Lastgang versteht man den je nach Tages- oder Jahreszeit schwankenden Stromverbrauch).

Hier lohnt es sich, Expertenrat in Form einer umfassenden Energieberatung einzuholen oder noch nicht umgesetzte Maßnahmen zu realisieren. Das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) fördert unter anderem eine Energieeffizienz-Beratung für kleinere und mittlere Unternehmen und im zweiten Schritt die Umsetzung der empfohlenen Maßnahmen. Auch die KfW verfügt über Förderprodukte für Energie und Umwelt. Weiterhin kann es lohnenswert sein, mögliche Fördertöpfe der Länder Berlin und Brandenburg auszuloten.

Viele Unternehmen benötigen relativ kurzfristig neue Energielieferverträge, da die alten entweder auslaufen oder aufgrund der gestiegenen Preise vom Energieversorger gekündigt werden. Häufig wird ihnen in diesem Zusammenhang mitgeteilt, dass es kein Angebot fürs Folgejahr geben wird. Hintergrund: Der Energiemarkt ist bei Strom wie bei Gas sehr volatil, d.h. die Schwankungsbreite der Energiepreise in den letzten Jahren vollzieht sich heute nicht selten innerhalb eines Tages.

Hinzu kommt, dass eine kurzfristige Entspannung wegen der Gasknappheit nicht zu erwarten ist. Während es beim Strom vereinzelt noch Angebote gibt, sieht es beim Gas ganz anders aus. Hier findet faktisch kein Wettbewerb statt, und bis auf wenige Ausnahmen gibt es zurzeit keine Angebote – und wenn doch, sind sie mit hohen Risikoaufschlägen und kurzen Bindefristen versehen. Die Nachfrage bewegt sich auf hohem Niveau und wird zum Jahresende erfahrungsgemäß weiter steigen. Die äußerst fragilen Rahmenbedingungen machen es extrem schwierig, sicher und verlässlich das nächste oder die kommenden Jahre zu planen.Fazit: Die hohen Preise an den Handelsmärkten setzen die Unternehmen fast aller Branchen unter enormen Druck. Wann und welche zusätzlichen Maßnahmen auf Bundes- oder europäischer Ebene verabschiedet werden, lässt sich zum heutigen Zeitpunkt nicht mit Sicherheit sagen.

Als Kooperationspartner von pro agro unterstützt die Ampere AG Mitgliedsunternehmen des Verbandes bei der Verhandlung und Beschaffung von Energielieferverträgen. Der Energiedienstleister betreut mehr als 50.000 Strom- und Gaskunden mit einem Gesamtvolumen von über 2.200 Gigawattstunden bundesweit. Bisher hat Ampere mehr als 400.000 Energielieferverträge erfolgreich verhandelt und für ihre Kunden Einkaufsvorteile von mehr als 430 Mio. Euro erzielt.

Regionalität und Nachhaltigkeit als Maxime

Im Apfeldorf Wesendahl (Märkisch Oderland) tanzen derzeit die Puppen: Die Apfelernte läuft auf Hochtouren, Menschen und Maschinen arbeiten mit vollem Einsatz. Als Obstproduzent ist die BB Brandenburger Obst GmbH Teil der Märkischen Erzeuger- und Vermarktungsorganisation GmbH (MEV). Am Standort sind noch die BB Fruchthandel GmbH sowie die FRUVEG GmbH angesiedelt. Sie alle lagern, verpacken und vermarkten im Lebensmitteleinzelhandel (LEH) das frische Obst. „Der Unternehmensverbund schlägt quasi die Brücke zwischen Produktion und Handel“, so MEV-Geschäftsführer Patrick Ruffert (Foto).

Die MEV steht für etliche Erzeugerbetriebe. Einer davon, die BB Brandenburger Obst GmbH, befindet sich in Wesendahl, weitere neun verteilen sich über Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Den Löwenanteil an frischer Tafelware steuert allerdings der Wesendahler Betrieb mit seinen 183 Hektar Apfelfläche bei. Die Äpfel stellen bei Anbau und Vermarktung am Standort Wesendahl mit rund 95 Prozent das größte Kontingent; zum Portfolio gehören allerdings auch Kirschen, Pflaumen und Erdbeeren, während der Saison jedenfalls. Der überwiegende Teil der Ware wird in Brandenburg und den anderen neuen Bundesländern verkauft.

„Äpfel gehören streng genommen zur Saisonware“, erklärt Patrick Ruffert, „aber unsere modernen Lager versetzen uns in die Lage, den Handel praktisch das ganze Jahr über – also von Ernte zu Ernte – mit frischer Ware zu versorgen“, erzählt er weiter. Das ist leichter gesagt als getan: Um die Lagertechnik auf den neuesten Stand zu bringen und zu halten, muss man eine Menge Geld in die Hand nehmen. Zusätzlich ist darauf zu achten, dass in den Kühlzellen stets ein ausbalanciertes Klima zwischen Temperatur (plus ein bis zwei Grad), Sauerstoff- und CO2-Gehalt herrscht, sonst leidet die Qualität, und die Äpfel können nicht mehr an den LEH verkauft werden.

Auf diese Weise wird das ganze Jahr über das Angebot regionaler Äpfel sichergestellt. Das ist sogar kurz vor Erntebeginn der nächsten Saison noch möglich, dann also, wenn die Läger immer leerer werden. Der Verbraucher erwartet nun mal, quasi „rund um die Uhr“ (sprich: auch außerhalb der eigentlichen Saison) mit frischem Obst versorgt zu werden. Das Unternehmen verfügt übrigens über drei Lagerstandorte: Brandenburg bzw. Wesendahl (10.000 Tonnen Kapazität) sowie Thüringen und Sachsen (insgesamt 6.000 Tonnen).

Die ausschließliche Saisonware wiederum, also Kirschen, Pflaumen oder Erdbeeren, wird praktisch direkt vom Feld mit der eigenen LKW-Flotte in die Zentralläger des LEH transportiert – nach einem Zwischenstopp in Wesendahl zur Sortierung, Verpackung und Kommissionierung. Devise: morgens geerntet, abends beim Kunden. Überdies kooperiert die MEV mit zwei Brandenburger Gemüsebetrieben, als Dienstleister sozusagen, und vermarktet deren Gurken, Dill, Weiß- und Rotkohl sowie Speisekürbisse bei Markenherstellern. Auch das geschieht direkt ab Feld, garantiert also kurze Transportwege und Verarbeitungszeiten. Das Thema Nachhaltigkeit wird sehr ernst genommen. „Wir sehen die Natur als Partnerin“, lautet die Devise. Und weiter: „Unser Anliegen ist die integrierte, also naturnahe und nachhaltige Anbauweise unserer Obstanlagen. Mit Hilfe technologischer Innovationen zur Wasser- und Energieeinsparung bei der Lagerung und dem Transport, bei der Optimierung des Pflanzenschutzes und des Düngereinsatzes sowie beim umweltgerechten Verpackungsmanagement realisieren wir unsere Verantwortung gegenüber der Natur.“ Eine am Standort Wesendahl auf den Hallendächern installierte Photovoltaik-Anlage liefert einen Großteil der benötigten Energie.

Markenführung in der Post-Corona-Zeit

Gute Chancen für starke regionale Marken

Der Hamburger Andreas Ebeling berät Marken bei der Positionierung am Markt.

Zwei Jahre Corona-Pandemie haben Spuren hinterlassen. In fast allen Lebensbereichen wurden Gewohnheiten hinterfragt und Regeln neu definiert. Hinzu kommt die neue Situation durch den Krieg in der Ukraine und viele damit verbundene Ungewissheiten. Konsumenten reflektieren ihre Ansprüche stärker als zuvor und überdenken das eigene Verhalten. Für regionale Marken stehen in der Summe viele Zeichen auf grün, wenn einige Grundregeln der Markenführung angewendet werden.1)

Keine Frage: Corona hat uns ausgebremst. Für Generationen war „Wachstum“ eine Maxime, die Gesellschaft und Wirtschaft geprägt und die meisten von uns angetrieben hat. Die Betrachtung in „vor und nach Corona“ greift jedoch in vielerlei Hinsicht zu kurz. Bereits seit Längerem lässt sich beobachten, dass große Unternehmen nicht mehr automatisch auf Erfolg programmiert sind. Big Player wie Nestlé, Unilever oder Kraft Heinz stoßen heute an eine unsichtbare Decke, gleichzeitig profitieren viele kleinere Unternehmen und wachsen schneller.

Dieses Phänomen ist Teil eines Strukturwandels, der sich global durch Wirtschaft und Gesellschaft zieht. Tatsächlich haben wir bereits lange vor Corona die Schwelle zu einer neuen Ära überschritten, in der Märkte anders als noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts funktionieren, in der Wertschöpfung und Wachstum sich verlagern und Konsumenten anders agieren. Wir nennen diese neue Ära das „3. Zeitalter des Konsums“.

Was ist anders im 3. Zeitalter des Konsums?

Wandel 1: Das Ende von No-Limits. Wir stoßen überall an Kapazitätsgrenzen: ökonomisch, ökologisch, im Hinblick auf Rohstoffe und andere Ressourcen. Fortschritt ist nicht automatisch mit „mehr“ verknüpft, sondern immer öfter damit, intelligent mit „weniger“ auszukommen.  

Wandel 2: Divergenz. Statt großer Trends und Leitbilder lässt sich vielerorts beobachten, dass Dinge sich auseinanderentwickeln: ob politisch (Parteienlandschaft, Weltordnung), in der Arbeitswelt (Flexibilisierung), in der Gesellschaft (Diversity) oder in vielen Bereichen mehr.

Wandel 3: Granularität. Wir haben immer mehr Optionen, aus denen wir wählen können und zwischen denen wir uns entscheiden müssen. Angebot und Nachfrage werden kleinteiliger.

Eine interessante Entwicklung lässt sich zum Beispiel seit Jahren auf dem Biermarkt verfolgen: Die Deutschen trinken so wenig Bier wie noch nie. Gleichzeitig wächst die Zahl der Braustätten seit Jahren kontinuierlich.  Mikro-Brauereien bedienen mit ihren Craft Bieren immer mehr Nischen und treiben die Spezialisierung voran – mit hochwertigen, individuellen Produkten statt preiswerter Massenware.

Viele dieser grundlegenden Trends wurden durch die Pandemie beschleunigt. Die Unternehmensberater von McKinsey haben in ihrer Studie zum Thema „Neue Konsumenten“ (2021) untersucht, welche Trends den LEH am stärksten verändern werden. Auch hier zeigt sich eine Polarisierung: Neben so genanntem „Downtrading“ (preisgünstige Produkte, Handelsmarken) und einer Ausweitung des Online-Geschäfts werden gleichzeitig Qualitätssteigerungen in der Preiseinstiegsstufe und mehr Fokus auf Nachhaltigkeit erwartet. Deutschland liegt in Europa an der Spitze mit 58 Prozent der Befragten, die künftig bewusster und verantwortungsvoller konsumieren, sprich: sich öfter für gesunde Lebensmittel, regionale, lokale und umweltfreundliche Produkte entscheiden wollen.

Das Zukunftsinstitut kommt in seiner Studie „Die Welt nach Corona“ zu dem Schluss, dass die neue Solidarität, die sich während der Pandemie entwickelt hat, den Handel und Konsum der Zukunft prägen wird. Insgesamt erwarten die Zukunftsforscher ein achtsameres, sozialeres Konsum- und Genussverhalten.

Eine der beiden regionalen Dachmarken von pro agro.

Für regionale Marken und Produkte bedeutet das gute Zukunftsaussichten, denn viele tun bereits heute das, was künftig noch wichtiger wird: Sie sind Familienbetriebe oder Betriebe mit starkem Zusammenhalt, keine anonymen Großunternehmen. Sie haben eine Geschichte hinter ihren Produkten. Sie produzieren in der Region und tragen dadurch eine Verantwortung für die Region. Und sie haben meist einen hohen Anspruch an die Produktqualität, produzieren keine anonyme Massenware, sondern Produkte, auf die sie stolz sein können. Regionale Herkunft ist ein „Brand Asset“, das noch wichtiger werden dürfte.

Trotz dieser guten Voraussetzungen muss jede Marke – ob groß oder klein, ob regional oder international – einige Grundregeln erfolgreicher Markenführung beachten: Sind die Alleinstellungsmerkmale der Marke klar definiert? Welche Leistungsversprechen machen das Angebot einzigartig? Mit welchen Argumenten lassen sich diese am besten untermauern? Neben der inhaltlichen Substanz des Markenversprechens gehören ein stimmiger Markencharakter und prägnante Erkennungsmerkmale, sogenannte Markensignale, zum ganzheitlichen Markenerlebnis.

1)Autor Andreas Ebeling (Foto) fasst die wesentlichen Inhalte seines Referats zusammen, das er auf der pro agro-Online-Veranstaltung am 5. Juli 2022 („Mit einer starken Marke neu durchstarten – Markenführung in der Post-Corona-Zeit“) gehalten hat. Er ist geschäftsführender Gesellschafter der Brandmeyer Markenberatung in Hamburg. Schwerpunkte der Beratungstätigkeit sind Analyse, Markenpositionierung, Markenarchitektur, Implementierung von Markenstrategien sowie die Begleitung von Designprozessen.

pro agro-Trendumfrage Sommer 2022

Wachsender Pessimismus durch Ukraine-Krise

Die Stimmung in der Lebensmittel erzeugenden Agrar- und der verarbeitenden Ernährungswirtschaft hat sich im ersten Halbjahr 2022 spürbar verschlechtert. Während die Branche zu Beginn des Jahres die Geschäftsaussichten noch verhalten optimistisch beurteilt hatte, ist das Meinungsbild in den folgenden Monaten erheblich düsterer geworden: Die große Mehrzahl der befragten Unternehmen in Brandenburg schaut inzwischen pessimistisch in die Zukunft. Das ist das zentrale Ergebnis der Trendumfrage zur Jahresmitte 2022, in der es um die Auswirkungen der Ukraine-Krise ging: Lieferengpässe sowie Kosten- und Preissteigerungen hinterlassen deutliche Spuren.

Die Trendumfrage, ein Gemeinschaftsprojekt von pro agro, Landesbauernverband und Cluster Ernährungswirtschaft, ist Teil des pro agro-Branchenbarometers, das Ende 2021 ins Leben gerufen worden war. Die Ergebnisse der ersten Online-Umfrage sind im Frühjahr 2022 veröffentlicht worden (Details siehe hier). Die wirtschaftlichen Unternehmensdaten sollen zwei Mal pro Jahr erhoben werden: Das „pro agro-Branchenbarometer“ mit grundlegenden Daten jeweils zum Jahresende, die „pro agro-Trendumfrage“ dagegen zur Jahresmitte und mit einem engen Bezug zu einem aktuellen Thema.

Frage: Haben sich nach Beginn der kriegerischen Handlung Russlands in der Ukraine Ihre Geschäftsaussichten für das Jahr 2022 verändert?  (Angaben in Prozent)

Quelle: pro-agro-Trendumfrage Juli/August 2022

„Es wird derzeit viel gesprochen und geschrieben über Lebensmittel: Hohe Verbraucherpreise, Versorgungslücken bei einigen Produkten, Probleme bei Rohstoffen zur Verarbeitung – wir wollten es von unseren Mitgliedern und weiteren Unternehmen aus der Region genauer wissen“, nennt Kai Rückewold, Geschäftsführer des Agrarmarketingverbandes pro agro, als Grund dafür, dass die Trendumfrage noch vor Beginn der Sommerferien gestartet worden ist.

Thematisch stand die Befragung unter folgendem Motto: „Auswirkungen der Ukraine-Krise auf die Branche in der Hauptstadtregion“. Daran beteiligt haben sich 107 Unternehmen aus Brandenburg, davon 70 Prozent pro agro-Mitglieder. Selbst wenn es sich nach wissenschaftlichen Standards nicht um repräsentative Ergebnisse handelt, sind die Daten allemal aussagekräftig genug für ein klares Meinungsbild.

Klar ist beispielsweise, dass die wirtschaftliche Zukunft heute eher pessimistisch gesehen wird. So gaben über zwei Drittel der Unternehmen (69 Prozent) zu Protokoll, dass sich die Geschäftsaussichten für 2022 als Folge der kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ukraine eingetrübt haben (siehe Grafik „Verschlechterte Geschäftsaussichten“). Die Unternehmen klagen über zunehmende Belastungen durch steigende Energie- und Transportkosten (91 Prozent) sowie über Beschaffungsprobleme und (mangelhafte) Zuverlässigkeit in den Lieferketten (69 Prozent).

„Es liegt nahe, dass bei schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen die erzielten Preise steigen sollten“, weist Kimberley Biele, Leiterin der Befragung bei pro agro, auf einen anderen Lösungsansatz hin. Hier besteht jedoch eher ein heterogenes Bild: 49 Prozent der Unternehmen können die Produktpreise gegenüber dem Handel anheben, der anderen Hälfte (51%) gelingt das nicht. Große Unsicherheit besteht daher auch bei der Frage, ob die steigenden Kosten zukünftig an Kunden weitergegeben werden können. 55 Prozent der Befragten glauben dies nicht oder haben schlichtweg keine Idee, ob es funktionieren kann.

Frage: Welche Kooperationsansätze in der Region wären für Sie hilfreich, um Negativeffekte abzumildern? (Angaben in Prozent)

Quelle: pro-agro-Trendumfrage Juli/August 2022

Mit Blick auf die Konsumenten ist die überwiegende Mehrheit (81 Prozent) der Befragten überzeugt, dass sie verstärkt auf die Preise schauen und kostengünstiger einkaufen. Generell wird kritisiert, dass die Politik das Thema regionale, resiliente Versorgung zunehmend aus den Augen verliert (54 Prozent). Über 30 Prozent befürchten gar, dass die finanzielle Förderung der regionalen Ernährungswirtschaft schlechter wird.

Trotz der angespannten Situation hält die Branche nach Lösungen Ausschau, wie sie die Probleme abfedern kann. Mit anderen Worten: In der Krise steigt die Bereitschaft zur Zusammenarbeit (siehe Grafik „Wünschenswerte Kooperationen“). Als hilfreich sehen die Unternehmen zuallererst Einkaufsgemeinschaften für Energie (47 Prozent) an, mit 44 Prozent direkt gefolgt von Vermarktungsgemeinschaften. Ein PDF mit grafischer Auswertung der pro agro-Trendumfrage können Sie unter folgender Adresse anfordern: presse

WIDYNSKI & ROICK GMBH

Ein Großverpfleger mit individuellem Service

Frank Roick auf dem pro agro-Zukunftsabend Anfang Mai 2022 in Berlin (Foto: Tim Leidecker).

Gregor Widynski und Frank Roick kennen sich seit Urzeiten, sind beide ausgebildete Köche, haben jeder ein betriebswirtschaftliches Fachschulstudium mit Schwerpunkt Hotellerie und Gastronomie absolviert und in der gehobenen Hotellerie gearbeitet. Bei so vielen Gemeinsamkeiten im beruflichen Werdegang ist es kein Wunder, dass sie den Schritt in die Selbstständigkeit auch gemeinsam getan haben. 1996 war es so weit: Die beiden Profis gründeten in Potsdam ihr eigenes Catering-Unternehmen. Heute zählen sie mit einer Vielzahl von Service-Angeboten und über 500 Mitarbeitern zu den großen Branchenplayern in Deutschland.

Wenn Frank Roick aus dem Nähkästchen plaudert, nimmt man zwei Seelen in seiner Brust wahr: Da kommt einerseits der berechtigte Stolz auf das Lebenswerk durch, da schwingt andererseits aber auch die Sorge mit, wie sich angesichts der großen Krisen der Gegenwart die Zukunft gestalten wird. Zumal Serviceunternehmen, erst recht solche wie die stark diversifizierte Widynski & Roick GmbH, von politischen Entscheidungen und ökonomischen Verwerfungen unmittelbar betroffen sind.

Zu den Tätigkeitsschwerpunkten des Unternehmens zählt die Bewirtschaftung von Betriebsrestaurants und Kantinen mit 50 bis 1.000 Tischgästen täglich; falls vom Kunden gewünscht, wird hier auch der Konferenzservice übernommen. Zum Portfolio gehört außerdem die Betreuung von Bistros und Cafeterien, von Senioreneinrichtungen, Kitas und Schulen (mit bis zu 4.500 Schülern an Standorten in Berlin). Hinzu kommt die Ausrichtung von Veranstaltungen (Events) jeder Art und Größe, darunter beispielsweise der „Tag der offenen Tür“ in allen Bundesministerien mit jeweils bis zu 30.000 Besuchern pro Tag.

Als wäre das nicht genug, betreibt das Unternehmen unter der Premiummarke „Wandel“ zusätzlich vier Restaurants in Eigenregie, drei in Berlin und eins in Dresden. Warum Dresden? Weil der Caterer dort, neben Berlin, seit 2006 über eine weitere Niederlassung verfügt. Überdies hat das Unternehmen im Oktober 2016 noch den Standort Bonn angedockt, um von dort aus den rheinischen Raum „zu beackern“. Auch in Baden-Württemberg ist man präsent. Alles in allem werden in vier Bundesländern 50 Betriebsrestaurants mit über 12.000 Tischgästen täglich bewirtschaftet.

Um ein solches Pensum zur Zufriedenheit der Kunden zu bewältigen, braucht es viele helfende Hände. Allein in und rund um die Küchen sind über 400 Beschäftigte im Einsatz. Alle vom Fach natürlich. Und das genau ist einer der Punkte, der Frank Roick die Sorgenfalten ins Gesicht treibt: „Es ist außerordentlich schwierig, Fachkräfte zu kriegen“, erzählt er, „obwohl wir im Vergleich zur gängigen Gastronomie den Vorteil haben, dass wir nicht an Wochenenden arbeiten“. Ausnahme ist das Engagement im Flughafen BER, wo Schicht- und Wochenendarbeit angesagt ist. Hier sei es noch schwieriger, Personal zu finden.

Kompetente Mitarbeiter sind also, wie in anderen Branchen auch, in gewisser Weise ein limitierender Faktor. Vernünftige Gehälter sind in dieser Situation ein „Muss“, doch wenn beispielweise die Preise für Essen in Kitas und Schulen mehr oder weniger von den Trägern festgesetzt werden, dann kann sich das negativ auf die Margen auswirken.

Fachkräftemangel und steigende Lebensmittelpreise, Lieferengpässe und wachsende Logistikkosten – das alles sind Probleme, mit denen sich der Caterer, wie andere Unternehmen auch, heute herumschlagen muss. Mehr noch: „Wir sorgen ja nicht nur für gutes Essen und Trinken, sondern müssen zusätzlich noch die Kosten für das komplette Equipment stemmen, also Geschirr, Besteck, Verpackungsmaterial und vieles mehr – das ist alles teurer geworden“, berichtet Roick, der im Unternehmen für den Einkauf zuständig ist.

Und wie wirkt sich der allgemeine Trend zu Bio- und Regionalprodukten aus? „Für die Berliner Schulen schreibt uns der Gesetzgeber vor, 50 Prozent Bio-Produkte einzusetzen“, sagt er. Darüber hinaus arbeitet man auch mit regionalen Produkten, was natürlich nicht quer durchs gesamte Sortiment geht: „Die Ananas oder Kiwi wird nun mal nicht in Brandenburg angebaut.“ Je nach geografischer und saisonaler Verfügbarkeit wird aber schon darauf geachtet, für die Speisen möglichst viele regionale und Bio-Produkte zu verwenden.

Wobei Roick in diesem Zusammenhang – Einsatz von Lebensmitteln – erwähnt, dass die Listung von einzelnen Lieferanten kaum möglich sei, da sie in der Regel nur wenige bis gar keine unterschiedlichen Produkte anbieten können. Ferner verfügen sich nicht über die Logistik, um die Betriebe des Unternehmens regelmäßig anzufahren. Also wird der Wareneinkauf gebündelt, sprich: mit dem Großhandel abgewickelt. Die Empfehlung von Frank Roick lautet demzufolge: „Wer als Erzeuger oder Verarbeiter Interesse daran hat, mit seinen Produkten in unserer Branche präsent zu sein, muss über den Großhandel kommen. Aber: Der vermarktet auch gern seine Eigenmarken, und zwar preislich so günstig, dass manch ein Lieferant kaum mithalten kann.“

AGRAR GMBH BERGSDORF

Wertvoller Beitrag zur Strukturentwicklung

Christoph Lehmann (Foto) war 28 Jahre alt und frisch gekürter Absolvent eines Landwirtschafts-Studiums an der Berliner Humboldt-Universität, als er vor gut zehn Jahren einen LPG-Nachfolgebetrieb mit Mastschweine- und Milchkuhhaltung übernahm. Mit im Gepäck hatte er eine klare Vorstellung von dem, was er daraus machen wollte: einen praktisch autarken Rindermastbetrieb mit artgerechter und nachhaltiger Tierhaltung sowie eigener Schlachtung und Verarbeitung; der größte Teil der Wertschöpfungskette sollte auf dem Hof selbst entstehen. Zug um Zug hat er seine Vision verwirklicht.

„Was seinerzeit mit der bewussten Abschaffung von Schweinemast und Milchproduktion begann, ist heute ein Unternehmen, das ausschließlich Rindfleisch produziert und dessen Fokus auf Produktqualität sowie den richtigen Umgang mit Boden und Tier liegt“, fasst Inhaber und Geschäftsführer Lehmann zusammen. Seine 18 Mitarbeiter bringen ihre fachliche Expertise in alle relevanten „Gewerke“ ein: Pflanzenanbau und Futterherstellung, Rinderzucht, Schlachtung und Fleischveredelung, Direktvermarktung und Verwaltung.

Die ca. 850 ha Fläche dienen dem Ackerbau (650 ha) und der Grünlandbewirtschaftung (200 ha). „Wir verbinden konventionelle und umweltverbundene Methoden mit dem Ziel, unser größtes Kapital, den Boden, in seinem Leben und seiner Fruchtbarkeit nachhaltig zu fördern“, so Lehmann. Der Ackerbau steht dabei für Weizen, Mais, Raps, Gerste, Roggen und Dinkel, wobei der Mais komplett als Winterfutter und ein kleiner Teil des Getreides als Kraftfutter für die Rinder dient; der Löwenanteil wird als Marktfrüchte an den Getreidehandel und an Mühlen verkauft.

Die Grünlandbewirtschaftung wiederum setzt in der Vegetationszeit ein und funktioniert nach den Prinzipien der „Umtriebsweidewirtschaft“. Hier leben die Tiere, aufgeteilt in drei Herden, ausschließlich in Freilandhaltung und bekommen „portionsweise“ unterschiedliche Weiden zum Abfressen zugeteilt. „Umtrieb“ heißt: Wenn eine Koppel abgehütet ist, geht’s zur nächsten. Und im Laufe der Vegetation, wenn das Gras wieder nachgewachsen ist, kommen die Tiere schließlich dort an, wo der Futter-Kreislauf begonnen hat. Die kalte Jahreszeit verbringen die Rinder auf einer Winterkoppel.

Die Tiere der Rasse „Uckermärker“ leben also von der Geburt bis zur Schlachtung stressfrei vor Ort. „Das ist eine runde Sache“, sagt Lehmann und ergänzt: „Wir wollen schließlich was von den Tieren und nicht umgekehrt. Da kann man ihnen das Leben und Sterben so angenehm wir möglich machen.“ Die Rede ist hier von etwa 600 Rindern, darunter 200 Mutterkühe und etliche Zuchtbullen, die für den Nachwuchs zuständig sind.

Geschlachtet wird im eigenen Schlachthof, der 2019 auf dem Betriebsgelände errichtet worden ist. Die gereiften Rinderviertel werden verarbeitet zu Frischfleisch in diversen Zubereitungsformen (vom Filet über Rouladen bis zu Spare Ribs), zu Schinken und Wurst (frisch oder in Gläsern) sowie zu Convenienceprodukten (Soljanka und Tafelspitz hausgemacht). Versteht sich, dass auf den Einsatz von Geschmacksverstärkern, Farbstoffen oder sonstigen produktverfälschenden Zusätzen verzichtet wird; verwendet werden ausschließlich Naturgewürze.

Vermarktet werden die Produkte unter dem Label „Bergsdorfer Wiesenrind“, und zwar über den eigenen Hofladen, die Gastronomie, Fach- und Feinkostgeschäfte sowie über ausgewählte Supermärkte von EDEKA und ab August von REWE. Darüber hinaus nutzen die Bergsdorfer die „Marktschwärmer“ als speziellen Vertriebsweg (Online-Bestellung mit persönlicher Abholung an festen Ausgabepunkten, siehe auch das Interview im pro agro-Newsletter 06/2022).

Insgesamt erfüllt das Gesamtkonzept von der Erzeugung über die Verarbeitung bis zur Vermarktung schon heute essenzielle Anforderungen an die Ernährungsbranche: Tierwohl, Schonung der Umwelt und Nachhaltigkeit. Mehr noch: Das Unternehmen leistet einen wertvollen Beitrag zur Strukturentwicklung im Landkreis Oberhavel, zum Beispiel durch Schaffung und Sicherung von Arbeitsplätzen sowie durch Generierung eines entsprechenden Steueraufkommens.

30 Jahre pro agro: Ein sommerliches Jubiläum

Stolze Bilanz und neue Aufgaben

Vor 30 Jahren gründeten Brandenburger Unternehmen der Agrar- und Ernährungswirtschaft den Verband pro agro, um in der herausfordernden Nachwendezeit eine effiziente Interessenvertretung für die Förderung von Regionalität zu etablieren. Seitdem hat sich viel bewegt: Der Verband ist an Themen und Mitgliedern reicher geworden, geblieben sind sein engagierter Einsatz für die Branche und das Bekenntnis zum Standort Brandenburg – Gründe genug, um das Jubiläum unter dem Motto „Zukunft ist Herkunft – Brandenburg schafft Wohlgefühle“ am 16. Juni 2022 festlich zu begehen.

Netzwerken bei sommerlichen Temperaturen (Fotos: Tim Leidecker).

Aus den 19 Gründungsbetrieben von „pro agro – Verband zur Förderung des ländlichen Raumes in der Region Brandenburg-Berlin e.V.“ (so der korrekte, wenn auch etwas sperrige Titel) ist eine bundesweit beachtete Brancheninstitution geworden, der aktuell 375 Mitglieder aus der Agrar- und Ernährungswirtschaft sowie der Direktvermarktung und dem ländlichen Tourismus im gesamten Land Brandenburg das Vertrauen aussprechen.

Die Ergebnisse der jahrzehntelangen Verbandsarbeit sind allenthalben sichtbar. Regionalität und Qualität aus Brandenburg sind vom privaten Haushalt bis zum Lebensmitteleinzel- und -großhandel inzwischen ein ernstgenommenes Thema. Die Region ist mit einer bemerkenswerten Vielfalt von Produkten kleinerer bzw. mittlerer Erzeuger und Verarbeiter in den Regalen des Brandenburger und Berliner Handels angekommen.

Auch die Akzeptanz und Nutzung von Produkten aus der Direktvermarktung hat rasant zugenommen. Laut pro agro-Branchenbarometer des Jahreswechsels 2021/22 nannten 48 Prozent der befragten Unternehmen den Lebensmitteleinzelhandel und 40 Prozent die Direktvermarktung als die beiden umsatzstärksten Vermarktungswege. Die kürzlich veranstaltete 27. Brandenburger Landpartie – eine der erfolgreichsten landesweiten Dialogformate zwischen Herstellern und Verbrauchern – hat dieses Votum eindrucksvoll bestätigt.

Gemeinsame Schnittstelle: Dietmar Woidke und Hanka Mittelstädt bearbeiten die Jubiläums-Torte.

Nicht von ungefähr hob Ministerpräsident Dietmar Woidke während seiner Laudatio hervor, dass „die erfolgreiche Entwicklung der Brandenburger Land- und Ernährungswirtschaft in den letzten drei Jahrzehnten eng mit der Arbeit und dem Wirken von pro agro verbunden ist. Der Verband ist das Sprachrohr der Brandenburger landwirtschaftlichen Unternehmen und der Kontaktvermittler zum Handel. Als Spezialist für regionales Marketing und Qualitätssicherung setzt er sich unermüdlich für Lebensqualität und unsere ländlichen Regionen ein.“

Dabei bleibt der Verband stets am Ball. Durch neue Partnerschaften eröffnen sich zusätzliche Möglichkeiten zur Optimierung von Vermarktung und Vernetzung. Ferner setzt pro agro weiter auf die Kombination von Qualität und Regionalität und wird als Lizenznehmer des neuen EU-notifizierten Qualitätsprogramms „Gesicherte Qualität aus Brandenburg“ und „bio regional“ starke Impulse für die nachhaltige Entwicklung der Branche setzen.

Trotz aller Verdienste kann und will sich pro agro auf den Erfolgen nicht ausruhen. Die Folgen von Pandemie und Ukrainekrieg sowie die gestiegenen Kosten für Rohstoffe, Zutaten, Energie und Logistik definieren neue Aufgaben und erweitern die zentralen Tätigkeitsschwerpunkte für die Branche um immer wieder neue Facetten der Unterstützung bei der Bewältigung aktueller Herausforderungen.

pro agro-Teamgeist (v.r.): Hanka Mittelstädt (Vorsitzende), Manfred Memmert (Ehrenvorsitzender) und Kai Rückewold (Geschäftsführer).

Damit pro agro die Aufgaben auch weiter erfüllen kann, wandte sich die Verbandsvorsitzende Hanka Mittelstädt mit einem flammenden Appell direkt an die Landespolitik: „Stellen Sie die Land- und Ernährungswirtschaft wieder aktiv in den Fokus Ihres Handelns, verweisen Sie nicht allein auf Brüssel oder Berlin, wenn es um den Erhalt und die Förderung von regionalen Lieferketten mit Markteinfluss geht“, sagte sie und forderte, die Transformation der Branche und die Entwicklung einer Modellregion Brandenburg/Berlin für regionale Ernährungskreisläufe durch Investitionshilfen massiv zu unterstützen.

Der offizielle Teil der Jubiläumsveranstaltung in der Heimvolksschule Seddiner See bot schließlich die Bühne für die Vergabe von Ehrenurkunden an die Gründungsmitglieder von 1992. Nicht leer gingen auch die „Genussbotschafter“ aus – brandenburgische Spitzenköche, Konditor- und Bäckermeister oder Produzenten und Literaten. Sie erhielten als Sonderanerkennung für ihr langjähriges Engagement aus den Händen von Ministerpräsident Woidke und Hanka Mittelstädt eine Ehrenmedaille.

27. Brandenburger Landpartie

Wertschätzung für Regionalität festigen

Rund 60.000 Ausflügler aus der Hauptstadtregion hatten sich am 11. und 12. Juni auf den Weg gemacht, um Landluft zu schnuppern und einen Blick hinter die Kulissen ländlichen Wirtschaftens zu werfen. Sie erlebten Brandenburger Vielfalt zwischen Elbwiesen und Oderdeich: 143 Betriebe hatten ihre Tore geöffnet, darunter Landwirte, Fischer, Imker, Gärtner, ländliche Manufakturen und Einrichtungen. Die Rückmeldungen aus den Reihen der teilnehmenden Betriebe zeigten, dass das Besucherinteresse an Regionalität und Kreislaufwirtschaft ungebrochen ist.

Das vom brandenburgischen Landwirtschaftsministerium 1994 ins Leben gerufene und in diesem Jahr zum 27. Mal veranstaltete Erlebniswochenende stand diesmal unter dem besonderen Eindruck von drei krisenhaften Ereignissen und deren Herausforderungen: Corona, Ukrainekrieg und Inflation. Schon allein deshalb könne es nicht darum gehen, „allein ein romantisierendes Bild des ländlichen Raumes zu entwerfen“, wie pro agro-Geschäftsführer Kai Rückewold denn auch betonte.

Es geht vielmehr darum, das Potenzial und die Bedeutung der regionalen Landwirtschaft für die Grundversorgung von Brandenburg und Berlin deutlich zu machen und entsprechende Wertschätzung zu generieren. So hatte auch die Landpartie 2022 zum Ziel, über Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion zu informieren und aufzuklären, den einen oder anderen Besucher als neuen Kunden direkt im Hofladen zu gewinnen und die Bindung zur Brandenburger Landwirtschaft durch Zeigen der Gesichter hinter den Produkten herzustellen und zu festigen.

„Unser Ziel ist es ja, regional als erste Wahl auch in den Köpfen der Konsumentinnen und Konsumenten zu verankern“, bekräftigte Landwirtschaftsminister Axel Vogel, „so dass sie, wenn sie vor den Regalen im Supermarkt stehen, sich dann für ein regionales Produkt entscheiden, um zur Wertschöpfung auf dem Lande in Brandenburg beizutragen, für die Sicherung von Arbeitsplätzen ihren Beitrag zu leisten und eben nicht zum billigsten Produkt zu greifen, wo niemand weiß, wo es herkommt.“

Natürlich dient eine solche Veranstaltung auch als Plattform, aktuelle Entwicklungen zu erörtern. Diesmal stand das Thema Preisanstieg im Vordergrund. Hier nutzten die Erzeuger und Verarbeiter von Lebensmitteln durch transparente Darstellung ihrer Arbeit bei den Verbrauchern Verständnis dafür zu wecken, dass steigende Produktionskosten nicht immer intern abgefedert werden können, also weitergegeben werden müssen.

Ein Statement aus der Praxis, abgegeben von Landpartie-Gastgeberin Viviane Rosenthal vom Hof Alt Domigk (Baruth/Groß Ziescht): „Wenn die Besucher, von unserer Qualität überzeugt, hier auch gleich Produkte kaufen, freut uns das natürlich sehr. Noch schöner wäre aber, wenn der Anteil derer, die uns auch über die Landpartie hinaus die Treue halten, größer wäre. Wir stellen fest, dass fast alle Besucher angeben, Wert auf artgerechte Tierhaltung zu legen – hier bei uns wird das gepflegt. Einige sagen aber dann, dass sie wegen der Preise lieber beim Discounter einkaufen. Da liegt noch ein ordentliches Stück Arbeit vor uns. Aber Veranstaltungen wie die Landpartie gehören zu den steten Tropfen, die den Stein höhlen können.“

Die Brandenburger Landpartie ist eine der größten, öffentlichen Veranstaltungsreigen im Land. Traditionell nutzen zigtausende Ausflügler das Ereignis für ihre persönlichen Entdeckungstouren zwischen Uckermark und Lausitzer Seenland. Ermöglicht wird dieses alljährlich zwischen weit über hundert Lokalveranstaltern gut abgestimmte Land-Event durch das Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz des Landes Brandenburg (MLUK), die organisatorischen Fäden hält der Verband pro agro in den Händen. Die Brandenburger Landpartie ist fest als ländliche Tradition etabliert – und als Termin in den Kalendern bei Verbrauchern und Gastgebern dick rot angestrichen.

Interview: Jacques Wecke (Marktschwärmer Deutschland)

Gegen die Krise arbeiten!

Jacques Wecke wünscht sich mehr Obst aus Brandenburg

Das 2011 in Frankreich gegründete und drei Jahre später in Deutschland eingeführte Vermarktungs-Netzwerk „Marktschwärmer“ hat sich hierzulande sehr erfolgreich etabliert. Allein in der Hauptstadtregion arbeitet man gegenwärtig mit 330 landwirtschaftlichen Erzeugern („Partnern“) zusammen, die insgesamt rund 22.800 Kunden („Mitglieder“) beliefern. In Berlin und Brandenburg gibt es derzeit 27 bzw. 13 Abholpunkte („Schwärmereien“), wo die bestellte Ware bereitliegt und sich Kunde wie Erzeuger treffen. Doch auch das beste Direktvermarktungs-Konzept muss in Zeiten wie diesen eine Durststrecke durchstehen. Über die Herausforderungen sprachen wir mit Jacques Wecke, Projektleiter Deutschland.

Herr Wecke, wie ist die momentane Stimmung bei den Marktschwärmern? Es dürfte Sie nicht überraschen, wenn ich sage: durchwachsen. Wie die Lebensmittelbranche insgesamt, durchlaufen wir gerade eine Kosten- und Umsatzkrise, was insbesondere unsere Lieferanten, also die landwirtschaftlichen Erzeuger und das Lebensmittel-Handwerk, sowie die einzelnen Marktschwärmereien trifft.

Und Ihre Kundschaft? Deren Kaufbereitschaft leidet natürlich unter der Inflation, wobei die Preise bei uns mit 2,2 Prozent deutlich weniger stark gestiegen sind als beim Lebensmitteleinzelhandel mit 11,1 Prozent. Das belegen jedenfalls die Zahlen vom Mai 2022.

Warum? Unsere Lieferanten waren nie abhängig von den Preisvorstellungen des Handels und konnten schon immer mit guten Margen arbeiten. Also fassen sie nur behutsame Preiserhöhungen ins Auge – erstens, weil sie keine negativen Kundenreaktionen provozieren wollen und zweitens, weil sie keine Notwendigkeit sehen, das sofort auf ganzer Linie zu tun.

Sind Ihre Kunden preisrobuster als „normale“ Verbraucher? Ja, das sind sie. Unseren Mitgliedern geht es bei ihrer Kaufentscheidung nicht in erster Linie um die Preise; sie verfügen über ein ausgeprägtes Qualitätsbewusstsein und sind bereit, für regionale Produkte mehr zu bezahlen.

Wie haben sich die Bestellungen entwickelt? Sie sind leider etwas zurückgegangen, weil die Verbraucher vorsichtiger geworden sind. Eine Umfrage bei Martkschwärmereien hat z.B. ergeben, dass sich 30 Prozent unserer Mitglieder wegen der Inflation mit Bestellungen derzeit eher zurückhält. Sobald sich die Lage beruhigt, wollen sie aber wieder an Bord sein.

Was macht das Neugeschäft? Es ist schwieriger geworden, Partner für den Aufbau von Marktschwärmereien zu finden. Das Interesse ist zwar da, aber viele potenzielle „Gastgeber“ – so nennen wir die Betreiber von Marktschwärmereien – scheuen in diesen Zeiten das Risiko, ein neues Projekt anzugehen.

Das heißt also: keine neuen Marktschwärmereien? Doch, doch – das ist nur eine Frage der Zeit. Wir müssen erst mal gut durch den Sommer kommen. Mittel- bis langfristig wird es in jedem Falle mehr Marktschwärmereien in Berlin-Brandenburg geben.

Frisch und regional: Qualität steht im Vordergrund

Worauf liegt momentan Ihr Fokus? Derzeit konzentrieren wir uns darauf, die vorhandenen Schwärmereien erfolgreich am Laufen zu halten. Wir unterstützen sie dabei, die Situation zu meistern.

Auf welche Weise? Wir geben den Erzeugern, Gastgebern und Verbrauchern Informationen über die Hintergründe der Inflation an die Hand. Gleichzeitig ermuntern wir unsere Kunden, weiter einzukaufen. Viele von ihnen wissen gar nicht, in welchem Ausmaß die Erzeuger von der Krise betroffen sind.

Mehr können Sie nicht tun? Die Schwierigkeit liegt in der Anhäufung von Krisen: Coronapandemie, Ukrainekrieg und Inflation. Dagegen können wir als Direktvermarktungs-Netzwerk natürlich nichts oder nur wenig tun. Aber wir müssen vermeiden, dass Teile unseres Netzwerks in eine Art Schockstarre verfallen.

Was unternehmen Sie dagegen? Wir leisten jede Menge Aufklärungsarbeit. Und Motivationsarbeit! Wir wollen Unsicherheit abbauen, indem wir relevante Informationen weitergeben. Es wäre kontraproduktiv, jetzt in schieren Aktionismus zu verfallen.

Halten Sie dennoch Ausschau nach weiteren Lieferanten? Ja, in jedem Fall. Die meisten Lieferanten sind im nord- bis südöstlichen Speckgürtel Berlins angesiedelt. Es wäre gut, wenn auch Erzeuger aus westlichen Regionen mitmachen würden. Davon könnten vor allem benachbarte Marktschwärmereien profitieren.

Haben Sie bestimmte Sortimentsvorstellungen? Da gibt es keine dezidierten Vorgaben. Allerdings – einen Wunsch hätten wir schon: Obst aus Brandenburg!

(Anmerkung der Redaktion: Die im Interview angesprochene Umfrage kann unter folgender Mail-Adresse angefordert werden: laura@marktschwaermer.de)

Kai Rückewold, pro agro-Geschäftsführer

„Direktvermarktung ist das zweitwichtigste Vermarktungsstandbein für Brandenburger Produzenten. Auch wenn aktuelle Krisen, Krieg und Inflation das Handeln und den Handel erschweren, dürfen wir nun erst recht nicht müde werden, für die Direktvermarktung zu werben. Ursprünglicher, direkter und daher wohl auch authentischer als direkt vom Produzenten kann man regionale Lebensmittel nicht bekommen. Wir müssen herausarbeiten, dass „kurze Wege“ nicht nur die Entfernungen, sondern auch die Stationen zwischen Produzenten und Verbrauchern meint. Wir müssen immer wieder aufzeigen, dass Produkt- und Produktionsqualität den Preis rechtfertigen und sich der Vergleich mit vermeintlich billigeren Angeboten außerhalb der Direktvermarktung eigentlich verbietet. Das ist es, was die geforderte „Wertschätzung“ ausmacht.“

Löwendorfer Geflügelhof

Potenzielle Partnerbetriebe immer willkommen

In Ruhe: Das Inhaberehepaar Gensch zeigt, worum es geht

Der in dritter Generation geführte Familienbetrieb kann 2022, was seine Geschichte angeht, gleich mit drei runden Zahlen aufwarten: vor 90 Jahren gegründet, vor 30 Jahren umfirmiert zum „Löwendorfer Geflügelhof“ und ebenso lange auf dem Berliner Großmarkt mit einem eigenen Stand präsent. Aus dem einstigen Hühnerhof rustikaler Prägung ist ein hochtechnisiertes Unternehmen geworden, in dem mehr als 40 Beschäftigte täglich hunderttausende Eier sortieren, verpacken, kommissionieren und vertreiben.

Ohne den Einsatz modernster Maschinen ist das anspruchsvolle und aufwendige Arbeitspensum gar nicht mehr zu stemmen. Eine Säule der Sortimentsvielfalt ist die Kooperation mit Partnerbetrieben, erzählt Inhaberin und Geschäftsführerin Anette Gensch. „Den überwiegenden Teil der Eier, die wir vermarkten, kaufen wir als unsortierte Ware ein“, sagt sie und fügt als Erklärung hinzu: „Das bietet auch kleineren Erzeugern die Möglichkeit, zusammen mit unserer Eigenproduktion ihre Erzeugung zu vermarkten. Leider haben wir am Standort keine Erweiterungsmöglichkeiten.“

In Zahlen bedeutet das, dass der Betrieb selbst über etwas mehr als 70.000 Legehennen in Bodenhaltung verfügt, was rund 65.000 Eier pro Tag bringt. Ein Mehrfaches dessen liefern zusätzlich die Partner, nämlich täglich 500.000 bis 600.000 Eier aus Boden-, Freiland- und Bio-Haltung. Die holen die Löwendorfer mit ihren Sattelzügen größtenteils selbst ab, wobei auf kurze Transportwege geachtet wird; die meisten Lieferanten stammen aus Brandenburg, ein paar auch aus Mecklenburg-Vorpommern.

In Aktion: Modernste Maschinen steuern den Verarbeitungsprozess.

„Aus Gründen der Nachhaltigkeit vermeiden wir, die Eier durch halb Europa zu karren“, erklärt Anette Gensch und macht an einem weiteren Beispiel deutlich, dass sie es ernst mit der Nachhaltigkeit meint: „Wir produzieren seit 2013 etwa 50 Prozent unseres Energieverbrauchs mit Hilfe einer Photovoltaik-Anlage selbst. Es ist uns ein echtes Anliegen, ressourcen- und damit umweltschonend zu arbeiten.“

Apropos schonend: Das Ei an sich ist ja ein eher verletzliches Gut, so dass die Frage naheliegt, ob denn im Zuge des Transport- und Verarbeitungsprozesses nicht so manches zu Bruch geht. Dass es einen gewissen Schwund gibt, will die Inhaberin gar nicht wegdiskutieren. Doch erstens sei ein Ei „nicht so fragil, wie man meint; zweitens kriegen unsere Hühner so gutes Futter, dass sie ziemlich stabile Schalen produzieren und drittens sind unsere LKWs technisch so ausgestattet, dass der Schwund überschaubar bleibt.“

Vermarktet wird die Ware hauptsächlich über den Lebensmittelgroß- und -einzelhandel, und zwar meist über deren Zentralläger (Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen), teils auch via Streckenbelieferung. Darüber hinaus ist man sehr stark bei der Direktvermarktung in Berlin: Seit 1992 ist das Unternehmen auf dem Großmarkt Fruchthof-Berlin vertreten, wo drei Mitarbeiter jeden Wochentag zu nachtschlafender Zeit (von morgens 2:30 Uhr bis 9:00 Uhr) die Produkte an Markt- und Einzelhändler, Gastronomen, Frischdienste und sonstige Absatzmittler verkaufen.

In Fahrt: Spezielle Sattelschlepper transportieren das fragile Gut.

Auf diese Weise wandern jeden Monat rund eine Million Eier in allen möglichen „Aggregatzuständen“ über den Tresen: frische Eier, bunte Eier, gekochte und geschälte Eier in Salzlake, Wachteleier sowie Eier im Tetrapack (Vollei, Eigelb, Eiweiß, Rührei). Wie die Absatzmengen belegen, handelt es sich hier um Ware aus Eigen- und Partnerproduktion.

Es werden aber auch Produkte ausschließlich aus eigener Erzeugung vermarktet, und zwar unter der Marke „Regional & Saisonal“. Während der Begriff „Regional“ als Herkunfts-Merkmal selbsterklärend ist, umschreibt „Saisonal“ die Legerunden der Hennen, nicht die Jahreszeiten. Konkret: Die Hühner werden im Alter von 18 Wochen angeliefert und eingestallt; dann dauert es noch zwei bis drei Wochen, bis sie Eier legen. Die eigentliche Saison beginnt, wenn die Hühner mit dem Eierlegen starten, und endet bei deren Schlachtung im Alter von. 80 bis 85 Wochen.

Grundsätzlich ist das Unternehmen immer daran interessiert, neue Partnerbetriebe aufzunehmen. Voraussetzung für eine Zusammenarbeit ist jedoch, dass potenzielle Partner über eine Mindestkapazität von 10.000 bis 12.000 Tieren verfügen. „Das ist für uns die untere Grenze, um solche Größenordnungen in unseren Betrieb einbinden zu können. Interessenten sollen sich einfach melden, um zu klären, ob eine Kooperation sinnvoll und möglich ist“, so Anette Gensch.

pro agro-Zukunftsabend: Regionalität als gemeinsames Projekt

Gruppenbild mit Damen (v.l.n.r.): Kai Rückewold (Geschäftsführer pro agro), Frank Roick, Stefanie Awater-Esper, Jan Schleicher, Christian Heinrich-Jaschinski, Axel Vogel, Frank Mattheus, Hanka Mittelstädt (Vorstandsvorsitzende pro agro), Ludolf von Maltzan, Sebastian Kühn. (Foto: Tim Leidecker)

„Zeitenwende Nahrungsmittelproduktion – wohin geht die Reise für unsere Land- und Ernährungswirtschaft in der Hauptstadtregion?“. Das war das Thema des pro agro-Zukunftsabends, zu dem sich am 5. Mai 2022 rund 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung von Lebensmitteln sowie aus Politik und Medien auf Einladung des Marketingverbandes in der Brandenburger Landesvertretung in Berlin eingefunden hatten. Im Vordergrund der Netzwerk-Veranstaltung stand die Frage, wie das enorme Potential einer regionalen Versorgung der Hauptstadtregion mit Lebensmitteln weiterentwickelt werden kann. Wir hören rein.

Letztlich ging es beim „Zukunftsabend“ darum, Antworten auf folgende Kernfrage zu finden: Welche Rahmenbedingungen sind notwendig, die Hauptstadtregion mit genügend regionalen Lebensmitteln aus Brandenburg zu versorgen? Während des Podiumsgesprächs (moderiert von Stefanie Awater-Esper, top agrar-Hauptstadtkorrespondentin), waren sich die Diskutanten aus den Reihen landwirtschaftlicher Erzeuger, Verarbeiter, Vermarkter und der Politik darüber einig, dass regionale Produkte in den kommenden Jahrzehnten eine maßgebliche und nachhaltige Rolle spielen müssen.

Das war eine klare Botschaft. Doch der Teufel liegt, wie immer, im Detail. Am Anfang steht nämlich die Frage, wie man das Attribut „regional“ überhaupt definieren soll. „Der Regionalitätsbegriff ist außerordentlich vielschichtig“, räumte Landwirtschaftsminister Axel Vogel denn auch ein, fügte aber gleich hinzu: „Wir müssen da streng vorgehen und hohe Standards setzen. Das heißt 90 Prozent der Rohstoffe müssen aus Brandenburg stammen, und sie müssen bestimmte Qualitätsmerkmale aufweisen.“ Der Minister bezog sich mit dieser Definition auf die Vorgaben des Brandenburger Qualitätszeichens (siehe hier).

Die beiden Qualitätszeichen könnten nur dann richtig Wirkung erzielen, fuhr er fort, wenn Berlin seine Ernährungsstrategie umsetzt und die Qualitätskriterien (konventionell/Bio) in den Ausschreibungen als auditiertes Siegel verbindlich vorgibt. Ziel sei es, mit dem ersten Schritt in der Gemeinschaftsverpflegung und anschließend im Lebensmittelhandel relevante Marktanteile zu erobern. „Und wenn Direktvermarkter die Siegel auch nutzen wollen, dann soll es uns recht sein“, fügte er hinzu.

Argumentativ unterstützt wurde Vogel von Markus Kamrad, Staatssekretär für Verbraucherschutz beim Berliner Senat. Er bezeichnete die beiden Brandenburger Siegel  als „sehr guten Einstieg“ für einen Nachweis regionaler Qualitätsmerkmale. Das sei auch wichtig, um diese Merkmale im Vergabeprozess, zum Beispiel bei der Gemeinschaftsverpflegung, „rechtsfest zu verankern“. Und: „Das Ganze baut natürlich auf Lieferfähigkeit auf. Eine Brandenburger Kartoffel in Bio-Qualität und geschält ist gar nicht so leicht zu kriegen“, schränkte er ein.

Wirbt für hohe Standards beim Brandenburger Qualitätszeichen: Minister Axel Vogel vom MLUK Brandenburg. (Foto: Tim Leidecker)

Da ließ die Meinung des Praktikers nicht lange auf sich warten. Die EU-notifizierten Qualitätssiegel „finden wir Landwirte gut“, konstatierte Frank Mattheus, Chef der Agrargenossenschaft Neuzelle, einem der größten landwirtschaftlichen Betriebe Brandenburgs. Aber: „Wo liegt der Mehrwert für den Landwirt, der ja zumindest kostendeckend arbeiten muss?“, fragte er. „Wenn das nicht funktioniert, dann brauchen wir die Siegel nicht.“

Ebenso kategorisch, aber aus anderem Blickwinkel, machte  Frank Wetterich von der Gläsernen Molkerei deutlich, warum er das Siegel nicht nutzen kann. Sein Betrieb verarbeite etwa zwei Drittel der in Brandenburg erzeugten Bio-Milch. Das sei gerade mal die Hälfte seines gesamten Kuhmilch-Bedarfs. „Die andere Hälfte kommt aus den benachbarten Bundesländern, da die Milchmengen aus Brandenburg nicht reichen“, erklärte er. Sein Vorschlag: Man sollte mit den benachbarten Bundesländern enger zusammenarbeiten.

Damit war ein grundsätzliches Problem angesprochen, das Sebastian Kühn (Eberswalder Wurstwaren) folgendermaßen auf den Punkt brachte: „Wir haben in Brandenburg nicht mehr ausreichend Verarbeitungskapazitäten, um die Region mit Lebensmitteln zu versorgen.“ Politik, Verbände und Unternehmen müssten sich „an die Hand nehmen“ und gemeinsam nach Lösungen suchen. Ludolf von Maltzan (Ökodof Brodowin) hat das bereits in Teilen umgesetzt: Angesichts der hohen Energie- und Transportkosten hat er sich mit anderen Betrieben zusammengetan, um die LKWs gemeinsam zu befüllen und auf diese Weise Transportkosten zu sparen.

Und wie sieht das die Vermarkterseite? Die politischen Forderungen nach mehr Einsatz von regionalen Produkten sind etwa für die Cateringbranche eine große Herausforderung, „weil die Preise für Kitas und Schulen mehr oder weniger von den Trägern festgesetzt werden“, so Franck Roick, Mitinhaber der Widynski & Roick GmbH. Ferner reiche die Produktpalette mit entsprechender Verarbeitungstiefe (Convenience) heute oft noch nicht, um komplette Menüs herzustellen.

Netzwerker am Werk: Gedankenaustausch in der Brandenburger Landesvertretung in Berlin. (Foto: Tim Leidecker)

Einigkeit herrscht in der Branche, dass ihr der Kampf mit den höheren Kosten und Preisen zu schaffen macht. „Uns fliegen momentan die Einkaufspreise um die Ohren“, sagte Jan Schleicher, Leiter Category Management der REWE Ost. Wegen der steigenden Inflation könne man auch nicht wissen, wie die Kunden in den nächsten Monaten reagieren. Allgemein seien allerdings schon heute Umsatzverschiebungen vom Vollsortimenter zum Discount festzustellen. Doch trotz dieser Verwerfungen bleibe die REWE konsequent bei ihrem Lokalitätsprinzip. Und: „Wir haben nach wie vor ein Sortiment mit gut aufgestellten regionalen Produkten.“

Wegen der landesspezifischen Limitierungen und der externen Einflüsse wie Lieferengpässe, steigende Rohkosten etc. ist es aus Sicht des Landkreises Elbe-Elster angebracht, „Netzwerke aus Wissenschaft, Landwirtschaft, Verarbeitung und Handel zu bilden“, so Landrat Christian Heinrich-Jaschinski. Ziel sei der zügige Aufbau regionaler Wertschöpfungsketten mit dem Ergebnis, marktfähige Produkte zu entwickeln und zu vermarkten.

Das wiederum provozierte den Ruf der betroffenen Marktplayer nach entsprechender Unterstützung durch den Staat, zum Beispiel bei den Preisverhandlungen. „Für Preisverhandlungen ist nicht der Staat zuständig, das ist Sache der Vertragspartner“, entgegnete Vogel und machte klar, dass sich der Staat nicht unmittelbar in Preisverhandlungen einmischen kann. „Er setzt lediglich die Rahmenbedingungen dafür, dass die Branche bessere Preise erzielt.“

Was die künftige Entwicklung der Branche angeht, sieht Kamrad in weniger als 30 Jahren Großhandelsstrukutren in Berlin, die auf die Produkte in der Region ausgerichtet sind. Wobei er beim Begriff „Region“ auch Sachsen-Anhalt oder Sachsen einbezieht. Seiner Meinung nach muss es jedoch „ein klares Junktim“ zwischen Brandenburg als Lieferant regionaler Produkte und Berlin als großstädtischem Absatzmarkt geben. „Da werden wir viel enger zusammenwachsen“, so seine Prognose.

Interview mit VDSKC-Verbandschef Ralf Blauert

Setzt sich für einheitliche Standards bei Schul- und Kitaverpflegung ein: VDSKC-Verbandsvorsitzender Ralf Blauert

Der 2012 gegründete Verband deutscher Schul- und Kitacaterer e.V. (VDSKC) mit Sitz in Berlin vereint Cateringunternehmen und Akteure der Gemeinschaftsverpflegung aus ganz Deutschland. Er vertritt die Interessen der knapp 30 Mitglieder aus fast allen Bundesländern gegenüber der Politik, versteht sich als Netzwerker innerhalb der Branche und setzt sich für bundesweit einheitliche Standards des Wirtschaftens ein. Wir sprachen mit dem 1. Vorsitzenden Ralf Blauert (Foto), selbst ein erfolgreicher Caterer, der in Potsdam täglich 15 Schulen und 30 Kitas mit mehr als 4.000 Essen versorgt.

Herr Blauert, was treibt Sie momentan am meisten um? Unsere wichtigste Forderung ist derzeit  die Beibehaltung des Mehrwertsteuersatzes von 7 Prozent. Es bahnt sich nämlich an, dass die Politik den Mehrwertsteuersatz wieder auf 19 Prozent anheben will.

 Aber das war doch von vornherein bekannt. Das stimmt. Man hat uns und die gesamte Gastronomie in Corona-Zeiten runtergestuft auf 7 Prozent (außer Getränke), und zwar befristet bis zum Jahresende 2022. Doch wir fragen uns grundsätzlich: Warum soll künftig wieder Hundefutter nur mit 7 Prozent und Kinderverpflegung mit 19 Prozent besteuert werden? Das kann ja wohl nicht sein.

Sie wollen einheitliche Standards für Ihre Branche schaffen. Was meinen Sie damit? Die Bundesländer behandeln Schulessen sehr unterschiedlich, und wir wollen bundesweit gleiche Bedingungen für alle Caterer haben. Konkret: Die Länder sollen die Kosten für Schulessen übernehmen oder wenigstens die Kostenbeteiligung so gestalten, dass sie von den Eltern auch getragen werden kann.

Was würden Sie favorisieren? Eigentlich wollen wir dem Beispiel der skandinavischen Länder folgen, die das Schulessen als integralen Bestandteil von Erziehung und Bildung betrachten und deshalb sagen, dass die Gemeinschaftsverpflegung von den Bildungseinrichtungen beauftragt und getragen werden muss.

Wie schätzen Sie das hierzulande ein? Bei uns hat sich das tradierte Gesellschaftsbild stark geändert. Es gibt immer mehr Doppelverdiener in den Haushalten, was ja politisch auch gewollt ist. Dann müssen aber die staatlichen Institutionen dafür sorgen, dass die Kinder – sei es in Kitas oder in Schulen – vernünftig ernährt werden.

Und wer soll die Kosten tragen? Tatsache ist, dass die Bundespolitik beschlossen hat, ab 2026 den Eltern einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung der Grundschulkinder zu gewähren. Da gehört selbstverständlich eine ordentliche Verpflegung der Kinder dazu. Und wer so etwas beschließt, muss auch die Kosten dafür tragen.

In Berlin ist man da schon weiter, oder? Stimmt. Kein Mensch hätte erwartet, dass ausgerechnet in Berlin („arm, aber sexy“) die kostenlose Verpflegung in Grundschulen und Kitas eingeführt wird, und zwar wenigstens bis zur 6. Klasse. Das ist ein Riesenschritt und modellhaft für die anderen Bundesländer – ein echtes Vorzeigeprojekt, das funktioniert.

Reibungslos? Natürlich gibt es noch den einen oder anderen kleinen Stolperstein, aber es zeigt: Wenn die Politiker wollen, dann geht‘s auch. Und gerade durch die klima- und ernährungsbewusste Generation kommt in dieses Thema neue Bewegung rein; wir hoffen, dass wir davon ein Stück weit profitieren können.

Schulverpflegung ist Ländersache. Gibt es da Änderungsbedarf? Unserer Meinung nach sollte der Bund dafür verantwortlich sein. Der hat sich ja bei der Medien- und Internetausstattung der Schulen auch engagiert und die Kosten übernommen. Es wäre also durchaus machbar, dass sich der Bund einschaltet. Man muss es nur wollen.

Ihr Verband hat 2019 das Projekt „Wo kommt dein Essen her?“ gestartet. Was ist das Ziel? Wir wollen bewusste und gesunde Ernährung in den Schulen zum Thema machen. Konkretes Ziel ist, den Anteil regionaler Bio-Lebensmittel in der Gemeinschaftsverpflegung zu erhöhen. Das Projekt wird vom Berliner Senat gefördert, und wir sind der Projektträger.

Und wie beurteilen Sie die Einführung der Brandenburger Qualitätssiegel mit Blick auf die Gemeinschaftsverpflegung? An sich halten wir das für eine gute Idee, wenngleich diese Maßnahme etwas überraschend kam. Und es ist alles andere als sicher, dass die landwirtschaftlichen Erzeuger die notwendigen Mengen an regionalen und Bio-Produkten überhaupt zur Verfügung stellen können. Nehmen wir nur unsere Branche: Wir stellen allein in Berlin täglich 175.000 Grundschulessen her. Hinzu kommen die weiterführenden Schulen, Kitas, öffentlichen Mensen, Kliniken, Betriebskantinen und viele andere Einrichtungen mehr. Da stellt sich ernsthaft die Frage, wie das Mengenproblem gelöst werden soll.

Wie könnten Sie sich die Einführung der Zeichen in die Gemeinschaftsverpflegung vorstellen? Es wird sicherlich ein intensiver Abstimmungsprozess zwischen Politik, Produzenten, Logistikern, Caterern und Abnehmern stattfinden müssen. Darüber hinaus ist es ja so, dass wir Caterer schon seit Jahren mit verschiedenen Siegeln arbeiten. Wir kennen uns damit aus, wissen also, was auf uns zukommt, und halten diese Initiative für machbar.

Verband Deutscher Schul- und Kitacaterer e.V. (VDSKC)
Lorenzweg 5
12099 Berlin
0152/07434966
info@vdskc.de
www.vdskc.de

Gut und Bösel: Landwirtschaft im Einklang mit der Natur

Benedikt Bösel, „LandVisionär“ einer regenerativen Landwirtschaft (Foto: Emanuel Finckenstein).

Bei Gut und Bösel in Briesen (Mark) ist alles auf Modus „Multi“ geschaltet. Das beginnt mit Inhaber und Geschäftsführer Benedikt Bösel, der zwei Studien absolviert hat (Business Finance, Agrarökonomik) und vor Übernahme des elterlichen Bio-Betriebs (2016) zehn Jahre als Berater in der Finanzbranche gearbeitet hat; das setzt sich fort in den vielseitigen Betriebsaktivitäten sowie in der Umsetzung „multifunktionaler Landnutzungskonzepte“; und findet sich schließlich wieder im Miteinander von Forschung und landwirtschaftlicher Praxis. Ein Blick hinter die Kulissen.

Unsere Gesprächspartnerin Lea Ligat verkörpert, natürlich, ebenfalls das Thema „Multifunktionalität“, da sie ein ganzes Bündel von Managementaufgaben zu erledigen hat: Kommunikation, Marketing, Vertrieb und Veranstaltungen. Zum Unternehmen selbst erzählt sie, dass es aus mehreren Gesellschaften besteht, die unter der Dachmarke „Gut und Bösel“ vereint werden sollen. Das betrifft den Forstbetrieb mit 2.000 Hektar und die LandVision Alt Madlitz GmbH mit 1.000 Hektar landwirtschaftlicher Fläche, die von Benedikt Bösel gegründet worden ist.

Unter dem Dach der Neugründung befinden sich die mobile Hühnerhaltung mit 300 Legehennen unterschiedlicher Rassen, die für „bunte“ Eier sorgen. Dazu gehört ferner die Mutterkuhherde mit 100 Tieren plus derzeit 25 Kälbern; dabei handelt sich um eine gemischte Herde aus Angus- und französischen Salers-Rindern, die nach den Grundsätzen eines „ganzheitlichen Weidemanagements“ gehalten werden. Die Kühe werden dabei eng zusammengestellt und jeden Tag weiterbewegt, was die Bodenqualität hebt und das Graswachstum fördert.

Drittes Standbein der „LandVision“ sind die Agroforst-Aktivitäten. „Beim Konzept Agroforst wird die Fläche mit Baumstreifen kombiniert, so dass zwischen den Reihen nach wie vor Ackerbau betrieben werden kann“, erklärt Lea Ligat. Die Baumstreifen können aus Obst-, Nuss-, oder Edelholzstreifen bestehen. „Das ist gut gegen Winderosion und gut für Biodiversität und Böden. Und zu guter Letzt natürlich auch für die Bauern selbst, da auf den Streifen Mehrfach-Ernten pro Jahr möglich sind“, fügt sie hinzu.

Lea Ligat, das Multifunktions-Talent / Agroforst aus der Vogelperspektive (Fotos: Emanuel Finckenstein).

Bewirtschaftet wird der Betrieb mit 25 Beschäftigten zuzüglich acht bis zehn Praktikanten. Die Erzeugnisse – insbesondere Eier, Rindfleisch und Wildfleisch (aus eigener Jagd) – wird derzeit über die „Plattform 2020 für gute Lebensmittel“ vermarktet, und zwar hauptsächlich in der Gastronomie. Dieses in der Berliner Markthalle Neun angesiedelte, engmaschige Vermarktungs-Netzwerk (siehe pro agro-Newsletter 10/2021) betreibt dort nebenbei auch einen Verkaufsstand („Beet und Baum“), wo das eine oder andere Produkt direkt den Endverbraucher erreicht.

Im Spätsommer dieses Jahres wird zusätzlich ein Online-Shop gestartet, wo Endverbraucher regelmäßig einkaufen können: frisches und verarbeitetes Fleisch (Wurst), Obst und Gemüse (Saisonware) etc. Und wie sieht’s mit einem eigenen Hofladen vor Ort aus? „Das zählt gegenwärtig nicht zu unseren Prioritäten, aber wir behalten das im Auge“, heißt es. Was aber im kommenden Sommer konkret wird, ist ein Pop-up-Restaurant. Von Mitte Juli bis Mitte August können an einer langen Tafel auf den Feldern des Betriebs die von Profiköchen zubereiteten Produkte verkostet werden (Vorbestellung empfehlenswert).

Als wären das neben der landwirtschaftlichen Arbeit und der Vermarktung der Erzeugnisse nicht genug der Aktivitäten, hat Benedikt Bösel vor gut einem Jahr eine Stiftung gegründet. Deren Zweck ist die Erforschung und Entwicklung multifunktionaler Methoden der Landwirtschaft. „Die Stiftung nutzt praktisch die vorhandenen Flächen als Reallabor“, erläutert Lea Ligat. In enger Kooperation mit Universitäten und Forschungsinstituten will man herausfinden, welchen Einfluss die verschiedenen Ackerbau-Methoden auf die Biodiversität und das gesamte Ökosystem haben.

Konkret geht es dabei um innovative Landnutzungskonzepte, die eine zukunftsfähige, klimaresiliente Landwirtschaft in unserer Region ermöglichen. „Multifunktionalität“ heißt in diesem Zusammenhang, dass auf den Flächen die synergetischen Beziehungen zwischen Pflanze, Baum und Tier genutzt werden und dadurch ein großes Spektrum der Anpassung an standortbezogene Bedingungen erreicht wird. Basis und Ziel dieser in der Praxis angewandten Ansätze ist eine regenerative Landwirtschaft – nicht als Selbstzweck, sondern um „den nachfolgenden Generationen eine lebenswerte Welt zu hinterlassen“, so die Unternehmensphilosophie.

LandVision Alt Madlitz GmbH
Schlossstraße 32
15518 Briesen (Mark) OT Alt Madlitz
033607/293
info@gutundboesel.org
www.gutundboesel.de

Alles vom Land: Regionalität in Reinkultur

Sie kennt ihre Pappenheimer: Vivien Chrobok

Sie sei „das Mädchen von nebenan“, sagt sie von sich selbst. Das signalisiert emotionale Nähe zur brandenburgischen Heimat und tiefe Verwurzelung mit der Region. In der Tat lebt Vivien Chrobok diese Haltung nicht nur als Privatperson, sondern auch als junge Unternehmerin, die zusammen mit ihrem Kompagnon Michel Stumpe im Sommer 2021 den Direktvermarkter „Alles vom Land“ an den Start gebracht hat. Lesen Sie weiter, wie und warum der regionale Lieferdienst so erfolgreich ist.

Wenn Vivien Chrobok sagt, es sei ihr „ein ganz persönliches Bedürfnis“, regionale Erzeuger zu unterstützen und die Region zu stärken, dann ist das nicht nur so dahingesagt, sondern klingt absolut glaubwürdig: In Ludwigsfelde geboren und in Thyrow aufgewachsen (wo sie heute noch lebt) erfährt sie hautnah, was die landwirtschaftlichen Betriebe alles anbauen. Und sie sieht auch, dass die Bauern – zumal während der Saison – wenig bis gar keine Zeit haben, über die Wochenmärkte zu tingeln und ihre Erzeugnisse zu verkaufen.

Umgekehrt hat sie festgestellt, dass die an heimischen Produkten interessierten Konsumenten sich kaum die Zeit nehmen, von Hofladen zu Hofladen zu eilen und die gewünschten Lebensmittel zu kaufen. Beides hat sie auf den Gedanken gebracht, eine Mittlerfunktion zu übernehmen, sprich: die landwirtschaftlichen Erzeugnisse in der Region „einzusammeln“ und zu vermarkten. War die Idee erst mal geboren, ließ die Unternehmensgründung nicht lange auf sich warten: AllesVom.Land mit Vivien Chobrok als Geschäftsführerin ging an den Start.

Der Firmenname ist Programm: Er steht für Nachhaltigkeit und konsequente Regionalität. „Wir vermarkten ausschließlich Produkte aus unserer Region“, erläutert die Inhaberin, „wobei wir mit einem Radius von 50 km begonnen haben“. Dieser relativ enge Umkreis deckt das Lieferanten- und das Absatzgebiet gleichermaßen ab. Bedingt durch das rasante Unternehmenswachstum dürfte es dabei nicht bleiben, aber über 150 km hinaus wird’s nicht gehen. Anders ausgedrückt: Die Wertschöpfung vom Erzeuger bzw. Verarbeiter über den Vermarkter bis zum Konsumenten kommt ausschließlich Brandenburg zugute.

Das Lebensgefühl „Nähe zur Heimat“ bringt Vivien Chrobok auch in die Partnerschaft mit Landwirtschaft und Lebensmittelhandwerk ein. Das heißt, sie kennt ihre Pappenheimer, da sie jeden Lieferanten besucht und sich persönlich ein Bild über deren Arbeitsweise und Erzeugnisse macht. Ein positiver Nebeneffekt: Bei diesen Gelegenheiten sammelt sie die Geschichten, die hinter den Produkten stehen und die sie – Mantra des modernen Marketings – den Kunden erzählen kann.

Hölzerne Transportbox: Verpackungsfrei, wenn’s irgendwie geht.

Grundsätzlich macht sie bei der Lieferanten-Akquisition keinen Unterschied zwischen konventionellen und ökologischen Betrieben. Was zählt, sind vielmehr Regionalität „in Reinkultur“ und Tierwohl: artgerechte Aufzucht mit entsprechender Fütterung, Weidehaltung und Schlachtung. Überdies legt sie Wert auf faire Zusammenarbeit mit den Lieferanten. „Bei uns gibt es kein Preisgeschacher oder Preisdumping“, betont sie.

Und so funktioniert das Geschäft: 60 Prozent der Lieferanten bringen die Ware ins firmeneigene Logistikzentrum (in Mittenwalde), die dort zwischengelagert und für den Vertrieb kommissioniert wird. Von der Kundenbestellung bis zur Auslieferung vergehen nicht mehr als drei Tage. Bei den verbleibenden 40 Prozent Lieferanten – das sind meistens kleinere Betriebe – holt das Unternehmen die Produkte einen Tag vor Auslieferung selber ab. Nach Kommissionierung wird die bestellte Ware mit eigenen Fahrzeugen direkt an die Haustür der Kunden gebracht.

Die Produkte werden verpackungsfrei in nachhaltigen Holzboxen transportiert, die nach Erstlieferung bei den Kundenhaushalten bleiben und dort gemäß der neuen Bestellung wieder befüllt werden. „Das funktioniert wie ein Briefkasten für Lebensmittel“, sagt Vivien Chrobok. „Die Kunden stellen bei Abwesenheit die Box so zugänglich für uns auf, dass wir praktisch eine Zustellquote von 100 Prozent erreichen“, fügt sie hinzu.

Der Vertriebsschwerpunkt liegt derzeit in Brandenburg, weil die Logistik im ländlichen Raum relativ einfach zu handhaben ist. Demgegenüber ist Berlin als Absatzgebiet praktisch noch ein weißer Fleck, wenn man von den am Rande gelegenen Stadtteilen Zehlendorf und Mariendorf absieht. „Die letzte Meile“ der Auslieferung ist dort sehr schwierig und kostenintensiv. Lastenräder für die verkehrsreiche Kurzstrecke könnten da hilfreich sein. Kurz: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Was für das Vertriebsgebiet gilt, nämlich die Erweiterung, gilt auch für das Produktangebot: Da ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Mit anderen Worten: „Wir sind bereit, weitere Erzeuger und Verarbeiter in den Kreis unserer Lieferanten aufzunehmen. Da wir auch mit sehr kleinen Betrieben zusammenarbeiten, die nicht über die von uns benötigten Mengen verfügen, müssen wir ein gewisses Back-up durch andere Lieferanten schaffen, um die Lücken zu schließen. Wir sind eben ein schnell wachsendes Unternehmen“, heißt es.

Alles vom Land
Grasweg 22
14532 Kleinmachnow
0176/30502085
vivien.chrobok@allesvom.land
www.allesvom.land

Presseeinladung – Vorabtermin zur Eröffnung „Hall of Meat“ in Wildau

Gerne möchten wir Sie freundlich auf einen Vorabtermin zur Eröffnung der „Hall of Meat“ in Wildau aufmerksam machen und Sie im Namen des Inhabers, Gründers und Ideenschmieds Olaf Mahr herzlich zur Teilnahme einladen.

Pressetermin:
Mittwoch, 11.05.2022
14 Uhr

Hall of Meat
Jahnstr. 26-28
15745 Wildau

Die „Hall of Meat“ in Wildau eröffnet am 12.05.22 ihren Verkauf mit vielen verschiedenen regionalen und nachhaltigen Produkten.

Der Ansatz vom Hall of Meat Team ist lokale Produkte, wie zum Beispiel das mehrfach prämierte Fleisch von Märkischem Kartoffelschwein und Märkisch Beef, partnerschaftlich und nachhaltig zu produzieren und Partnern eine faire Bezahlung zu bieten. Hierdurch werden die ländlichen Strukturen in der direkten Nachbarschaft gestärkt und diese Premium-Produkte den Kunden zugänglich gemacht.

„Aus Sicht des Verbandes pro agro ist das Konzept der „Hall of Meat“ ein mustergültiges, viel versprechendes und hoffnungsfroh stimmendes Beispiel für die Arbeit in den viel beschworenen und heute umso dringender benötigten regionalen Wertschöpfungsketten. Von der Aufzucht über die Verarbeitung bis ins Ladengeschäft ist Regionalität, handwerkliches Können und Transparenz oberstes Gebot und gleichzeitig Versprechen an und für die Kundschaft. Wir wünschen Olaf Mahr und seinem Team den größtmöglichen Erfolg und möchten dringend zur Nachahmung anregen.“ so Kai Rückewold, Geschäftsführer des Verbandes pro agro

Der Verband pro agro engagiert sich seit 30 Jahren für die Vernetzung und Vermarktung von Brandenburger Angeboten und Dienstleistungen aus den Bereichen Agrar- und Ernährungswirtschaft sowie Land- und Naturtourismus.

meat-bringer.de
proagro.de

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Landfleischerei Ranzig: Regionalität auf ganzer Linie

In allen Filialen der Landfleischerei Ranzig findet die Kundschaft ein vielfältiges Angebot vor.

In allen Filialen der Landfleischerei Ranzig findet die Kundschaft ein vielfältiges Angebot vor.

Die Landfleischerei Ranzig ist ein Betrieb, der es buchstäblich „in sich“ hat: Von der landwirtschaftlichen Erzeugung (Futter und Aufzucht der Tiere) über die Produktion (Schlachtung und Verarbeitung) bis zum Verkauf (Direktvermarktung von Frischfleisch und diversen Wurstsorten) liegt alles in einer Hand. Für Frank Groß, Vorstandsvorsitzender der Agrargenossenschaft Ranzig, zu der die Landfleischerei gehört, ist das gerade in heutigen Zeiten Segen und Fluch zugleich. Warum das so ist, lesen Sie im folgenden Bericht.

Frank Groß (Foto unten) lebt seinen Beruf als Landwirt „nah an der Scholle“, und zwar konsequent, soweit das möglich ist. Darunter versteht er nicht nur den vollständig geschlossenen Wirtschaftskreislauf, der zu seinem Selbstverständnis gehört, sondern auch Nachhaltigkeit und Tierwohl. Herkunft und Glaubwürdigkeit sind für ihn keine hohlen Phrasen oder leeres Marketing-Geschwätz, sondern ein starkes Qualitätsargument: Gut versorgte Tiere liefern gutes Fleisch.

In der Praxis heißt das: Auf 1.800 ha landwirtschaftlicher Nutzfläche werden Getreide, Mais & Co. angebaut, aus denen die Futter-Silage für die Rinder gespeist wird, und zwar für die 650 Milchkühe Im Stall sowie die 250 Mutterkühe (plus Nachzucht und aufgemästete Kälber), die sich übrigens das ganze Jahr über auf der Weide befinden. Dort werden auch die Kälber geboren, die ein halbes Jahr bei der Mutter bleiben, anschließend in den Stall kommen und dort bis zur Schlachtung weiter gemästet werden.

Auch den Schweinen (130 Sauen) gönnt man eine tiergerechte Behandlung. Sie wachsen in begrünten und großzügigen Ställen auf und werden einen Tag vor der Schlachtung ins eigene Schlachthaus gebracht, wo sie sich in einem separaten Stall beruhigen können. Durch den damit verbundenen geringeren Adrenalin-Ausstoß erhöht sich die Fleischqualität. „Wir produzieren nur so viel Schweine, wie wir schlachten, verarbeiten und vermarkten können“, sagt Frank Groß. Das summiert sich auf knapp 3.500 Schweine pro Jahr.

Auch im klassischen Lebensmittelhandel ist man präsent, wenn auch nur mit Wurstwaren und quasi „rund um den Kirchturm“, also im Umkreis von etwa 30 bis 40 km. Derzeit werden vor allem Edeka, Rewe, Marktkauf und Kaufland beliefert. Zunehmend befindet sich auch Berlin im Blickpunkt, wo die Distribution teils selbst, teils in Kooperation mit Werder Frucht gestemmt wird. Arrondiert wird der Absatz durch den Online-Shop sowie den florierenden Party-Service.

Dieses ausgeklügelte Sortiments- und Verkaufskonzept sorgt In normalen Zeiten dafür, dass das Geschäft brummt. Aber was ist heute, in Zeiten der Pandemie und der Ukraine-Krise, schon „normal“? Das an sich erfolgreiche Prinzip der „regionalen Wertschöpfungskette“, wonach die Landfleischerei arbeitet, ist momentan kein Selbstläufer mehr. „Die Verbraucher kaufen angesichts der auf ganzer Linie steigenden Preise weniger regionale Produkte ein“, so die Erfahrung von Frank Groß.

Im Schnitt seien deshalb die Umsätze seines Betriebes um gut fünf Prozent zurückgegangen, berichtet er weiter. Das wiederum bedeutet, dass ursprünglich geplante Investitionen wie Filial-Umbau oder -Neubau zurzeit zurückgestellt werden. „Wir gehen heute nicht so ins Risiko wie normalerweise“, resümiert er.

Landfleischerei Ranzig
Ranziger Hauptstraße 9
15845 Tauche OT Ranzig
033675/5236
info@landfleischerei-ranzig.de
www.landfleischerei-ranzig.de

Chefs Culinar Nord-Ost: Neuer Standort für mehr Regionalität

Ware fertig zum Transport...

Ware fertig zum Transport…

Mit acht Niederlassungen und 23 Stützpunkten sieht sich der Lebensmittel-Großhändler für Gastronomie, Hotellerie und Gemeinschaftsverpflegung deutschlandweit groß aufgestellt, aber trotzdem so regional, dass er immer in Kundennähe ist. So heißt es in der Selbstbeschreibung des Unternehmens. Was das für den Food Service-Lieferanten in der Region Berlin-Brandenburg im praktischen Zusammenspiel mit seinen Kunden bedeutet, haben wir im Gespräch erkundet.

„Die Regionalität und Lieferanten vor Ort sind uns seit jeher wichtig“, sagt René Koop, Einkaufsleiter von Chefs Culinar Berlin-Brandenburg. Bekräftigt wird dies von Marketingleiterin Julia Neumann mit dem Hinweis darauf, dass die „individuellen Kundenbedürfnisse nie in Gänze ausschließlich mit unserem nationalen Angebot abdeckbar sind, da Regionalität und Nachhaltigkeit immer wichtiger werden“. Das ist auch der Grund, warum in Ludwigsfelde eine weitere Niederlassung gebaut wird, um noch näher an den Lieferanten und Kunden dran zu sein – näher in puncto Logistik, regionale Produkte, Beratung und vieles mehr.

Wobei die Vermarktung regionaler Produkte alles andere als eng gesehen, also durchaus flexibel gehandhabt wird. Beelitzer Spargel etwa wird derzeit in ansehnlichen Mengen auch den gastronomischen Betrieben an der Ostseeküste geliefert. Warum? „Weil die Berliner als Urlaubsreise oder Wochenendausflug nach Norden ausschwärmen und dort Beelitzer Spargel essen wollen“, erzählt René Koop – purer Kunden- und Verbraucherservice also, der den mobilen Berlinern auch auswärts ein Stück Heimat auf dem Teller serviert.

Bei Chefs Culinar wie anderswo ist deutlich spürbar, dass der Kundenwunsch nach Regionalität kontinuierlich wächst. Deshalb versucht der Großhändler, die Bandbreite entsprechender Sortimente und Lieferanten zu erweitern. So sind die betriebseigenen „Pfadfinder“ auch in Brandenburg stets auf der Suche nach heimischen Produkten wie Fleisch, Fisch oder Obst & Gemüse – keine leichte Aufgabe, da es um einen Strauß unterschiedlicher Anforderungen geht: Sortimentsvielfalt, Produktqualität und -sicherheit oder Nachhaltigkeit und kurze Wege, um nur einige zu nennen. Wichtig auch: Die Partner der Vorstufe müssen die erforderlichen Mengen zuverlässig bereitstellen können, was nicht jeder potenzielle Lieferant gewährleisten kann.

...und auf dem Weg zum Kunden.

…und auf dem Weg zum Kunden.

Ein so großes und vielseitiges Unternehmen verfügt über genügend Know-how und Marketingpower, um nicht nur „passgenau“ die Kundenwünsche im Nachvollzug zu erfüllen, sondern auch proaktiv zusätzliche Nachfrage nach bestimmten Warengruppen zu schaffen. „Wir können als Marktführer neue Wege gehen, die nachgelagerte Betriebe nutzen und sagen, da gehen wir mit. Hier sind wir durchaus Vorreiter in der Branche“, erläutert René Koop.

Aber wie bei anderen Unternehmen auch, gibt es in diesem Business limitierende Faktoren als da sind: Personalmangel, steigende Personal- und Energiekosten oder dramatisch erhöhte Rohstoffpreise. Das treibt die „Tellerpreise“, so der Branchenjargon, derart in die Höhe, dass die Marktteilnehmer nach Alternativen suchen müssen. „Aus unserer Sicht heißt das, dass wir dem Kunden ergänzend Convenience-Lösungen anbieten und unsere Köche neue Produkte entwickeln“, erklärt Julia Neumann.

Mit der neuen Niederlassung in Ludwigsfelde setzt das Unternehmen ein Zeichen für mehr Regionalität und Nachhaltigkeit. Durch Stärkung der regionalen Wertschöpfungsketten werden u.a. neue Arbeitsplätze geschaffen und gesichert, was letztlich auch dem Interesse des Gemeinwohls dient.

Chefs CulinarCHEFS CULINAR Nord-Ost GmbH
Ernst-Abbe-Straße 2
17033 Neubrandenburg
info-nb@chefsculinar.de
www.chefsculinar.de

Holland-Park Schwanebeck: Freizeit, Gastronomie und Handel an einem Ort

Abenteuer, Spaß, Gastronomie und Gartencenter – das ist der Holland-Park Schwanebeck.

Blick in die 3.600 m² große Indoorspielhalle „Speelparadijs“.

Es war der Traum und ein jahrelanges Geduldsspiel, ein finanzieller Kraftakt und eine organisatorische Meisterleistung: Als die Familie Roelofs am 5. April dieses Jahres ihren Freizeitpark im Nordosten Berlins (teil-) eröffnete, fiel allen Beteiligten ein Stein vom Herzen. Und es fiel der Startschuss für ein außergewöhnliches Projekt, das zum Shoppen und Speisen, zu Spiel und Spaß einlädt – kurz: eine spannende Location für Besucher. Aber auch für heimische Lieferanten, auf die nämlich ein vielversprechender Hot Spot der Vermarktung wartet.

Als Theo Roelofs, Spross einer traditionsreichen holländischen Gärtnerfamilie, zum ersten Mal nach Berlin und Brandenburg kam, entwickelte er gemeinsam mit Ehefrau Astrid den Plan, die eigene Gärtnerei bei Nimwegen aufzugeben und hier im wahrsten Sinne des Wortes neue Wurzeln zu schlagen. Das war 1993. Zwei Jahre später war das kühne Vorhaben Realität: das Gartencenter in Berlin-Tegel, dem weitere Standorte folgten, und zwar Schwanebeck (1999) und Märkisches Viertel (2006).

Im Jahr 2002 reifte der nächste Traum. Nach einem Familienbesuch im Freiluftmuseum Zaanse Schans bei Amsterdam ließ das Unternehmerpaar die Idee nicht mehr los, auch den Menschen in Berlin holländisches Leben des 17. Und 18. Jahrhunderts näher zu bringen: Windmühlen, kleine Häuser mit den typischen Fassaden, gebogene Brücken, die über Wassergräben führen, Schafe.

Es dauerte gut zehn Jahre, bis 37 Grundstücke rund um das bestehende Gartencenter in Schwanebeck erworben waren – eine Gesamtfläche von 19 Hektar, zehn davon als Ausgleichsfläche mit 40 Bienenstöcken ausgestattet. Dann war es an der Zeit, mit der Planung des holländisch inspirierten Erlebnisparks zu beginnen. Ganze sieben Jahre nahmen die Genehmigungsverfahren in Anspruch, bis kurz vor Weihnachten 2020 der erste Spatenstich den Beginn einer Großbaustelle markierten.

Gartencenter mit historischer Scheune aus Holland.

Gartencenter mit historischer Scheune aus Holland.

Es dauerte aber nur 15 Monate, bis der Hollandpark so weit fertiggestellt war, dass er seine Pforten öffnen konnte. Bereits heute wird das großflächige Gartencenter umgeben von einem großzügigen Bauernmarkt, von umfangreichen gastronomischen Angeboten sowie einem außergewöhnlichen Freizeitpark, zu dessen Attraktionen neben der restaurierten Achtkant-Holländer-Mühle sicherlich der riesige Rutschenturm gehört – Spiel und Spaß für Kind und Kegel. In der nächsten Phase wird auf dem hinteren Teil des Geländes an zusätzlichen Attraktionen gearbeitet. Eröffnung zur Jahreswende 2022/23.

„Obwohl wir noch nicht komplett geöffnet haben, wird unser Projekt schon jetzt sehr gut angenommen“, schwärmt Theo Roelofs. „Der Parkplatz war und ist voll, Besucherzahlen und Umsätze stimmen.“ Das ist auch gut so, denn satte 28 Millionen Euro musste er in die Hand nehmen, um den Traum zu verwirklichen. Der Erlebnispark, der verkehrsgünstig am Autobahnfreieck Barnim liegt, wird 365 Tage im Jahr geöffnet sein. Derzeit sorgen 85 Mitarbeiter dafür, dass der Laden rund läuft; der fertige Betrieb wird ab 2023 etwa 120 Beschäftigte haben.

Eins liegt dem Unternehmer noch am Herzen: Er ermuntert weitere Vermarktungspartner aus der Region, ihre Ware in der rund 600 Quadratmeter großen Bauernmarkthalle zu präsentieren und zu verkaufen. Willkommen sind nicht nur Lebensmittler, sondern auch Hersteller von handwerklichen Produkten. „Nischenprodukte von Einmann-Betrieben und in kleiner Stückzahl finden bei uns ebenso Platz wie größere Firmen. Interessenten können gern auf mich zukommen“, betont er.

Holland-Park SchwanebeckHollandpark Schwanebeck
Inhaber: Theo Roelofs
Dorfstraße 30
16341 Panketal OT Schwanebeck
(0160) 97 98 51 70
theo.roelofs@gartencenter-holland.de
www.hollandpark.de

Unternehmensporträt: Fürstenwalder Agrarprodukte

Setzt auf nachhaltige Lebensmittelproduktion und Landschaftspflege: Inhaber und Geschäftsführer Benjamin Meise

Setzt auf nachhaltige Lebensmittelproduktion und Landschaftspflege: Inhaber und Geschäftsführer Benjamin Meise

„Wir sind ein kleiner unter den großen landwirtschaftlichen Betrieben in Brandenburg“, sagt Benjamin Meise. Doch was der Inhaber und Geschäftsführer der Fürstenwalder Agrarprodukte GmbH als „klein“ tituliert, klingt mit den gut 3.000 ha Nutzfläche und den 750 Kühen eher wie eine ziemlich große Nummer. Und das ist es auch: ein Hochleistungsbetrieb (nicht nur) der Milchwirtschaft, der sich der nachhaltigen Lebensmittelproduktion und der Landschaftspflege verschrieben hat.

In der Praxis stellt sich das folgendermaßen dar: Am Standort Buchholz (Landkreis Oder-Spree) produziert der Familienbetrieb täglich rund 20.000kg Rohmilch, deren Löwenanteil (gut 90 Prozent) an das Deutsche Milchkontor geliefert wird. Dort, in Deutschlands größter Molkerei, wird die zertifizierte Qualitätsmilch zu einer Vielzahl von Lebensmittelprodukten verarbeitet. Die in Buchholz verbleibende Milch wird unter dem Label „MilchQuelle“ in Eigenregie vermarktet, und zwar hauptsächlich über Milchautomaten und Dispenser an verschiedenen Standorten in Berlin und Brandenburg (darüber haben wir ausführlich im pro agro-Newsletter 07-08/2019 berichtet).

Dieser Vertriebsweg hat sich so gut etabliert, dass man beginnen konnte, die hochqualitative Milch selbst zu verarbeiten. Das steigert ja nicht nur die Auslastung der hofeigenen Molkerei, sondern erweitert auch das Sortiment. Konkret: Seit kurzem wird die Gastronomie über die Milch in 10l-Beuteln hinaus mit stichfestem Naturjoghurt beliefert. Dabei bleibt’s aber nicht: „In der Pipeline“ befinden sich auch der flüssigere Trinkjoghurt, der – wie die Milch – mit Hilfe von Dispensern direkt vermarktet werden kann. Und nicht zu vergessen die geplante Käseproduktion. Den Einstieg soll Grillkäse bilden, „doch da sind wir noch nicht ganz so weit“, meint Benjamin Meise. Was nicht selbst vermarktet wird, geschieht über den regionalen Lieferdienst „Alles vom Land“.

Den Direktvermarktungsanteil von jetzt unter zehn Prozent will der studierte Betriebswirt und gelernte Landwirtschaftsmeister kräftig erhöhen. Für spätestens nächstes Jahr hat er die Marke von 30 Prozent angepeilt; als langfristiges Ziel schweben ihm sogar 100 Prozent vor. Aber wieso will er den klassischen Absatzmittler, also den Lebensmittelhandel, nicht mit ins Boot nehmen? „Das macht nur Sinn, wenn man ein unverwechselbares Produkt hat“, sagt er. Und: „Außerdem wollen wir uns nicht dem Preiskampf aussetzen. Zu unserer Ziel- und Stammkundschaft gehören vielmehr Verbraucher, die bereit sind, mehr Geld für unsere Produkte auszugeben.“

Das gilt auch für die Fleischprodukte: Alle sechs Wochen wird ein Jungrind bei einem Partnerbetrieb geschlachtet. Die Jungrinder stammen aus der Fürstenwalder Vieh und Fleisch GmbH Briesen, einer Tochtergesellschaft, die sich um die Aufzucht der Buchholzer Kälbchen kümmert. Dort sind auch die 22.000 Legehennen „angesiedelt“, die täglich für rund 17.000 Eier Nachschub sorgen. All diese Produkte werden unter anderem über den eigenen Hofladen vermarktet.

Überdies wird auf den ausgedehnten Flächen natürlich auch klassischer Ackerbau betrieben, vor allem Raps und Getreide; die Feldfrüchte werden einerseits an die verarbeitende Industrie verkauft, andererseits als Futter für die Tiere verwendet. Nach den extrem trockenen Sommern 2018/2019 begann der Landwirt, alternative Kulturen wie Hartweizen, Dinkel oder Hanf anzubauen. Obwohl gerade Hanfprodukte derzeit nicht leicht zu vermarkten sind, sieht man wegen ihrer beruhigenden Wirkung doch Zukunftspotenzial. Die sehr vielseitige Pflanze wird heute zu Kaffee oder Tee veredelt und deren Samen Backmischungen beigegeben.

All sein Tun hat Benjamin Meise dem Thema „Nachhaltigkeit“ untergeordnet. Darunter versteht er dreierlei: regenerative Landwirtschaft im Einklang mit der Natur (Schutz der Umwelt), soziale Verantwortung gegenüber Mitarbeitern und lokaler Lebensgemeinschaft, Rentabilität in der Ökonomie als Zukunftssicherung für den Betrieb.

Dass dies keine leeren Worte sind, zeigt folgendes Beispiel: Zusammen mit fünf weiteren Landwirten plant er die Errichtung des „Klimaparks Steinhöfel“. Hier werden auf mehreren Einzelflächen (zusammen 500 ha) Solaranlagen gebaut. Die einzelnen Module werden zwischen 1,80m und 3,00m hoch sein und wie Gewächshäuser wirken, unter denen die Flächen landwirtschaftlich genutzt werden können, etwa für Bienenvölker, mobile Hühnerställe oder Schafhaltung, aber auch für Gemüse- und Heilpflanzenanbau. Damit das Landschaftsbild so wenig wie möglich gestört wird, werden rund um die Anlagen hohe Hecken gepflanzt – insgesamt also ein Konzept, wo Strom aus erneuerbaren Energien mit regenerativer Landwirtschaft vereinbart werden. Und ganz im Sinne eines Landwirts, der sich der nachhaltigen und ganzheitlichen Wirtschaftsweise verpflichtet fühlt.

Fürstenwalder Agrarprodukte GmbH
Buchholzer Dorfstraße 23
15518 Steinhöfel/OT Buchholz
033636/276-10
benjamin.meise@agrafrisch.de
www.agrafrisch.de

pro agro-Stammtisch der Ernährungswirtschaft

Jan Schleicher (rechts im Bild) hat es mit besonders preissensiblen Kunden zu tun.

Jan Schleicher (Rewe Ost, rechts im Bild) spricht vor den Teilnehmern des pro agro Branchentreffen

Das von pro agro initiierte Branchentreffen der Ernährungswirtschaft am 17.03.2022 im Spargelhof Klaistow stand unter dem Generalthema „Kooperationen und Vermarktungsaktivitäten mit dem Handel in der Hauptstadtregion – Rewe Ost.“ Ferner ging es um eine Analyse des Status quo und der künftigen Performance des Lebensmittelhandels in Brandenburg. Die knapp 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten einen Einblick in die wirtschaftliche Power des Händlers und in die Verbrauchertrends.

Jan Schleicher vertritt die größte Region der REWE Markt GmbH, nämlich die Zweigniederlassung Ost, die sich über das gesamte Gebiet der ehemaligen DDR erstreckt. Als Leiter Category Management ist er demnach zuständig für das Sortiment der Supermärkte in sechs Bundesländern (einschließlich Berlin). Das bedeutet ein ordentliches Stück Verantwortung und Arbeit, nicht nur wegen der ausgedehnten Fläche, sondern auch wegen der 750 Outlets (inkl. Nahkauf) und der rund 24.000 Beschäftigten, die hier arbeiten.

Die Region steht für insgesamt 5,6 Milliarden Euro Umsatz (2021), der zwar über die Jahre mit weniger Kunden erzielt wird, deren steigende Durchschnittsbons den Gesamterlös allerdings mehr als wettgemacht haben. Und das trotz niedriger Kaufkraft, die zum Teil deutlich unter dem bundesweiten Schnitt liegt. „Da außerdem die Arbeitslosenquote in unserer Region recht hoch ist, sind unsere Kunden besonders preissensibel“, fügt Schleicher hinzu. Dass REWE trotzdem gutes Geschäft macht, führt er u.a. auf spezielle Angebote wie den Abholservice sowie auf die kontinuierlich steigenden Umsätze der Eigenmarke „REWE Regional“ zurück (2021: fast 54 Millionen Euro).

Franziska Fechner-Rutz (REWE Ost) stellt individuelle Strategien für eine gemeinschaftliche Vermarktung vor

Franziska Fechner-Rutz (Rewe Ost) stellt individuelle Strategien für eine gemeinschaftliche Vermarktung vor

Die Lokalitätsbeauftragte der REWE Ost für Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern,  Franziska Fechner-Rutz, stellte anschließend „Die REWE Lokal-Partnerschaft“ vor, die für die nachhaltige und faire Zusammenarbeit mit lokalen Lieferanten und Erzeugern steht. Bei diesem Konzept gehe es unter anderem darum, den Erhalt kleinbäuerlicher, familiengeführter Strukturen zu unterstützen.

„Wir erarbeiten mit jedem Lieferanten eine individuelle Strategie für eine gemeinschaftliche Vermarktung der Produkte“, erläuterte sie. Überdies habe man für lokale Lieferanten einen vereinfachten Prozess zur Listung von Produkten eingeführt. Die Basics sind dabei: EAN Code, Zertifizierungen, Produkthaftpflichtversicherung, Verpackung/Etikett, Preisfindung und Abrechnung sowie Lieferung über Strecke (nicht Lager).

Über diese grundlegenden Informationen hinaus warf Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg, einen Blick auf die generellen Handelstrends. Allein die durch die Pandemie verursachten und die Ukraine-Krise verschärften Verwerfungen im Einzelhandel insgesamt habe die Lage völlig verändert, so der Verbandsmanager. Kritik übte er vor allem an dem eklatanten Mangel an Krisenmanagement: „Wir haben uns schon im ersten Jahr geleistet, durch den Nebel zu fahren“, sagte er und schob die Warnung nach: „Wir müssen aufpassen, dass uns das im dritten Jahr nicht mürbe macht.“

Handelsverbands-Chef Busch-Petersen betont den Trend zur Digitalisierung im Lebensmittelhandel

Nils Busch-Petersen (Handelsverband Berlin-Brandenburg) betont den Trend zur Digitalisierung

Seine Prognose lautete, dass sich nicht nur die Innenstädte verändern werden; gleichzeitig werde es „eine irreversible Verschiebung“ von stationären zu Online-Handelsformaten geben. Das gelte im Übrigen auch für den Lebensmittelhandel, wo das Online-Geschäft immer stabiler werde. Dieser Trend zur Digitalisierung macht seiner Auffassung nach nicht Halt vor der Kundenwerbung – sprich: Die traditionellen Handzettel sind ein Auslaufmodell, was durchaus ein ökologischer Vorteil sein kann., wie er sagte.

Mit Blick auf die Verbraucher erwartet Busch-Petersen eine stärkere Genussorientierung und eine weiter wachsende Zuwendung zu bio und regional sowie vegetarisch und vegan, begleitet von zunehmenden Forderungen nach mehr Tierwohl. Einen limitierenden Faktor sieht er hier allenfalls in der Preisentwicklung. Die Zukunftsschancen des LEH schätzt er derzeit höher als die des Nonfood-Handels ein. Generell empfiehlt er der Branche, „weiter nach Wegen zu suchen, um die regionale Wertschöpfung zu erhöhen“.

pro agro-Branchenbarometer 2021 (Teil 2)

Obwohl die Stimmung besser als erwartet ist (siehe pro agro-Newsletter 01-02/2022) haben Brandenburgs Lebensmittelerzeuger und -verarbeiter dennoch Fragen und Wünsche an pro agro und die Landesregierung. Was die Akteure aktuell besonders umtreibt, sind die massiv gestiegenen Preise für Rohstoffe, Energie, Logistik etc. und die damit verbundene Frage, wie hoch die Produktpreise sein müssten, um eine nachhaltige Zukunftsperspektive zu haben.

Ein heißes Thema: Um ein gedeihliches und nachhaltiges Auskommen zu haben, sieht die weit überwiegende Mehrheit der Befragten die Notwendigkeit, die Produktpreise an die massiv gestiegenen Kosten anzupassen (siehe Grafik). Nur 6 Prozent halten das für nicht nötig, aber fast die Hälfte (46 Prozent) gibt zu Protokoll, die Preise müssten um mehr als 20 Prozent steigen. Soweit die verständliche und legitime Wunschvorstellung.

Quelle: pro agro-Branchenbarometer 2021

Quelle: pro agro-Branchenbarometer 2021

Und ein heißes Eisen: Höhere Preise zu setzen, mag für den Direktvermarkter einfacher sein als für den Produzenten, der neben dem Verbraucher zusätzlich die „Zwischenstation“ des Handels berücksichtigen muss. Da kann er sich bei den Listungsgesprächen eine Schlappe einhandeln, schließlich wollen alle Glieder der Wertschöpfungskette Geld verdienen. Und: Wer kann schon garantieren, dass der Verbraucher die höheren Preise überhaupt akzeptiert?

Das war auch Thema beim pro agro-Stammtisch der Ernährungswirtschaft, kürzlich auf dem Spargelhof Klaistow (siehe den Bericht in der Rubrik HANDEL).  Jan Schleicher, Leiter Category Management der REWE Ost, brachte es seinerzeit auf den Punkt: „Beide Seiten müssen bei der Preisfindung die richtige Balance finden“, sagte er. Konkret: „Der Hofladenpreis ist unsere Benchmark.“ Überdies empfahl er den Herstellern, wegen fehlender Messen oder Warenbörsen intensive Kundenpflege in Richtung Einkauf, Marktleitung und Verbraucher zu betreiben.

Neben diesem hochsensiblen Thema, das zu den „Dauerbrennern“ im Verhältnis Handel und Lieferanten zählt, gibt das Branchenbarometer auch zum Investitionsverhalten Auskunft. Demnach haben knapp drei Viertel der Lebensmittelerzeuger und -verarbeiter vor, im laufenden Jahr in Produktionsanlagen bzw. Maschinen zu investieren. Von immerhin knapp der Hälfte können wir Produktneueinführungen erwarten (siehe Grafik).

Quelle: pro agro-Branchenbarometer 2021

Quelle: pro agro-Branchenbarometer 2021

Im Rahmen der Befragung hatten die Teilnehmer außerdem Gelegenheit, individuelle Wünsche zur Unterstützung durch pro agro und die Landesregierung zu äußern. In Richtung Verband lautete der Wunschzettel: Wahrnehmung und Wertschätzung der Brandenburger Landwirtschaft und Lebensmittelwirtschaft fördern, Interessenvertretung der Branchenunternehmen in der Politik stärken sowie die regionale Zusammenarbeit und Wertschöpfung durch neue Konzepte unterstützen. Klar wurde auch, dass über allem das Interesse an Vernetzung und Vermarktung steht.

Von der Politik bzw. Landesregierung erwarten/erhoffen sich die Betriebe grundsätzlich mehr Hinwendung. Daneben ist die Entbürokratisierung das Hauptthema, insbesondere einfachere bzw. beschleunige Genehmigungsverfahren. Häufig genannt wurden auch finanzielle Unterstützung bei Investitionen, im Wettbewerb mit ausländischen Konkurrenten sowie bei der Fach-/ Arbeitskräftegewinnung.

Ukraine-Krise und Lebensmittelversorgung

Anfang März schauten Ladenbesucher vielerorts in leere Regale

So weit wird’s nicht kommen: leere Regale im LEH

Der Krieg in der Ukraine lässt nicht nur die Energiepreise rapide steigen. Damit einher gehen erhebliche Lieferengpässe bei Rohstoffen (Getreide, Ölsaaten etc,), wodurch die Lebensmittelbranche einem doppelten Stresstest ausgesetzt ist: Anstieg der Rohstoffkosten auf der einen Seite, Hamsterkäufe der Verbraucher auf der anderen. Die Politik versucht die Märkte zu beruhigen: „Die Versorgung ist sichergestellt“, sagt Ernährungsminister Cem Özdemir. Ist das so? Wir haben uns beim regionalen Handel umgehört.

EDEKA Handelsgesellschaft Minden-Hannover mbH
„Aktuell können wir in enger Zusammenarbeit mit unseren Lieferanten eine ausreichende Versorgung mit allen Produkten des täglichen Bedarfs sicherstellen und blicken auf eine stabile Versorgungslage. Es kommt allerdings aufgrund des derzeitigen Einkaufsverhaltens unserer Kunden bei bestimmten Produkten (Speiseöle, Mehl) zu kurzzeitigen Lieferengpäs- sen. In solchen Fällen können unsere Kunden von der Vielfalt im EDEKA-Sortiment profitieren und auf Produktalternativen oder andere Marken- und Eigenmarken zurückgreifen.“
Marcus Reh, Abteilungsleiter Regionaleinkauf Berlin/Brandenburg, Sachsen-Anhalt

REWE Group
„Grundsätzlich ist die Lebensmittelversorgung gesichert. Nach einer ersten Hamsterwelle Anfang März, die auf Solidaritätskäufe für die Ukraine zurückzuführen ist, befinden wir uns aktuell in einer zweiten Hamsterwelle – einer Bevorratungswelle, um die eigenen Keller zu befüllen. Solidarisch einkaufen heißt, den anderen Kundinnen und Kunden auch etwas übrig zu lassen. Eben haushaltsübliche Mengen zu kaufen. Auf diese Größenordnung sind Produktion und Lieferlogistik ausgerichtet.“
Jan Schleicher, Leiter Category Management REWE Ost

BIO COMPANY SE
„Getreide und Sonnenblumen sind in vielen Produkten, vom Futtermittel bis zum Lebensmittel enthalten. Voraussichtlich werden die weltweit zur Verfügung stehenden Mengen in 2022 und darüber hinaus durch Ernteausfälle und Handelsbeschränkungen geringer ausfallen als gewohnt. Preissteigerungen und Knappheiten können die Folge sein. Vermutlich wird aber die ökologische Lebensmittelwirtschaft etwas weniger stark tangiert werden als die konventionelle. Denn der Anteil an eingesetzten Roherzeugnissen aus der Ukraine und Russland ist hier etwas geringer.“
Felix Wachsmuth, Leitung Sortiment & Einkauf

Netto ApS & Co. KG
„Auch wir haben aufgrund der immensen Nachfrage die Abgabe von Mehl und sämtlichen Ölarten seit letzter Woche auf mittlerweile zwei Stück pro Einkauf limitiert. Produkte mit ebenfalls erhöhter Nachfrage sind Konserven, Nudeln und Toilettenpapier. Wir werden bei allen Warengruppen weiterhin im Rahmen der vertraglich vereinbarten Mengen regulär beliefert, so dass bei normaler Nachfrage keine Engpässe entstehen (würden).“
Dr. Markus Ungruhe, Leiter Marketing & Kommunikation

Transgourmet Deutschland GmbH & Co. KG
„Bisher ist eine Verknappung von handelsüblicher Ware nicht in Sicht. Natürlich verschärfen die Hamsterkäufe durch die Medien getrieben die Situation kurzfristig. Wir versuchen solchen Hamsterkäufen mit Kürzungen auf die normal üblichen Mengen entgegenzuwirken. Mehr Sorgen machen uns die labilen Lieferketten in der Logistik, seitens unserer Lieferanten und deren Spediteuren. Das ist dem Fachkräftemangel zuzuschreiben, verschärft durch hohe Corona-Inzidenzen sowie den Wegfall der ukrainischen Kraftfahrer, die jetzt als Soldaten ihr Vaterland verteidigen müssen.“
Volker Lathwesen, Vertriebsleitung Gemeinschaftsverpflegung EVE Nord-Ost

Handelsverband Berlin-Brandenburg e.V.
„Der Lebensmittelhandel in Berlin-Brandenburg bleibt stark, er verfügt über ein starkes Netzwerk. Hier wird keiner verhungern. Die Grundversorgung der Bevölkerung ist gesichert. Mit temporären Lücken in einzelnen Warengruppen ist allerdings zu rechnen.“
Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer

Info-Tipp
Der Verein Food – Made in Germany e.V. (FMIG) hält zum Thema umfangreiches Informationsmaterial bereit, darunter BMEL-Marktstudien zu den Lebensmittelbranchen in der Ukraine und Russland:

Ukraine, BMEL Länderbericht, Mai 2021
Russische Föderation, Länderbericht, April 2020

Ausführliches Zahlenmaterial zum Außenhandel Deutschlands mit den Ländern Ukraine, Russland und Belarus (jeweils Waren der Land- und Ernährungswirtschaft 2021) stellt FMIG unter folgendem Link zur Verfügung:

Alle drei Länder, sortiert nach Wert.

Selbstversorgungsgrad mit Lebensmitteln in Deutschland

Spargel- und Erlebnishof Klaistow: Eine gelungene Verbindung von Geschäft und Spaß

Antje und Ernst-August Winkelmann, Betreiber des Spargel- und Erlebnishof Klaistow (Foto: Michael Wendt)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Wirtschaftsjargon würde man sagen, der Landwirt Ernst-August Winkelmann ist Inhaber einer diversifizierten Unternehmensgruppe: Vom elterlichen Betrieb im nordrheinwestfälischen Rahden, der „Keimzelle“ seiner Aktivitäten, machte er sich 1991 auf den Weg nach Brandenburg mit dem Ziel, zusätzlich in Klaistow Fuß zu fassen. Dort pachtete er zunächst 11 ha Land, um Spargel anzubauen. Doch dabei blieb es nicht – weder was die Zahl der Brandenburger Standorte, noch was den Spargel angeht. Zwei Betriebe kamen hinzu, die Ackerflächen summierten sich auf das Zigfache, die Zahl der in großem Stil angebauten Bodenfrüchte nahm zu. Heute repräsentiert das Unternehmen einen Betrieb, der seine landwirtschaftlichen Erzeugnisse nicht nur direkt beim Verbraucher vermarktet, sondern auch als Produzent für den Lebensmittelhandel verarbeitet und veredelt.

Bei allem Unternehmergeist ist Ernst-August Winkelmann (Foto mit Ehefrau Antje) stets bodenständig geblieben: „Morgens gehe ich über die Felder und schaue, was da läuft. Das ist für mich das Schönste“, schwärmt er. Klingt fast ein bisschen romantisch, wie er das so sagt. Doch Romantik reicht nicht, um ein derart großes, recht schnell gewachsenes Unternehmen zu führen. Und so sieht es gegenwärtig aus:

  • Der Betrieb in Rahden (gemeinsam mit seinem Bruder Friedrich bewirtschaftet) ist von sechs auf heute 600 ha Spargel plus über 100 ha Heidelbeeren vergrößert worden;
  • in Klaistow (gemeinsam mit seiner Frau bewirtschaftet) sind aus den 11 ha Spargelanbau 800 ha geworden, flankiert von 200 ha Heidelbeeren und 20 ha Erdbeeren, und
  • der 2007 gekaufte Betrieb in Kremmen baut auf 200 ha Fläche Spargel und auf 30 ha Heidelbeeren an.

Einen richtigen Coup landete der findige Unternehmer, als er eine ehemalige NVA-Kaserne in Hennickendorf (Luckenwalde) kaufte und umrüstete. Hier werden seine landwirtschaftlichen Erzeugnisse mit modernsten Maschinen gemäß den strengen Qualitäts- und Hygienevorschriften zur Vermarktung über den Lebensmittelhandel verarbeitet. Da musste er viel Geld in die Hand nehmen, und zwar für den Umbau der ehemaligen Kasernengebäude in Produktionshallen und moderne Unterkünfte für die Mitarbeiter. In diesen Genuss kommen insbesondere die bis zu 2.000 Saisonkräfte während der Erntezeit, die teilweise mit ihren Familienangehörigen dort leben und arbeiten. „Rundum-Service inbegriffen“, wie Winkelmann betont: Geldautomaten, Wäsche-Service, Sportplatz und vieles mehr.

Während also in Hennickendorf der Spargel & Co. für den LEH verkaufsgerecht verarbeitet werden, wird das, was die Äcker in Klaistow und Kremmen hergeben, ausschließlich direkt vermarktet. Zum Beispiel über deren Hofläden und Online-Shops oder während der Hochsaison über 200 kleine mobile Verkaufsstellen, die in Berlin und Brandenburg an strategisch günstigen Orten positioniert werden. Nicht zu vergessen die ausgedehnten Heidelbeer- und Erdbeerfelder samt Kartoffeläcker, wo die Verbraucher ihre Ware selbst ernten können.

Das kann für Groß und Klein einen willkommenen Spaßfaktor darstellen, was Winkelmann übrigens auch so sieht, aber nicht nur: „Ich halte es für wichtig, dass die Verbraucher wissen, wie landwirtschaftliche Erzeugnisse entstehen und verarbeitet werden. Das hat was mit Wertschätzung zu tun. Wir wollen, dass die Leute an unsere Produkte herangeführt werden“, sagt er. Das sieht in diesem Sinne nach einer lohnenden Maßnahme aus: Immerhin kommen allein in Klaistow zur Hochsaison täglich mehrere tausend Leute zum Selbstpflücken.

Jährlich im Herbst lockt die Kürbisausstellung Groß und Klein nach Klaistow (Foto: Michael Wendt)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„In Klaistow haben wir einen Bauernhof mit Erlebnischarakter aufgebaut“, erzählt Winkelmann, wo Erwachsene und Kinder neben der „Arbeit“ (also dem Selbstpflücken) Spaß und Ablenkung haben sollen. Dafür sorgen unter anderem ein ausgedehnter Spielplatz; der Wald mit Wildgehegen, Kletterpark und Erlebnispfad; die eigene Bäckerei oder die Gastronomie und vieles mehr. Nicht ohne Stolz berichtet er auch über die jährliche Kürbisausstellung im Herbst, die während der acht Wochen Öffnungszeit zweihundert- bis dreihunderttausend Besucher anlockt.

Dies alles und weitere Aktivitäten, die über das reine Verkaufsgeschäft hinausgehen, sorgen für ordentlich Publikumsverkehr in Klaistow und Kremmen, was wiederum die Mund-zu-Mund-Propaganda fördert und damit letztlich auch die Nachfrage belebt – ein Wirtschaftskreislauf also, der nicht nur der Unternehmerfamilie, sondern auch den Mitarbeitern und der gesamten Region zugutekommt.

Leichte Zuversicht in der Ernährungswirtschaft

Trotz Corona-Pandemie fällt das Urteil der Lebensmittel erzeugenden Agrar- und der verarbeitenden Ernährungswirtschaf über das Geschäftsjahr 2021 positiver als erwartet aus. So sprechen 37 Prozent der Betriebe von einem besseren bzw. deutlich besseren Verlauf als im Vorjahr, und 35 Prozent sehen keine Veränderung; 28 Prozent beurteilen die Performance insgesamt negativ. Verhalten optimistisch blickt die Branche auf das laufende Jahr: 39 Prozent der Unternehmen sind überwiegend positiv gestimmt, während 19 Prozent eine schlechtere bzw. deutlich schlechtere Entwicklung erwarten. Das sind die zentralen Ergebnisse des „pro agro-Branchenbarometers 2021“, das der Agrarmarketingverband in Kooperation mit dem Landesbauernverband Brandenburg ins Leben gerufen hat. Die Online-Umfrage soll zwei Mal pro Jahr stattfinden.

Das pro agro-Branchenbarometer 2021, an dem 133 von 650 angeschriebenen Branchenunternehmen teilgenommen haben, zeigt – trotz widriger Umstände (Corona-Pandemie) mehr Licht als Schatten. „Dass fast zwei Drittel der Unternehmen das abgeschlossene Geschäftsjahr 2021 als stabil bis gut beurteilen, ist eine ermutigende Rückmeldung,“ sagt pro agro-Geschäftsführer Kai Rückewold. Ferner hat sich herausgestellt, dass über die Hälfte (51 Prozent) der Betriebe ihre Produkte bundesweit und 11 Prozent sogar im Ausland vermarkten. Auf der Basis dieser Zahlen und mit Blick auf die Forcierung regionaler Wertschöpfungsketten sieht der Hauptgeschäftsführer des Landesbauernverbandes, Denny Tumlirsch, „noch immer ungeheuer viel Luft nach oben“. Gemeinsam wollen beide Interessenverbände die regionale Vermarktungsquote in den kommen Jahren „deutlich verbessern“.

Die meisten Umsätze erzielen die Unternehmen über die Partner im Lebensmitteleinzelhandel (48 Prozent), gefolgt von immerhin 40 Prozent über eigene Hofläden bzw. Direktvermarktung. Mit 8 Prozent spielt der Online-Umsatz bisher noch eine eher untergeordnete Rolle. Großes Potenzial sieht pro agro bei der intensiveren Vermarktung in die Gemeinschaftsverpflegung (21 Prozent) und Gastronomie (8 Prozent). Hier will der Verband im laufenden Jahr einen Arbeitsschwerpunkt setzen und in die Offensive gehen.

„Da muss etwas passieren“, so Kai Rückewold. Regionale Qualität, zum Beispiel bei Fleisch, sei oft teurer als Produkte aus dem Ausland, und die Budgets für Kantinenessen oder Caterer seien häufig zu knapp. „Das ist ein Dilemma. Gemeinsam mit der Politik möchte ich persönlich in den Chefetagen großer Unternehmen für regionale Nachhaltigkeit werben“, kündigt er an.

Als die drei größten Herausforderungen für den wirtschaftlichen Erfolg nennen die Unternehmen folgende Themen: steigende Energiekosten, steigende Personalkosten und Arbeitskräftemangel. Diese Probleme wiegen nach Aussagen der Unternehmen weit schwerer als sinkende Erlöse bei Handelspartnern oder die Corona-Pandemie (siehe Grafik).

Die Online-Umfrage wurde mit Unterstützung des SIBB e.V. – dem Verband der Digitalwirtschaft Berlin-Brandenburg umgesetzt. Das nächste pro agro-Branchenbarometer soll zur Jahresmitte erhoben werden. Es wird überlegt, bei weiter positiver Resonanz die Onlinebefragung künftig auch für kurzfristige Stimmungsbarometer zu aktuellen Fragen in der Branche zu nutzen. Weitere Infos finden Sie hier.

Ein PDF mit grafischer Auswertung des pro agro-Branchenbarometers können Sie unter folgender Adresse anfordern: presse@proagro.de

Neben Rückblick und Ausblick als wirtschaftliche Momentaufnahmen haben die teilnehmenden Unternehmen auch einen Katalog von Themen formuliert, bei denen sich die Branche Unterstützung von pro agro wünscht. Darüber berichten wir in der März-Ausgabe des pro agro-Newsletters der Ernährungswirtschaft.

Das Land Brandenburg gibt regionalen Produkten ein Gesicht

„Gesicherte Qualität Brandenburg“ und „bio Brandenburg Gesicherte Qualität“. So heißen die beiden regionalen Gütesiegel, die das Brandenburger Landwirtschaftsministerium (MLUK) kürzlich vorgestellt hat. Sie sind Teil eines EU-notifizierten Qualitätsprogramms und können von der Lebensmittelwirtschaft des Landes durch Erfüllung bestimmter Kriterien bei der Vermarktung von Produkten genutzt werden. Ziel ist laut MLUK, den Verbrauchern mit den Qualitätssiegeln eine bessere Orientierung zu geben. Landwirtschaftsbetriebe und Ernährungshandwerk wiederum sollen Gelegenheit haben, „ihre Produkte sichtbarer zu platzieren und damit die steigende Nachfrage nach guten regionalen Lebensmitteln besser zu stillen.“ Über die einzelnen Schritte der landesweiten Einführung halten wir Sie auf dem Laufenden.

Die Qualitätszeichen sind bereits beim Deutschen Patent- und Markenamt angemeldet und damit geschützt. Nutzungsverträge für die Qualitätszeichen können die Betriebe nur mit Lizenznehmern schließen, die vom MLUK eingesetzt werden; aktuell sind das die pro agro GmbH für konventionelle und Bio-Erzeugnisse sowie die FÖL, Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau e.V., für Bio-Produkte. Kriterien für die Vergabe im Bereich Nutztierhaltung sind beispielsweise

bio Brandenburg Gesicherte Qualität:

  • 100 Prozent ökologisches Wirtschaften
  • strengere Vorgaben zum Tierbesatz
  • ausreichend Grünfutter für Wiederkäuer
  • höchstens vier Stunden Transport zum Schlachthof.

Gesicherte Qualität Brandenburg:

  • Herstellung laut Kennzeichnung „Ohne Gentechnik“
  • kontrollierte regionale Herkunft und Aufzucht von Nutztieren
  • über 50 Prozent Verwendung hofeigener Futtermittel
  • höchstens vier Stunden Transport zum Schlachthof.

„Mit den Qualitätszeichen kann es gelingen, Verbraucherinnen und Verbraucher in Zukunft die transparente Garantie zu geben, dass das Produkt aus Brandenburg kommt – echt, authentisch und geprüft in der gesamten Lieferkette vom Hof bis ins Regal. Regionalität wird damit für jeden Menschen aus Brandenburg und Berlin garantiert und das sogar staatlich. Um nichts anderes kann es uns als pro agro und unsere Mitglieder gehen: transparente, ehrliche und geprüfte Regionalität aus Brandenburg“, begründet pro agro-Geschäftsführer Kai Rückewold das Engagement als Lizenznehmer.

Vor der Einführung des Siegels durch Zeichennutzer stehen allerdings noch umfangreiche Vorarbeiten an. Teilnehmende Betriebe müssen eine Auditierung durchlaufen, Kontrollstellen zur Einhaltung der Kriterien werden eingerichtet und Beiräte werden aufgebaut. pro agro rechnet mit der ersten Sichtbarkeit der Qualitätszeichen für die Verbraucher nicht vor Anfang 2023.

Die Brandenburger Landesregierung beabsichtigt, die Qualitätszeichen in die Ernährungsstrategie des Landes aufzunehmen. Die Einführung der neuen Siegel wird durch das MLUK öffentlichkeitswirksam begleitet.

Weitere Informationen zum Brandenburger Qualitätszeichen siehe hier und zum Brandenburger Bio-Zeichen siehe hier.

Organisation der Zeichennutzung für „Gesicherte Qualität Brandenburg“

pro agro Marketingpreis 2022: Attraktive Produkt- und Vermarktungsideen – Corona zum Trotz

Transparenz, Nachhaltigkeit, Kooperation: Diese Themen standen im Mittelpunkt aller 40 Produktbeiträge und Vermarktungskonzepte, die im Rahmen des Wettbewerbes „pro agro-Marketingpreis – natürlich Brandenburg“ 2022 eingereicht worden waren. In einem Live-Stream haben Landwirtschaftsminister Axel Vogel und pro agro-Geschäftsführer Kai Rückewold Ende Januar die von einer elfköpfigen Fachjury gekürten Gewinner in den Kategorien Ernährungswirtschaft, Direktvermarktung sowie Land- und Naturtourismus gewürdigt und ausgezeichnet. Der pro agro-Marketingpreis, den der Verband seit 2000 jedes Jahr – üblicherweise im Rahmen der Internationalen Grünen Woche in Berlin – verleiht, ist zum Markenzeichen von Produktentwicklung und Gastlichkeit „Made in Brandenburg“ geworden.

Auch im zweiten Corona-Jahr hat sich gezeigt, dass sich die Branche von den Verwerfungen der Pandemie nicht unterkriegen lässt – im Gegenteil: Die Qualität der Bewerbungen ist Ausdruck attraktiver Produkt- und Vermarktungsideen, die einen wesentlichen Beitrag zur Schließung regionaler Wertschöpfungsketten von der landwirtschaftlichen Erzeugung über die Verarbeitung bis zum Verkauf leisten. Nicht umsonst sprach Minister Vogel in seiner Laudatio allen, die sich mit Beiträgen am Wettbewerb beteiligt haben, seine „ganz besondere Anerkennung“ aus. „Das Gesamtbild des Bewerberfelds zeigt, dass Brandenburgs von klein- und mittelständischen Betrieben geprägte Ernährungswirtschaft genauso wie die vielen Landurlaub-Anbieter in der Corona-Pandemie keine Pause eingelegt haben. Sie sind weiter kreativ und innovativ unterwegs, knüpfen an aktuelle Trends in der Ernährung und im Freizeitverhalten an und erschließen sich neue Absatzmöglichkeiten“, betonte er.

Kai Rückewold wiederum hob hervor: „Hervorragende Produkte und Vermarktungsideen haben uns erreicht – dieses Engagement wollen wir durch unseren Marketingpreis würdigen und wertschätzen. Wir sind davon überzeugt, dass es gerade in Zeiten wie diesen wichtig ist, positive Signale zu setzen und zu zeigen, dass Ideenreichtum und Schaffenskraft in der Brandenburger Unternehmerlandschaft immer eine Heimat haben. Die hohe Anzahl eingegangener Bewerbungen bestätigt und bestärkt uns darin.“

Und das sind die Preisträger der Lebensmittelbranche:

Ernährungswirtschaft

  • (1) Kornwerk für die regionale Biodiversität und Kranichsberger Agrargesellschaft: Förderung von Biodiversität und Getreidesortenvielfalt im regionalen Anbau
  • (2) Fischerei Wolfgang Schröder: Heimische Fischvielfalt im Supermarkt
  • (3) Golßener Fleisch- und Wurstwaren: Golßeners neue pflanzliche Wurstalternative.

Direktvermarktung

  • (1) Kanow Mühle Spreewald: Müllers Themenboxen
  • (2) Bäckerei Exner: Die Genusskarte – exklusive Vorteile genießen und einfach bezahlen
  • (3) Fleischerei Weiland: „Wilder Mönch“ Wildsalami
  • (3) Landwirtschaftsbetrieb Frank Trogisch: Der Grill-Mähdrescher E 512.

Alle hier genannten Preisträger wurden im Live-Stream vorgestellt und ausgezeichnet. Honoriert werden ihre Leistungen mit einem pro agro-Marketingpaket. Überdies werden die Produktinnovationen und Vermarktungskonzepte aller 40 Wettbewerbsteilnehmer in der Broschüre Neues aus Brandenburg. Ein Land voller Ideen dargestellt.

pro agro Marketingpreis 2022

Klicken Sie hier für Zugang zur Broschüre.

Der auch in diesem Jahr vergebene EDEKA Regionalpreis, ausgewählt aus den Kategorien Ernährungswirtschaft und Direktvermarktung, ging an Fahlberg Safran für das Produkt „Brandenburger Safran“. Der Preisträger erhält eine exklusive Vermarktung des Produkts über die EDEKA-Handelsgesellschaft. Weitere Informationen rund um den pro agro-Marketingpreis 2022 einschl. Gewinner-Fotos finden Sie hier.