2. pro agro-Branchentreff Fleischerhandwerk

Hoher Gesprächsbedarf: Gut besuchter Branchentreff des Fleischerhandwerks.

Da hat pro agro nicht lange gefackelt: Gerade mal vier Monate nach der ersten Informations- und Austauschveranstaltung des Brandenburger Fleischerhandwerks – sie fand im Oktober 2023 in Paaren/Glien statt – kam der Verband dem damals einhellig geäußerten Wunsch der Teilnehmer nach, ein weiteres Branchentreffen anzuberaumen. So fanden sich am 22. Februar 2024 rund 30 Unternehmerinnen und Unternehmer in Paaren/Glien ein, um ihre aktuelle Situation und die Zukunftsperspektiven zu erörtern. Die zeitnahe Fortsetzung der Gesprächsrunde ist sicherlich ein Zeichen dafür, wie drängend die Probleme sind und wie dringend der Gesprächsbedarf des Fleischerhandwerks ist.

Zu einem Motivationsschub für alle Teilnehmer wurde der Vortrag von Geschäftsführer Lars Bubnick, der über die Verbandsarbeit im Metzgerhandwerk Bayern berichtete. Im Mittelpunkt seines engagierten und überzeugenden Auftritts stand die Beschreibung, wie sich die 1.200 Mitgliedsbetriebe auf die Zukunftsherausforderungen einstellen. „Wir haben uns entschieden, einfach zu machen, statt alles tot zu reden. Dazu gehört Vertrauen in die eigenen Ziele und ein vernünftiges Kommunikationsbudget. Das Fleischerhandwerk muss wieder sexy werden“, lautete sein Fazit, das gleichzeitig als Handlungsempfehlung für die Brandenburger Branche zu verstehen war.

Mit dabei hatte der Verbands-Profi allerlei praktische Ideen und Anschauungsmaterial. So beschrieb er beispielsweise, dass zur Attraktivierung der Berufsfelder auf Azubi- und Schüler-Messen ein Virtual-Reality-Modul (VR) entwickelt wurde. So können Besucher am Messestand eine VR-Brille aufsetzen und virtuell Leberkäse produzieren. Ferner ziehen ungewöhnliche Merchandising-Artikel zusätzlich interessierte junge Menschen an: Ob es sich um die Base-Cap mit Logo oder das Kondom mit flotten Sprüchen auf der Verpackung handelt – an zielgruppengerechten und aufmerksamkeitsstarken Maßnahmen wird in der Kommunikation nicht gespart.

Virtuelle Produktion: Lars Bubnick (r.) aus Bayern im Einsatz.

„Mein Team und ich sind 365 Tage auf Sendung“, sagte der Verbands-Chef plakativ. Und: „Social-Media ist für uns Tagesgeschäft, und außerdem bin ich auf jeder politischen Veranstaltung von München bis Berlin präsent, um unsere Interessen zu vertreten.“ Diese zündende Botschaft fiel bei allen Teilnehmern auf fruchtbaren Boden und wurde umgehend in gemeinsames Handeln umgemünzt: pro agro-Geschäftsführer Kai Rückewold und Lars Bubnick werden bis zum Sommer ausloten, wie eine engere Zusammenarbeit von Brandenburg und Bayern gelingen kann.

Vor dem Präsentationsfeuerwerk aus Bayern stand der intensive Austausch der Unternehmer des Fleischhandwerks. Allein die Impulsrunde zu Beginn des Branchentreffs nahm wegen der großen Teilnehmerzahl einige Zeit in Anspruch. Was sich in den Beiträgen schnell herauskristallisierte, waren wie Themen: teure Veterinärdienstleistungen oder explodierende Kosten bei der Entsorgung von Schlachtabfällen; die Not, Auszubildende zu finden, und die schwierigen Bedingungen für die in Ausbildung befindlichen jungen Menschen bei überbetrieblichen Modulen.

Einig waren sich alle Teilnehmer, dass eine neue Zeit der Kooperation beginnen muss. „Früher haben wir nur auf unseren eigenen Erfolg geschaut und andere Betriebe nur als Wettbewerber verstanden. Heute müssen wir zusammenrücken und Lösungen gemeinsam suchen.“ formulierten Olaf Mahr (Meat Bringer) und weitere Betriebe unmissverständlich. Wichtig waren auch die Aussagen zu bestehenden, aber nicht ausgelasteten Lohnschlachtungskapazitäten in einigen Betrieben. Hier sollen digitale Vernetzungsangebote in Zukunft Angebot und Nachfrage besser zusammenbringen.

Moderner Auftritt: Merchandising für das Handwerk.

Ein klares Ziel des Branchentreffs ist das Aufzeigen von praktischen Lösungsansätzen in Betrieben. Die Praxisbeispiele sollen dann im zweiten Schritt interessierte Marktteilnehmer zu einem kooperativen Austausch führen und im besten Fall bereits vorhandenes Wissen sowie Praxiserfahrungen weiteren Betriebe verfügbar machen. Beispiele:

  • Kosten sparen durch geschlossene Energiekreisläufe im Schlacht- und Zerlegebetrieb. Kontakt: Ingo Kaplick, Hoffleischerei Kaplick, Alt Bork im Landkreis Potsdam-Mittelmark.
  • Organic Waste Converter: Schlachtabfälle im Betrieb zu Wertstoff umwandeln. Kontakt: Christian Doller, Conversion Tec & Martin Stock 360 Grad – Agrarsysteme GmbH).

„Kein Branchentreff ohne einen Impuls für Marketing und Kommunikation“ – so lautet die Leitlinie von pro agro als Organisator. Also hatte der Verband den Marketing-Strategen und -Berater Philipp Andriopoulos eingeladen, um über wichtige Instrumente der Marktbearbeitung zu referieren. Der gebürtige Österreicher lebt in Berlin und betreut österreichische Markenunternehmen, aber auch landwirtschaftliche Erzeuger im Bereich Kommunikation. Sein Credo lautet: Transparenz ist der Treiber von Innovation und Markenversprechen. Um das zu erreichen, sind folgende Erfolgsfaktoren unerlässlich:

  • Bildung auf dem Bauernhof oder im Betrieb
  • Vertrauensbildung durch Zusammenarbeit mit Kunden
  • Veränderung der Wahrnehmung des Produktes Fleisch durch emotionale Positionierung von Qualitätsaspekten.
Ein Klick ins Foto bringt Sie zu weiteren Stellungnahmen der Branchenvertreter.

Wie geht es nun weiter mit dem Branchentreff Fleischerhandwerk Brandenburg? Die gemeinsame Antwort von Kai Rückewold und Kristin Mäurer (Fachbereichsleiterin Ernährungswirtschaft und Direktvermarktung) lautete: pro agro versteht sich zwar als Motivator, Organisator und Brückenbauer in Richtung Politik und Gesellschaft. Beide wiesen aber auch darauf hin, dass die Impulse und Inhalte aus den Unternehmen kommen müssen.

Dazu gehöre auch, dass sich die Unternehmen zeitlich wie gegebenenfalls finanziell in Themen und Aktionen einbringen müssen. Der eindringliche Appell blieb nicht ohne Resonanz. Zahlreiche Unternehmer reagierten unmittelbar und sagten für die Zukunft eine konzentriertere, zeitnähere Reaktion und Zuarbeit bei entsprechenden Initiativen zu. Gewünscht wird ferner die Fortsetzung der Veranstaltungsreihe.

Ausgefeilte Strategie für die Branche in Brandenburg

Auf Tuchfühlung: Franziska Rutz (M.) mit „ihren“ Kaufleuten in der Brandenburghalle.

Franziska Rutz, seit vier Jahren die Lokalitätsbeauftragte Berlin/Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern in der REWE-Vertriebsorganisation Ost, ist permanent auf Achse. Als findiger Scout hält sie Ausschau nach regionalen Lieferanten für „ihre“ Supermärkte; als versierte Gesprächspartnerin berät sie die Erzeuger und Verarbeiter von Lebensmitteln z.B. in Listungsfragen oder die Marktleiter in Vermarktungsfragen; und als geschmeidige Netzwerkerin führt sie beide Marktplayer durch Special Events zum persönlichen Kennenlernen, Kontaktpflegen und Informationsaustausch zusammen. Für unseren Bericht über die Regionalitätsstrategie machten wir sie auf der Insel Rügen ausfindig: Sie war mal wieder unterwegs, um sich vor Ort ein Bild über die Umbauarbeiten eines REWE-Marktes zu machen.

Die REWE-Regionalitätsstrategie fußt auf dem Prinzip, dass den Kaufleuten und Filialleitern vor Ort freie Hand über die Ausgestaltung des regionalen Sortiments gelassen wird. Dieser Grundsatz gilt für sämtliche REWE-Märkte in ganz Deutschland. Wie wichtig dem Unternehmen das ist, zeigt die Tatsache, dass die Zentrale in Köln Regionalität und Lokalität in ihrer nationalen Strategieplanung für den Lebensmittelhandel seit zwei Jahren fest verankert hat. Seither wird das Thema für jede Region in den Fokus gestellt und national unterstützt. Hier kommen die jeweiligen Lokalitätsbeauftragten ins Spiel, die für die Umsetzung der Strategie vor Ort zuständig sind.

In unserem Falle betrifft das also Franziska Rutz, die als Bindeglied zwischen Erzeugern/Verarbeitern von Lebensmitteln und den REWE-Märkten in der Region fungiert. Dass dieses Konzept auch funktioniert, belegen die Zahlen: In Brandenburg arbeitet man bereits mit ca. 130 Lieferanten zusammen, in Berlin sind es fast 100. Hauptsächlich geht es dabei um Frische wie Fleisch- und Wurstwaren, Milch, Käse, Eier oder Obst und Gemüse. „Wir haben jetzt erste Gespräche zum Thema Tannengrün für die Weihnachtssaison geführt; auch für den Blumenfachbereich sind wir offen“, ergänzt sie. Das Trockensortiment ist ebenfalls in den Regalen vertreten, etwa mit Brotaufstrichen. Und Süßwaren? „Das ist ein sehr wichtiges Thema“, erzählt sie, schränkt aber gleich ein: „Da gibt’s noch Nachholbedarf, weil nur relativ wenige Betriebe diese Artikel in ausreichender Menge produzieren.“

Kooperative Präsentation: Franziska Rutz (REWE) und Kai Rückewold (pro agro).

Neben den individuellen Terminen bei Lieferanten nutzt die Lokalitätsbeauftragte die Grüne Woche als „sehr gute Kontaktbörse“ – so auch in diesem Jahr, als sie wieder neue Betriebe kennengelernt hat. Hinzu kommen die Aktivitäten, die sie zusammen mit dem Verband pro agro „stemmt“, nämlich

Landkreistouren. Hier bewegt sich Franziska Rutz gemeinsam mit Fachbereichsleiterin Kristin Mäurer auf die heimischen Lieferanten zu, da sie ihnen nicht die weiten Wege nach Teltow bzw. Paaren/Glien zumuten wollen. „Das heißt, wir treffen uns mit ihnen in einer für sie recht nahen Location. Ich erzähle ihnen dann etwas über meine Arbeit, das REWE-Lokalitätsprinzip oder die Basics für eine Listung. Sie selbst können bei dieser Gelegenheit ihr Unternehmen und die Produkte vorstellen“, beschreibt sie das Format. Im Anschluss an solche Termine sucht sie die Betriebe individuell auf, um persönlich vor Ort über eine mögliche Zusammenarbeit zu reden;

Verbraucherkampagne. Direkt im Anschluss an die Grüne Woche wurden in Brandenburg und der Hauptstadt noch einmal die 190 REWE-Plakatwände im Rahmen der Unternehmerinitiative „Regionale Lebensmittel kaufen – jetzt erst recht!“ eingesetzt, um in diesen schwierigen Zeiten Flagge zu zeigen und den Lebensmittelhändler als wichtigen Partner der Brandenburger Lieferanten zu positionieren. „Als pro agro-Fördermitglied wollten wir den Drive der Messe nutzen und im Umfeld unserer Märkte die Kunden weiter sensibilisieren“, sagt sie. Die REWE werde die Imagekampagne weiter unterstützen. „Ich habe schon Ideen, die etwas größer angelegt sind und daher etwas mehr Zeit für die Umsetzung brauchen“;

Auf Landkreistour: Lieferantentagung in der Lausitz.

Bundeslandmesse. Das ist eine brandneue REWE-Aktivität zur Förderung regionaler Hersteller. Am 18. Juni 2024 werden sich rund 60 Lieferanten und ca. 1.000 Teilnehmer aus über 300 Märkten (Zahlen: Stand heute) auf dem Spargelhof Kremmen einfinden und das Thema Regionalität „direkt erlebbar bzw. greifbar und authentisch machen“, wie Franziska Rutz betont. Sie wolle die Marktleiter „rausholen aus ihrem Alltagsgeschäft“, um mit Produzenten, die bereits gelistet sind, direkt in Kontakt zu kommen – unabhängig davon, ob sie die Betriebe bereits kennen oder nicht. An der Informationsmesse werden auch REWE-Vertriebskollegen anderer Regionen teilnehmen, um sich Ideen und Anregungen für eine effiziente Kontaktpflege oder ihr Warenangebot zu holen.

Das Format „Bundeslandmesse“ bleibt nicht auf Brandenburg beschränkt: Zwei Wochen vorher ist Franziska Rutz bereits in Mecklenburg-Vorpommern aktiv. Auch in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sind vergleichbare Veranstaltungen am Start, womit die REWE-Ost flächendeckend dabei ist.

Ampere: Chancen für die nachhaltige Energiebeschaffung

Nach den unsicheren Jahren der Energiekrise haben sich die Strom- und Gaspreise für Gewerbe, Industrie und private Haushalte auf einem planbaren Niveau stabilisiert. Die Großhandelspreise sind deutlich zurückgegangen, verharren aber auf einer vergleichbaren Höhe wie vor Beginn des Ukraine-Krieges. Die Lage hat sich also deutlich entspannt: Viele kleine und mittlere Betriebe der Brandenburger Lebensmittelwirtschaft, die sich seinerzeit wegen geschrumpfter Verfügbarkeit und gleichzeitig dramatisch gestiegener Energiepreise in ihrer Existenz bedroht sahen, können jetzt durchatmen. Allerdings sind die Unternehmen gut beraten, sich mit dem Thema Energiebeschaffung auseinanderzusetzen, um hier mögliche Chancen zu nutzen. Carsten Topp, Vertriebsleiter des Energiedienstleisters Ampere (Foto), beschreibt die aktuelle Situation.

Die Energiepreise in Deutschland sind immer noch ein zentrales Thema, das nicht nur die Wirtschaft, sondern auch private Haushalte betrifft. Derzeit liegen die Preise für Strom im Spotmarkt bei 6,8 Cent/kWh und Terminmarkt bei 7,8 Cent/ kWh (Stand 15. März 2024).  Das entspricht einem Rückgang seit Jahresanfang um 18 Prozent. Die Preise für Gas im Spotmarkt liegen bei 2,67 Cent/kWh und im Terminmarkt bei 3,10 Cent/ kWh (ebenfalls Stand 15. März 2024). Das entspricht einer Reduzierung um 15,8 Prozent seit Beginn des Jahres 2024. Aus diesem Grunde setzen sich viele Unternehmen frühzeitig mit der Energiebeschaffung für die Folgejahre auseinander, um Planungssicherheit zu haben.

In den Angeboten der Versorger sind zum Teil deutliche Preisunterschiede zu erkennen. Die Entwicklung der Strompreise wird nicht nur von Angebot und Nachfrage sowie den Kosten für die Herstellung beeinflusst, sondern auch von anderen Faktoren wie staatlichen Abgaben und Steuern sowie Netzentgelten. Die hohen finanziellen Aufwendungen für Diesel, Dünger, Personal und anderer Betriebsmittel setzen die Unternehmen zusätzlich unter Druck. Insbesondere in energieintensiven Branchen führt dies zu höheren Produktionskosten, was sich wiederum auf die Preise ihrer Produkte und Dienstleistungen auswirkt. Dies kann die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen.

Neben der kaufmännischen Optimierung, die aufgrund der gefallenen Marktpreise einen enormen Hebel zur Kostensenkung darstellt, ist der effiziente Umgang mit Energie sowie ein detailliertes Energie-Monitoring und -Management weiterhin eine wichtige Stellschraube für die Gewährleistung von Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit. Vor allem kleine und mittlere Betriebe verfügen noch über große Optimierungsmöglichkeiten. So lassen sich unter anderem bei Beleuchtung, Antrieben, Pumpen, Kälteanlagen oder Druckluft noch häufig Potenziale heben. Auch softwaregestützte „Lastganganalysen“ helfen, den Stromverbrauch im Blick zu haben und gegebenenfalls zu senken (unter Lastgang versteht man den je nach Tages- oder Jahreszeit schwankenden Stromverbrauch).

Hier lohnt es sich, Expertenrat in Form umfassender Energieberatung einzuholen oder noch nicht umgesetzte Maßnahmen zu realisieren. Das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) fördert unter anderem eine Energieeffizienz-Beratung für kleine und mittlere Unternehmen und im zweiten Schritt die Umsetzung der empfohlenen Maßnahmen. Auch die KfW verfügt über Förderprodukte für Energie und Umwelt.

Fazit: Die ehemals hohen Preise an den Handelsmärkten haben sich deutlich entspannt. Hohe Risikoaufschläge und kurze Bindefristen der vergangenen zwei Jahre sind nunmehr obsolet. Dennoch lohnt es sich gerade jetzt – mehr denn je – verschiedene Angebote einzuholen, um von den gefallenen Märkten zu profitieren.

Als Kooperationspartner von pro agro unterstützt die Ampere AG Mitgliedsunternehmen des Verbandes bei der Verhandlung und Beschaffung von Energielieferverträgen. Der Energiedienstleister betreut mehr als 50.000 Strom- und Gaskunden mit einem Gesamtvolumen von über 2.200 Gigawattstunden bundesweit. Bisher hat Ampere mehr als 400.000 Energielieferverträge erfolgreich verhandelt und für ihre Kunden Einkaufsvorteile von mehr als 430 Mio. Euro erzielt.

Balance zwischen Modernität und Bodenständigkeit

Über 150 Jahre hat das Unternehmen auf dem Buckel – oder sagen wir’s weniger salopp: Man schrieb das Jahr 1873, als sich im Werdener Havelland mehrere landwirtschaftliche Betriebe zusammentaten, um die Früchte ihrer Arbeit gemeinschaftlich zu ernten, zu verarbeiten und zu vermarkten. Das ist durchaus wörtlich zu nehmen, handelte es sich doch um Obstbauern, die ihre Ernte kooperativ zu Fruchtsäften veredelten und auf den heimischen Märkten verkauften. Nach einer wechselvollen Geschichte befindet sich das Unternehmen seit 1992 wieder in Familienhand, wobei die Inhaber bei allem Engagement für das Wohl und Wehe der Firma die Führung des operativen Geschäfts zwei erfahrenen Managern überlassen. Einer davon ist Stefan Schult, mit dem wir über die Unternehmensstrategie in einem wettbewerbsintensiven Umfeld sprachen.

„In den Anfängen des Unternehmens war an Ketchup-Feinkost noch gar nicht zu denken“, erzählt Stefan Schult (Foto), der u.a. für den Vertrieb zuständig ist. „Das kam erst zu DDR-Zeiten: Wir produzieren Ketchup seit 1958, und die jetzige ikonische Werder-Facettenflasche gibt es seit den 90er Jahren.“ Neben der einzigartigen Form verfügt die Flasche über „ein weiteres Alleinstellungsmerkmal“, wie er sagt: Die Produkte werden heute ausschließlich in Glasflaschen abgefüllt. Die Kunststoff-Gebinde, die bis vor drei Jahren genutzt wurden, hat man gänzlich aus der Produktion verbannt. Und das nicht nur aus Gründen des Umweltschutzes: Glas ist inert, geht also keine Wechselwirkung mit dem Inhalt ein. Außerdem kann es unendlich oft eingeschmolzen und wiederverwendet werden. „Es ist einfach die bessere Verpackung, und die Verbraucher honorieren den Einsatz umweltschonender Materialien“, so der Manager.

Die klassische Produktrange für den Lebensmitteleinzelhandel gliedert sich in drei Kategorien:

  • Ketchup mit elf Artikeln, deren Geschmacksrichtungen sich stark am Markt orientieren; dazu gehören auch zwei Bio-Artikel und eine zuckerfreie Variante
  • Schlemmersaucen mit elf Artikeln in unterschiedlichen Variationen: dazu zählen drei etwas exotische Innovationen, die 2023 eingeführt wurden und den etwas jüngeren Ernährungstrends folgen: Tomate/Minze, Kichererbse/Limette und Rote Bete/Feta
  • Saucen mit fünf Artikeln (von Paprika bis Veggie Bolognese).

Insgesamt verlassen jedes Jahr rund 23 Millionen Flaschen Ketchup und Saucen das Band.

Hinzu kommt das Getränke-Angebot, bestehend aus Fruchtweinen, Cider, Fruchtglühweinen, etc.

Darüber hinaus gibt es noch die Eimerware für das Food Service-Sortiment, also für Großverbraucher wie Restaurants, Imbisse, Systemgastronomie, Gemeinschaftsverpflegung, Fachgroßhändler und weitere Kunden.

Haupt-Absatzgebiet ist Ostdeutschland, wo Werder Feinkost laut Stefan Schult mit 32 Prozent Marktanteil der unangefochtene Platzhirsch ist. Man habe aber auch in den alten Bundesländern gut Fuß gefasst, „was nicht jeder Lebensmittelproduzent aus Ostdeutschland geschafft hat. Das war und ist eine Herkulesarbeit in dem wettbewerbsintensiven Markt“, ergänzt er. Die gewichtete Distribution liege bundesweit bei 50 Prozent, die Brandenburger Produkte sind also in der Hälfte aller deutschen Lebensmittelgeschäfte vertreten. „Das zeigt, dass wir einen guten Weg gegangen sind, sagt aber auch, dass wir noch Potenzial haben“. so Schult. Vor allem südlich der Mainlinie, also in Baden-Württemberg und Bayern, warte noch ein Stück Arbeit auf den Außendienst.

Im Wettbewerbsvergleich verfügt Werder Feinkost über ein eigenständiges Profil. Konkret: Die Ketchups haben weniger Zucker und sind „puristisch tomatiger“, wie es heißt. Um dieses Merkmal gegenüber den Verbrauchern gewissermaßen zu plakatieren, hat das Unternehmen 2023 einen Markenrelaunch angeschoben. Hintergrund war die Frage, wie man die Marke noch moderner gestalten kann, um in neuen Absatzgebieten Fuß zu fassen und mit der Marktentwicklung Schritt zu halten. Mit Blick auf den Konsumenten ging es darum, ihn nicht mit einem zu starken optischen Eingriff vor den Kopf zu stoßen und andererseits die Markenwertigkeit ein Stück zu heben und in neuen Absatzregionen, wo das Unternehmen nicht so bekannt ist, als eine moderne und wertige Marke aufzutreten. „Diese Balance ist uns gut gelungen“, freut sich der Geschäftsführer. „Das haben wir durch Marktforschung geprüft.“

Die Essenz des Relaunch liegt in einer einheitlicheren Optik, wodurch die farbige Verspieltheit etwas zurückgenommen wurde. Am Beispiel Ketchup sieht das folgendermaßen aus: Jede Sorte verfügt über eine individuelle, einheitliche Farbgebung. Dieser Signalcharakter wird nicht nur über das Bauchetikett vermittelt wird, sondern auch durch die gleiche Farbe der Flaschen-Halsschleife. Dadurch wird ein stärkerer Wiedererkennungswert erzielt; auch die Tomatigkeit der Produkte wurde optisch stärker in den Vordergrund gestellt – sozusagen „tomatig plus“ als Kernbotschaft, wie Stefan Schult sagt. Das Prinzip der optischen Orientierung wird mit dem Relaunch auch auf die Flaschen der Schlemmersaucen und der klassischen Saucen übertragen.

 „Auf diese Weise haben wir ein kompakteres Erscheinungsbild unserer gesamten Produktrange erreicht“, erklärt er und weist darauf hin, dass die Halsschleifen der Flaschen außerdem einen Hinweis auf die regionale Herkunft der Produkte geben, und zwar durch die Silhouetten von Kirche und Mühle auf der Werder-Insel (vgl. Foto mit der Original-Ansicht). Zusätzlich wird die Natürlichkeit der Produkte ausgelobt: keine Zusatz-, Konservierungs- und Farbstoffe. „Dadurch haben wir für das Branding einen Dreiklang der wichtigsten Produkt-Attribute geschaffen: tomatig, natürlich, regional“, betont er.

Gleichzeitig hat sich das Unternehmen medial neu aufgestellt, etwa durch verstärkten Einsatz von Social Media und Promotions im Handel. Auf diese Weise lässt sich der Dialog mit den Verbrauchern intensivieren. Aus deren Resonanz sei deutlich zu hören, wie emotional sie mit der Region und ihren Produkten verbunden sind. „Wir spielen also die komplette Kommunikationsklaviatur einer modernen Marke und haben dabei stets unsere Kunden im Auge“, bilanziert Stefan Schult.

Steigende Lasten durch Kosten und Bürokratie

Ende 2023 hat pro agro wieder die Brandenburger Lebensmittelhersteller zur aktuellen Wirtschaftslage, zu den Aussichten für 2024 und die wichtigsten Herausforderungen befragt. Um es gleich zu sagen: Die Branche blickt alles andere als optimistisch in die nahe Zukunft. Steigende Kosten, zu viel Bürokratie und fehlende Planungssicherheit sind nach Meinung der Unternehmen die größten Hemmschuhe für Wachstum und ein gedeihliches Auskommen. Hier die wichtigsten Ergebnisse.

Zur Einordnung ist es hilfreich, einen Blick auf die jüngsten Kennziffern des Statistischen Bundesamtes zu werfen. Demnach ist das deutsche Bruttoinlandsprodukt 2023 preisbereinigt um 0,3 Prozent gesunden. Das hört sich nicht gerade dramatisch an, wird aber von den Ökonomen als Rezession eingestuft. Zum Vergleich: Im Jahr zuvor war Europas größte Volkswirtschaft noch um 1,8 Prozent gewachsen. Zahlreiche Experten erwarten auch im laufenden Jahr keine spürbare Erholung. Hinzu kommt, dass viele Konsumenten angesichts der weiter steigenden Verbraucherpreise den Rotstift ansetzen.

Kein Wunder also, dass drei Jahre nach der ersten Barometer-Befragung Brandenburgs Branchenunternehmen nur wenig Licht am Ende des Tunnels sehen. Inflation und unsichere Konjunkturentwicklung haben das Kaufverhalten der Konsumenten nachhaltig verändert. Zwar stehen regionale Lebensmittel und deren Hersteller bei Umfragen nach wie vor hoch im Kurs, im Einkaufskorb aber landen häufig wieder verstärkt die preisgünstigeren Handels- oder Discountmarken. Für die Brandenburger Ernährungswirtschaft kann dieser Trend auf Dauer existenzgefährdend sein.

Zu den Fakten des Branchenbarometers 2023: Das vergangene Geschäftsjahr ist für 32 Prozent der Unternehmen schlechter und für weitere 23 Prozent sogar deutlich schlechter verlaufen als 2022. 23 Prozent beurteilen die ohnehin schwierige Marktlage als gleichbleibend. Das verändert sich auch nicht bei der Prognose für 2024: Für 76 Prozent der Unternehmen ist keine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage in Sicht. Knapp zwei Drittel von diesen erwarten sogar, dass es schlechter werden wird (siehe Grafik „Pessimistische Geschäftsprognose“).

Das wiederum erklärt, warum rund 70 Prozent der Umfrageteilnehmer keine Neueinstellungen in diesem Jahr vornehmen wollen und Investitionen über 500.000 Euro nur bei wenigen Unternehmen auf der Agenda stehen. Wenn investiert werden kann, werden Ausgaben für Maschinen und Gebäude geplant. Bereits 2023 konnten ursprünglich geplante Investitionen nur von 45 Prozent der Befragten komplett realisiert werden. Um eine nachhaltige Zukunftsperspektive zu sichern, sehen 81 Prozent eine Erlössteigerung zwischen mehr als 10 bis über 20 Prozent als notwendige Basis.

Und welche Herausforderungen belasten die Erholung für die Branche besonders stark? Am meisten Probleme bereiten den Unternehmen die gestiegenen Rohstoff- und Beschaffungskosten (62 Prozent), dicht gefolgt von den Personalkosten (60 Prozent). An dritter bzw. vierter Stelle stehen mit jeweils 55 Prozent der Antworten die Energiekosten und die überbordende Bürokratisierung durch die Flut gesetzlicher Vorschriften (siehe Grafik „Hauptprobleme: Kosten und Bürokratie“).

Dazu pro agro-Geschäftsführer Kai Rückewold: „Die Frustration über die Bürokratie nimmt immer stärker zu. Kleine und mittelständische Unternehmen haben oft den identischen bürokratischen Aufwand zu leisten wie Großkonzerne. Da ist ein Ungleichgewicht entstanden, das für die Branche nicht mehr tragbar ist. Wachstumsorientierte Mittelstandspolitik, darf nicht Alles und Alle über einen Kamm scheren.“. Die Sorge vor noch mehr Bürokratisierung schlägt bei der Langfristprognose bis zum Jahre 2030 noch deutlicher durch: Mit 61 Prozent ist es bei weitem der höchste Wert bei den Nennungen der größten Herausforderungen.

Informationen zur Umfrage

Rund 650 Unternehmen wurden zur Teilnahme an der Online-Befragung angeschrieben, davon haben 97 Unternehmen geantwortet. 46 Prozent der teilnehmenden Betriebe haben einen Jahresumsatz bis zu einer Million Euro. Bis 10 Millionen Umsatz erlösen 31 Prozent, weitere 12 Prozent bis 25 Millionen Euro und mehr (5 Prozent aller Teilnehmer erwirtschaften über 75 Millionen Euro). Beschäftigte in Vollzeit: Rund 40 Prozent der Unternehmen beschäftigen weniger als fünf Mitarbeiter, 13 Prozent haben über 100 Beschäftigte. Hinweis:

Das Branchenbarometer hat keinen Anspruch auf Repräsentativität. Grafiken zur Umfrage können Sie unter folgender Adresse anfordern: presse@proagro.de.

Auf Tuchfühlung in der Brandenburghalle

Gedränge in den Gängen und an den Ständen in der Brandenburghalle.

Rund 275.000 Besucher aus dem In- und Ausland kamen diesmal zur Grünen Woche (19. bis 28. Januar 2024) und informierten sich über die neuesten Trends in Landwirtschaft, Ernährung und Gartenbau. Das waren zwar nicht ganz so viele wie im Vorjahr (300.000), wozu laut Messe Berlin möglicherweise der Lokführerstreik beigetragen hat. Warum auch immer: Von dem „Schwund“ war jedenfalls in der Brandenburghalle wenig zu spüren. Hier drängte sich das wissens- und probierfreudige Publikum durch die Gänge und an den Ständen – Fachbesucher aus Handel, Gastronomie, Gemeinschaftsverpflegung und Direktvermarktung inbegriffen.

Das Brandenburger Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz (MLUK) hat als Ausrichter der Brandenburghalle zurecht eine positive Bilanz gezogen. „Die 2023 noch spürbare Zurückhaltung nach den Coronajahren ist vorbei; Brandenburgs Agrar- und Ernährungswirtschaft will wieder durchstarten“, hieß es. Das zeigten auch die Zahlen: 250 Anbieter, darunter zumeist klein- und mittelständische Unternehmen, präsentierten an 70 Ständen ihre regionalen Spezialitäten – von Traditionsmarken bis zu Newcomer-Produkten. Erstmals gab es in der Brandenburghalle 21a auch eine Weinlounge mit dem g.g.A.-zertifizierten Brandenburger Wein „Großräschener See“.

Das Interesse von Konsumenten und Fachpublikum galt nicht nur heimischen Produkten und kulinarischen Spezialitäten, sondern auch dem touristischen Angebot. Die Resonanz stimmte die Aussteller auf ganzer Linie zufrieden. Sie nutzten den direkten Kontakt mit den Besuchern, um ihre Produkte und Konzepte zu präsentieren. Dazu Agrarminister Axel Vogel: „Die Grüne Woche bietet zu Jahresbeginn die Chance, auf Themen, Herausforderungen und Angebote unserer Land- und Ernährungswirtschaft aufmerksam zu machen.“ Bereits während der Messe habe das Nachmessegeschäft begonnen, Online-Bestellungen und -Nachfragen würden bei den Ausstellern zunehmend eingehen. 

„Zum Auftakt und ersten Höhepunkt des Agrarjahres haben wir auf der Internationalen Grünen Woche die Regionalität in den Mittelpunkt der Diskussionen gestellt“, hob Minister Vogel außerdem hervor und ergänzte: „Der Griff zu regionalen konventionellen und Bio-Qualitätsprodukten hilft den Landwirtinnen und Landwirten, aber insbesondere auch, Arbeitsplätze und die Existenz des Brandenburger Ernährungshandwerks zu sichern.“ 

25. pro agro-Marketingpreis

Traditionell stand der erste Messetag im Zeichen des pro agro-Marketingspreises 2024 und der Prämierung kreativer und innovativer Unternehmen. Die Preisverleihung nahmen Minister Vogel, die Verbandsvorsitzende Hanka Mittelstädt und Geschäftsführer Kai Rückewold vor. Am Wettbewerb hatten 60 Unternehmen und Institutionen teilgenommen – ein neuer Rekord! In den einzelnen Kategorien sahen die Zahlen so aus: Direktvermarktung 24, Ernährungswirtschaft 19 sowie Land- und Naturtourismus 17 Bewerbungen. Im Lebensmittelbereich wurden folgende Unternehmen ausgezeichnet:

Direktvermarktung

(1) Märkische Quarter Horse Ranch (Lieblingsmist)

(2) Altdöberner Baumkuchen (Café Schauwerk)

(3) Agrargenossenschaft Neuzelle (Salatproduktion – alles aus einer Hand).

Ernährungswirtschaft

(1) „Die Weide lebt“ (Gläserne Molkerei)

(2) WertWeideRind (EWN Wurstspezialitäten)

(3) Kartoffelsalat mit Leinöl & Senf (Golßener Lebensmittel)

Als Anerkennung erhalten die genannten Preisträger ein pro agro-Marketingpaket. Überdies werden die Produktinnovationen und Vermarktungskonzepte aller 60 Wettbewerbsteilnehmer in der Broschüre Neues aus Brandenburg. Ein Land voller Ideen dargestellt. (Mit einem Klick auf die Titelseite haben Sie Zugang zur Broschüre).

EDEKA-Regionalpreis

Unter den Bewerbern der Kategorien Ernährungswirtschaft und Direktvermarktung wurde dieser Preis auch 2024 ausgelobt. Geschäftsführer Hans-Ulrich Schlender übergab die Auszeichnung diesmal an zwei Unternehmen, und zwar an die Gläserne Molkerei („Die Weide lebt“), wodurch die Münchehofer zusammen neben dem Marketingpreis eine weitere Branchen-Trophäe abräumen konnten. Der zweite Regionalpreis ging an die Klosterfelder Senfmühle mit ihrem Produkt „Brandenburger Senf“. Beide Gewinner erhalten eine exklusive Vermarktung über die EDEKA-Handelsgesellschaft. Weitere Informationen rund um den pro agro-Marketingpreis 2024 finden sie hier.

Handels- und Gastronomierundgänge 

Das im Jahre 2009 eingeführte Konzept, die Brandenburghalle als Informations- und Dialogplattform für Hersteller und Vermarkter zu nutzen, hat sich auch während der jüngsten Grünen Woche bestens bewährt. Über 600 eingeladene Vertreter von Handel, Gastronomie, Gemeinschaftsverpflegung und Direktvermarktung hatten das Angebot zum Austausch mit den Ausstellern während der gesamten Messe angenommen – für größere Gruppen am frühen Morgen vor Messebeginn, für kleinere Delegationen auch während des laufenden Messegeschehens. „Allein an den Rundgängen mit EDEKA (24. Januar) und REWE (25. Januar) haben über 350 Einzelkaufleute des Berliner und Brandenburger Lebensmittelhandels teilgenommen“, berichtete Kristin Mäurer, pro agro-Fachbereichsleiterin der Agrar- und Ernährungswirtschaft.

Stammtisch der Brandenburger Ernährungswirtschaft 

Wie früher fand auch diesmal der erste Unternehmerstammtisch des Jahres im Rahmen der Grünen Woche statt. Teilgenommen haben neben Vertretern der Ernährungswirtschaft und der Direktvermarktung auch Landwirtschaftsminister Axel Vogel. Inhaltlich ging es hauptsächlich um die Frage, wo die Unternehmen aktuell und generell der Schuh drückt und wie sich die Zusammenarbeit zwischen Politik und Wirtschaft vertiefen lässt. In Anbetracht der Bedeutung des Themas haben wir die wesentlichen Inhalte des diskursiven Austauschs in einem separaten Beitrag festgehalten (siehe Rubrik BRANCHE).

Zwei Landesfeste

Am Brandenburgtag (22. Januar) gab Minister Vogel den Austragungsort der zentralen Eröffnungsveranstaltung der 29. Brandenburger Landpartie (8. und 9. Juni 2024) bekannt. Ausrichter wird diesmal die Agrargenossenschaft Unterspreewald sein (um welchen Gastgeber es sich dabei handelt, sagt Ihnen das noch „frische“ Porträt im pro agro-Newsletter 11/2023). Die komplette Broschüre mit allen wichtigen Informationen, teilnehmenden Betrieben und deren Angeboten erscheint Anfang Mai. Der Staffelstab für die Austragung des 21. Brandenburger Dorf- und Erntefestes (14. September 2024) ging an die Gemeinde Drachhausen/Hochoza im Landkreis Spree-Neiße. Beide Landesfeste werden im Auftrag des Landes Brandenburg von pro agro koordiniert.

Brandenburger Kochstudio 

Der gut besuchte Anlaufpunkt zeigte an allen zehn Messetagen, wie vielfältig das Land Brandenburg auch in der Kulinarik ist. Abgestimmt auf die jeweilige Tagesregion des Bühnenprogramms und begleitet von dem bekannten Radio-Moderator Detlef Olle demonstrierten Köche aus Brandenburger Restaurants und Landgasthöfen ihre Fertigkeiten und stellten haustypische Gerichte mit heimischen Produkten vor.

Weitere Informationen über den Auftritt der brandenburgischen Lebensmittelbranche auf der Grünen Woche 2024 finden Sie hier.

„Versorgung mit Lebensmitteln ist systemrelevant!“

Flagge zeigen: Kundgebung zur Kampagne „Regionale Lebensmittel einkaufen – jetzt erst recht!“ vor dem Potsdamer Landtag.

Brandenburgs Land- und Ernährungswirtschaft hat seit Jahren einen schweren Stand: Corona, Kriege in der Ukraine und in Nahost, Lieferengpässe, steigende Kosten und dergleichen mehr beuteln die Branche wie selten in der jüngeren Vergangenheit. Hinzu kommen die permanente Regulierungswut der EU-Bürokraten und die sprunghaften Entscheidungen der Bundespolitik, die alles andere als verlässliche Rahmenbedingungen für das Wirtschaften setzen. Aufgrund dieser wenig ersprießlichen Gemengelage sieht es der Verband pro agro in seiner Funktion als Sprachrohr und Förderer der Branche auch als seine Aufgabe an, den Unternehmen Orientierung zu geben und Perspektiven aufzuzeigen.

Ausgangspunkt für eine solche in die Gegenwart und Zukunft gerichtete Betrachtung sind drei Ereignisse, die alle zu Beginn des Jahre 2024 stattfanden und Aufschluss geben über die Befindlichkeit der Branchenunternehmen: die Bilanz der Grünen Woche bzw. des Geschehens in der Brandenburghalle, die Diskussion während des Stammtisches der Ernährungswirtschaft und die Kernergebnisse des Anfang Januar veröffentlichten Branchenbarometers – alles Ereignisse übrigens, über die im vorliegenden Newsletter berichtet wird.

Wie es nach Corona mit der Grünen Woche weitergeht, konnte man anfangs nicht so richtig einschätzen. Doch jetzt, im Jahr zwei nach dem Neustart, lässt sich mit Fug und Recht von einem positiven Comeback reden. Sowohl die Aussteller- wie auch die Besucherzahlen haben optimistisch gestimmt. Konzept und Angebot in der Brandenburghalle fanden auf ganzer Linie regen Zuspruch. Das ist insoweit eine gute Botschaft. Aber: „Ob die Hallen brechend voll sind, ist nicht der entscheidende Faktor, sondern die Kontaktqualität“, gibt pro agro-Geschäftsführer Kai Rückewold (Foto) zu bedenken und konkretisiert, was er damit meint: „An manchen Tagen ist es besser, mit weniger Besuchern intensivere Gespräche führen zu können.“

Zweifellos sind die Grüne Woche und das tägliche Vermarktungsgeschäft jenseits der Messe ein enormes Heimspiel für die Brandenburger Erzeuger und Verarbeiter von Lebensmitteln, da die regionalen Produkte direkt vor den Toren der Hauptstadt entstehen. Der Weg des Produkts von der Entstehung bis zum Berliner Markt ist also sehr kurz, was die emotionale Käuferbindung in Sachen Transparenz, Authentizität und Verbundenheit zur eigenen Region fördert. Andererseits ist die Branche direkt und unmittelbar den Entscheidungen aller politischen Ebenen ausgesetzt. Das hat sich kurz vor Beginn der Grünen Woche auf dramatische Weise gezeigt.

Nur den massiven Protesten der Landwirtschaft ist es nämlich zu verdanken, dass die Bundespolitik zum Teil wieder zurückgerudert ist. Was aber hat’s gebracht? „Für unsere Wertschöpfungsketten ist damit noch nicht viel getan“, konstatiert Rückewold. Begründung: „Wir müssen aufpassen, dass mit Schnellschüssen nur für die Landwirtschaft nicht die mittelständische Ernährungswirtschaft noch weiter ins Straucheln gerät.“ Dahinter steht die Befürchtung, dass den Herstellern „in der Schraubklemme“ zwischen höheren Kosten und stagnierenden Erlösen die Luft ausgeht. Deshalb seine Mahnung: „Wenn wir regionale Landwirtschaft und weiterverarbeitendes Handwerk bzw. mittelständische Industrie nicht zusammen denken, wird es keine Verbesserungen geben.“

Die Notwendigkeit eines solchen ganzheitlichen Denkens und Handelns findet seinen Ausdruck in der auch vom Brandenburger Landwirtschaftsministerium propagierten und verfolgten Strategie, die regionalen Wertschöpfungsketten zu stärken. In diesen Prozess sind praktisch alle Glieder bzw. Marktplayer der Branche einbezogen – vom landwirtschaftlichen Erzeuger über den Verarbeiter bis zum Vermarkter und Konsumenten von regionalen Lebensmitteln.

Plakativer Einsatz: REWE mit gezielter Kundenansprache.

Hier sieht sich der Verband als neutrale Instanz, geprägt vom Verständnis für alle Partner der Wertschöpfungskette und in der Praxis geleitet von der Vermittlung von Kontakten; und bei aller Neutralität jedoch immer mit dem offenen Herzen vor allem für die lebensmittelproduzierenden Unternehmer. „Optimistisch stimmt mich, dass einige Lebensmittelhändler viel mehr Solidarität mit der Erzeuger- und Herstellerseite bekunden als offiziell hörbar wird“, sagt Rückewold in diesem Zusammenhang. Hintergrund dieser Erfahrung: pro agro spricht in aller Regel mit den Repräsentanten vor Ort und nicht (nur) mit den Konzernzentralen.

Auch auf Verbraucherebene setzt der Verband an, um die Absatzchancen der Brandenburger Hersteller zu optimieren. Ein erster, guter Schritt ist hier die breit aufgestellte Kampagne „Regionale Lebensmittel einkaufen – jetzt erst recht!“, die vom Agrarministerium maßgeblich unterstützt wird. Einzelne Unternehmen oder Produkte dürfen zwar nicht beworben werden, aber der kontinuierliche, kommunikative Hinweis auf Positiveffekte regionaler Wirtschaftsstrukturen verfehlt seine Wirkung nicht. Diese Kommunikationsarbeit wird fortgesetzt. Klares Ziel ist es dabei, auch den Handel stärker in solche Kampagnen einzubinden. Denn am Ende muss der Verbraucher die Produkte aus Brandenburg auch im Regal an prominenter Stelle finden.

Ein wichtiger „Mitspieler“ bei der Unterstützung und Förderung regionaler Verarbeitungsstrukturen ist die Brandenburger Politik. „Wir werden gefragt und gehört“, betont der Verbandsgeschäftsführer. Dennoch erlebe er immer noch zu viel Abgrenzung statt Wachstums- und Wagemut. In unzähligen Aktivitäten versuche man deshalb, das Wissen um die heimische Ernährungswirtschaft und die aktuellen Herausforderungen zu verdeutlichen. Und an die Adresse der kommenden Regierung – im September wird bekanntlich ein neuer Landtag gewählt – richtet Kai Rückewold die Erwartung anzuerkennen, dass „die Versorgung mit regional hergestellten Lebensmitteln systemrelevant ist. Sie ist klimaschonend, nachhaltig und hält den ländlichen Raum lebendig. Dafür sollte es spürbare Prioritäten in allen Ministerien geben.“

Spreewald-Rabe: Ein altes Unternehmen – jung geblieben

Das letzte Jubiläum ist gerade mal ein Jahr her. Denn 2023 feierte der Boblitzer Gemüsespezialist sein 125-jähriges Bestehen, oder besser gesagt: Die Familie Belaschk gedachte der Gründung im Jahre 1898, denn seitdem befindet sich die Firma in Familienhand. Heute wird das Unternehmen in fünfter Generation von Markus Belaschk (Foto) geführt – einerseits der Tradition verpflichtet, wozu Beständigkeit und Verlässlichkeit in Qualität und Geschmack zählen, andererseits der Zukunft zugewandt, was sich in erfolgreichen Produktinnovationen und modernsten Herstellungstechniken manifestiert. Und nicht nur das: „Wir stehen für Nachhaltigkeit, sowohl im Anbau und bei der Ernte, als auch in der Verarbeitung“, betont er.

Früher wurde die eingesetzte Rohware, das waren hauptsächlich Gurken und Meerrettich, im eigenen landwirtschaftlichen Betrieb angebaut, geerntet, verarbeitet und vermarktet. Aus heutiger Sicht könnte man das als Vorläufer einer geschlossenen regionalen Wertschöpfungskette mit dem spezifischen Merkmal „alles aus einer Hand“ bezeichnen. Heute, wo man mit ganz anderen Mengen arbeitet, lässt sich das gar nicht mehr bewerkstelligen. Denn gegenwärtig veredelt das Unternehmen schätzungsweise 2.500 Tonnen Gemüse im Jahr: Gurken, Meerrettich, Kürbis, Paprika und mehr. „Wir beziehen die Feldfrüchte bei einigen wenigen Brandenburger Vertragsbauern, die wir alle persönlich kennen und regelmäßig aufsuchen, um sicher zu sein, dass ihre Arbeit unseren Qualitätsstandards entspricht“, berichtet Markus Belaschk. „Das ist ein Geschäft auf Augenhöhe“, betont er.

Um die Feldfrüchte effizient zu verarbeiten und zur Marktreife zu bringen, braucht man viele helfende Hände und moderne Maschinen. Damit allein ist es aber nicht getan, denn da wartet ja noch die Befüllung der diversen Gebinde für unterschiedliche Abnehmer. Für die Privatverbraucher sind in der Regel Gläser und Flaschen in mehreren Größen im Einsatz (etwa zehn Millionen Stück), die Industrie wiederum erhält die Ware in Großdosen sowie der ambulante Handel auf Märkten oder der Lebensmitteleinzelhandel für die Frischetheken als Eimerware. Das muss alles störungsfrei gesteuert werden. Dafür sorgen die 60 fest angestellten Mitarbeiter (einschl. Verwaltung) und noch einige mehr während der Hochsaison, die von Juli bis kurz vor Weihnachten dauert. 30 bis 40 Prozent der Mitarbeiter stammen aus dem grenznahen Bereich Polens und pendeln täglich.

Vermarktet werden die Produkte (eingelegte Gurken, Gemüse, Meerrettich, Aufstriche, Saucen etc.) vor allem in Ostdeutschland, wobei das Unternehmen die Endverbraucher über den LEH erreicht, also EDEKA und REWE als Vollsortimenter sowie Kaufland, „schwarzer“ Netto und Norma. Auch bei Bartels-Langness im Norden Deutschlands ist man gelistet; damit sollen in erster Linie die Ostsee-Touristen erreicht werden. Industriekunden bzw. Großverbraucher werden beispielsweise mit Gurkenscheiben und -würfeln als Zutaten für Feinkostsalate oder mit Meerrettich für Frischkäse und Fischprodukte beliefert. Zu den Kunden in diesem Segment zählen außerdem Gastronomen und Markthändler, die die Ware auch über den firmeneigenen Abholmarkt vor Ort erhalten.

Ohne Frage muss sich auch der „Spreewaldrabe“ unter den gegenwärtigen Bedingungen sputen, das Geschäft am Laufen zu halten. „Wir merken natürlich, dass sich die Kunden momentan eher für die preisgünstigen Produkte aus dem Ausland und weniger für die etwas teureren aus heimischer Herstellung entscheiden“, sagt Markus Belaschk und fügt hinzu: „Wir können nur an unsere Kunden appellieren, dass ihnen nachhaltige Herstellung und regionale Herkunft mehr wert sind als unbekannte Produkte aus dem Ausland.“

Ein Wort noch zur Entstehungsgeschichte der Marke „SpreewaldRabe“: Während das Unternehmen zu DDR-Zeiten den Namen des Großvaters Kurt Belaschk trug, war es nach der Wende an der Zeit, ein neues Label mit Signalwirkung zu kreieren. „Meine Eltern haben sich entschieden, die Anfangsbuchstaben des Namens meines Vaters zu integrieren – also Ra wie Rainer und be wie Belaschk. Und dann kam die Überlegung, die Produktherkunft in das Label zu integrieren“, erzählt der jetzige Firmenchef. So also ist die Marke „SpreewaldRabe“ entstanden – eine wahrlich kluge Entscheidung, gilt doch der Rabe in der germanischen Mythologie als Symbol der Weisheit.

Maß genommen: Der Rüttel-Fülltisch schüttelt die störrischen Gurken in die Gläser.

Ein Branchentreffen, das es in sich hatte

Offenes Ohr: Minister Axel Vogel (hinten, Mitte) beim Stammtisch der Ernährungswirtschaft.

Das nennt man gutes Timing: Gerade mal eine Woche war es her, dass die wenig ersprießlichen Ergebnisse des Branchenbarometers der Brandenburger Ernährungswirtschaft veröffentlicht worden waren, als etlichen Unternehmen sich die Gelegenheit bot, ihre Sorgen und Nöte „live“ kundzutun. Anlass war der Stammtisch der Ernährungswirtschaft, der am 22. Januar 2024 wie gewohnt während der Grünen Woche in der Brandenburghalle stattfand. Im Unterschied zur anonymisierten Erhebung des Barometers war dies die Chance, den anwesenden Landwirtschaftsminister Axel Vogel persönlich mit ihren zum Teil sehr kritischen Äußerungen zu konfrontieren und ein direktes Feedback zu erhalten – ein offener Austausch, der für Klarheit sorgte.

Schon während der allgemeinen Vorstellungsrunde gingen die Teilnehmer zur Sache und nutzten die Gunst der Stunde, den Minister aus Unternehmersicht mit den Verwerfungen des Marktes und den zum Teil lähmenden politischen Rahmenbedingungen zu konfrontieren. Was die wirtschaftlichen Aspekte angeht, standen die Kostenprobleme (Energie, Rohstoffe, Logistik, Personal) im Vordergrund – Themen also, die schon in der Barometer-Befragung eine zentrale Rolle gespielt haben. So wies Willi Stollenwerk (Spreewald Feldmann) beispielsweise darauf hin, dass infolge der erhöhten Lkw-Maut die Transportkosten spürbar gestiegen sind; diese zusätzliche finanzielle Belastung würde voll bei den Erzeugern und Verarbeitern von Lebensmitteln hängenbleiben, da der Handel jede Beteiligung strikt ablehne.

An die Adresse der Politik wiederum wurde hauptsächlich über bürokratische Hemmnisse geklagt, verbunden mit der dringenden Bitte an Minister Vogel, „sich für mehr Planungssicherheit stark zu machen und den Genehmigungsmarathon zu verringern“, wie Hanka Mittelstädt (Ucker-Ei) sagte. Energisch unterstützt wurde diese Forderung von Thomas Syring (Syringhof), der sogar von bürokratischer „Gängelei“ sprach, wodurch seine Freiheiten als Landwirt zunehmend eingeschränkt würden. Überspitzt brachte Christoph Lehmann (Agrar GmbH Bergsdorf) diese Tatsache auf folgenden Nenner: „Es ist schon lange kein unternehmerisches Agieren mehr möglich, sondern im Wesentlichen nur noch ein Reagieren auf behördliche Auflagen.“

Deutlich zum Ausdruck gebracht wurde auch, dass die Regulierungswut aller politischen Ebenen (EU, Bund, Länder) nicht nur jedes unternehmerische Handeln belastet, sondern auch die nationale wie internationale Wettbewerbsfähigkeit in Mitleidenschaft zieht. „Wir brauchen gleiche Regeln für gleiche Märkte, um im Wettbewerb zu bestehen“, sagte Benjamin Meise (Fürstenwalder Agrarprodukte). Denn durch die immer höher geschraubten Standards „sägen wir im offenen Wettbewerb an dem Ast, auf dem wir sitzen“, kritisierte Malte Voigts (Spargelhof Kremmen). Oder, wie es Thomas Syring auf den Punkt brachte: „In dieser schwierigen Lage müssen alle Beteiligten lösungs- und problemorientiert arbeiten – Unternehmen wie Behörden.“

Minister Vogel seinerseits bekannte, dass er die praktischen Probleme der Branche zwar nachvollziehen, aber nicht in jedem Falle unmittelbar zur Lösung beitragen könne. „Ich bin primär Landwirtschaftsminister des Landes Brandenburg“, sagte er, „und habe in dieser Funktion zum Beispiel keinen Einfluss auf die Entwicklung der Energiepreise“. Unabhängig davon könne und werde er die genannten Probleme in die zuständigen Entscheidergremien einbringen.

Anders verhält es sich, so der Minister weiter, beim Thema Bürokratieabbau. Ministerpräsident Dietmar Woidke und er hätten sich am 18. Januar in einem Gespräch mit dem Landesbauernverband Brandenburg darauf geeinigt, dass die Landwirtschaft der Landesregierung konkrete Maßnahmen zur Lösung des Problems vorschlägt. „Ich werde dem Ministerpräsidenten zudem empfehlen, die Ernährungswirtschaft in die Überlegungen einzubeziehen. Denn beide Wirtschaftszweige sind untrennbar miteinander verbunden“, sagte er.

Gleichzeitig betonte er, dass die Brandenburger Landwirtschaft „ohne Fördermittel im Grunde nicht überlebensfähig ist.“. Deshalb werde sie auch weiterhin unterstützt. In diesem Zusammenhang wies er darauf hin, dass über die Europäische Innnovationspartnerschaft für Produktivität und Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft (EIP-AGRI) und die vom Land dafür neu aufgelegte Richtlinie wieder Fördermittel für innovative Projekte zur Verfügung stehen. „Im ersten Aufruf“ handelt es sich um einen Topf mit 15 Millionen Euro. Die Bewerbungsfrist läuft bis zum 5. April (weitere Informationen finden Sie hier).

Überdies bekräftigte Vogel, dass sich sein Ministerium auch in Zukunft intensiv für die Belange der Ernährungswirtschaft engagieren wird. So informierte er die Teilnehmer, dass der Dienstleistungsvertrag für das Agrarmarketing, in der Praxis umgesetzt vom Verband pro agro, für weitere fünf Jahre gesichert ist. „Das ist mir wichtig zu betonen“, hob er hervor. Außerdem wird die Fortführung der Verbraucherkampagne „Regionale Lebensmittel kaufen – jetzt erst recht!“ in diesem Jahr mit bis zu 500.000 Euro unterstützt.

Unterstützende Maßnahmen von pro agro für die Branche

Beim Agrarmarketingverband pro agro stehen auch 2024 etliche branchenrelevante Aktivitäten auf der Agenda, um die Brandenburger Erzeuger, Verarbeiter und Vermarkter von Lebensmitteln zu unterstützen und somit die regionale Wertschöpfung zu stärken. Zu den Instrumenten zählen unter anderem Wissenstransfer, Information und Kommunikation, Branchenevents und Unternehmensumfragen sowie Aktionen in Form von Kampagnen. Hier in Stichworten eine Auswahl dessen, was sich bereits heute an konkreten Maßnahmen und Angeboten „in der Pipeline“ befindet.

Vorstellung der Ergebnisse des pro agro-Branchenbarometers der Land- und Ernährungswirtschaft in Brandenburg 2023 zur Einschätzung der wirtschaftlichen Situation durch Brandenburgs Unternehmen (im Rahmen der Kommunikation im Vorfeld der Grünen Woche 2024); Fortführung der Befragungen zum kontinuierlichen Monitoring der Branchenentwicklung aus Unternehmenssicht (u.a. mit Trendumfrage zur Jahresmitte).

Begleitung und Vermarktung regionaler Kooperationen von Branchenunternehmen jeder Ausrichtung (konventionell bis bio, handwerklich bis industriell etc.), aus allen Sortimentsbereichen und allen Regionen Brandenburgs, zum Beispiel

  • Fortsetzung der Koordination und Unterstützung der Aktionskampagne der Unternehmer-Initiative Lebensmittelwirtschaft Brandenburg, um „Regionale Lebensmittel einkaufen – jetzt erst recht!“ im Jahr 2024

a) in der Mitte der gesellschaftlich/politischen Wahrnehmung zu halten und

b) mit gezielten Aktionen am POS auch Konsumenten direkt zu erreichen und damit Verbraucherinformation und -aufklärung zu unterstützen.

Initiierung, Entwicklung und Stärkung von regionalen Wertschöpfungsketten, insbesondere im Bereich Gemeinschaftsverpflegung (Schwerpunkt Betriebskantinen), und zwar

  • Fortsetzung des Einführungsprozesses zur Umsetzung eines zweistufigen EU-notifizierten Qualitätsprogramms für Brandenburger Erzeugnisse
  • Fortsetzung des (perspektivischen) Dialogs mit Handelsunternehmen zum Thema EU-notifiziertes Qualitätsprogramm „Gesicherte Qualität aus Brandenburg“.

Umsetzung von Branchenfachveranstaltungen für Informationsvermittlung und Wissenstransfer zu aktuellen Branchenentwicklungen und relevanten Marktanforderungen sowie für den Erfahrungsaustausch innerhalb der Branche, unter anderem

  • 22.01.2024: pro agro-Unternehmerstammtisch Ernährungswirtschaft
  • 15.02.2024: Online-Seminar „IFS Global Markets Food erfolgreich umsetzen“
  • Ende Februar 2024: 2. Informations- und Austauschveranstaltung „Regionales Fleischerhandwerk“
  • 05.09.2024: Norddeutscher Ernährungsgipfel
  • 17.10.2024: Tag der Direktvermarktung

Beteiligung an oder Organisation von Publikumsveranstaltungen in ganz Brandenburg als Plattformen für das Erlebbarmachen und Vermarkten von Regionalprodukten aus Brandenburg, unter anderem

  • 25.-26.05.2024: Gartenfestival Park & Schloss Branitz
  • 08./09.06.2024: Brandenburger Landpartie
  • 27.07.2024: Potsdamer Erlebnisräume in Potsdam
  • 14.09.2024: Brandenburger Dorf- und Erntefest in Drachhausen
  • 19./20.10.2024: Brandenburger Schlachtefest in Paaren-Glien.

Verkaufsfördermaßnahmen mit einzelnen Absatzpartnern für die gezielte Kontaktanbahnung, den Kooperationsausbau mit regionalen Lieferanten aus Brandenburg sowie für den Ausbau regionaler Wertschöpfungsketten und Vermarktungsstrukturen, unter anderem

  • Regionale Tage in den Galeria Markthallen Berlin (Januar 2024)
  • Produzenteninformationstour von pro agro in Kooperation mit Rewe Ost in Brandenburgs Landkreisen (März 2024) sowie Bundeslandmesse der Rewe Ost (18.06.2024)
  • Mitteldeutsche Warenbörse in Schkeuditz (12.06.204)
  • Aufbauend auf den Ergebnissen der pro agro-Studie „Vermarktungspotenziale heben für Regionalprodukte aus Brandenburg“ (2022) plant der Verband eine Studie, um mehr Erkenntnisse zu Bekanntheit und Kaufverhalten rund um Brandenburger Lebensmittel-Marken zu erlangen.

Dazu Kristin Mäurer, pro agro-Fachbereichsleiterin Agrar- und Ernährungswirtschaft (Foto): „Wir haben als pro agro ein vielfältiges Aktionspaket für das kommende Jahr geplant, das für alle Zielgruppen unserer Verbandsarbeit etwas zu bieten hat – vom Direktvermarkter bis zum regionalen Handelslieferanten, in Kooperation mit Partnern aus Handel, Tourismus oder Medien in der Hauptstadtregion. 2024 bleibt herausfordernd für die Absatzförderung. Umso wichtiger sind Maßnahmen, die den Bekanntheitsgrad und die Wettbewerbsfähigkeit unserer regionalen Produzenten unterstützen.“

pro agro-Aktivitäten auf der Grünen Woche

Vom 19. bis 28. Januar 2023 öffnet die Messe Berlin ihre Tore, um weltweite Innovationen aus Landwirtschaft und Food-Branche zu präsentieren. Die internationale Leitmesse für Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau erwartet rund 300.000 Besucher aus aller Welt. Auf 118.000 qm Bruttofläche zeigen 1.400 Aussteller aus 61 Ländern ihre Angebote. Das Land Brandenburg wird wieder in Messehalle 21a dabei sein. Auf der großen Bühne präsentieren sich an den zehn Messetagen die Regionen des Landes. Mit einer Vielzahl von Aktivitäten sorgt außerdem der Verband pro agro dafür, dass die Brandenburghalle zu einer effizienten Kommunikationsplattform für Aussteller und (Fach-) Besucher wird. Die wichtigsten Aktivitäten stellen wir nachfolgend vor.

Freitag, 19. Januar 2024: Ab 13 Uhr Verleihung „pro agro Marketingpreis – natürlich Brandenburg 2024“ in den Kategorien Ernährungswirtschaft, Direktvermarktung sowie Land- und Naturtourismus; direkt im Anschluss wird der „EDEKA Regionalpreis 2024“ verliehen.

Montag, 22. Januar 2024 (Brandenburg-Tag):

  • Verkündung des Standorts der zentralen Eröffnungsveranstaltung zur Brandenburger Landpartie 2024
  • Staffelübergabe zwischen altem (2023 Kremmen) und neuem (2024 Drachhausen) Ausrichter des Brandenburger Dorf- und Erntefestes 2024
  • pro agro-Unternehmerstammtisch Ernährungswirtschaft (16.00 bis 17.30 Uhr, Konferenzraum Brandenburghalle) gemeinsam mit dem Brandenburger Landwirtschaftsminister Alex Vogel; Thema „Ausblick auf geplante Aktivitäten für die Branche im Jahr 2024 – seitens pro agro und dem Landwirtschaftsministerium MLUK“.

Auf Einladung des Verbandes pro agro geführte Rundgänge mit Fachpublikum aus Handel, Gastronomie, Gemeinschaftsverpflegung, Direktvermarktung, Logistik der Hauptstadtregion Berlin/Brandenburg. Folgende Absatzpartner haben sich bereits verbindlich angemeldet:

  • Montag, 22. Januar: Chefs Culinar, Weihe und Keuthmann Frischegroßhandel
  • Dienstag, 23. Januar: Brandenburger Gastronomen, Kaufland, Galeria Markthallen, Norma

  • Mittwoch, 24. Januar: Edeka, Rewe (Mecklenburg und Nordbrandenburg), Netto (schwarz)
  • Donnerstag, 25. Januar: Rewe (Berlin, Brandenburg)
  • Freitag, 26. Januar: Marktschwärmer

Durchgängige Aktivitäten: Organisation des Brandenburger Kochstudios in der Brandenburghalle – an allen zehn Messetagen zeigen Köche aus Brandenburgs Regionen ihre Interpretation von Regionalität auf der Speisekarte.

„Auf der Grünen Woche in Berlin bietet sich vor allem eines – die Chance, im persönlichen Kontakt mit Verbraucherinnen und Verbrauchern, Kaufleuten des Lebensmitteleinzelhandels und wichtigen Branchenpartnern zusammen zu kommen“, kommentiert pro agro-Geschäftsführer Kai Rückewold (Foto) und fügt hinzu: „Starke Verbindungen in Netzwerken und zwischen Menschen sind zu allen Zeiten die Grundlage von vertrauensvoller Zusammenarbeit, und in krisenreichen Zeiten wie diesen sind sie wesentlich, um gemeinsam Zukunftsperspektiven zu entwickeln.“

HBB-Geschäftsführer Busch-Petersen im Interview

Lang gelebte Gewissheiten sind dahin, die Sorgen nehmen zu. Kriegerische Auseinandersetzungen und dümpelnde Konjunktur gehören zum Alltag und sind eine Quelle der Unsicherheit für Menschen und Märkte. Diesen stetigen (und wachsenden) Herausforderungen muss sich auch die Lebensmittelwirtschaft Brandenburgs stellen, natürlich. Zum Abschluss des Jahres 2023 sprachen wir mit Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Berlin-Brandenburg (Foto links), und pro agro-Geschäftsführer Kai Rückewold über das, was ist, was wird und was zu tun ist. Ein Interview.

Herr Busch-Petersen, zum Einstieg ein paar Fragen an Sie. Wie sieht die Großwetterlage im Handel aus?

Wir befinden uns in diesem Jahr in einer besonders langen Phase der Tarifauseinandersetzung. Die Gewerkschaft Verdi hat ihre Forderungen hochgereizt, wie ich es noch nicht erlebt habe. Und das in einer Situation mit einer sich überlagernden Dauerkrise des Konsumverhaltens.

Wo hakt’s denn?

An der Sturheit der Gewerkschaft und ihren maßlosen Forderungen. Kann mir einer mal sagen, wie wir eine Kostenmehrbelastung von 13 bis 15 Prozent stemmen sollen? Verdi tut ja so, als hätten wir kaum was geboten. Das Gegenteil ist der Fall: Alles in allem summiert sich unser Angebot auf eine Lohn- und Gehaltssteigerung von rund zehn Prozent. Und von Verdi gab es bisher keine Reaktion.

Was ist zur Handelsperformance 2023 zu sagen?

Wir werden Mühe haben, die realen Zahlen von 2019 zu erreichen. Also vor Corona. Die Menschen kaufen extrem preisbewusst ein und greifen in der Regel zu Preiseinstiegsprodukten oder Eigenmarken. Das schlägt natürlich auf die Handelsmarge durch. Die Lage ist also sehr angespannt.

Und was erwarten Sie für 2024?

Ich finde es erstaunlich, dass sich Krisen unterschiedlichster Art – auch solche, die nicht unbedingt vor unserer Haustür stattfinden – unmittelbar auf das Konsumklima auswirken. Und wenn ich sehe, wie beunruhigt die Menschen sind und sich voller Sorge fragen, welche Krisen uns womöglich noch bevorstehen, dann kann ich für 2024 nicht viel Optimismus für den Handel verbreiten.

Was sagt „Konsumentenbindung“ aus, wenn Verbraucher von einem Handelsformat zum anderen wandern, bloß weil es etwas preiswerter ist?

Der Handel hat den Verbraucher über Jahrzehnte dazu erzogen, den Preis zum Maßstab seines Kaufverhaltens zu machen. Wer zur Preissensibilität erzieht, kriegt preissensible Kunden. Das ist nicht wirklich Kundenbindung. Die entsteht nach meiner Erfahrung viel eher durch ein verlässliches Angebot sowie durch Wiedererkennen und persönliche Ansprache der Kunden im Markt. Das ist wichtiger als jedes Rabattheftchen.

Nun nach Brandenburg. Warum zeigt der Handel bei der Unternehmer-Initiative kaum Flagge?

Busch-Petersen: Gegenfrage, was soll eine national verbreitete Handelskette als „regional“ definieren? Darüber zerbrechen sich die zentralen Marketingabteilungen den Kopf. Anders sieht es bei regionalen Handelsunternehmen aus. Und bei selbstständigen Einzelhändlern, die sich mit einem stärker regional ausgerichteten Sortiment profilieren können und sollten. Da sehe ich noch Potenzial.

Kai Rückewold: Ich würde mir wünschen, dass sich der Handel insgesamt hier ein Stück mehr engagiert. Der Einzelhändler kann ja nicht alles allein entscheiden.

Busch-Petersen: Die Selbstständigen haben mehr Entscheidungs-Freiraum, als man denkt. Das gilt vor allem für regionale Spezialitäten. Anders sieht es beim Basis- oder Standardsortiment aus. Diese Produkte werden ihnen in der Tat von ihrer unternehmenseigenen Großhandlung bzw. Regionalgesellschaft geliefert.

Aber auch der Produzent von Lebensmitteln ist im Spiel und muss sich kümmern.

Rückewold: Völlig richtig. Unsere Brandenburger Lieferanten werden nur dann erfolgreich sein, wenn sie beim Verbraucher und auch beim Handel sichtbar und hörbar sind. Wenn sie umgekehrt nichts tun und folglich als Marke nicht oder nur kaum wahrgenommen werden, werden sie auch nicht als relevant im Regal betrachtet.

Busch-Petersen: Nur mit Appellen kommen wir nicht weiter. Das Produkt selbst muss für sich sprechen: Geschmack, Qualität, Nachhaltigkeit, artgerechte Haltung von Tieren und ähnliche Vorzüge sollten in den Vordergrund gestellt werden. Es reicht nicht der Hinweis, du musst das Produkt kaufen, weil du dadurch etwas für die Region tust. Oder anders ausgedrückt: Es geht darum zu vermitteln, was für fantastische Produkte aus der Region kommen, und nicht darum, wie fantastisch die Region ist, in der auch schöne Produkte hergestellt werden.

Sitzen Handel und Hersteller, so gesehen, nicht in einem Boot?

Rückewold: Ja. Als Partner mit den gleichen Vermarktungsinteressen sollten sie sich zusammensetzen und gemeinsam nach optimalen Lösungen suchen. Es geht dabei um Gespräche auf Augenhöhe. Ich selbst bin überzeugt davon, dass wir als pro agro den Handel noch stärker in unsere Überlegungen und Aktivitäten einbeziehen könnten, um für beide Seiten das Geschäft zu optimieren.

Herr Busch-Petersen, was wünschen Sie sich fürs nächste Jahr? Wir brauchen endlich deutlichere Signale, dass wir uns wieder in eine friedlichere Welt bewegen. Für Deutschland wünsche ich mir eine klarere politische Führung und die Verwirklichung von Programmen, die denjenigen mehr Bewegungsspielräume gibt, die für Arbeitsplätze sorgen, so dass sie sich angemessen entfalten und entsprechend agieren können – sprich: weniger Bürokratie und kürzere Genehmigungsverfahren.

Kunella: Marktbearbeitung mit vollem Einsatz

Er ist ein Unternehmer mit Bodenhaftung: tatkräftig und besonnen; mutig, aber nicht übermütig; heimatverbunden und zukunftsorientiert. Lothar Parnitzke (Foto) hat die Marke „Kunella“ in Brandenburg groß und über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht; er scheut sich nicht, sein vielfältiges Sortiment auch in „exotischen“ Regionen wie Asien und Südamerika zu vertreiben. Trotz aller Mobilität und Weitsicht ist er indessen als echtes Cottbuser Gewächs seiner Heimat treu geblieben. Und der Firma auch: 1965 begann er als Lehrling im damals noch privaten Unternehmen Gebrüder Kunert; neun Jahre später war er Betriebsdirektor im dann verstaatlichten VEB Feinkost. 1991 schließlich übernahm er das Unternehmen von der Treuhand, firmierte es zur Kunella Feinkost GmbH um und leitet es seitdem als geschäftsführender Gesellschafter.

Stillstand ist für den Cottbuser Firmenchef ein Fremdwort. „Ich habe dreißig Jahre lang unser ostdeutsches Verbreitungsgebiet aufgebaut, die nächsten 30 Jahre konzentriere ich mich auf Westdeutschland“, sagt er schmunzelnd. Und das glaubt man ihm gern, denn er verfügt über eine wichtige unternehmerische Tugend: Beharrlichkeit. Seit eh und je investiert er in die Produktion und den Maschinenpark, um in der Zusammenarbeit mit dem Handel flexibel zu werden und zu bleiben, das heißt die georderten Mengen – mal mehr, mal weniger – stets liefern zu können.

Viel Geld investiert Parnitzke auch in die Aus- und Fortbildung seiner Mitarbeiter, denn die müssen ja die High-Tech-Maschinen bedienen können, ganz abgesehen davon, dass jeder Schritt zu mehr Automatisierung den körperlichen Einsatz verringert. Seine Leute danken’s ihm auf ihre Weise: „Wir haben kaum Fluktuation“, erzählt er und fügt hinzu: „Wer bei uns zehnjähriges Firmenjubiläum hat, ist für unsere Begriffe noch nicht lange da.“ Was natürlich auch etwas über‘s Betriebsklima aussagt. Kurzum, als er den Betrieb 1991 übernahm, waren weit mehr als 40 Mitarbeiter an Bord, heute sind es gerade mal 38, obwohl sich der Absatz seitdem verzehnfacht hat. Von einer derart starken Produktivitätssteigerung können andere Unternehmen nur träumen.

Entsprechend umfangreich und vielfältig ist heute das Sortiment von Kunella. Hier ein Ausschnitt: Mayonnaise, Remoulade und Salatcreme; Speise- und Spezialitätenöle; Ketchup, Saucen und Spreewälder Meerrettich. Ein Renner sind seit jeher die unterschiedlichen Leinöl-Varianten. Auf diesem Polster ruht sich der Unternehmer allerdings nicht aus. Er hat, im Gegenteil, immer ein Auge darauf, dass seine Produkte mit der Zeit gehen bzw. den Verbrauchertrends auf den Spuren bleiben. Soll heißen: Innovationen stehen hoch im Kurs, ob es die vegane Mayonnaise ist, die nach vielversprechenden Markttests jetzt Gegenstand der Listungsgespräche mit dem Lebensmittelhandel ist; oder die vier Fruchtessige (Himbeere, Schwarze Johannisbeere, Apfel/Orange/Balsamico, Kirsche/Balsamico), die auf der diesjährigen ANUGA in Köln auf großes Handelsinteresse gestoßen sind und das Kunella-Highlight auf der Grünen Woche 2024 sein werden.

Stichwort Beharrlichkeit: Ebenso konsequent wie seinen Vertrieb in Deutschland baut er sein Auslandsgeschäft auf. Kunella-Produkte findet man inzwischen in den Supermärkten Asiens und Südamerikas. Das hat er systematisch eingefädelt und weiterentwickelt. Schon früh hat er damit begonnen, unter den Fittichen der CMA auf Messen in aller Welt präsent zu sein oder als Teil von Wirtschaftsdelegationen ferne Länder zu erkunden und nachhaltige Kontakte zu Handelsunternehmen zu knüpfen. Diese Vorgehensweise hat er stets als Investition in die Zukunft betrachtet, das heißt er musste in Vorleistung gehen. „An maßgebliche Gewinne war in der Anfangsphase nicht zu denken. Aber es hat sich gelohnt: Wir haben unseren Bekanntheitsgrad bei Handelsentscheidern und Konsumenten erhöht. Heute sage ich: Das war meine Strategie, doch damals lautete meine Devise schlicht und einfach: Ich muss was tun“, erzählt er.

Auslandsaktivitäten, Produktqualität und Verbrauchernachfrage haben auch das Kunella-Image beim deutschen Lebensmittelhandel erhöht. In Deutschland ist das Sortiment heute praktisch in allen Vertriebsformen des LEH präsent – schwerpunktmäßig in den neuen Bundesländern. Neben der Vermarktung von Fertigprodukten vertreiben die Cottbuser auch Rohware an die verarbeitende Industrie; Mayonnaise und Ketchup zum Beispiel, die in Feinkostsalaten der Partnerbetriebe eingesetzt werden. Dieses Geschäft macht heute immerhin mehr als zehn Prozent des Absatzes aus.

Ein wichtiger Baustein der Vermarktungs-Aktivitäten ist auch die Präsenz auf deutschen Messen. Da fährt Kunella praktisch eine Doppelstrategie. So dient die Teilnahme an der Kölner ANUGA neben der Präsentation von Produkt-Innovationen vor allem der Kontaktaufnahme und -pflege mit Handelseinkäufern bzw. -entscheidern; die Grüne Woche in Berlin (19. bis 28. Januar 2024) wiederum schafft die Gelegenheit, im Rahmen der pro agro-Handelsrundgänge mit der „Basis“ zu sprechen, also am Messestand mit den Supermarkt-Mitarbeitern in einen konstruktiven und persönlichen Dialog über die Produkte (einschl. Verkostung) zu treten. Nicht zu vergessen den direkten Kontakt zu Verbrauchern, wie Lothar Parnitzke hervorhebt: „Wir haben auf der Grünen Woche im Januar 2023 rund 3.000 Artikel verkauft, das heißt wir haben 3.000 Gespräche mit unserer Zielgruppe geführt.“

Edeka Dorfmann: „Regionalen Partnern Türen öffnen“

Aus der Vogelperspektive: So wird die gesamte Anlage des Zukunftsmarkts nach Fertigstellung aussehen (Foto: bloomimages GmbH)

Christian Dorfmann (Foto) ist ein Unternehmer mit Herzblut: zupackend, innovativ, zukunftsorientiert. Und ein richtiges EDEKA-Gewächs dazu. „Ich habe blau-gelbes Blut in mir“, scherzt er. Als Azubi hat er Lebensmittel nicht nur lieben, sondern auch präsentieren und verkaufen gelernt. In sieben Jahren Mitarbeit in verschiedenen Berliner EDEKA-Märkten und dem parallelen Besuch von Führungsseminaren und Aufbaulehrgängen hat er sich in Theorie und Praxis fit gemacht für die Selbstständigkeit. Im Jahre 2018, als er den blau-gelben Supermarkt in Ketzin (Havelland) übernahm, war er am Ziel. Oder besser gesagt: am Zwischenziel.

In den wenigen Jahren von 2018 bis heute hat Christian Dorfmann eine Menge auf die Beine gestellt. Erst hat er sein Stammgeschäft in Ketzin aufgemöbelt, dann folgte die Eröffnung des Funkstadtcafés in Nauen und des Nachbarschaftsladens „Nah & Gut“ ebendort. Für einen Jung-Unternehmer im Lebensmittelhandel hat er ein bemerkenswertes Expansionstempo vorgelegt – drei Geschäfte mit insgesamt 80 Mitarbeitern plus sechs Azubis. Und das nächste folgt sogleich: der „Zukunftsmarkt“, der im Spätsommer 2024 die Tore öffnen wird. In der zweiten Januarhälfte 2024 wird im Beisein von lokaler und regionaler Prominenz Richtfest gefeiert.

Der Name des neuen Objekts in der Nauener Südstadt ist Programm. Dort spielt eben richtig Zukunftsmusik, und zwar was das Konzept und das Warenangebot betrifft. So zeichnet sich die Architektur durch den Einsatz spezieller Materialien wie Holz, natürliche Dämmstoffe und CO2-armer Beton aus; überdies werden regenerative Energiequellen genutzt und vieles mehr (Details siehe hier). Auf 2.500 qm Verkaufsfläche finden bis zu 20.000 Artikel in den Regalen Platz. Innovativ ist in diesem Zusammenhang die bewusste Verbindung von Handel und Gastronomie, und zwar als gleichwertige Bereiche.

„Die Zukunft soll sich nicht nur in den baulichen Vorgaben zeigen, sondern auch im Inneren, also beim Warenangebot“, betont Christian Dorfmann. Darunter versteht er schwerpunktmäßig regionale Produkte aus dem Havelland. „Ich versuche, lange Lieferwege zu vermeiden: Warum soll die Tomate aus Werder erst die Reise ins Zentrallager nach Minden und wieder zurück machen, um bei mir im Regal zu liegen?“, fragt er. Außerdem will er den Weg vom Lieferanten zum Vermarkter gewissermaßen verkürzen: „Da ich in meiner Entscheidungsfreiheit recht flexibel bin, kann ich eher eine Partnerschaft auf Augenhöhe bieten und mit Handschlag besiegeln“, sagt er. So lassen sich die manchmal langwierigen und komplizierten Listungsprozesse vermeiden.

Integrierter Bestandteil des Ladenlayouts wird der so genannte Regionalmarkt sein, eine separate Fläche also, wo neue regionale Produkte eine prominente Präsentationsplattform erhalten „und nicht in der Masse der Ware untergehen“, wie der Kaufmann sagt. Hier können Lieferanten sich selbst und ihre Erzeugnisse persönlich vorstellen, Verkostungen anbieten und in direkten Kontakt mit Kunden treten. Optisch wird die Fläche so gestaltet, dass eine Hofladen-Atmosphäre entsteht. Solche und andere Aktionen sowie Warenangebote sollen künftig verstärkt digital kommuniziert werden. Das spart nicht nur Druckkosten (Handzettel), sondern ist auch der gegenwärtigen Zeit eher angemessen.

Laut Christian Dorfmann „liegt es in der Natur der Sache, dass wir im Havelland vor allem frisches und verarbeitetes Obst und Gemüse vermarkten wollen. Das ist schon immer die Gemüsekammer Berlins gewesen“. Grundsätzlich sei er indessen für alle Warengruppen offen. Zentral wichtig sei aber die Qualität der Produkte, und zwar nach den EDEKA-Standards. Langer Rede kurzer Sinn: „Ich will regionalen Partnern die Tür öffnen und mögliche Berührungsängste abbauen. Mir ist es wichtig, mit meinen Partnern persönlich über das Produkt, dessen Herkunft und Qualität zu sprechen. Lieferanten können sich schon heute bei mir melden; die Detailgespräche werden dann ab Januar stattfinden.“ Aktiv unterstützt wird die Lieferantensuche von pro agro. Nach der Grünen Woche 2024 wird der Verband eine Art „Stammtisch“ veranstalten, wo sich interessierte Erzeuger und Verarbeiter mit Christian Dorfmann über Produkte und Modalitäten der Zusammenarbeit austauschen können.

Regionalkampagne geht in die dritte Phase

Die auf 30 aktive Mitstreiter angewachsene Unternehmer-Initiative Ernährungswirtschaft Brandenburg wartet gespannt auf den 2. Runden Tisch Ernährungswirtschaft mit den Ministern Dr. Jörg Steinbach (MWAE) und Axel Vogel (MLUK) am 18. Dezember in Potsdam. Nach dem ersten Austausch im Mai dieses Jahres (siehe pro agro-Newsletter 06/2023) sind die Erwartungen bei den Unternehmern hoch: Die Minister hatten seinerzeit zugesagt, sowohl bei den Themen Verbraucherkommunikation, Investition und Finanzierung als auch mit Blick auf die enorm gestiegenen Kosten hilfreiche Lösungen zu finden. Die Unternehmen setzen nun auf valide Rahmendaten durch die Politik, um ihre Budgets an die geplanten und notwendigen Aktivitäten im Rahmen der Kampagne „Regionale Lebensmittel kaufen – jetzt erst recht!“ anpassen zu können.

Aus Sicht der Initiatoren, die bereits viel Geld und Zeit in die Kampagne investiert haben, stellt sich die Lage folgendermaßen dar: Nach fast einem Jahr seit der ersten „Solidaritätsaktion Regionale Ernährungswirtschaft“ mit aufmerksamkeitsstarken Kundgebungen vor dem Potsdamer Landtag und dem Berliner Senat wird die Negativdynamik der wirtschaftlichen Krise bei den Ansprechpartnern der Politik offensichtlich noch nicht so energisch angegangen, wie es aufgrund der ökonomischen Bedeutung der Ernährungswirtschaft für das Land Brandenburg eigentlich angezeigt wäre. Auch deshalb hat die Unternehmer-Initiative die Fraktionsvorsitzenden der im Landtag vertretenen Parteien und die beiden Vorsitzenden der jeweiligen Fachausschüsse Wirtschaft und Agrarwirtschaft auf diesen Sachverhalt aufmerksam gemacht.

Tatsache ist, dass sich die Situation der Unternehmen nicht verbessert hat. Die massiv gestiegenen Kosten (Energie, Rohstoffe, Löhne und Gehälter) können kaum an den Handel weitergegeben werden; Inflation und die damit verbundene Kaufzurückhaltung führen dazu, dass regionale Lieferanten mit teilweise deutlichen Absatzrückgängen zu kämpfen haben. Umso wichtiger ist es, die Verbraucher weiter für den Kauf regionaler Produkte zu gewinnen und die Bedeutung für Arbeitsplätze, den Erhalt des ländlichen Raums und die positiven Effekte durch kurze Transportwege und direkte Nähe zum Verbraucher zu kommunizieren.

Ab 1.12. wird auf den Kanälen der ProSieben-Gruppe für regionale Produkte aus Brandenburg geworben.

Das Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz (MLUK) hat den Verband pro agro Mitte Oktober gebeten, das Thema Regionalität im Rahmen einer Kommunikations-Kampagne noch einmal bis zur Jahreswende zu positionieren. Trotz des hohen Zeitdrucks konnte ein „sehenswerter“ Mix aus TV, Radio und Kinowerbung zusammengefügt werden. In Brandenburg und Berlin wird auf 130 Kinoleinwänden bis nach Weihnachten ein 25 Sekunden-Spot werben. BB-Radio öffnet mit der Crew der Morgenshow seit 27. November einen Adventskalender, bei dem regionale Lebensmittel von den Hörern entdeckt und gewonnen werden können.

Ferner wird erstmalig das Medium TV genutzt. Auf den Kanälen der ProSieben-Gruppe werden bis zu eine Million Haushalte beim Umschalten im Programm über einen Werbeframe zum Kauf regionaler Produkte aufgefordert. „Mit dem knapp sechsstelligen Budget können wir vor dem Weihnachtsfest bereits einen gewissen Aufmerksamkeitsdruck erzeugen. Leider erlauben die Mittel nur eine recht allgemeine Ansprache der Menschen, das heißt ohne die Nennung von Unternehmens- oder Produktmarken,“ freut sich der Koordinator der Kampagne, pro agro-Geschäftsführer Kai Rückewold, dennoch über die Chance auf intensive Verbraucherkommunikation. Um der genannten Aktion noch mehr Power zu verleihen, hat die Unternehmer-Initiative beschlossen, die seit November laufende Kampagne im Radio und auf den Kinoleinwänden mit einem eigenen Zusatzinvestment abzurunden.

Die Unternehmer setzen darauf, dass das Land Brandenburg den Wert der Lebensmittelproduzenten vor der Haustür richtig einschätzt und nach dem Jahresauftakt der Grünen Woche 2024 die aktive Verbraucherkommunikation weiter unterstützt und fördert. „Eigentlich gibt es für das Image des Landes Brandenburg keine besseren Botschafter als die regional erzeugten Lebensmittel auf den Tischen von über sechs Millionen Menschen in der Hauptstadtregion. Liebe geht eben nach wie vor durch den Magen.“ resümiert die Mitbegründerin der Initiative und Vorstandvorsitzende von pro agro, Hanka Mittelstädt, mit einem kleinen Schmunzeln.

Saisongeschäft mit Weihnachtsgänsen

Alle Jahre wieder…steht der Gänsebraten auf dem Tisch. In deutschen Haushalten wird das weihnachtliche Ritual nach wie vor gern zelebriert. Mag auch die festtägliche Speisekarte nicht den jährlichen Höhepunkt internationaler Kochkunst versprechen – für eine liebgewordene und gepflegte Tradition steht sie allemal: für deftige Hausmannskost im Kreise der Familie statt exotischer Kulinarik in Sterne-Restaurants. Wir sind der Frage nachgegangen, wie sich diese Tradition in Zahlen ausdrückt und welche Rolle das spezifische Marktgeschehen im Land Brandenburg spielt. Wobei es in diesem Bericht ausschließlich um Gänse geht und nicht um Puten, Enten & Co.

Werfen wir zunächst einen Blick auf die Gesamtsituation in Deutschland. Hier liefert uns das Statistische Bundesamt (Destatis) recht eindeutige Zahlen. So wurden hierzulande über das gesamte Jahr 2022 knapp 1,8 Millionen Tonnen Geflügelfleisch verbraucht. Die Rede ist dabei von Hühnern, Enten, Gänsen und Puten. Hühnerfleisch liegt mit gut 1,3 Millionen Tonnen einsam an der Spitze, gefolgt von Puten- (406.000 Tonnen) und Entenfleisch (gut 55.000 Tonnen). Weit abgeschlagen liegt Gänsefleisch mit gerade mal 22.000 Tonnen Verbrauch auf dem letzten Platz – ein klarer Hinweis darauf, dass die Gans eher ein Saisonprodukt ist. Darüber hinaus berichtet Destatis, dass die deutschen Gänsefleisch-Importe 2022 insgesamt knapp 14.800 Tonnen betrugen, wovon der Löwenanteil (gut drei Viertel) aus Polen und 21,5 Prozent aus Ungarn stammten.

Ergänzend schickte uns der Geflügelwirtschaftsverband Brandenburg die Information, dass in Deutschland jährlich ca. 800.000 Gänse gemästet werden, was einer Produktion von rund 4.100 Tonnen Gänsefleisch entspricht; davon wird etwa die eine Hälfte direkt vermarktet bzw. privat gehalten und die andere in Gänseschlachtereien verarbeitet und vermarktet. Das Preisniveau für deutsche Gänse liegt in diesem Jahr etwa auf dem Niveau von 2022, der Abgabepreis an Verbraucher pendelt zwischen 18 und 21 Euro pro Kilo Frischware. „Importware ist wesentlich günstiger zu haben“, sagt Geschäftsführerin Dr. Katharina Standke. „Diese Gänse kosten neun bis zehn Euro für ganze Schlachtkörper. Dabei handelt es sich allerdings um Tiefkühlware.“

Soweit die „Großwetterlage“ des Gänsefleischmarktes. Wie aber stellt sich die Situation hier in der Region dar? Der Verband schätzt die gezüchtete und verkaufte Zahl der Tiere in Brandenburg auf ca. 100.000 bis 120.000 Stück, was „über die letzten Jahre als recht stabil“ einzustufen sei. Es sei ferner davon auszugehen, dass etwa 60 Prozent frisch an Weihnachten und 40 Prozent zum Martinstag (ebenfalls frisch) oder als TK-Ware vermarktet werde. Die Nachfrage nach deutschen Gänsen wird als gut bezeichnet. Und: „Da die Geflügelhalter ihre Bestände als Folge der Vogelgrippe etwas reduziert haben, dürfte es keine Überhänge im Markt geben.“

Wie man sich das Weihnachtsgans-Geschäft (einschl. Martinstag) in der Praxis vorzustellen hat, soll am Beispiel zweier Betriebe aus Brandenburg dargestellt werden, nämlich Hof Kremmen und Dithmarscher Geflügel (Seddiner See).

Hof Kremmen. Hier werden vor Ort ca. 5.000 Tiere gemästet und nach der Schlachtung direkt (regional) vermarktet. Die Haltung ist artgerecht, d.h. die Gänse können sich „rund um die Uhr im nahrhaften Grünland des Rhinluchs bewegen. Wir nennen das auch gern bäuerlich, da wir das zugefütterte Getreide in unserem Betrieb selbst anbauen und ernten“, betont Geschäftsführerin Beate Gebauer. Etwa 55 Prozent der Tiere werden über den eigenen Hofladen stationär und online (kein Versand, nur Bestellservice) sowie 23 Prozent auf Wochenmärkten vermarktet; im Hofrestaurant kommen 17 Prozent des Bestandes zum Verzehr auf den Tisch und 5 Prozent verlassen als fertige Braten mit allen Beilagen den Betrieb. Der Kilopreis beträgt wie im Vorjahr 18,90 Euro. „Wir rechnen mit einer steigenden Nachfrage“, sagt die Geschäftsführerin.

Dithmarscher Geflügel. Im Unterschied zu regionalen Direktvermarktern ist der Vertrieb dieses Unternehmens bundesweit aufgestellt; verkauft wird die Ware praktisch ausschließlich über Absatzmittler. Entsprechend hoch liegen die Zahlen, die uns Geschäftsführer Mirko Pabel zur Verfügung gestellt hat. Da reden wir beispielsweise über eine Stückzahl von rund 200.000 Gänsen, die während der Saison in ganz Deutschland vermarktet werden, davon die Mehrzahl (60 Prozent) als tiefgekühlte Ware. Ebenso sieht das Verhältnis von ganzen Tieren zu Teilstücken aus, nämlich 60 zu 40 Prozent. Gut zwei Drittel der verarbeiteten Gänse (65 Prozent) werden an den LEH, ein Viertel an den Großhandel und der Rest anderweitig vermarktet.

Bei diesen hohen Stückzahlen stellt sich die Frage, woher das Unternehmen die Gänse bezieht. „Wir arbeiten mit ca. zwanzig Mastbetrieben in Nord- und Ostdeutschland zusammen, rund ein Drittel davon ist in Brandenburg angesiedelt.“, sagt Mirko Pabel. An den Endverbraucher geht frische Ware zum Preis von rund 18 Euro pro Kilo, wobei er je nach Region und Vertriebsweg zwischen 16 und 20 Euro schwanken kann. „Die Nachfrage ist lebhaft, Gänse werden rege gesucht“, fügt er hinzu. Sehr wichtig ist ihm der Hinweis, dass die von den Partnerbetrieben gemästeten Gänse ausschließlich in „bäuerlicher Freilandhaltung“ aufwachsen. Das sei durch unabhängige Kontrollen des Bundesverbands Tierschutz sichergestellt. „Die Gänse bekommen ausschließlich natürliches, gentechnikfreises Futter ohne Soja“, ergänzt er. Versteht sich, dass Lebendrupf und Stopfmast ein absolutes Tabu sind.

Auf Augenhöhe mit den Kunden

Frisch vom Acker: „Dürrenhofer“ Kartoffeln in Reih‘ und Glied.

Die Begeisterung für das Leben und Wirtschaften auf dem Lande wurde ihm in die Wiege gelegt: Uwe Schieban (Foto) ist auf dem elterlichen Hof, der seit Generationen im Familienbesitz ist, groß geworden und war dort tagein, tagaus von Nutztieren, Kartoffeläckern und Gemüsefeldern umgeben. „Ich wollte nie etwas anderes machen“, sagt der studierte Landwirt. Nach seinen Lehr- und Wanderjahren ist sein Traum Wirklichkeit geworden: Seit 2003 ist er neben Simone Hill Vorstand der Agrargenossenschaft Unterspreewald in Dürrenhofe, einem 260-Seeleen-Dorf nahe Cottbus – Land pur sozusagen.

„Das Dorf liegt am Ende der Welt“, sagt Schieban freimütig, was aber beileibe nicht heißen soll, dass man hier hinterm Mond lebt. Dafür sorgen schon allein die vielfältigen Aktivitäten der Agrargenossenschaft, die den Verbund von sieben gesellschaftsrechtlich selbstständigen Landwirtschaftsunternehmen koordiniert. Die drei Öko- und vier konventionellen Betriebe bewirtschaften 5.300 Hektar Fläche mit insgesamt ca. 4.000 Rindern. „Diese hohe Zahl von Tieren macht absolut Sinn, da mehr als die Hälfte unserer Flächen aus Grünland besteht“, erklärt er. Die Genossenschaft selbst ist im Verbund zuständig für Produktvermarktung, Hofküche und Landtechnik (Handel, Reparatur).

Die Rinder dienen der Haltung und Aufzucht von Milch- und Mutterkühen sowie der Bullenmast. Die Mütterkühe werden dabei von den Ökobetrieben gehalten, weil das Grünland im Spreewald derart strengen Bewirtschaftungsauflagen unterliegt, dass es sich lohnt, die entsprechenden Betriebe gleich als Biounternehmen zu führen. Das wiederum bringt einen ökonomischen Mehrwert bei der Vermarktung: Die höherwertigen Fleisch- und Wurstwaren leisten einen höheren Wertschöpfungsbeitrag. Die Milch wird komplett nach Ostsachsen geliefert und dort von der Molkerei Sachsenmilch Leppersdorf (einer Tochter von Müller-Milch) verarbeitet.

Im Rahmen der Genossenschaft wird ansonsten die ganze Bandbreite landwirtschaftlicher Produkte erzeugt: alle Getreidesorten sowie Mais und Sonnenblumenkerne; dazu Kartoffeln, Möhren, rote/weiße Bete und Gurken. Und natürlich Spargel, der in der Direktvermarktung neben den Kartoffeln eine große Rolle spielt. „Spargel ist hier vom Umsatz her die Nummer eins“ erläutert der Manager und ergänzt: „Wir verkaufen rund 400 Tonnen Kartoffeln direkt, bei Getreide sind es ca. 200 Tonnen.“ Wobei „Direktvermarktung“ heißt: über den Hofladen sowie auf regionalen Märkten und in der Gastronomie im näheren Umfeld.

Der Hofladen erfüllt eine Doppelfunktion: Zum einen gilt er als Einkaufs-Attraktion für die Ausflügler aus Berlin, zum anderen aber ist er – wichtiger noch – für das Dorf mangels Alternativen der Nahversorger für Güter des täglichen Bedarfs.

Auf ungefähr 500 qm Verkaufsfläche wird unter der Eigenmarke „Dürrenhofer“ eine Vielzahl von Produkten angeboten. Da findet man Fleisch- und Wurstwaren vom eigenen Rind oder Kartoffeln und Gemüse (z.B. Möhren, rote/weiße Bete, Gurken) aus eigenem Anbau und natürlich Spargel. Hinzu kommen verschiedene Mehlsorten aus eigenem Getreideanbau oder Leinöl.

Die Hofküche steuert ebenfalls zur Sortimentsvielfalt bei und ist mit den in Gläsern abgefüllten fertigen Gerichten praktisch zuständig für das Convenience-Sortiment. Hinzu kommen die Produkte etlicher Partnerbetriebe aus der Umgebung, so dass der Hofladen über ein breit gefächertes Angebot an Premiumwaren verfügt. Und nicht zu vergessen: die angegliederte, gut frequentierte Floristikabteilung. Sie bringt nicht nur naturfrische Farbe ins Spiel, sondern bessert auch die gesamte Direktvermarktungs-Bilanz auf, deren gut 1,5 Millionen Euro Jahres-Umsatz für das eher kleinteilige Geschäft schon ein Wort sind.

Gut frequentiert: Die Floristikabteilung des Hofladens

Solche bemerkenswerten Zahlen fallen einem natürlich nicht in den Schoß. Das heißt, wer so erfolgreich sein will, muss kräftig die Werbetrommel rühren. Die Instrumente reichen von der herkömmlichen Printwerbung über Social Media-Aktivitäten bis zu aufwändigen Live-Events. „Wir waren schon immer bei der Brandenburger Landpartie im Juni dabei“, beginnt Uwe Schieban seine beispielhafte Aufzählung. „Beim ersten Mal schauten vielleicht 20 Besucher vorbei. Heute tummeln sich 2.000 bis 3.000 Leute mit Kind und Kegel auf unserem Hof“, sagt er. Das sieht bei den anderen Hofveranstaltungen inzwischen nicht anders aus: beim Spargelanstich im April, beim Kartoffelfest im September oder beim Weihnachtsmarkt im Dezember.

Wer da meint, dass die Einwohner solche Massen-Events eher lästig (weil ruhestörend) finden – weit gefehlt: Das ganze Dorf ist da auf den Beinen und mischt kräftig mit. Wie übrigens auch der Genossenschaftschef höchstpersönlich. Denn wenn das musikalische Bühnenprogramm startet, schnappt er sich schon mal seine „Quetschkommode“ (Akkordeon), eilt auf die Bühne, spielt und singt mit.

Den größten Teil ihrer Produkte vermarktet die Agrargenossenschaft direkt: damit verbunden ist die Chance, „die Preise ein Stück weit selbst zu bestimmen“, so Schieban. Wiederverkäufer sind deshalb keineswegs außen vor: Auch der Lebensmittelgroßhandel, Hofläden und Supermärkte (Rewe, Marktkauf) in der Umgebung werden teilweise beliefert. Weitere Vertriebspartner sind durchaus willkommen. „Unser Vorteil ist, dass wir nahe an den Kunden sind. Wir wissen, was sie wollen und was ihnen schmeckt. Von diesem Wissen kann auch der Handel profitieren“, sagt er.

Tag der Direktvermarktung und des Ernährungshandwerks

Bewährtes Format: Gelungener Mix aus unternehmerischer Praxis und politischer Flankierung

Auch die 16. Ausgabe der von pro agro und dem „Forum ländlicher Raum – Netzwerk Brandenburg“ organisierten Veranstaltung fand großen Zuspruch. Insgesamt 65 Teilnehmer aus Unternehmen der Direktvermarktung und des Ernährungshandwerks im Land Brandenburg, Vertreter der regionalen Wirtschaftsförderung und der ländlichen Entwicklung sowie Gäste aus Politik und Vermarktung waren am 19. Oktober der Einladung in die Heimvolkshochschule am Seddiner See gefolgt, um über innovative Vermarktungsstrategien zu diskutieren. Der von pro agro-Bereichsleiterin Kristin Mäurer moderierte inhaltliche Mix aus Grundsatzfragen, Praxiserfahrungen und Handlungsempfehlungen hatte sich auch diesmal bestens bewährt.

Zu Beginn der Veranstaltung wies die Unternehmerin und stellvertretende pro agro-Vorsitzende Dorothee Berger auf die fundamental wichtige Rolle der Ernährungswirtschaft in Brandenburg hin. Sie machte deutlich, dass es eben nicht nur um die Herstellung von Produkten, sondern auch um die Rolle der Branche im sozialen Gefüge des Landes geht. „Wir gehören zur ländlichen Familie“, sagte sie und ergänzte: „Wir sind das Rückgrat des ländlichen Raumes. Wir sind das Gesicht Brandenburgs.“ Es müsse darüber diskutiert werden, „wie wir unsere Bedeutung für das Land nicht nur in die Köpfe der Verbraucher, sondern auch in die Köpfe von Handel und Politik bekommen“.

Aus Sicht der Politik thematisierte MLUK-Staatssekretärin Anja Boudon die derzeit größten Herausforderungen der Branche, nämlich die massiv gestiegene Kostenbelastung der Unternehmen und die hohe Preissensibilität der Konsumenten. Politik und Wirtschaft müssten angesichts dieser Situation die Lieferketten resilienter gestalten und die regionalen Wertschöpfungsketten stärken. Sie bekräftigte, dass das Brandenburger Landwirtschaftsministerium weiter an der Seite der heimischen Lebensmittelerzeuger und -verarbeiter steht. Beispielhaft nannte sie unter anderem die Unternehmerinitiative „Regionale Lebensmittel kaufen – jetzt erst recht!“, die vom Ministerium unterstützt wird; weitere Förderung der Kampagne im nächsten Jahr stellte sie in Aussicht.

Der Wert der Veranstaltung besteht indessen nicht nur in der gegenseitigen Vergewisserung des kooperativen Miteinanders von Politik und Wirtschaft, sondern vor allem in der Wissensvermittlung über den Einsatz geeigneter und erfolgversprechender Vermarktungsinstrumente. So wurden auch diesmal etliche Best Practice-Beispiele präsentiert – wie immer aus berufenem Munde, meistens von handelnden Personen aus Brandenburg und nicht ohne Blick über den regionalen Tellerrand. Hier die Beispiele:

Dorothee Berger (links) und Anja Boudon (Mitte) sprachen die Eröffnungsworte, Benedikt Bösel war als einer von insgesamt acht Referenten eingeladen.

Kristin Rotherm, HOF Direkt – Die Zeitschrift für Direktvermarkter. Die Journalistin aus dem Landwirtschaftsverlag (Münster) stellte interessante Direktvermarktungs-Varianten vor, die über den üblichen Online-Shop oder Hofladen hinausgehen: z.B. Verkaufsautomaten (mit und ohne Bargeld) oder Selbstbedienungsläden. Alle Maßnahmen müssen von modernem Marketing (Website, Social Media etc.) begleitet werden. Informationen zur Zeitschrift finden Sie hier.

Benedikt Bösel, Gut & Bösel. Der Landwirt des Jahres 2022 aus Briesen (Mark) referierte über sein innovatives Konzept der regenerativen, multifunktionalen Landnutzung, das auf dem Leitmotiv beruht: „Vom Boden aus denken“. Zentrale Bausteine sind u.a. Biodiversität, Agroforst, neue Kompostierungs-Ansätze oder nachhaltige Weidewirtschaft und Tierhaltung.  Weitere Informationen finden Sie hier.

Hannes-Peter Dietrich, Ökohof Kuhhorst. Der Leiter des landwirtschaftlichen Betriebes in der Gemeinde Fehrbellin sieht ein „riesiges Potenzial“ für regionale Produkte. 120 Mitarbeiter, darunter 93 mit Behinderung, produzieren ein vielfältiges Lebensmittelsortiment nach Demeter-Standard. Direkter Kundenkontakt, Verlässlichkeit und authentisches Storytelling sind aus seiner Sicht unabdingbar für den Vermarktungserfolg. Weitere Informationen finden Sie hier.

Christoph Lehmann, Bergsdorfer Weiderind. Der Landwirt berichtete von der Rinderzucht seines in der Oberhavel gelegenen Betriebes. Die Besonderheit liegt hier in der geschlossenen lokalen Wertschöpfungskette – Geburt, Aufzucht, Schlachtung, Zerlegung und Verarbeitung der Tiere geschehen ausschließlich vor Ort. Die Produkte werden über den Hofladen, den Einzelhandel, die Gastronomie und die Marktschwärmereien vermarktet. Weitere Informationen finden Sie hier.

Marie Läser, Café Schauwerk. Die Konditormeisterin aus Altdöbern (Oberspreewald-Lausitz), erzählte, wie sie ihren Kindheitstraum von einem eigenen Café realisierte. Entstanden ist ein moderner Betrieb, dessen Name Programm ist: Die Kunden können den Genusshandwerkern nach dem Prinzip der „Gläsernen Produktion“ bei der Arbeit zuschauen. Das gilt auch für die Herstellung von Eis, dessen Qualität selbst Kunden aus der Ferne anlockt. Weitere Informationen finden Sie hier.

Uwe Schieban, Agrargenossenschaft „Unterspreewald“. Der Geschäftsführer präsentierte einen stark diversifizierten Betrieb, dessen Angebot auf drei Standbeine verteilt ist: Hofladen, Hofküche und Landtechnik. Die Lebensmittel aus landwirtschaftlicher Erzeugung firmieren in Anlehnung an den Standort des Betriebes unter dem Label „Der Dürrenhofer“. Großveranstaltungen sorgen neben dem vielfältigen Sortiment für Kundenbindung. Weitere Informationen finden Sie hier.

Franka Pätzke, Marktschwärmer. Die Netzwerkkoordinatorin Berlin-Brandenburg beschrieb die Online-Plattform für Direktvermarktung als ein dezentrales Netzwerk von Erzeugern und Verbrauchern aus einer Region. Beide Seiten sollen davon profitieren: die Verbraucher durch direkten Zugang zu regionalen Lebensmitteln und die Erzeuger durch faire Bezahlung. Weitere Informationen finden Sie hier.

Maik Neumann, Mobile Käserei Nordfriesland. Mit einem zur Käserei ausgebauten Kühl-Lkw steuert der Molkerei-Experte auf Bestellung Milchviehbetriebe in Schleswig-Holstein an und stellt vor Ort unterschiedliche Käsesorten her. Der Auftraggeber kann dadurch ohne hohe Investitionskosten das Angebot in seinem Hofladen vergrößern und erzielt darüber hinaus wesentlich bessere Erträge aus seinem Rohstoff Milch. Weitere Informationen finden Sie hier.

Homemade GbR: Voller Einsatz für die Region

„Multitasking“ ist für Eva Paulus kein modisches Organisations-Etikett, sondern gelebte Realität: Die wissenschaftlich geschulte und journalistisch versierte Medienfrau hat sich einerseits einen Ruf als exzellente Kommunikationsexpertin und kreative Impulsgeberin erarbeitet; dafür steht ihre Agentur für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie Event-Marketing. Andererseits hat sie sich der Vermarktung regionaler Fleisch- und Wurstwaren sowie weiterer kulinarischer Spezialitäten verschrieben – dies wiederum unter dem Blickwinkel von Nachhaltigkeit, Tierwohl und Stärkung der regionalen Wertschöpfung. Beide „Gewerke“ managt die vielseitige Unternehmerin von Karstedtshof aus, einem Ortsteil von Wittstock/Dosse.

Dort, im Nordwesten von Brandenburg (Ostprignitz/Ruppin), hat Eva Paulus im Jahre 2015 gemeinsam mit ihrem Sohn Jo Thießen (siehe Foto), damals Student der Veterinärmedizin, einen landwirtschaftlichen Betrieb und die Vermarktungsgesellschaft homemade GbR gegründet. So kam es, dass sich auch der Junior im Multitasking übte, und zwar als Jungbauer, Vertriebler und angehender Tierarzt in Personalunion. „homemade – Da weiß man, wo’s herkommt“ lautet bis heute der Slogan des familiären Start-ups, der nicht nur den Firmennamen, sondern auch das Geschäftsmodell der beiden Macher programmatisch beschreibt.

„Begonnen haben wir nur mit Jo’s Idee und fünf eigenen Schafen. Über die Jahre ist daraus eine ansehnliche Herde mit rund 350 Köpfen auf ca. 55 Hektar gepachtetem Grünland und jeder Menge Familienarbeit gewachsen“, erzählt Eva Paulus. „Das haben wir bis ins Jahr 2022 mit viel Freude gemeinsam bewältigt. Dann folgte der Aufbau und die Eröffnung der ersten Tierarztpraxis, und wir mussten uns von der Landwirtschaft verabschieden. Auch bei uns hat der Tag einfach nur 24 Stunden.“ Bis heute dienen als „Rohstoff“ für die Fleisch- und Wurstverarbeitung allerdings noch immer die Schafe aus der ehemals eigenen Zucht und die Charolais-Rinder vom benachbarten bäuerlichen Familienbetrieb Siekerkotte. „Egal, ob unsere Schafe oder die Rinder von Bauer Siekerkotte: Alle leben jahrein, jahraus auf der Weide. Tierwohl und regionale Herkunft sind für uns nicht verhandelbar“, betont sie.

Geschlachtet, zerlegt und verarbeitet werden die Tiere ebenfalls seit Unternehmensgründung von zertifizierten Partnerbetrieben aus der Umgebung. Vermarktet werden die produzierten Fleisch- und Wurstwaren vom Rind, Lamm und Wild ausschließlich über homemade – in den ersten Geschäftsjahren zum Beispiel über einen festen samstäglichen Stand in der Berliner Markthalle Neun. Während der Corona-Zeit zog man sich dort allerdings zurück und konzentrierte sich auf das Geschäft im eigenen Hofladen (siehe Foto). Der war schon bald so gut frequentiert, dass er sich nicht nur zu einem Nahversorger vor Ort entwickelte, sondern auch Sogwirkung auf weiter entfernte Kundschaft ausübte. Das liegt am aufwendigen Ambiente und – vor allem – an der gewachsenen Sortimentsvielfalt: Heute werden in den Regalen um die 50 Produkte aus der Region nach allen Regeln der Verkaufskunst angeboten: individuelle Präsentation, authentische Herkunft, hochwertige Qualität.

Aus der ursprünglichen Idee, Fleischprodukte in nachhaltiger Weise produzieren zu lassen und selbst zu vermarkten, ist in den vergangenen Jahren etwas Größeres entstanden. Neben dem eigenen Hofladen ist da natürlich der Online-Shop, der für bestimmte Zielgruppen vorgehalten wird; und da sind diverse Wiederverkäufer wie Q-Regio, Feinkostgeschäfte oder klassische Supermärkte, die ebenso wie ausgewählte Gastro-Betriebe mit Wurst, Schinken und Fleisch von homemade beliefert werden. Als stärkste Vertriebswege erlebt Eva Paulus indessen überregionale Food Events, Spezialitätenmärkte, regionale Messen und ähnliche Veranstaltungen, „bei denen wir unsere Ware aufwändig präsentieren und zum Kauf anbieten. Mit Ausnahme von etwa zehn Wochenenden im Jahr sind wir immer irgendwo in der Region unterwegs. Das ist anstrengend, aber es lohnt sich und macht großen Spaß.“

Als wäre das nicht genug, betreibt Eva Paulus inzwischen auch regelmäßige Kooperationen mit erfahrenen Köchinnen und Köchen. „Der Wunsch nach hochwertigen Caterings, die vegane und vegetarische Speisen ebenso inkludieren wie perfekt zubereitete Fleischgerichte, wächst aus unserer Sicht immer mehr. Außerdem schafft eine gute Küche und das gemeinsame Essen immer dieses besondere Miteinander, und wir genießen es sehr, unterschiedliche Menschen und Ideen um einen Tisch zu versammeln“, freut  sie sich über ihr zusätzliches Standbein. Mit diesem Ziel hat sie zu Beginn dieses Jahres neben dem Hofladen eine kleine Cateringküche eingerichtet und inszeniert regelmäßige kulinarische Sommerevents oder auch nur den abendlichen Absacker mit Freunden auf dem eigenen weiträumigen Grundstück.

Auch wenn sich Sohn Jo zugunsten seiner Kleintierpraxen „Die Hoftierärzte“ weitgehend aus dem operativen Geschäft von homemade zurückgezogen hat, bleiben die Gründungspartner ein festes Gespann. „Wir haben viel Freude daran, gemeinsam Neues zu entwickeln und treiben uns gegenseitig an.“ Parallel zum Tagesgeschäft bauen die beiden gerade eine Wittstocker Immobilie zum weiteren Praxisstandort aus. Den homemade-Event-Kalender organisiert die Unternehmerin allerdings im Wesentlichen allein bzw. mit einem guten Team aus freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die sie als Kleingewerbetreibende projektgebunden unterstützen.

Als Gründungsmitglied und stellvertretende Vorsitzende der „Regionalinitiative „Prignitz/Ruppin“ engagiert sich Eva Paulus darüber hinaus schon seit 2017 ehrenamtlich für die Belange von über 50 kleinen Betrieben, Gastgewerben und regionalen Erzeugern. Ziel ist es, auf regionale Wirtschaftskreisläufe aufmerksam zu machen und Verbraucher über die Angebotsvielfalt heimischer Produkte zu informieren. „Ostprignitz-Ruppin und die Prignitz haben unendlich viel zu bieten, aber nicht jeder Schatz ist sofort sichtbar. Wir wollen zu mehr Entdeckerfreude motivieren und helfen gern, die richtigen Adressen zu finden“, erfreut sie sich auch an dieser Gemeinschaft.

Fleischerhandwerk: Gemeinsam auftreten und sich zeigen

Gleich zwei pro agro-Veranstaltungen widmeten sich im Oktober ein und derselben (Teil-) Branche der Brandenburger Ernährungswirtschaft. Zunächst hatte der Verband am 12. Oktober zum 1. Branchentreff des Fleischerhandwerks nach Paaren-Glien eingeladen. Es ging dabei um die Ortung spezifischer Struktur-Probleme (weniger Fleischverzehr der Konsumenten, massive Ausdünnung der regionalen Schlachtkapazitäten etc.) und die Suche nach zukunftsfesten Lösungen. Nur Tage später (20./21. Oktober) fand auf dem MAFZ-Gelände das traditionsreiche 25. Brandenburger Schlachtefest statt, dessen überaus hohe Resonanz (mehr als 10.000 Besucher!) als Antwort auf die brennenden Fragen gewertet werden kann und soll.

Volles Haus: Angeregte Diskussion, kreative Lösungen, gemeinsames Vorgehen.

1. Branchentreff des Fleischerhandwerks. Eine aktuelle Branchenzahl zur Einstimmung: Dem kürzlich veröffentlichten BMEL-Ernährungsreport 2023 zufolge verzehren immer weniger Menschen täglich Fleisch- und Wurstwaren. Laut einer Befragung (1.000 Personen) liegt der Anteil heute gerade mal bei 20 Prozent, im Jahr 2015 waren es noch 34 Prozent. Umgekehrt hat sich der Anteil derjenigen, die jeden Tag zu Fleischersatz-Produkten greifen, im selben Zeitraum von fünf auf zehn Prozent verdoppelt. Nach Auffassung der Teilnehmer wird dieser Trend durch die von bestimmten Gruppen in der Öffentlichkeit immer wieder vehement geforderte Reduzierung des Fleischkonsums forciert. Im Verein mit der momentan allgemeinen Kaufzurückhaltung der Verbraucher trifft diese Entwicklung das deutsche Traditionsgewerbe der Fleischverarbeitung besonders heftig, und zwar vom Direktvermarkter bis zum mittelständischen Produzenten.

Der Einladung zum 1. Branchentreff folgten denn auch 40 Unternehmerinnen und Unternehmer, die das von pro agro zusammengestellte Programm – einer Mischung aus Fachvorträgen und interner Situationsanalyse – aktiv und begeistert aufnahmen. Im Zentrum stand die Frage, wie pro agro die vielfältige Struktur des regionalen Fleischerhandwerks am effektivsten unterstützen und begleiten kann. „Wir müssen raus aus dem Teufelskreis von Personalmangel, überbordender Bürokratie und steigenden Kosten“, fassten pro agro-Geschäftsführer Kai Rückewold und Kristin Mäurer, pro agro-Fachbereichsleiterin Agrar- und Ernährungswirtschaft, in einem ersten Resümee zusammen. Es sei an der Zeit, „innerhalb eines sich unterstützenden Branchennetzwerks Lösungsansätze zu erarbeiten“.

pro agro-Geschäftsführer Kai Rückewold appelliert an die anwesenden Betriebe.

Ganz zentral stand für die Unternehmen die Frage im Raum, welche Zukunftsperspektive regionale Tierhaltung und damit die Versorgung der Bevölkerung mit tierischen Produkten überhaupt noch hat. Dabei war man sich einig, dass Betrachtungen der Negativfolgen eines weltweit steigenden Fleischkonsums kein Maßstab für eine Bewertung in regionalen Märkten sein dürfen. Denn „jedes Tier, das künftig nicht mehr in der Region produziert wird, verschlimmert die globalen Auswirkungen“, hieß es. Und: „Die Schweineproduktion verlagert sich nach Spanien und Rindfleisch aus Südamerika wird schwindende Marktanteile aus regionaler Herkunft sofort übernehmen.“ Die Folge seien weniger Nachhaltigkeit, weniger Klimaschutz und weniger Zugriff auf die Gestaltung von Tierwohl.

Die Teilnehmer stimmten darin überein, dass es eine nach außen gerichtete Kommunikation „pro hochwertige Fleischerzeugung aus der Region“ geben muss. Der Verband bot hier direkte Unterstützung im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit an. Dass zusätzlich auch politische Meinungsführer angesprochen werden sollen, um einer „schweigenden Mehrheit“ von Konsumenten wieder eine Stimme zu geben, war eine wichtige Anmerkung vieler Diskutanten.

Was sich kurzfristig an Handlungsideen entwickeln und umsetzen lässt, war Inhalt der folgenden Vortragsreihe:

Fleischermeister und Sommelier Justin Hosseini, Inhaber der Medienagentur „Mund Werk“, wies darauf hin, dass erfolgreiche Kommunikationsarbeit mit der klaren Definition der Zielgruppe beginnt. Sein Credo: „Gutes Bewegtbildmaterial ist Pflicht, aber vergessen Sie nicht, eine direkte Möglichkeit zur Kaufreaktion anzubieten. Egal, ob Online-Shop, Laden oder Marktstand – Darstellung und Vertrieb müssen von Beginn an verzahnt werden.“

Fleischsommelier Olaf Mahr plädiert für ein Selbstverständnis als Botschafter der Zunft.

Fleischsommelier Olaf Mahr wiederum unterstrich die Bedeutung eines ganzheitlichen Querschnittsdenkens, das auch die Zusammenarbeit mit Berufskollegen (Köchen, Grillmeistern und andere) umfasst. Insgesamt wünscht er sich einen moderneren, mutigeren Auftritt des Fleischerhandwerks. Seine Quintessenz für den Zukunftserfolg: „Wir müssen als Botschafter unserer Zunft eine positive Ausstrahlung senden. Menschen spüren es, wenn man liebt, was man tut.“

Teil des fachlichen Dialogs war auch der Vortrag „Fleischhygiene und Lebensmittelkontrolle“ von Amtstierärztin Christine Kraft, die viele Aspekte zwischen Gesetzgebung, Umsetzung und betrieblicher Realität praxisnah und unternehmensbezogen ansprach. Sie appellierte an die Anwesenden, gemeinsam mit der Amtsebene vorhandene Spielräume im Sinne einer guten fachlichen Praxis zu nutzen.

Fazit: Alle Teilnehmer sahen es als wertvoll an, die gesamte Kette der regionalen Fleischbranche am Tisch vertreten zu sehen – vom Schweinezüchter und lokalen oder großen Schlachtbetrieb bis zum direktvermarktenden Fleischermeister und mittelständischen Fleischverarbeiter. Alle waren sich einig, dass der „pro agro-Branchentreff Fleischerhandwerk“ fortgesetzt werden soll, um im Sinne einer noch stärkeren Wertschöpfungskette das zu nutzen, was der eine Branchenkollege hat und der andere sucht, und darüber hinaus durch gemeinsames Wirken sichtbarer zu werden. Apropos sichtbar machen: pro agro hat einen Film produzieren lassen, in deren Zentrum drei Betriebe des Brandenburger Fleischerhandwerks stehen.

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25. Brandenburger Schlachtefest. Ein Beispiel für effiziente Öffentlichkeitsarbeit mit nachhaltiger Wirkung ist das von pro agro organisierte Brandenburger Schlachtefest, das alljährlich an einem Herbstwochenende Scharen von Besuchern mit Kind und Kegel nach Paaren-Glien lockt. Weit über 10.000 Teilnehmer hatten sich diesmal an den beiden Tagen eingefunden und damit quasi mit den Füßen darüber abgestimmt, wie wichtig ihnen traditionelle Handwerkskunst, authentische Produkte, Nähe zum Lebensmittelhersteller und Erhaltung der heimischen Wirtschaft sind. „Versorgung aus sich selbst heraus ist eben nicht nur schmückendes, touristisches Beiwerk, sondern Grundvoraussetzung für die Lebensfähigkeit unserer Region“, bekräftigte Kai Rückewold. Weitere Informationen finden Sie hier.

Hallen-Spektakel: Menschen, wohin das Auge reicht.

Galeria Markthallen Berlin: Kleine und wenig bekannte Lieferanten gefragt

Galeria-Warenhäuser mit Premium-Lebensmittelabteilungen sind in der Bundeshauptstadt gleich vier Mal präsent: auf dem Hermannplatz, in der Steglitzer Schlossstraße, am Ku’damm und in Tempelhof. „GALERIA Markthalle“ nennen sich die Genusstempel, wo die Kundschaft Feinkost aus aller Welt ebenso findet wie kulinarische Spezialitäten aus der unmittelbaren Nachbarschaft, aus Berlin und Brandenburg also. Vom letztgenannten Angebot darf’s gern auch etwas mehr sein, wie uns gesagt wurde: Regionale Lieferanten sind gesucht und immer willkommen.

„Wir differenzieren unser Lebensmittelangebot ganz klar nach den einzelnen Standorten“, erzählt Sebastian Poetschke (Foto links), der als Category Manager unter anderem in Berlin/Brandenburg für das Trockensortiment zuständig ist. „Bei der einen Filiale steht die Nahversorgung im Vordergrund, während im anderen Haus touristische Angebote ein größeres Gewicht haben können“, erklärt er. Aber: Zentraler Sortimentsbaustein ist immer Feinkost. Die Artikelzahl variiert je nach Standort von ca. 14.000 (Tempelhof) bis rund 25.000 (Hermannplatz).

Dass die Fokussierung auf heimische Produkte keine Worthülse ist, zeigen die „regionalen Tage“ – eine zweiwöchige Aktion in allen Filialen, die jetzt am 30. September zu Ende geht. In diesem Zeitraum hat beispielsweise das Haus in der Schlossstraße ca. 100 qm Sonderfläche zur Verfügung gestellt. Auf dieser prominent gelegenen und aufmerksamkeitsstark gestalteten Fläche haben während des gesamten Aktions-Zeitraums mehr als 20 regionale Lieferanten ihre Produkte angeboten.

Der Zuspruch der Verbraucher ist sehr positiv, was sich konkret an den Absatzzahlen ablesen lässt. Doch: „Hier geht es nicht allein ums Verkaufen“, sagt Volker Apostel, Marktleiter in der Schlossstraßen-Filiale (Foto rechts) und präzisiert: „Der Imagegewinn ist ebenfalls sehr wichtig – nicht nur für uns, sondern auch für die gesamte Region.“ Ein Beleg dafür sei, dass das vom Kooperationspartner pro agro zur Verfügung gestellte Informationsmaterial über ländliche Einkaufsstätten und Produzenten bei den Kunden „reißenden Absatz“ finde.

Ein Schlaraffenland für alle Liebhaber regionaler Produkte: Das Angebot der Galeria Markthallen.

Während der Aktionswochen werden in einem begleitenden Flyer (Slogan: „Das Gute liegt so nah“), alle teilnehmenden Lieferanten, deren Unternehmensphilosophie und Produkte vorgestellt. Das auch als Zeichen dafür, welch‘ große Rolle regionale Spezialitäten bei den Entscheidern spielt, heißt es. „Dort ist man sehr daran interessiert, dass wir das Konzept der regionalen Lieferanten in Berlin stark forcieren. Das gilt auch für die Häuser in anderen Regionen, aber wir haben hier eine gewisse Vorreiterfunktion“, bekräftigen Sebastian Poetschke und Volker Apostel.

Bei der GALERIA Markthalle hat sich, wie beim sonstigen Lebensmittelhandel auch, das Angebot regionaler Produkte über die Jahre Zug um Zug erhöht. „Die Konsumenten wollen das. Deshalb machen wir ja solche Aktionen mit dem starken Partner pro agro, um unsere Sortimente in dieser Richtung wachsen zu lassen. Kurz: Der Anteil an regionalen Spezialitäten wird bei uns immer größer“, sagt Sebastian Poetschke und kündigt schon mal an, dass die nächste Berliner Aktion im kommenden Januar rund um die Grüne Woche stattfinden soll.

Eine Besonderheit bei der Lieferanten-Akquise ist, dass das Unternehmen speziell nach kleinen Erzeugern und Verarbeitern Ausschau hält, die nicht jeder kennt. Die GALERIA Markthallen brauchen nun mal nicht permanent die Massen an Waren wie etwa der klassische Vollsortimenter. Das schafft Vorteile für beide Seiten: Die Berliner Warenhäuser profitieren von der Exklusivität des Angebots, und die Lieferanten bekommen die Möglichkeit, sich auf prominenter Fläche zu präsentieren. „In der Vergangenheit sind so schon manch heute große Namen in der Region gestartet“, wissen die beiden Manager.

Hin und wieder braucht man einen langen Atem

Trotz der wirtschaftlichen Herausforderungen und Widrigkeiten als Folge von Corona und Ukraine-Krieg sowie der damit einhergehenden Preis- und Kostenexplosion ist sich das mitten im Naturpark Barnim gelegene Unternehmen treu geblieben: Bei aller Notwendigkeit zur strukturellen Anpassung an die schwierige Lage steht der Gedanke der „sozialen Milchwirtschaft“ weiter im Zentrum des ökonomischen Denkens und Handelns, sprich: In der Bio-Molkerei arbeiten nach wie vor behinderte und nicht behinderte Menschen zum Wohle des Betriebes und des Gemeinwesens einträchtig zusammen. Und erfolgreich noch dazu.

Mag auch das soziale Geschäftsmodell eine Konstante geblieben sein, so hat sich im betrieblichen Prozess über die Zeit einiges verändert. Vor fünf Jahren lieferten beispielsweise 200 eigene Kühe und ein externer Partnerbetrieb Tag für Tag die notwendigen 6.000 Liter Bio-Rohmilch für die Verarbeitung. Heute ist die Rede von nur 80 eigenen Tieren, dafür aber von drei Partnerbetrieben; das bringt im Tagesschnitt ein Volumen von ca. 8.500 Litern, die zu 7.000 bis 8.000 kg Fertigprodukten veredelt werden.

An dieser Stelle legt Betriebsleiter Reinhard Manger (Foto) besonderen Wert auf den Hinweis, „dass wir bei allen Anpassungen an das Marktgeschehen eine reine Bio-Molkerei geblieben sind. Unsere Milchlieferanten sind im Naturland- oder Bioland-Verband organisiert. Alle versorgen ihre Tiere zu 100 Prozent mit Eigenfutter, und es wird kein Kraft- oder Fremdfutter zugekauft.“

Die Jahre überdauert hat auch die Kooperation mit dem Naturpark Barnim, wobei die Lobetaler von jedem verkauften Joghurt im so genannten Naturschutzbecher drei Cent für Projekte des Naturparks spenden und auf der Platine des Bechers im monatlichen Wechsel Ausflugsziele vorstellen. So verbinden sich gesunder Genuss eines Bio-Joghurts, der in der Region hergestellt wird, und konkreter Umweltschutz, der ebenfalls der Region zugutekommt.

Das gegenwärtige Sortiment von Naturjoghurts mit 1,5 und 3,7 Prozent Fett und zehn Fruchtjoghurts (alle in 150- und 500 gr-Bechern) ist behutsam aufgebaut und vor wenigen Jahren um eine Quarkproduktion (20 und 40 Prozent) plus drei Fruchtquarks bereichert worden. Zum Programm zählen ferner Schlagsahne, saure Sahne, Schmand und das salzige Joghurt-Getränk Ayran. Die ganze Produktpalette gibt es „im Kleinen wie im Großen“, also nicht nur für den privaten Supermarkt-Kunden, sondern auch für Großverbraucher, zum Beispiel Anbieter von Kita- und Schulverpflegung – hier aber im 5 kg- und 10 kg-Eimer oder im 10 Liter-Schlauch.

Großverbraucher wie Mensen oder Krankenhäuser zählen ebenfalls zu den Abnehmern. Den jüngsten Coup landeten die Lobetaler vor zwei Jahren, als sie die Berliner Charité als Kunden gewannen und seitdem drei ihrer Häuser mit 100 gr-Bechern für den klassischen Krankenhaus-Nachtisch beliefern. Was die Kundenstruktur insgesamt angeht, hat sich das Verhältnis im Laufe der Jahre stetig zugunsten der Großverbraucher entwickelt, so dass deren Absatzanteil heute bei ungefähr 60 Prozent liegt.

Der Hofladen mit angeschlossener Molkerei.

Vermarktet werden die Produkte fast ausschließlich in der Region Brandenburg/Berlin – etwa 98 Prozent des Endverbraucher-Absatzes werden hier erzielt. Der mit Abstand größte Vertriebspartner ist der im Nordosten Deutschlands gut vernetzte Großhändler

Terra Naturkosthandel. Die Hauptabnehmer im Lebensmitteleinzelhandel (LEH) sind Bioläden sowie die klassischen Vollsortimenter Edeka, Rewe und Kaufland. Kleinere Mengen werden über den Großhändler auch nach Erfurt geliefert, was allerdings der einzige überregionale Absatz ist.

Zum Kundenkreis zählen darüber hinaus gewerbliche Verwender – eine namhafte Zahl von Eisdielen zum Beispiel, die ihr Frischeis mit Lobetaler Bio-Milch herstellen. Da handelt es sich von Fall zu Fall zwar nur um Klein- und Kleinstmengen, also von 500 bis runter zu 20 Litern pro Tag und Geschäft. Man könnte meinen, das sei nicht eben viel und noch dazu nur während der Saison. Aber: Die hohe Zahl der Eisdielen bringt’s!  Das gilt auch für die vielen Kunden im Bäckerei-Gewerbe, wo zum Beispiel Milch, Quark, Joghurt oder Sahne zum Einsatz kommen. Und nicht zu vergessen die Cafés, die jede Woche mit 40 bis 50 Litern Milch beliefert werden. „Für industrielle Maßstäbe mögen das winzige Mengen sein“, sagt Reinhard Manger, „aber wir können und wollen auch diese Kundschaft abdecken und pflegen. Das sehen wir als unsere Aufgabe an.“

Mit Blick auf die Großverbraucher gehört diese Haltung quasi zum Geschäftsmodell. Das sieht folgendermaßen aus: Angenommen, die Küchen von Kitas wollen zusätzlich Milchreis oder Griesbrei auf den Speiseplan setzen, sind sich aber nicht sicher, ob und in welchem Umfang diese Mahlzeiten angenommen werden. Also ordern sie zunächst nur 20 oder 30 Liter Milch pro Tag. Obwohl sich dieses Geschäft für die Molkerei langfristig nicht rentiert, lässt sie sich darauf ein, sofern sie entsprechendes Zukunftspotential sieht. Die Lobetaler gehen praktisch in Vorleistung, um dann, wenn die Kundennachfrage nach mehr Milch steigt, als Lieferant bereits an Bord zu sein.  

„Da müssen wir hin und wieder einen langen Atem haben; aber auf Dauer rechnet es sich, wenn man geduldig ist. Das gilt übrigens für beide Partner“, resümiert Manger. Ganz generell sieht er in der Region noch gutes Absatzpotential; die Kapazitäten für eine Erweiterung des Geschäfts seien durchaus vorhanden, sagt er. Und gedanklich spielt er schon eine Erweiterung der Produktpalette durch: „Lobetaler Bio-Butter“ würde er gern produzieren, dazu vielleicht noch Frischkäse.

Power mit regionalen Produkten

Ein spannendes Jahr für den Lebensmittel-Discounter: Nicht nur, dass der dänische Händler im Februar 2023 damit begonnen hat, mit seinem deutschen Hauptquartier von Stavenhagen (Mecklenburg-Vorpommern) samt seinen Büros in Wustermark (Brandenburg) nach Berlin umzuziehen. Mehr noch: In den neuen Räumen des TechnoCampus am Siemensdamm hat das Unternehmen Mitte September gleich seinen allerersten deutschen Lieferantentag veranstaltet. Und damit ist nicht Schluss mit den Premieren, denn in den nächsten Wochen wird die neue „Netto+ App“ frei geschaltet, ein digitales Kundenbindungsinstrument mit vielen, auch außergewöhnlichen Anwendungen. Doch eins nach dem anderen.

Rund 50 Lieferanten waren im September aus dem gesamten Verbreitungsgebiet des Discounters (das ist der mit dem Maskottchen „Scottie“) der Einladung nach Berlin gefolgt. Ins neue deutsche Hauptquartier waren also nicht allein Partner aus Berlin/Brandenburg, sondern auch aus Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Hamburg gekommen. Dabei handelte es sich um eine reine Informationsveranstaltung, also um ein Updating der Lieferanten, und nicht um eine klassische Handelsmesse oder Warenbörse, wie sie etwa pro agro veranstaltet und wo die Teilnehmer ihre Unternehmen und Produkte präsentieren. „Einen solchen Lieferantentag wollen wir künftig jedes Jahr veranstalten“, bekräftigt Marketingleiter Timo Schroedel (Foto).

Bei der Gelegenheit erfuhren die Teilnehmer die jüngsten Kennzahlen des Unternehmens: Rund 6.000 Mitarbeiter erwirtschafteten 2022 in insgesamt 344 Filialen (davon 98 in Brandenburg und 45 in Berlin) gut 1,2 Milliarden Euro Umsatz. Von den im Schnitt 2.400 Artikeln pro Filiale zählen mehr als 1.000 zum Eigenmarken-Segment; etwa ein Drittel des gesamten Sortiments besteht inzwischen aus regionalen Produkten – für Discounter-Maßstäbe ein echtes Pfund. „Wir stehen hierzulande wie kein anderer Lebensmittel-Discounter für Regionalität“, betont der Marketingleiter. „Das belegen unter anderem die Zahlen des Kundenmonitors Deutschland jedes Jahr neu.“ Konkret: Netto liegt demzufolge in der Kategorie „Auswahl an Produkten mit regionaler Herkunft“ bei Discountern auch 2023 auf Platz 1.

In Berlin/Brandenburg hat Netto mehr als 20 Lieferanten, die aus dieser Region kommen. Um die Orientierung für die Kunden zu vereinfachen, hat das Unternehmen im Jahr 2021 die Eigenmarke „GO Regio“ eingeführt. Das Label signalisiert nicht allein regionale Herkunft, sondern darüber hinaus nachhaltige und faire Produktion. Bei den Artikeln, die unter dieser Marke firmieren, steht Transparenz im Vordergrund: Hersteller und Firmenlogo sind abgebildet, damit den Verbrauchern klar ist, wer das Produkt herstellt und woher es kommt. Dieses Vorgehen gilt für jeden Sortimentsbereich.

In den nächsten Wochen folgt ein nächster großer Schritt Richtung Kundenbindung und -einkaufsverhalten. Mit der Einführung der „Netto+ App“ stellt der Händler den Verbrauchern ein umfangreiches und ausgeklügeltes Tool zur Verfügung, das den Einkauf effizienter und „spielerisch“ einfacher macht. Ob Hinweise auf Sonderangebote, digitale Kassenbons und Gewinnspiele, ob Hilfsmittel wie Marktfinder, individuelle Einkaufsliste oder Preisscanner – den Nutzer erwartet eine Vielzahl sinnvoller Hilfsmittel.

Von vergleichbaren Wettbewerbs-Tools unterscheidet sich die Netto+ App u.a. durch die digitale Frischegarantie. „Dieses Angebot ist wirklich einmalig in Deutschland“, schwärmt Timo Schroedel. Und darum geht’s im Prinzip: Wer zu Hause feststellt, dass ein Produkt nicht mehr genießbar ist, macht ein Foto und bekommt umgehend einen Rabatt-Coupon in der App, den er beim nächsten Einkauf einlösen kann. „Wir hoffen, dass wir im ersten Jahr mindestens 10 Prozent der Netto-Kunden dazu bewegen können, diese App zu nutzen,“ sagt er.

Generell weist Timo Schroedel mit Nachdruck darauf hin, dass Netto Deutschland nach wie vor stark daran interessiert ist, zusätzliche Produkte aus der Region in seinen Regalen zu haben. Allerdings müssen sich potenzielle Lieferanten darüber im Klaren sein, worauf sie sich einlassen (können) – ob auf Liefermengen für eine zeitlich limitierte Aktion oder eine unbefristete Listung, ob für alle Filialen des Verbreitungsgebiets oder nur für Standorte der heimischen Region. „Wir bieten auch saisonale Listungen an, die nur ein paar Wochen oder Monate gelten, wie beispielsweise Ostern, Weihnachten oder die Spargelzeit – daran sind wir ebenfalls interessiert“, fügt er hinzu. Kurz: Flexibilität ist angesagt.

Appell an mehr Geschlossenheit und Beachtung

Zu Beginn des 6. Norddeutschen Ernährungsgipfels am 21. September 2023 in Rostock-Warnemünde, einer Gemeinschaftsveranstaltung der Marketinggesellschaft der Agrar- und Ernährungswirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern (AMV) und des Agrarmarketingverbandes pro agro, hat die pro agro-Vorsitzende Hanka Mittelstädt in einer engagierten Rede vor rund 200 Branchenteilnehmern die Zukunftsfähigkeit der regionalen Lebensmittelerzeuger und -verarbeiter beschworen. Ihr eindringlicher Appell richtete sich sowohl an die Branche selbst wie auch an die Politik. So ermutigte sie einerseits die Unternehmerschaft, ihre Anliegen in der Öffentlichkeit offensiv und mit einheitlicher Stimme zu vertreten; andererseits forderte sie die Politik auf, die mittelständisch geprägte Branche nachhaltig zu unterstützen – auch im Interesse des Gemeinwohls. Hier die leicht gekürzte Rede im Originalton:

200 Branchen-Fachleute kamen in Rostock zum 6. Norddeutschen Ernährungsgipfel zusammen
200 Branchen-Fachleute kamen in Rostock zum 6. Norddeutschen Ernährungsgipfel zusammen

„Am 22.3. dieses Jahres wurde ich als Abgeordnete der SPD-Fraktion im Landtag Potsdam als Nachrückerin von Inka Grossmann-Reetz vereidigt. Unverhofft kommt oft, und mit der Annahme des Mandats verbinde ich künftig noch vehementer den Wunsch, als Unternehmerin der Ernährungswirtschaft eine aktive Rolle in der politischen Gestaltung an der Nahtstelle Landwirtschaft, Ernährungswirtschaft, Handel und Verbraucher einzunehmen.

Zur Landtagswahl im September 2024 werde ich mich erneut als Direktkandidatin meines Heimatwahlkreises aufstellen lassen, um auch auf politischer Ebene weiter für die Branche eintreten zu können. Es spricht also heute zu Ihnen nicht nur eine engagierte Unternehmerin der Ernährungswirtschaft, die ehrenamtliche Vorstandsvorsitzende von pro agro, sondern auch eine aktuelle Mandatsträgerin in der Landespolitik Brandenburgs.

Viele der schlimmsten Befürchtungen sind nicht eigetreten: Unsere Produktion stand nicht still, wir sind nicht in unseren Wohnzimmern erfroren, wir haben trotz Putin mit Weihnachtsgans und Gloria gefeiert und sind wieder in Urlaub gefahren. Aber es hat uns dennoch mit voller Wucht erwischt: steigende Strompreise, unkalkulierbare Entwicklungen der Kosten für fossile Brennstoffe, inflations- und gesetzesgetriebene Lohnkostensteigerungen etc.

Und das Allerschlimmste: Mit der Verteuerung der Lebensmittel (warum auch immer…) greift der Deutsche Michel zum noch billigeren Produkt. Unsere Vollsortimenter im LEH relaunchen ihre Discounter-Mentalität, und noch nie befanden sich – trotz massiv höherer Preise – so viele Eigenmarken des Handels in den Einkaufskörben der Haushalte. Fast scheint es so, dass wir bei all den abwechselnden Untergangsnachrichten (ich erinnere hier ganz kurz auch an Themen wie Klimawandel, Wetterkatastrophen, Transformationsgebrüll, Mr. Trump usw.) langsam abstumpfen und Krise als Normalität wahrnehmen.

Ich bitte Sie: Lassen Sie uns das nicht tun!

Was in unserem Land gerade passiert, kann nicht die Normalität bleiben. Die Ignoranz zu Mittelstandsthemen können wir als Unternehmerinnen und Unternehmer nicht einfach schlucken.

Engagierter Auftritt der pro agro-Vorsitzenden Hanka Mittelstädt.

Gemeinsam müssen wir geschlossen gegenüber den Interessengruppen, die uns kaum noch wahrnehmen, auftreten.

Es stimmt mich daher froh, dass – fast zeitlich mit dem Ende des letzten Ernährungsgipfels – im vorigen Oktober 15 Unternehmen der Ernährungswirtschaft aus Brandenburg den Mut gefunden haben, ihre Stimme laut zu erheben. Heute sind wir 25 Unternehmen, und es fehlen nur ein paar bedeutende Marken, um für die Hauptstadtregion komplett repräsentativ zu sein.

Mit der Aussage „Regionale Lebensmittel einkaufen – Jetzt erst recht!“, unterlegt mit einem politischen Forderungspapier, standen die Unternehmerinnen und Unternehmer vor dem Landtag in Potsdam und vor dem Senat in Berlin. Sie diskutierten in Fachausschüssen und Fraktionen.

Die Unternehmen investierten gemeinsam rund 200.000 Euro in Webseite, Radiokampagnen, Instore-Marketing, Infomaterialien und Presse-Events vor und nach der Internationalen Grünen Woche. Mit klaren Worten, kämpferisch und klug. All das adressierte sowohl an die Verbraucher, die Handelspartner und die Politik. Und unsere Kampagne wurde wahrgenommen. So unterstützte die Politik unsere zweite Kampagne mit einem Förderbetrag. REWE und EDEKA unterstützten unsere Kommunikationsziele.

Wenn ich heute eine erste Lehre aus meiner kurzen parlamentarischen Zeit mit Ihnen teilen darf: Das System Deutschland ist träge geworden und wenn wir nicht an den Stühlen ruckeln, dann wird sich für uns nichts bewegen. Wir müssen als Unternehmerinnen und Unternehmer einer kleinstrukturierten mittelständischen Ernährungswirtschaft in den neuen Bundesländern wieder Gemeinsamkeiten entwickeln – stark als Gemeinschaft und nicht nur erfolgreich als „wettbewerbsorientierte Windhunde“, deren einziges Ziel das eigene Wohl und der eigene Erfolg ist.

pro agro führt eine Delegation von knapp zwanzig Brandenburger Nahrungsmittelproduzenten an

Gemeinsam müssen wir als Vertreter unserer Branche über die Grenzen der neuen Bundesländer hinweg – laut und unbequem und klug und kontinuierlich – den mühevollen Dialog mit politischen Entscheidungsträgern suchen. Nur dann werden wir wieder Gehör finden zwischen dem Getöse von Lufthansa und Intel oder Tesla und Zalando.

Es ist überhaupt nicht unschicklich, dass Unternehmer in einer Landespresskonferenz die Versäumnisse deutlich machen und die Frage stellen, ob regionale Nahrungsmittelproduktion noch einen Stellenwert in der „Agenda Zukunft Deutschland“ hat oder warum es nicht möglich sein soll, auch mit weiteren Fördermitteln die kontinuierliche Branchenkommunikation in Richtung Verbraucher zu ermöglichen.

Abgewandelt heißt es heute leider: Die Leisesten beißen die Hunde oder wenn es so weitergeht die freilaufenden Wölfe…

Zu Beginn meiner Begrüßung hatte ich Sie gewarnt.  Ja es stimmt – vor Ihnen steht auch eine Politikerin, also eine Vertreterin des teilweise als sehr selbstgefällig eingeordneten Systems. Aber wenn Sie mich nicht ganz allein lassen, darf ich Ihnen versprechen, dass weder mein unternehmerischer Geist noch mein Wille, in diesem System wieder Veränderung, Dynamik und Zukunftsfähigkeit zu etablieren, nachlassen werden.

Lassen Sie uns gemeinsam mit unseren Mitgliedsverbänden der Ernährungswirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern, in Brandenburg, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen Politikern und Meinungsführern in der Gesellschaft mit lauter Stimme täglich zurufen: „Regionale Lebensmittel – jetzt erst recht!“.

Wenn wir verschwinden, wird es nie wieder mittelständische Ernährungswirtschaft in den neuen Bundesländern geben. Und lassen Sie uns mit diesem lauten Ruf auch unsere Partnerverbände von Schleswig-Holstein bis in den Süden Deutschlands mitnehmen und mit einer Stimme die Interessen der Ernährungswirtschaft in den Regionen vertreten!“

Kompakte Plattform für die Lebensmittelbranche

Vierzig regionale Lebensmittelerzeuger und -verarbeiter hatten im Rahmen der 2. Warenbörse am 11. Juli 2023 Gelegenheit, über 150 Vertretern aus Lebensmittelhandel, Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung sowie von Markthallen, Online-Plattformen, Regional- oder Hofläden in Brandenburg/Berlin ihre Produkte im persönlichen Kontakt zu präsentieren. Die zeitlich und räumlich kompakte Veranstaltung, die der Verband pro agro alle zwei Jahre organisiert, fand auch diesmal auf dem Gelände des Spargelhofs Buschmann & Winkelmann in Klaistow statt. Beide Vermarktungspartner nutzten die intensive Gesprächsatmosphäre, um neue Geschäftsbeziehungen zu knüpfen oder bereits vorhandene aufzufrischen und auszubauen – ein für beide Seiten erneut ertragreicher Austausch.

Ordentlich was los: Vierzig regionale Erzeuger und Verarbeiter in der Festscheune des Spargelhofs Klaistow.

Von Fachbesucherseite war beispielweise die EDEKA mit einer großen Delegation von Marktleitern zu Gast, die aktiv das Gespräch mit bereits vorhandenen sowie potentiellen Geschäftspartnern suchten sowie die Gelegenheit wahrnahmen, neue Produkte zu entdecken. Persönliche Vor Ort-Termine wurden ebenso vereinbart wie gemeinsame Aktionen. Gerade mit Blick auf innovative Angebote hoben REWE-Kaufleute die Wichtigkeit hervor, „die Ware einmal live zu sehen“ und gegebenenfalls auch zu verkosten, um einen konkreten Bezug zu den Produkten in der zentralen Artikelübersicht bzw. im Ordersatz zu bekommen.

Mit von der Partie waren unter anderem auch Vertreter von Kaufland (Region Ost), dem Handelsunternehmen also, das gemäß der Devise „Unser Herz schlägt regional“ agiert und demzufolge auch hier in Brandenburg intensiv nach Lebensmittelerzeugern und -verarbeitern Ausschau hält (siehe pro agro-Newsletter 06/2023). Zum Ausbau des gemeinsamen Geschäfts stehen für den Großflächenbetreiber derzeit vor allem Obst- und Gemüselieferanten hoch im Kurs – was im Übrigen für den Berliner Großhändler Peter Keuthmann gleichermaßen gilt (siehe unseren Bericht in der Rubrik PARTNER dieses Newsletters).

Im Gespräch: Uwe Engelmann vom Löwendorfer Geflügelhof (links) mit EDEKA-Kaufleuten.

Auch die Hersteller zeigten sich hochzufrieden und zogen eine überaus positive Bilanz. Nicht jeder von ihnen verfügt über eine exklusive Vertriebsmannschaft, so dass Plattformen wie die Warenbörse „eine sehr gut Gelegenheit“ für den persönlichen Kontakt sind, wie die Gläserne Molkerei urteilt. Und gerade weil es sich bei diesem Format um keine Massenveranstaltung handelt, hatten beide Seiten hinreichend Zeit für intensive Gespräche, so die Glina Whisky Destillerie. Newcomer wie die Agrargenossenschaft Dürrenhofe – sie war zum ersten Mal dabei – konnten viele neue und nützliche Kontakte knüpfen. Mit einem Augenzwinkern hieß es auf deren Stand: „Wollten wir die Nachfrage nach Obst und Gemüse komplett befriedigen, müssten wir noch 5.000 ha Land dazupachten“.

Einen weiteren wichtigen und grundlegenden Aspekt brachte Golßener Lebensmittel auf den Punkt. Neben den Gesprächen mit dem Handel und anderen Vermarktern entstehen bei solchen Veranstaltungen Partnerschaften mit Branchenkollegen aus dem Lieferantenkreis – ein wesentlicher Baustein für regionales Netzwerken. Insgesamt: Die Begegnung von Ausstellern und Fachbesuchern hat sich für beide Seiten auch diesmal gelohnt.

Gut drauf: Vivian Böllersen von der gleichnamigen Walnussmeisterei.

Der Zeitpunkt der Warenbörse hätte übrigens nicht besser gewählt werden können, und zwar zeitlich wie inhaltlich. Denn just am 11. Juli 2023, dem Tag der Warenbörse, wurden parallel die Ergebnisse der Trendumfrage 2023 – das ist die integrierte Halbjahres-Umfrage des jährlichen pro agro-Branchenbarometers – per Pressemitteilung veröffentlicht (siehe den Bericht in der Rubrik Branche dieses Newsletters). Hier wurden die regionalen Lebensmittelhersteller unter anderem gefragt, ob sie „die aktuelle (Krisen-) Situation nutzen, um strategische Anpassungen im Unternehmen vorzunehmen“. Ergebnis: Weit über die Hälfte der befragten Unternehmen (59 Prozent) gaben zu Protokoll, sie würden sich auf die Suche nach weiteren Absatzmöglichkeiten bzw. Vermarktungspartnern machen; und fast ein Drittel (32 Prozent) sagten, sie wollten nach „strategischen Kooperationen entlang der Lieferkette“ Ausschau halten. Dazu pro agro-Geschäftsführer Kai Rückewold: „Gewollte Terminüberschneidung oder nicht – das Konzept der Warenbörsen unterstützt, wie andere pro agro-Aktivitäten auch, diesen in der Online-Umfrage zum Ausdruck gebrachten Vernetzungsgedanken in der Praxis. Die Warenbörse war wieder ein Beleg dafür, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“

Kopf hoch in der Krise!

Nach einem schwachen ersten Halbjahr zeigt sich die Ernährungswirtschaft in Brandenburg auch für das gesamte Jahr 2023 skeptisch, wenn nicht sogar pessimistisch. Dieses negative Stimmungsbild vermittelt die pro agro-Trendumfrage, die vor kurzem veröffentlicht worden ist. Angesichts der weiter bestehenden Absatzkrise sieht sich die Branche mit wachsenden Problemen und Herausforderungen konfrontiert. Inzwischen sucht ein maßgeblicher Anteil von Erzeugern und Verarbeitern nach neuen Absatzwegen und -potentialen. Ferner zeichnet sich ab, dass der Abbau von Personal gedanklich kein Tabu mehr ist, selbst wenn Betriebsschließungen in diesem bedrohlichen Szenario noch nicht im Raum stehen. Lesen Sie nachfolgend die Kernergebnisse der Online-Befragung.

Die harten Basisfakten, mit denen die Lebensmittelhersteller in Brandenburg seit Beginn der Ukrainekrise leben müssen, sehen folgendermaßen aus: Im Rückblick auf die Geschäftsentwicklung im ersten Halbjahr 2023 erwartet eine übergroße Mehrheit der befragten Unternehmen, dass das gesamte Jahr miserabel ausfallen wird. 62 Prozent rechnen mit einer Verschlechterung der Entwicklung, 19 Prozent sogar mit einer „deutlichen Verschlechterung“. Nur 12 Prozent meinen, dass sich die Geschäftsaussichten verbessern werden (siehe Grafik „Deutliche Verschlechterung der Geschäftsaussichten“).

Ein direkter Zusammenhang besteht dabei sicherlich mit den beschränkten Möglichkeiten, gegenüber dem Handel oder Verbraucher Preissteigerungen durchzusetzen. Der überwiegende Teil der Unternehmen (77 Prozent) konnte nur weniger als 30 Prozent der erhöhten Erzeugerpreise kompensieren. Eine vollständige Weitergabe der krisenbedingten Belastungen ist lediglich 4 Prozent der Befragten gelungen.

Konkret rechnen 27 Prozent der befragten Unternehmen damit, dass ihre Umsätze über’s Jahr gesehen sinken, ein Drittel geht von bestenfalls stagnierenden Erlösen aus – wenn auch mit der Einschränkung „auf niedrigem Vorjahres-Niveau“. Rund 40 Prozent sehen das Ende der Talsohle erreicht und glauben, dass sich das Geschäft „langsam mit positiver Tendenz stabilisiert“. Nur eine Handvoll Unternehmen (3 Prozent) erwartet deutlich steigende Umsätze (siehe Grafik „Umsatzstabilisierung mit leichtem Positiv-Trend“).

Wenn auch diese Zahlen in der Gesamtbetrachtung alles andere als berauschend sind, weist Kai Rückewold dennoch auf ein positives Phänomen hin: „Trotz der andauernden Krisen durch Ukrainekrieg, Inflation und Energieteuerung für die regionalen Lebensmittelhersteller stecken die meisten Unternehmen den Kopf nicht in den brandenburgischen Sand, sondern suchen aktiv in ihren Netzwerken und in Kooperation mit unserem Verband nach neuen Absatzkanälen und neuen strategischen Partnerschaften,“ sagt er.

In der Tat stehen auf die Frage, welche strategischen Anpassungen in der Krise vorgenommen werden, die Suche nach neuen Absatzchancen (59 Prozent) und Kooperationspartnern (32 Prozent) oben auf dem Aktionsplan. Im Produktionsbereich wiederum wird teilweise mit der Anpassung der Sortimente (z.B. Fokussierung auf Bestseller) an die betriebswirtschaftlichen Anforderungen reagiert. Ohne Einschnitte bzw. strukturelle Veränderungen im Personalbereich wird es nach Auffassung von 18 Prozent der befragten Unternehmen allerdings nicht mehr gehen (siehe Grafik „Fokus liegt auf weiteren Vermarktungswegen“.

Informationen zur Umfrage Von den rund 650 Branchenunternehmen in Brandenburg haben sich 98 an der Online-Befragung beteiligt. Davon sind mehr als die Hälft als GmbH, GbR, OHG oder KG organisiert; der andere Teil besteht aus kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMUs) sowie Einzelunternehmen. Das Trendbarometer 2023 hat keinen Anspruch auf wissenschaftliche Repräsentativität. Über 60 Prozent der Umfrageergebnisse stammen direkt von pro agro-Mitgliedern. Grafiken zur Umfrage können Sie unter folgender Adresse anfordern: presse@proagro.de.

Reiches Sortiment – von regional bis exotisch

Wahrlich eine runde Sache: Rund um den Globus und rund um die Uhr erkundet. bezieht und vermarktet das Unternehmen „exotische Früchte aus den Gärten der Welt“, wie es heißt. So weitläufig ist die 1951 von Peter Keuthmann gegründete Berliner Obst- und Gemüsegroßhandlung heute aufgestellt. Seit 1994 wird die Firma von der Familie Weihe geführt und kontinuierlich weiterentwickelt. Im Zuge dessen hat man sich vom Lieferservice getrennt; er liegt heute in den Händen der Partnergesellschaft Weihe GmbH (siehe unser Porträt hier). Mit der Konzentration auf das Vor-Ort-Geschäft am Fruchthof Berlin hat sich der Direktverkauf an Lebensmittelhändler und -vermarkter auf dem Großmarkt sowie der Vertrieb im Agentur- und Streckengeschäft deutschlandweit etabliert. Auf diese Weise verbinden sich Tradition und Innovation mittlerweile in der vierten Generation.

Fein gestapelt: Frisches Obst und Gemüse auf der Verkaufsfläche im Berliner Fruchthof.
Fein gestapelt: Frisches Obst und Gemüse auf der Verkaufsfläche im Berliner Fruchthof.

Rund 65 Mitarbeiter kümmern sich tagein, tagaus um den reibungslosen Fullservice für die Kunden – sei es für den Lebensmitteleinzelhandel oder den Wochenmarkthändler, für Feinkostgeschäfte, Caterer oder Gastronomen; auch Onlinehändler stehen auf der umfangreichen und vielseitigen Kundenliste. „Zitrusfrüchte oder exotische Sorten aus aller Welt haben wir ebenso im Portfolio wie frische Lebensmittel aus der Region“, umschreibt Geschäftsführer Björn Weihe das Sortiment und betont: „Egal woher: Wir beziehen unsere Produkte von zertifizierten Erzeugern und Partnern“. Das sei aber nicht der einzige Nachweis für die „exzellente Qualität“ der Produkte: Auch langjährige Partnerschaften mit den Lieferanten sowie regelmäßige Vor-Ort-Besuche des Einkaufsteams würden dazu beitragen.

Bei aller Internationalität der Lieferbeziehungen kommen regionale Produkte nicht zu kurz: Etliche hundert Erzeuger und Verarbeiter aus Brandenburg und Berlin sorgen für eine Bereicherung des Sortiments mit heimischen Produkten. Dazu Geschäftsführer Weihe: „Wir bauen unser regionales Lieferantennetzwerk ständig aus. Unter der Maxime ‚So regional und saisonal wie möglich‘ treiben wir die Einbeziehung unseres direkten landwirtschaftlichen Umfeldes weiter voran und stellen unsere mittlerweile breite Palette an regionalen Angeboten unseren Kunden zur Verfügung.“

Diese Maxime orientiert sich natürlich an dem wachsenden Verbraucherbedürfnis nach Lebensmitteln aus dem benachbarten Umfeld, das heißt nach Nähe in zweifacher Hinsicht: vertraute Herkunft einerseits und kurze Transportwege andererseits. Das Prinzip des „Direktvertriebs ab Ursprung“ (was übrigens auch für das internationale Geschäft gilt) ist so gesehen ein wichtiger Aspekt für umweltschonendes Wirtschaften – ein zentraler Baustein der Firmenphilosophie. Auch deshalb ist das Keuthmann-Einkaufsteam regelmäßig bei Partnern vor Ort, also nicht nur aus Gründen der Kontaktpflege, sondern auch, um ein Auge darauf zu haben, ob Erzeugung und Verarbeitung der Ware den Ansprüchen des Unternehmens genügen.

Gesprächsbedarf: Kommunikativer Austausch im gekühlten Lager.
Gesprächsbedarf: Kommunikativer Austausch im gekühlten Lager.

Neben den hohen Standards in Sachen Transparenz, Zuverlässigkeit und Produktqualität zeichnet Keuthmann ein weiteres Merkmal unternehmerischen Handelns aus: Neugierde. Und dies nicht als Selbstzweck, sondern als Ausdruck strikter Kundenorientierung. Konkret: Regelmäßig sind Mitarbeiter rund um den Erdball unterwegs, um Ausschau nach interessanten Produkten zu halten, die den deutschen Markt bereichern könnten. Die so genannten Food-Scouts schwärmen in die „Gärten der Welt“ aus und suchen nach speziellen Zitrusfrüchten, exotischen Kräutern oder seltenen Gemüsesorten – immer in der Gewissheit, dass die deutschen Verbraucher zwar knauserig sein mögen, aber experimentierfreudig sind.

Abgesehen von den Ausflügen in die große weite Welt ist Keuthmann weiter daran interessiert, neue Lieferpartnerschaften in der heimischen Region einzugehen. „Regionale Spezialitäten und saisonale Angebote fragen unsere Kunden immer stärker nach“, sagt Björn Weihe. Ganz stark entwickeln sich hier Erzeugnisse wie diverse Salate und Kohlsorten, Kern- und Steinobst, Kartoffeln, Erdbeeren, Spargel und spezielle Gemüse. Dennoch: Den Großteil der Produkte bezieht der Großhändler von internationalen Lieferanten, um eine möglichst große und vielfältige Produktpalette anbieten zu können – ganz im Einklang mit der unternehmerischen Doppelstrategie, die da lautet: „Regional frisch und international direkt!“.

Ein Demeter-Landwirt mit Leib und Seele

Vor ziemlich genau 24 Jahren hat Sascha Philipp (Foto) seinen Traum wahr gemacht: Der gelernte Landwirt aus Witten/Ruhr erstand 1999 im Brandenburger Spreewald einen landwirtschaftlichen Betrieb – also in der Gegend, wo er Jahre zuvor eine Ausbildung zum Landwirt absolviert hatte. Nach weiteren Lehr- und Wanderjahren ist er in die Region zurückgekehrt, wo er sich nicht nur in den Reiz der Landschaft verguckt, sondern das Konzept der arbeitsteiligen Landwirtschaft kennen- und schätzen gelernt hatte. Seine Wiege stand eigentlich, wie es sich im Kohlen-Pott gehört, in einer Bergbau-Familie, die aber eines Tages dem Knochen-Job den Rücken kehrte und als Seiteneinsteiger einen landwirtschaftlichen Betrieb mit biologisch- dynamischer Produktionsweise aufbaute. Damals war Sascha im besten Knabenalter.

Heute, im besten Mannesalter, lebt der gestandene Landwirt mit eigener Familie und seinen Eltern also im Spreewald, genauer: auf dem Landgut Pretschen. Gut 40 Mitarbeiter gehen ihm zur Hand, um 820 Hektar Ackerland, Weideland und Wald zu bewirtschaften. Nicht zu vergessen das mit zwei Hektar größte Bio-Gewächshaus Brandenburgs, das in wechselnder Folge unterschiedlichen Pflanzen sommers wie winters ein Dach über dem Kopf bietet (Tomaten, Gurken, Salate und vieles mehr). Er ist mit ungebrochener Begeisterung am Werk, um mit seinem Team nach den Vorgaben der Demeter-Bewegung die 520 Rinder (davon 240 Milchkühe) zu versorgen und die landwirtschaftlichen Flächen zu bearbeiten – auch jetzt, in den Hoch-Zeiten der Ernte und unter den klimatisch bedingten Verwerfungen wie Hitze und Trockenheit.

Wer landwirtschaftliche Produkte unter dem Demeter-Siegel erzeugt und vermarktet, muss sich besonderen Herausforderungen stellen: Da geht es nicht nur darum, nach den strengen Regeln des Verbandes zu wirtschaften – Regeln, die weit über die Vorgaben der EU-Öko-Verordnung hinausgehen. Darüber hinaus ist es unerlässlich, ein funktionierendes Netzwerk von gleichgesinnten Absatzpartnern aufzubauen, zu pflegen und zu erweitern.

Gurken dicht an dicht im Gewächshaus.

Wenn Sascha Philipp von seinen Produkten spricht, dann fällt das Stichwort „ehrliche „Ware“. Das bedeutet mit Blick auf den Gemüseanbau, dass die Pflanzen ohne Kunstdünger und Pflanzenschutzmittel aufwachsen. Mit dem Effekt, wie er sagt, „dass unsere Tomaten und Gurken einen natürlichen, kräftigen Geschmack haben und – bildlich gesprochen – einem nicht das Wasser im Munde zusammenläuft“. Die Fleisch- und Wurstprodukte wiederum zeichnen sich qualitativ dadurch aus, dass die Tiere artgerecht gehalten und nur 25 km entfernt geschlachtet werden. „Der Wurst geben wir neben den Gewürzen keine Geschmacksverstärker oder sonstigen Zusatzstoffe bei“, betont er.

Während die Milch komplett ans Ökodorf Brodowin zur Weiterverarbeitung geliefert wird, werden das Gemüse und Spezialitäten wie Leinöl und Leindotteröl über den Großhandel vermarket, und zwar ausschließlich an den Naturkostfachhandel oder an Vertreiber von Bio-Abokisten. Der Löwenanteil des Sortiments wird in Brandenburg/Berlin ausgeliefert; ein paar Touren gehen auch bis hoch an die Ostsee oder runter nach Sachsen. In diesem Sinne versteht Sascha Philipp sich und seinen Betrieb als integriertes Glied einer regionalen Wertschöpfungskette, obwohl es „keine leichte Übung ist, den gesamten Prozess vom Anbau über die Ernte und Verarbeitung bis zur Marktreife in einer Hand zu behalten. Das ist nicht ohne Risiko, aber ich stehe dazu,“ sagt er.

Im Warenkorb: Aus dem Trockensortiment des Hofladens.

Neben dem Naturkost- und Abokisten-Handel hat das Landgut auch ein festes Vermarktungs-Standbein in der regionalen Gastronomie. Viel Freude bereitet dem Unternehmer ferner der Direktvertrieb im eigenen Hofladen. „Hier handelt es sich praktisch um einen Vollsortimenter, dessen Angebot nicht allein aus unseren Produkten gespeist wird. Zum Frische- kommt das Trockensortiment von anderen Anbietern aus der Region“, sagt er. Der Tante-Emmaladen auf Bio-Basis hat sich als Nahversorger auf dem Land also voll bewährt.

Dessen ungeachtet wird derzeit am Aufbau eines Online-Shops samt Lieferdienst gearbeitet, um Land- und Stadtkunden künftig auch digital zu erreichen. Gern würde Sascha Philipp auch im klassischen Lebensmitteleinzelhandel präsent sein – wenn auch nicht flächendeckend in Brandenburg und Berlin, so doch im unmittelbaren Umfeld auf lokaler Ebene. Entscheidend sei hier, dass er die entsprechenden Mengen auch vorhalten und liefern kann. Die ersten Gespräche laufen bereits, sagt er und fügt hinzu: „Das generelle Problem hier auf dem Lande ist, dass die Nachfrage zwar da ist; aber es gibt keine Bioläden. Deshalb versuchen wir, mit dem lokalen bzw. regionalen klassischen LEH ins Geschäft zu kommen.“

28. Brandenburger Landpartie

So viel Publikum aus Berlin und Umgebung bekommt das ländliche Brandenburg nicht jeden Tag zu Gesicht. Doch an einem ganz bestimmten Termin im Jahr, nämlich jeweils am zweiten Juni-Wochenende, schwärmen Scharen von interessierten Menschen aus nah und fern aus, um einen Blick hinter Scheunentore und Stalltüren, in Gärten, Vorratskammern und Hofläden zu werfen und sich ein Bild vom Leben auf dem Lande zu machen. Anlässlich der 28. Brandenburger Landpartie am 10. und 11. Juni 2023 war es wieder so weit:  Rund 70.000 Besucher schauten bei über 150 Betrieben und Höfen in 140 Orten vorbei und informierten sich über Themen wie Erzeugung und Produktion von Lebensmitteln, Regionalität und Kreislaufwirtschaft oder die Potentiale der Brandenburger Landwirtschaft als Grundversorger.

Unter dem Motto „Entdecken – Erleben – Genießen“ waren in diesem Jahr 25 Betriebe zum ersten Mal dabei. Zu den insgesamt 151 Gastgebern zählten ferner zwei Dutzend Ökohöfe und 15 landwirtschaftliche Ausbildungsbetriebe. Die Landpartie bot außer den klassischen Inhalten auch praktische Hilfe zur Berufswahl. Neben den an der täglichen Praxis orientierten Themen ging es ferner um drängende Zukunftsfragen und -herausforderungen wie Klimawandel, Fachkräftemangel und Digitalisierung.

Während der zentralen Eröffnungsveranstaltung auf dem Hof der PAE Marktfrucht GmbH in Putlitz (Prignitz) charakterisierte Landwirtschaftsminister Axel Vogel das Ereignis als eine Möglichkeit, „wahrzunehmen, was Landwirtschaft bedeutet bzw. wieviel Zeit und Arbeitskraft darin steckt, Nahrungsmittel zu produzieren“. Nur noch jeder fünfzigste Deutsche habe einen Bezug dazu. Das Wissen darüber sei in der Bevölkerung verloren gegangen, so dass es sehr lehrreich sei zu erfahren, „mit wieviel Aufwand und auch persönlichen Einschränkungen gearbeitet werden muss, damit wir unser tägliches Brot bekommen“.

Die Eröffnung: Landwirtschaftsminister Axel Vogel (Mitte) auf dem Hof der PAE Marktfrucht GmbH in Putlitz.

pro agro-Geschäftsführer Kai Rückewold wiederum äußerte die Hoffnung, dass es mit Veranstaltungen wie der Landpartie nicht nur gelingt, Wissen zum Thema Landwirtschaft zu vermitteln, sondern auch „die Menschen dafür zu begeistern, die heimische Region gemeinsam weiterzuentwickeln“. Damit dies gelingt, sei es wichtig, immer wieder die Bedeutung regionaler Wirtschaftskreisläufe zu betonen. Das geschehe hier und jetzt mit der Brandenburger Landpartie oder am Anfang des Jahres in der Brandenburghalle der Grünen Woche und zum Jahresende mit dem Brandenburger Schlachtefest.

Aus Sicht eines Gastgebers beschrieb Gerrit van Schoonhoven, Geschäftsführer von Gut Schmerwitz im Landkreis Potsdam-Mittelmark den Wert der Landpartie wie folgt: „Wir haben dadurch die Gelegenheit, den gesamten Hof zu zeigen. Zudem haben wir immer nach einer Möglichkeit gesucht, einmal im Jahr ein Hoffest mit all unseren Partnern im Dorf und darüber hinaus zu veranstalten; genau das machen wir jetzt. Darüber hinaus findet die Landpartie zur idealen Zeit statt – zwischen dem Einsäen, dem Drillen und der Ernte.“

Hereinspaziert! Patrick Schulz vom gleichnamigen Gartenbaubetrieb in Bergsdorf.

Apropos: Für die bevorstehende Erntezeit warben Gastgeber und Organisatoren der Brandenburger Landpartie um Geduld und Verständnis, wenn auf den nächsten Fahrten durchs Land ein Traktor oder eine Erntemaschine die Fahrtzeit bis zum Ziel ein wenig verlängert. Auch das gehöre nun mal zur Realität in einem landwirtschaftlich geprägten Flächenland, damit die regionalen Lebensmittel jeden Tag frisch auf den Tisch kommen. Alles rund um die diesjährige Landpartie finden Sie hier.

Die Brandenburger Landpartie wurde 1994 als Initiative des Ministeriums für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz (MLUK) des Landes Brandenburg ins Leben gerufen. Die publikumsstärkste Wochenend-Veranstaltung im ländlichen Raum wird vom Agrarmarketingverband pro agro, dem Landesbauernverband und dem Landfrauenverband gemeinschaftlich organisiert.

Gemeinsame Suche nach Lösungen

Nach einem ersten Austausch auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin setzten sich die brandenburgische Ernährungswirtschaft sowie die beiden Ministerien für Wirtschaft und Landwirtschaft erneut zusammen, um konkret über die Auswirkungen der Energiekrise und der negativen Inflationseffekte auf die Unternehmen zu beraten und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Die Rede ist vom 1. Runden Tisch „Zukunft Ernährungswirtschaft“, der am 26. Mai in den Räumen der Wirtschaftsförderung Brandenburg (WFBB) in Potsdam stattfand. Dem Kreis gehörten auf Einladung der WFBB und des Verbandes pro agro die Minister Jörg Steinbach und Axel Vogel sowie 17 Unternehmen an.

Fruchtbarer Meinungsaustausch beim 1. Runden Tisch „Zukunft Ernährungswirtschaft“.

Im Wesentlichen wurden zwei aus Sicht der Unternehmen wichtige Themen mit den Ministern erörtert und nach Lösungswegen gesucht.

Thema eins: Aktuelle Krisen und deren Bewältigung

Dr. Sebastian Schornberg (Havelia GmbH) und Sebastian Kühn (Eberswalder Wurst) berichteten über die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Unternehmen in 2023/2024. Im Vordergrund standen hier die Energiekosten und Energieverträge 2024 einerseits sowie fehlende Renditen und damit verbundene Liquiditäts- und Finanzierungsengpässe andererseits. Hervorgehoben wurden insbesondere die – trotz einer gewissen Entspannung am Energiemarkt – dreifach höheren Energiekosten im Vergleich zum Vorkrisenniveau und die fehlende Bereitschaft von Energieversorgern, neue Verträge für 2024 abzuschließen.

Minister Steinbach empfahl, in energiesparende neue Energieversorgungssysteme zu investieren. In diesem Zusammenhang wies Sebastian Kühn darauf hin, dass die Ertragslage für Zukunftsinvestitionen keinen Spielraum lässt. Zusätzlich machte er die Minister auf eine zunehmende Zurückhaltung von Banken gegenüber der Ernährungswirtschaft aufmerksam. Anders ausgedrückt: Die Risikobewertung der Branche durch die Banken führt infolge der krisenbedingten Rahmenbedingungen zunehmend zu Problemen bei Finanzierungen.

Minister Vogel und Minister Steinbach nahmen diese Sorge auf und sagten zu, zu diesem Thema ein Spitzengespräch mit Finanzinstituten herbeizuführen.

Thema zwei: Förderung einer langfristigen Verbraucherkampagne für regionale Produkte

Hanka Mittelstädt (Ucker-Ei) und Klaus Voigt (Vion Schlachthof Perleberg) wiederum machten sich im Namen der Unternehmer-Initivative für die Fortführung der Verbraucherkampagne „Regionale Lebensmittel kaufen – jetzt erst recht!“ stark. Dabei verdeutlichten sie die Notwendigkeit einer mittelfristig angelegten Kampagne (mindestens drei Jahre) und eines ausreichenden Budgets von rund 1,2 Millionen Euro pro Jahr. Es wurde ferner hervorgehoben, dass hier ein namhafter Teil aus Landesmitteln bestritten werden muss. Auch eine entsprechende Förderung koordinativer Zusatzaufgaben von pro agro im Zuge der Kampagnenumsetzung kam zur Sprache.

Minister Steinbach und Minister Vogel fanden anerkennende Worte für die konkrete Aufbereitung der Vorstellungen der Unternehmer-Initiative, um nach sachdienlichen Lösungsansätzen zu suchen. Es wurde vereinbart, dass pro agro und die WFBB Ende Juni entsprechende Informationen aus den Ministerien erhalten.

Fortsetzung des konstruktiven Austauschs Die Teilnehmer vereinbarten, sich Anfang Oktober zu einem 2. Runden Tisch „Zukunft Ernährungswirtschaft“ in identischem Format erneut zu treffen. pro agro wird zeitnah die Auswertung der 1. Runde mit der Unternehmer-Initiative vornehmen und die Vorarbeit für den 2. Runden Tisch skizzieren. Noch offen ist der gemeinsame Austausch über Themen wie das Zusammenwirken mit dem Handel in Richtung nachhaltiger Marktbeziehungen oder Fachkräftemangel/ Automatisierung.

Edeka: „Wir werden die Zusammenarbeit vertiefen“

Das Branchentreffen, das kürzlich in den Räumen des Sanddorn-Produzenten Christine Berger GmbH & Co. KG in Petzow stattfand, beschäftigte sich diesmal vor allem mit dem Thema „Regionalität“. Dabei ging es u.a. darum, wie der Lebensmittelhandel in der Hauptstadtregion die Marktchancen regionaler Produkte einschätzt. Die zahlreich teilnehmenden Hersteller hatten Gelegenheit, die damit verbundenen Fragen direkt mit der Edeka Berlin/Brandenburg – vertreten durch Geschäftsführer Hans-Ulrich Schlender und den Leiter Regionaleinkauf Marcus Reh – zu erörtern. Intensiv diskutiert wurden außerdem die Potentiale für einen Ausbau der Zusammenarbeit und der Vermarktungschancen.

Gespannte Aufmerksamkeit: pro agro-Unternehmerstammtisch ganz im Zeichen der Zusam-menarbeit mit dem Handel.
Gespannte Aufmerksamkeit: pro agro-Unternehmerstammtisch ganz im Zeichen der Zusammenarbeit mit dem Handel.

Zur Einstimmung gab Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Berlin/Brandenburg, einen aktuellen Lagebericht über den gesamten Einzelhandel in der Hauptstadtregion. Demzufolge sind die Verbraucher nach wie vor verunsichert, ob sie angesichts der Inflation mit ihrem Geld auskommen. Das spiegelt sich auch im Konsumklima wider, dessen Werte vom Sommer 2021 bis zum Herbst 2022 regelrecht abgestürzt sind; zwar hat sich die Stimmung inzwischen leicht erholt, aber noch längst nicht das Ausgangsniveau erreicht.

Die Kaufzurückhaltung hat, so der Verbandschef weiter, im Lebenshandel zuerst den Bio-Bereich getroffen, gefolgt von regionalen, fair gehandelten und veganen Produkten. Der Einzelhandel werde sich zwar behaupten können, aber ohne Investitionshilfen für Digitalisierung und Energieeffizienz werde das Überleben schwer. „Wir müssen uns darauf einrichten, dass bei uns die Bäume nicht in den Himmel wachsen“, sagte er, zumal die Kaufkraft in Berlin und Brandenburg „nach wie vor nur schlechtes Mittelmaß“ sei. In Sachen Regionalität merkte Busch-Petersen an, dass das Thema in den Köpfen der Verbraucher offenbar noch nicht richtig angekommen sei. Da es sich hier auch um eine gesellschaftspolitische Frage handele, sei noch jede Menge Informationsarbeit zu leisten.

Mit dem Stichwort Regionalität gab er den rhetorischen Staffelstab weiter an Hans-Ulrich Schlender, der zunächst einige Kennziffern der Edeka Minden-Hannover des Jahres 2022 bekanntgab: knapp 11,3 Milliarden Euro Umsatz, rund 75.800 Mitarbeiter (einschließlich der selbstständigen Einzelhändler), zwei Millionen Quadratmeter Verkaufsfläche, ca. 1.500 Märkte, 622 selbstständige Einzelhändler; hinzu kommen zwei Fleischwerke, fünf Backwaren-Betriebe und ein Fisch verarbeitender Betrieb. Überdies wurden im Vorjahr 65.000 Quadratmeter Verkaufsfläche neu erschlossen und 230 Millionen Euro in Märkte investiert (Renovierung, Umbau und Neubau); in Brieselang entsteht bis 2026 ein zusätzliches Edeka-Logistikzentrum für rund 1.000 neue Mitarbeiter. Kurzum: Mit diesen Zahlen repräsentiert Minden-Hannover die umsatzstärkste Regionalgesellschaft des Edeka-Verbundes; zum Verbreitungsgebiet gehören Ostwestfalen, Bremen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Berlin.

Edeka-Privatissimum: Hans-Ulrich Schlender (links) und Marcus Reh im Fachgespräch mit Constance Trautmann (Klosterfelder Senfmühle).

Was die Listung regionaler Produkte angeht, machte der Geschäftsführer deutlich, dass Edeka für diese Thematik stets offen ist – nicht nur aus Gründen der Verbrauchernachfrage und der Sortimentsvielfalt, sondern auch aus übergeordneten Überlegungen, denn „wir wollen die Region stärken“, wie er betonte. Grundsätzlich stehe Edeka „beratend zur Verfügung, und zwar vom kleinen bis zum größeren Hersteller in der Region“. Marcus Reh erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass Regionalität allein als Verkaufsargument nicht reicht: „Das Produkt muss auch den Qualitätsansprüchen der Konsumenten gerecht werden“, sagte er und bekräftigte, dass er dies als Gesamtpaket einer Zusammenarbeit des Händlers mit den Herstellern sieht.

Zur Brandenburger Unternehmer-Initiative „Regionale Lebensmittel einkaufen – Jetzt erst recht!“ merkte Hans-Ulrich Schlender an, dass er eine solche Aktion für richtig und gut hält und der Handel gern von Anfang an dabei ist. Gleichzeitig gab er zum Ausdruck, dass er den Ruf nach Unterstützung durch die Politik nur bedingt für zielführend hält. Dahinter steht die Überzeugung, dass es Sache der Lebensmittelwirtschaft selbst ist, für eine erhöhte Nachfrage nach regionalen Produkten zu sorgen.  „Denn Regionalität kann nicht jeder“, bekräftigte er, „aber wir als Handelsunternehmen können und wollen das, um eine win-win-Situation für uns und die Produzenten zu schaffen“.

Sebastian Kühn (Eberswalder Wurst) erläuterte in diesem Zusammenhang das Ziel der Kampagne, nämlich Nachfragedruck beim Verbraucher aufzubauen. Da die notwendigen Marketingmaßnahmen viel Geld kosten (was die Initiatoren finanziell teilweise überfordert), hat man sich eben auch um Landesmittel bemüht. „Allein kommen wir nicht von der Stelle“, sagte Kühn und appellierte an die Edeka, „gemeinsam mit uns dafür zu sorgen, dass die Kunden verstärkt regionale Produkte kaufen“.

Entspannte Atmosphäre: Sebastian Kühn (Eberswalder Wurst, links) und Rainer Kempkes (Golßener).

Bei den beiden Edekanern fiel der Appell auf fruchtbaren Boden. „Wir werden die Zusammenarbeit vertiefen“, versprach Marcus Reh, wies aber gleichzeitig darauf hin, „dass wir unsere selbstständigen Einzelhändler für die regionale Sortimentsstrategie ebenfalls gewinnen müssen“. Hintergrund: Listung allein genügt nicht, die Marktleiter müssen die gelisteten Produkte auch ordern. Das ist mit individueller Überzeugungs- und viel Kleinarbeit verbunden.

Einen Tag nach diesem offenen und fruchtbaren Gedankenaustausch erreichte uns folgende Mail des Teilnehmers Frank Gersdorf (Gläserne Molkerei): „Es war für mich eine sehr informative und gelungene Veranstaltung, auch wenn es zu den Themen Regionalität und Zusammenarbeit mit dem Handel noch Luft nach oben gibt. Ansätze sind sichtbar, nur muss noch viel getan werden, um auch wirklich in der Fläche voranzukommen und regionale Produkte deutlich wahrnehmbar für den Kunden zu platzieren und in sein Bewusstsein zu rücken.“

Ein persönliches Fazit, das Inhalte sowie eine gewisse Aufbruchstimmung auf den Punkt gebracht hat!

Ehrliche Produkte und Beharrlichkeit

Die Braumanufaktur Forsthaus Templin zählt selbst in der mit Attraktionen reich gesegneten Stadt Potsdam zu einem begehrten Ausflugsziel für Einheimische wie Touristen. Das liegt nicht allein an dem denkmalgeschützten Gebäude, das Jörg Kirchhoff und Thomas Köhler im Jahre 2002 gekauft, stilgerecht in eine Gasthausbrauerei umgebaut und ein Jahr später eröffnet haben. Das liegt auch daran, dass die Gäste quasi in Tuchfühlung mit den Gerätschaften, die für das Brauen von Bier unerlässlich sind, speisen und trinken. Die historischen Braukessel mit Kupferhauben haben die Inhaber in Selb, der bayerischen Porzellanstadt, ab- und im Gasthaus daheim wieder aufgebaut. Regionaler, frischer und authentischer geht’s also nicht, weil die Wirtsleute ihr Bier praktisch unter den Blicken der Kundschaft brauen und kredenzen.

Tragfähiges Konzept: Jörg Kirchhoff (links) und Thomas Köhler im Sudhaus.

Die beiden in Potsdam ausgebildeten Brauer und Mälzer hatten sich nach ihrer Ausbildung in Potsdam zunächst weiterqualifiziert (Jörg Kirchhoff zum Diplom-Braumeister und Thomas Köhler zum Brauingenieur), ehe sich ihre Wege trennten und sie in unterschiedlichen Regionen ihrem Beruf nachgingen. Aus den Augen verloren hatten sie sich seinerzeit freilich nicht, so dass sie eines Tages beschlossen, ihre Leidenschaft und Profession künftig als Unternehmer weiterzuentwickeln. In den zwanzig Jahren seit Gründung des Ausflugslokals, einem der ältesten in der Region, haben sie Höhen und Tiefen erlebt. Aber sie haben – im Unterschied zu etlichen Wettbewerbern – überlebt, und zwar durch solides Wirtschaften, behutsames Wachstum und natürlich durch Ideenreichtum.

„Die Craft-Bier-Produzenten schießen wie Pilze aus dem Boden“, bekräftigt Thomas Köhler, „aber viele verschwinden wieder vom Markt. Warum? Weil es nicht reicht, ein gutes, handwerkliches Bier mit innovativen Sorten herzustellen. Das muss auch verkauft werden. Um im Bier-Markt zu überleben, muss man eine gewisse Größe erreichen. Das ist uns gelungen, weil wir unser Wachstum finanzieren konnten.“ Heute beträgt der Ausstoß ca. 8.000 Hektoliter pro Jahr (Fass- und Flaschenbier). Rund 30 Mitarbeiter einschließlich Gastronomie und fünf Auszubildende halten den Betrieb am Laufen.

Craft-Bier ist kein Massenprodukt“, ergänzt Jörg Kirchhoff. „Die Nische versuchen wir auszufüllen. Dadurch wird jeder neue Wettbewerber oder Nachahmer Schwierigkeiten haben, uns zu verdrängen. Um in diesem Geschäft erfolgreich zu sein, braucht man einen langen Atem. Und die Vorstellung, mit hohen Preisen entsprechend hohe Umsätze zu generieren, ist ein Trugschluss, da spielt der Verbraucher nicht mit.“

Wo der Verbraucher allerdings bereits in der Aufbauphase mitgespielt hat, ist das Thema Bio. Also haben die beiden Unternehmer schon 2007 komplett auf Bio umgestellt: Alle Rohstoffe stammen aus kontrolliertem und zertifiziertem ökologischen Anbau (weitere Informationen finden sie hier). Das war ein kluger Schritt, denn es dauerte nicht lange, bis der Naturkosthandel auf sie zukam und das Getränk unbedingt regional und in Flaschen haben wollte. Also sagten die beiden Brauer der bisherigen Handarbeit (Abfüllen, Etikettieren, Laborflaschen-Waschmaschine etc.)  weitgehend „ade“ und bauten eine Flaschen-Abfüll-Linie auf, deren Maschinen über die Jahre immer leistungsfähiger wurden.

Idylle pur: Das Forsthaus Templin.

In Sachen Vermarktung war das der Beginn einer Erfolgsgeschichte: Hatte man anfangs mehr oder weniger für den Eigenbedarf (Ausflugslokal) gebraut, war man jetzt geschäftlich insoweit gefestigt, als die großen Absatz-Player mit im Boot waren: Terra Naturkosthandel als Hauptabnehmer, dazu Bio Company, Alnatura und andere, also hauptsächliche regionale Bio-Einzelhändler mit Ausstrahlung nach Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Hinzu kamen konventionelle Einzelhändler wie Getränke-Hoffmann, Edeka, Rewe oder Kaufland.

„Wir vermarkten absolut regional, also im Umkreis von etwa 80 Kilometern um Berlin“, erklärt Thomas Köhler. Man habe überhaupt keine Vertriebsmannschaft, die in die Region ausschwärmt, sondern der Handel komme von sich aus auf die Braumanufaktur zu – als Folge „einer Art Mundpropaganda“. Und man verfügt über ein gewisses Alleinstellungsmerkmal, wie Jörg Kirchhoff hervorhebt: „Wir haben den Dreiklang von historischen Produkten (Potsdamer Stange, die Werdersche, die Weiße), Bio-Produkten und kompletter Regionalität (Produktion, Vermarktung)“, fasst er zusammen.

Neben der Tätigkeit als Brauer und Geschäftsmann ist Jörg Kirchhoff auch vielfältig ehrenamtlich tätig, darunter als Vorsitzender des Vereins zur Förderung der Klein- und Gasthausbrauereien in Brandenburg. Hier ist auch das Projekt „Brandenburger Bierstraße“ angesiedelt, dem inzwischen 20 Mitgliedsbetriebe angehören. Ziel dieser Initiative ist, dass die heimischen Bierbrauer besser als Gemeinschaft wahrgenommen werden. Und nicht zu vergessen die Museumsbrauerei mit der ältesten Braupfanne Brandenburgs von 1834. Sie befindet sich in Paaren/Glien, direkt unter den pro agro-Büros, und ist dort von den beiden Bierbrauern eingebaut worden. Hier werden Biere nach historischen Verfahren mit alten Getreiden gebraut.

Heimische Produkte sichtbar und erlebbar machen

Der zur Schwarz-Gruppe (Neckarsulm) gehörende Lebensmitteleinzelhändler, quasi die große Schwester von Lidl (was Verkaufsfläche und Artikelzahl angeht), zählt zu den führenden Anbietern von Gütern des täglichen Bedarfs – nicht nur in Deutschland, sondern auch im europäischen Maßstab. Von dem Großflächenbetreiber weiß man, dass er das Angebot an regionalen Produkten in seinen mehr als 750 Filialen über die Jahre konsequent auf- und ausgebaut hat. Nachhaltigkeit und Regionalität sind inzwischen zu einem wesentlichen Bestandteil der Sortimentsphilosophie geworden. Das gilt auch für die Filialen in Brandenburg und Berlin.

„Unser Herz schlägt regional“ heißt die Kaufland-Devise, was keineswegs nur eine leere Floskel ist, sondern in den Sortimenten täglich gelebt wird. In Zahlen sieht das so aus: Deutschlandweit arbeitet das Unternehmen mit über 1.800 regionalen Lieferanten zusammen, die für ca. 25.000 Produkte stehen. Und was versteht man unter regional? „Für uns gelten diejenigen Produkte als regional, die maximal 30 Kilometer von der nächsten Kaufland-Filiale hergestellt werden und von Lieferanten stammen, die in der Region verwurzelt sind“, erklärt Teresa Baumann (Foto), Leiterin Regionalität im Einkauf bei Kaufland Deutschland.

Die regionalen Produkte sind am Regal mit dem für Kunden deutlich sichtbaren „Regio-Herz“ gekennzeichnet. Auf dem Label ist vermerkt, in welchem Bundesland das Produkt hergestellt worden ist; bei Einhaltung der 30 Kilometer-Grenze wird auch der konkrete Produktionsstandort vermerkt. Das Angebot selbst variiert je nach Region und Saison und besteht unter anderem aus Eiern, Molkereiprodukten, Obst und Gemüse, Wurstspezialitäten, Backwaren, Mineralwasser, Wein und Bier.

Was es mit dem regionalen Angebot im Detail auf sich hat, kann die Kundschaft auf unterschiedliche Weise erfahren, nämlich

  • beim Einkauf selbst, wo der Kunde sich direkt am Regal durch sinnliche Wahrnehmung der Produkte sowie entsprechendes Info-Material ein Bild machen (und seine Kaufentscheidung fällen) kann oder
  • durch digitalen „Besuch“ der entsprechenden Kaufland-Website (siehe auch hier).

Auf der Website finden Interessierte Verbraucher eine Vielzahl von Informationen. Inhaltlich geht es dabei beispielsweise um die Vorteile des regionalen Einkaufs, die Kaufland-Kriterien für Regionalität, die Produkte oder den Saisonkalender für regionales Obst und Gemüse. Überdies gibt es dort Hinweise auf einen speziellen Baustein des Regionalitäts-Konzepts, die so genannten Regio-Tage, die in Standorten unterschiedlicher Regionen stattfinden. Gerade dieser Tage geht die diesjährige Aktivität, die Anfang Juni begonnen hat, ihrem Ende entgegen. Bundesweit haben daran knapp 300 Kaufland-Filialen teilgenommen, darunter sieben aus Berlin und 13 aus Brandenburg.

Hier interagieren Verbraucher und Lieferanten auf einer für beide Seiten gleichermaßen ertragreichen Plattform: Für die Verbraucher wird Regionalität erlebbar gemacht, indem sie regionale Lieferanten einer teilnehmenden Filiale persönlich kennenlernen oder Produkte direkt vor Ort verkosten können. Umgekehrt profitieren die Lieferanten von der Gelegenheit, ihre Spezialitäten in einem kommunikations- und verkaufsintensiven Ambiente exklusiv zu präsentieren und ihnen buchstäblich ein Gesicht zu geben.

Abgesehen von solchen zeitlich limitierten Sonderaktionen können regionale Lieferanten, die generell und dauerhaft in den Kaufland-Regalen präsent sein wollen, gern mit dem Neckarsulmer Unternehmen Kontakt aufnehmen (weitere Informationen finden Sie hier. Dazu Teresa Baumann: „Da die Nachfrage immer weiter steigt, sind wir stets offen für neue Produkte und immer auf der Suche nach regionalen Lieferanten.“

Hinweis: Mit Ausnahme des Fotos von Teresa Baumann zeigen alle Fotos Sonderplatzierungen während der Regio-Tage in der Filiale Dallgow-Döberitz (© Kaufland).

„Wir dürfen die Hände nicht in den Schoß legen!“

In den ersten beiden Folgen über die umfangreiche Studie zu den Vermarktungspotentialen von Regionalprodukten aus Brandenburg haben wir zunächst über die Umfrageergebnisse zum Konsumverhalten während und nach der gegenwärtigen Krisensituation sowie über Produktpräferenzen und Preisbereitschaft der Verbraucher berichtet. In einem weiteren Beitrag haben wir die in der Studie analysierten Kernzielgruppen für den Einkauf regionaler Produkte und die daraus abzuleitende Kundenansprache vorgestellt. Heute geht es um die Schlussfolgerungen für die Branche und die Verbandsarbeit von pro agro. Darüber sprachen wir mit pro agro-Geschäftsführer Kai Rückewold sowie der Fachbereichsleiterin Agrar- und Ernährungswirtschaft, Kristin Mäurer.

Andreas Ebeling (Brandmeyer Markenberatung) und Kai Rückewold stellen die Studie vor

Wie bewerten Sie die Studienergebnisse?

Rückewold: Sehr positiv, da sie bestätigen, dass wir mit unserer Arbeit auf dem richtigen Weg sind. Dabei denke ich an unsere Vernetzungstätigkeit sowie die vielen Maßnahmen und Aktionen zur Imagepositionierung von Lebensmittel-Produkten aus Brandenburg bei den Verbrauchern und beim Handel. Je mehr Produkte den Weg zu den Konsumenten finden, desto besser für die Region: Das schafft nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch Arbeitsplätze und Einkommen für die Menschen sowie Steuereinnahmen für die Körperschaften.

Mäurer: Andererseits liefert uns die Studie Anhaltspunkte, wo wir noch eine Schippe drauflegen müssen. Gerade der beschriebene Zusammenhang von Versorgungssicherheit und strukturellen Verbesserungen im Land ist nicht allen Menschen klar. Hier müssen wir zusätzliche Informations- und Kommunikationsarbeit leisten.

Wo sollte man konkret noch eine Schippe drauflegen?

Rückewold: Zum Beispiel bei der Unternehmerinitiative „Regionale Lebensmittel kaufen – jetzt erst recht!“, die wir als pro agro koordinieren. Sie trifft auf großes Interesse bei der Bevölkerung bzw. bei den Verbrauchern. Ein Grund dafür ist sicherlich die Tatsache, dass die Initiatoren in Wort und Bild präsent sind – UnternehmerInnen zum Anfassen sozusagen. Das schafft Nähe und Gemeinschaftsgefühl.

Mäurer: Alle Beteiligten haben in diese Kampagne viel Zeit und Geld gesteckt: die Unternehmen, das Land und pro agro. Jetzt muss die Devise lauten: Wir machen weiter und hören nicht einfach auf; wir nutzen die bereits vorhandene Aufmerksamkeit und setzen die erfolgreiche Maßnahme fort.

Rückewold: Mit den Mitteln, die das Brandenburger Landwirtschaftsministerium für die Unternehmerkampagne zur Verfügung gestellt hat, konnten wir während der Grünen Woche 2023 und danach gut operieren. Aber: Wir brauchen eine Verstetigung des Mittelzuflusses, um nicht nur punktuelle Maßnahmen umzusetzen, sondern kommunikativ permanent am Ball zu bleiben, nicht nur für einige Monate.

Hat da nicht auch die EU ein Wörtchen mitzureden?

Rückewold: Zumindest wacht sie darüber, dass bei der Ausschüttung von Fördergeldern kein Land gegenüber einem anderen bessergestellt wird. Das muss die Politik natürlich im Auge behalten.

Aber abgesehen davon brauchen wir Nachhaltigkeit in der Kommunikation und damit Nachhaltigkeit in der finanziellen Unterstützung durch den Staat. Das ist kein Selbstläufer, das wissen wir, aber es ist eine Investition in die Zukunft.

Kai Rückewold: Immer im Einsatz für die regionale Ernährungswirtschaft

Was verstehen Sie unter Nachhaltigkeit in der Kommunikation?

Mäurer: In Brandenburg sollten sich Branchenvertreter, die Landesregierung und pro agro regelmäßig zusammensetzen und darüber diskutieren, welche branchenrelevanten Maßnahmen in welchem Zeitraum mit welchem Budget ergriffen werden sollten. Damit ließe sich ein Zeichen setzen, dass wir gemeinsam daran arbeiten, die Lebensmittel-Versorgung sicherzustellen und die regionale Wertschöpfung zu steigern.

Mit welchen Herausforderungen sind Sie dabei inhaltlich konfrontiert?

Rückewold: Die Ernährungswirtschaft repräsentiert zusammen mit der Landwirtschaft den größten Wirtschaftszweig des Landes. Das klingt erst mal gut. Was die Sache aber kompliziert macht, sind die strukturellen Unterschiede, denn hier geht es nicht nur um relativ große Unternehmen mit mehreren hundert Mitarbeitern, sondern auch um den Ein-Personen-Betrieb. Man denke nur an die ländliche Direktvermarktung. Wir müssen also die von uns initiierten Marketingmaßnahmen diesen Größenunterschieden jeweils individuell anpassen.

Kristin Mäurer beim Interview mit dem regionalen Hörfunk

Mäurer: Auch die Kontakte mit dem Lebensmittelhandel müssen verdichtet werden, indem wir mit ihm gemeinsam nach Lösungen suchen, wie regionale Produkte auf der Fläche bzw. in den Regalen so platziert werden, dass sie für den Verbraucher besser wahrnehmbar und sichtbar sind.

Da der Handel aber nur solche Sortimente und Produkte in seinen Läden anbietet, die der Verbraucher auch haben will, müssen wir unsere Maßnahmen darauf konzentrieren, Druck von unten – also beim Konsumenten – zu erzeugen. Dort müssen wir unsere Kommunikations-Power investieren. Und Geld natürlich auch.

Was heißt das für die künftige Verbandsarbeit?

Rückewold: pro agro hat in den 30 Jahren seines Bestehens viel auf die Beine gestellt und in Bewegung gesetzt, ein dichtes Netzwerk geschaffen und eine beachtliche Manpower mit 16 Mitarbeitern geschaffen. Das gilt es konsequent zu nutzen und weiter auszubauen. Gerade in den aktuellen Zeiten dürfen wir die Hände nicht in den Schoß legen, sondern müssen gemeinsam mit der Branche an der Zukunft arbeiten.

Zur Studie

Die im November und Dezember 2022 erarbeitete Studie mit dem Titel „Vermarktungspotentiale heben für Regionalprodukte aus Brandenburg“ basiert auf einer Online-Befragung von 2.000 Personen in ganz Deutschland, davon je 400 aus Berlin und Brandenburg. Über 300 Einzelergebnisse sind in der repräsentativen Gesamtstudie ausgewertet und zusammengefasst worden, und zwar jeweils nach Wohnregion und Zielgruppenzugehörigkeit der Befragten. Kaufmotivation, Kaufbereitschaft und -verhalten wurden ebenso unter die wissenschaftliche Lupe genommen wie Fragen der Erreichbarkeit und der Kommunikation. Die Studie wurde aus Mitteln des Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raumes sowie des Brandenburger Ministeriums für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz (MLUK) gefördert. Eine PDF-Kurzfassung der Studie kann bei folgender Mail-Adresse angefordert werden: maeurer@proagro.de

Genusshandwerker mit Einsatz für die Region

„Brotkultur schmecken – Genuss erleben – Regionalität leben.“ Das ist die Devise, nach der Bäckermeister Tobias Exner (Foto) sein Handwerk im wahrsten Sinne des Wortes „pflegt“. Die Geschichte des Betriebes geht bis in das Jahr 1928 zurück, als in der Beelitzer Karl-Marx-Straße 12 eine kleine Bäckerei eröffnete, die Vater Ingo 1976 übernahm und sich seinen Traum von der Selbstständigkeit erfüllte. Das war auch der Ort, wo seinem Sohn Tobias das Bäckerhandwerk in die Wiege gelegt wurde und wo er schließlich 2008 in die Fußstapfen des Vaters trat. Heute ist die mehrfach ausgezeichnete Familienbäckerei ein modernes mittelständisches Unternehmen und einer der größten Arbeitgeber in der Spargelstadt.

Illustrer Auftritt: Blick in das 2022 eröffnete Café „Brot & Zeit“.

Nach 1990 nahm das Unternehmen eine stürmische Entwicklung und wuchs auf über 40 Fachgeschäfte und Cafés in Berlin und Brandenburg an. Ungeachtet dieser bemerkenswerten Expansion ist Tobias Exner mit seinen rund 200 Mitarbeitern der Philosophie des Handwerks treu geblieben: „Als Innungsbäckerei stehen wir für höchste Qualität, regionale Zutaten und traditionelle Verarbeitungsweisen“, betont er und präzisiert: „Alles ist handgemacht.“

Dieses Statement („Alles ist handgemacht“) lässt sich durchaus weiter fassen. Um im Bild zu bleiben, könnte es auch heißen: Alles, was der innovative Genusshandwerker macht, „hat Hand und Fuß“. Das betrifft nicht nur sein Kerngeschäft, sondern auch seine Aktivitäten rund ums Produzieren und Verkaufen. So absolvierte er 2019 eine Ausbildung als Brotsommelier – kein leichtes Unterfangen, da er sich in acht Präsenzmodulen sowie in intensiven Arbeits- und Lernphasen zu Hause die neuesten Erkenntnisse aus Wissenschaft und Praxis aneignen, sprich „ordentlich büffeln“ musste.

Bei der Ausbildung ging es um eine Vielzahl von Themen rund ums Brot: Geschichte und Kultur, Brauchtum, Religion und Kunst oder Ernährungsfragen, deutsche und internationale Spezialitäten sowie aktuelle Marktzahlen zum Brotkonsum und vieles mehr. Über die Aneignung dieses breit gefächerten Fachwissens hinaus galt es noch, spezifisch sensorische Fähigkeiten zu trainieren, um auf dem Gebiet der „Bread Pairings“ seinen Mann zu stehen, also der Bestimmung, welche Brotsorte mit welchem Getränk, welcher Speise oder welchem Anlass harmoniert.

Keine leichte Übung also, aber gut für’s Geschäft und darüber hinaus – zumindest dann, wenn man so „gestrickt“ ist wie Tobias Exner; wenn man also Know-how und Phantasie nicht nur ins eigene Unternehmen steckt, sondern darüber hinaus mit anderen „Gewerken“ verknüpft.

So kam dem findigen Bäckermeister Anfang 2022 die Idee, eine zweckmäßige und vor allem nachhaltige Sekundärverwendung für das nicht verkaufte Brot seiner Fachgeschäfte zu suchen. Gefunden hat er die Potsdamer Braumanufaktur, die daraus die Spezialität „Brotbier“ braut – „eine mehr als gelungene Komposition aus feinster Braukunst und traditionellem Backhandwerk“, wie er schwärmt.

Dieses Kooperations-Beispiel ist kein Einzelfall. Der Unternehmer aus Beelitz zeigt auf ganzer Linie, dass er ein ausgewiesener Kommunikator und Netzwerker ist. Das betrifft sowohl den direkten Einsatz von Partner-Erzeugnissen in seinen Brot- und Backwaren (wie die Hemme-Buttermilch und die Kürbiskerne vom Syring Hof in seinem Buttermilch-Brot) oder den Verkauf regionaler Produkte in seinen zahlreichen Fachgeschäften (z.B. Sanddorn- und Wildobstprodukte von Christine Berger, Fleisch von Weidelandfarm oder Chutneys von Kochgenuss & Feinkost). Ein Hotspot für den Verkauf von Partnerprodukten ist vor allem das im Jahr 2022 eröffnete Café „Brot &Zeit“ in Beelitz-Heilstätten.

Zu seinem Selbstverständnis als Kommunikator und Netzwerker gehört aber auch, dass Tobias Exner als Vorstand beim Verband pro agro fungiert. Treibende Kraft seines Engagements ist die Überzeugung, seine Kenntnisse und Kontakte nicht nur in seinem Betrieb einzusetzen, sondern ein Stück seines Erfolgs zusätzlich der regionalen Branche insgesamt und damit dem Land Brandenburg zugute kommen zu lassen. Da versteht es sich von selbst, dass er sich gemeinsam mit 20 weiteren Unternehmen an der Initiative „Regionale Lebensmittel einkaufen – Jetzt erst recht!“ aktiv beteiligt (zur von pro agro koordinierte Kampagne siehe die Newsletter 11/2022 und 12/2022).

„Das Engagement für die Belange der Lebensmittelbranche in Brandenburg ist mir sehr wichtig“, betont Tobias Exner und fügt hinzu: „Wir als regionale Unternehmen und Erzeuger müssen unsere Kunden dafür sensibilisieren, dass regionale Produkte für Sicherheit und Transparenz stehen. Das geht am besten gemeinsam mit starken Partnerschaften in der Region. Nur so ist es uns möglich, unserer sozialen Verantwortung auch in schwierigen Zeiten, die von Krisen und steigenden Kosten geprägt sind, gerecht zu werden. Regionalität und Handwerk müssen sichtbar gelebt werden, damit wir auch zukünftig Ausbildungs- und Arbeitsplätze im Mittelstand Brandenburgs sichern können.“

Regionales Fleischprogramm für mehr Nachhaltigkeit

Der Fleischgroßhändler hat ein außergewöhnliches Alleinstellungsmerkmal: Der auf dem Berliner Fleischgroßmarkt angesiedelte Betrieb bildet mit seinen rund 4.400 qm Fläche (davon fast 40 Prozent für die Produktion) eine private Enklave auf dem umfangreichen Gelände, das der öffentlichen Hand gehört. Dem Unternehmen ist es im Jahr 2013 nämlich gelungen, dem Land Berlin die beachtlich große Fläche samt Gebäuden abzukaufen. Das gibt ihm Sicherheit, weil er auf dem Areal nicht Mieter, sondern Herr im Hause ist, sagt Inhaber Dennis Salomon (Foto).

Der gelernte Fleischer hat das Geschäft von der Pike auf gelernt und stand als junger Mann ebenso am Zerlegetisch wie andere Facharbeiter des väterlichen Betriebs. Wenn Not am Mann ist, zieht er noch heute Gummistiefel und Metzgerschürze an und zerlegt im Team die Schweine- oder Rinderhälften, obwohl das natürlich wegen seines hohen Arbeitspensums als Manager nur die Ausnahme ist. Das Unternehmen mit 50 Mitarbeitern führt er seit mehr als 20 Jahren zusammen mit seinem Geschäftspartner Stefan Barnick, der als Mitgesellschafter auch Vorsitzender des Aufsichtsrats ist.

Die Zerlegekapazität liegt bei 200 Tonnen pro Woche; umgerechnet sind das hauptsächlich rund 800 Schweine und zehn bis 15 Rinder (Bullen, Ochsen, Färsen, Kälber); auch die Verarbeitung von Lämmern gehört zum Programm. Die Rohware wird als Hälften geliefert. Produziert werden daraus Fleisch- und Wurstwaren, die bundesweit in der Gastronomie und in Betriebskantinen sowie in Fach- und Feinkostgeschäften (das KADEWE gehört auch dazu) vertrieben werden.

Viel Herzblut investiert der Unternehmer in die noch junge Initiative unter dem Label „Brandenburger“. Dahinter verbirgt sich sein im Jahr 2020 aufgelegtes und auf strengen Regeln beruhendes regionales Fleischprogramm. Das betrifft beispielsweise den Lebendtransport von Tieren. „Hier sind kurze Strecken für mich immens wichtig“, betont Dennis Salomon. So dürfen die Schweine-Mastbetriebe maximal 90 Autominuten und die von Rindern höchstens 60 Minuten vom nächsten Schlachthof entfernt sein. Das erspart den Tieren unnötigen Stress und dient der Qualität wie dem Geschmack des Fleisches.

Die neun zertifizierten Partnerbetriebe, die der Großhändler alle persönlich kennt und in Augenschein nimmt, haben sich nicht nur dem Tierwohl verschrieben, sondern sorgen durch das eigens angebaute Futter auch für mehr Nachhaltigkeit in der Region. Und durch den direkten Kontakt zwischen Erzeugung und Verarbeitung ist „eine optimale Transparenz und Kontrolle gewährleistet“, wie er sagt. Ebenso wichtig ist ihm allerdings ein übergeordneter Gesichtspunkt: „Wer regionale Produkte kauft, unterstützt nicht nur das Tierwohl, sondern auch die ansässige Wirtschaft sowie den Erhalt von Arbeitsplätzen“, bekräftigt er.

Die Züchter organisieren den Transport der Tiere von der Maststelle zum Schlachthof selbst. Da die Schlachtkapazitäten in Brandenburg in den vergangenen Jahren massiv heruntergefahren worden sind, ist die erste Anlaufstelle in der Regel der Großbetrieb Vion Perleberg, der wiederum die Hälften an die Salomon AG liefert. Die Rückverfolgbarkeit sei zu 100 Prozent gesichert, heißt es, da die wöchentlichen Kontingente in Absprache mit jedem Lieferanten festgelegt sind. Und: „Mit Vion gibt es eine spezielle Vereinbarung, dass unsere Tiere separat geschlachtet und zu uns transportiert werden. Hier bei uns werden sie ebefalls separat zerlegt“, so Dennis Salomon.

Das regionale Markenprogramm, das parallel zum „Normalgeschäft“ organisiert werden muss, verursacht beim Fleischgroßhändler natürlich spürbaren Zusatzaufwand. Den ist man im Interesse der Sache gern bereit zu tragen. Mehr noch: „Falls es in Brandenburg Zucht- bzw. Mastbetriebe gibt, die nach zusätzlichen Absatzmöglichkeiten Ausschau halten, können sie sich gern mit uns in Verbindung setzen“, appelliert Inhaber Dennis Salomon an potenzielle Lieferanten. „Denn wir wollen unser regionales Fleischprogramm forcieren und brauchen dafür mehr Partner, um dieses Wachstum hinzukriegen. Ich freue mich also über jeden Züchter, der sich bei mir meldet.“

Gesunde Ernährung für schmale Geldbeutel

„Ein voller Bauch studiert nicht gern“, sagt der Volksmund – ein leerer erst recht nicht, so viel ist gewiss. Deshalb kümmert sich das Studentenwerk Frankfurt/Oder nicht nur um die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Belange der Studierenden, sondern auch um deren leibliches Wohl. Das liegt in den Händen der Abteilung Hochschulgastronomie, die ihre Aufgabe folgendermaßen versteht und umsetzt: „Bereitstellung frischer und gesunder Mahlzeiten, die den vielfältigen Geschmäckern und den schmalen Geldbeuteln ebenso gerecht werden wie dem Gebot der Wirtschaftlichkeit“, so Torsten Kleinschmidt, der für Einkauf und Produktentwicklung zuständig ist (Foto 2.v.r., im pro agro-Kochstudio während der IGW Berlin).

Die organisatorische Herausforderung, aber auch der Reiz der Aufgabe liegt unter anderem darin, dass das Studentenwerk Frankfurt/Oder nicht nur die angehenden Akademiker in der Grenzstadt unter ihren Fittichen hat, sondern auch für die Standorte Eberswalde, Cottbus und Senftenberg zuständig ist. Die Rede ist also von insgesamt etwa 14.000 Studierenden und mehreren tausend Essen pro Tag; hinzu kommt der Betrieb von Bistros und Cafeterien. So stellt sich das jedenfalls während des laufenden Hochschulbetriebs dar; in der vorlesungsfreien Zeit entspannt sich die Lage natürlich etwas.

Zum ganzheitlichen Verständnis gehört ebenso, dass die gastronomischen Betriebe wie Mensen, Bistros und Cafeterias nicht als schiere Verpflegungsstationen gesehen werden. „Wir betrachten sie auch als attraktive Aufenthalts- und Kommunikationsorte mit entsprechender Einrichtung und Wohlfühl-Atmosphäre“, betont Torsten Kleinschmidt. In Klartext: Kasernen-Ambiente war früher, heute zählen Behaglichkeit und modernes Ambiente.

Das individuelle Einrichtungskonzept korrespondiert mit dem Speisenangebot: Das Studentenwerk betreibt in allen vier Standorten (mit insgesamt sechs Locations) eigene Küchen mit unterschiedlichen „Gewerken“ neben dem Kochen, also Fleischerei, Salatzubereitung oder Backstation. Die fachlich versierten Teams summieren sich auf rund 130 Mitarbeiter, die dank Know-how und Ausstattung vieles in handwerklicher Tradition fertigen können.

„Meine Aufgaben bewegen sich auf der Schnittstelle zwischen Wareneinsatz und Speiseplan“, erläutert Torsten Kleinschmidt. Einerseits tourt er also auf der Suche nach geeigneten Lieferanten durchs Land, und andererseits stimmt er allwöchentlich mit den Küchenchefs (im Jargon „Mensaleiter“ genannt) die Speisepläne für die jeweiligen Standorte ab. Manöverkritik und Optimierungs-Strategien gehören ebenfalls zu den regelmäßigen Koordinierungsrunden. „Das sorgt für vielseitige Speisepläne und schafft eine gute Struktur für den Einkauf“, hebt er hervor.

Da das Studentenwerk Frankfurt/Oder zum Verantwortungsbereich des Brandenburger Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur (MWFK) gehört, hat das Land bei den Speiseplänen ein Wörtchen mitzureden. Das mündet beispielsweise in die Vorgabe, den Studierenden zwar gehaltvolle und preiswerte Speisen anzubieten, das Prinzip der Wirtschaftlichkeit dabei aber immer im Blick zu haben. Oder es wird der Auftrag formuliert, verstärkt regionale Produkte einzusetzen und zu verarbeiten. Wobei mit „Regionalität“ Lebensmittel aus Brandenburg und den benachbarten Bundesländern gemeint sind.

Für die Speisen werden neben regionalen auch zunehmend Bio-Produkte verarbeitet. Bereits seit Herbst 2020 werden in den Mensen Kartoffeln, Reis und Rindfleisch zu 100 Prozent in Bio-Qualität angeboten. „Insgesamt streben wir bis 2025 rund 20 Prozent Bio-Anteil bei den Hauptmahlzeiten an“, erzählt Torsten Kleinschmidt. „Wir haben auch im Auge, wie sich Regionalität mit Bio verbinden lässt. Die wesentlichen Faktoren sind dabei allerdings die Nachfrage und die Wirtschaftlichkeit“, ergänzt er.

Der Speiseplan repräsentiert jedenfalls ein abwechslungsreiches Angebot, das auch wissenschaftliche Empfehlungen für eine gesunde Ernährung berücksichtigt. Dazu zählt ein hoher Anteil an Gemüse und Hülsenfrüchten, frischen Salaten und Ballaststoffen. Auf alle Fälle ist für jeden Geschmack etwas dabei. Für zusätzliche Vielfalt sorgen, dem allgemeinen Trend folgend, vegetarische und vegane Gerichte. Um diese Vielfalt weiter zu gewährleisten, ist Torsten Kleinschmidt, wie gesagt, viel in der Region unterwegs, „als Scout zur Rekrutierung von Lieferanten“, wie er sagt. Und: „Weitere Erzeuger und Verarbeiter von Lebensmitteln sind jetzt und in Zukunft willkommen, zur Bereicherung des Speiseplans in den studentischen Einrichtungen beizutragen.“

Tierwohl und Nachhaltigkeit zahlen sich aus

Mit seinem FairMast-Konzept hat der Geflügelfleisch-Anbieter Plukon neue Maßstäbe gesetzt – auch in Brandenburg, wo es vor ziemlich genau vier Jahren eingeführt worden ist. Tierwohl und Nachhaltigkeit stehen dabei im Vordergrund, ergänzt und verstärkt durch die Partnerschaft mit dem Deutschen Tierschutzbund und die Kooperation mit ausgewählten Geflügelzüchtern. Heute entscheidend ist jedoch, dass das ehrgeizige und aufwendige Programm im Markt angekommen und vom Handel wie von den Verbrauchern angenommen worden ist. Die Bilanz einer Erfolgsgeschichte.

„Die Vermarktung war anfangs alles andere als leicht“, erzählt Marketingleiterin Ulrike Rücker (Foto). „Der Verbraucher musste erst lernen, warum er jetzt für das Hähnchen mehr bezahlen soll. Doch die Akzeptanz und die Verkaufszahlen sind kontinuierlich gestiegen.“ Eine wichtige Rolle habe dabei der Handel gespielt, da er sich – vom Vollsortimenter bis zum Discounter – zunehmend dem Tierwohl verpflichtet fühle. „Davon hat unser Konzept natürlich auch profitiert“, ergänzt sie.

Das 2019 in Brandenburg eingeführte FairMast-System stützt sich im Wesentlichen auf folgende Maßnahmen: weitläufige Ställe mit Bewegungsfreiheit, Ruheflächen und Beschäftigungsmaterial; langsames Wachstum der Hähnchen, das heißt maximal 45g durchschnittliche Gewichtszunahme proTag; gentechnikfreies, hochwertiges Getreidefutter, hauptsächlich aus regionalem Anbau; Aufzucht nach den strengen Vorgaben des Deutschen Tierschutzbundes, kontrolliert von unabhängigen Zertifizierungsstellen nach den Tierschutz-Kriterien der Einstiegsstufe.

In den wenigen Jahren seit 2019 hat sich das Schlachtvolumen in Storkow verzehnfacht, nämlich von seinerzeit 10.000 auf heute rund 100.000 Tiere pro Woche. Allein diese Zahlen sind ein deutliches Signal dafür, wie grundlegend und positiv sich ökologisches Bewusstsein und entsprechendes Einkaufsverhalten der Verbraucher verändert haben. Die Tiere stammen ausschließlich von Landwirten aus Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern (kurze Transportwege!), werden in den Haltungsstufen zwei und drei gezüchtet und im Lebensmittelhandel entsprechend vermarktet.

„Mit allen Landwirten, die uns beliefern, haben wir persönliche Kontakte“, betont Ulrike Rücker. So schwärmt der Plukon-Außendienst in regelmäßigen Abständen aus, besucht die Partnerbetriebe und macht sich ein Bild von der Tierhaltung vor Ort. Dabei geht es nicht allein um Kontrolle; ein wichtiges Element dieser Besuche ist auch die Betreuung bzw. Beratung der Züchter – egal, ob es um Stallgestaltung oder Investitionsplanung geht.

„Die Landwirte werden von uns nicht alleingelassen“, umschreibt die Marketinchefin die partnerschaftliche Zusammenarbeit und fügt hinzu: „Da wir mit einer überschaubaren Zahl von Betrieben kooperieren, können wir mit ihnen auch persönliche Kontakte pflegen“. Die offizielle Kontrolle der 20 Betriebe obliegt allerdings in regelmäßigen Abständen den vom Tierschutzbund akkreditierten Zertifizierungseinrichtungen oder, in Sachen Tiergesundheit, den Tierärzten, was insbesondere vor der Schlachtung geschieht.

Ulrike Rücker (Marketingleiterin Plukon Food Group)

Auch in Storkow hat sich die gegenwärtige Krisensituation bemerkbar gemacht: Die Verbraucher halten eher ihr Geld zusammen. Aber das ist aus Sicht des Unternehmens nur eine Momentaufnahme und kein Trend auf lange Sicht. Die Lage beruhige sich wieder, heißt es, das gesamte Konzept werde ohnehin nicht in Frage gestellt. „Deshalb wird es bei uns auch kein Zurück auf die rein konventionelle Methode geben. Wir wollen weg vom Mehr und hin zum Besser“, fasst Ulrike Rücker zusammen.

Dieser Überzeugung wurde auch die Arbeitsorganisation des Unternehmens angepasst: Der Betrieb in Storkow zählt derzeit 650 Mitarbeiter – über 200 mehr als noch vor einem Jahr. Darüber hinaus hat man vor kurzem eine Menge Geld in die Hand genommen und in die Logistik bzw. Lagertechnik investiert: zum Beispiel in Palettier-Roboter zum Sortieren, Bestücken und Kommissionieren der Ware oder in fahrerlose Transportsysteme sowie automatisches Wiegen und Etikettieren. Solche kostenintensiven Maßnahmen kompensieren einerseits den akuten Fachkräftemangel und optimieren andererseits die Logistik, also auch die Lieferqualität für den Handel.

In den Kühlregalen bzw. -truhen der Handelskunden sind die Fair-Mast-Produkte nämlich in der Regel mit deren jeweiligen Eigenmarken vertreten. Das erfordert ein individuelles, also differenziertes Branding der Verpackungen – ein Kraftakt bei flächendeckender Listung, wie man sich vorstellen kann. Und nicht nur das: Auch das Warenangebot wird differenzierter. Denn derzeit, so die Marketingchefin, kaufen die Verbraucher nicht mehr nur Brustfilets, sondern auch die etwas preisgünstigeren Schenkel. Das erhöht zwar den Verarbeitungs- und Logistik-Aufwand für’s Unternehmen, aber: „Wir begrüßen das sehr, da die Verwendung des ganzen Tiers viel nachhaltiger ist.“

Fundament einer zielgruppengerechten Kundenansprache

In der ersten Folge über die umfangreiche Studie zu den Vermarktungspotentialen von Regionalprodukten aus Brandenburg haben wir die Umfrageergebnisse zum Konsumverhalten während und nach der gegenwärtigen Krisensituation sowie zu Produktpräferenzen und Preisbereitschaft geschildert. Die Bilanz fiel hier überraschend positiv aus (den Bericht finden Sie hier). In der heutigen zweiten Folge beschreiben wir die in der Studie analysierten Kernzielgruppen für den Einkauf regionaler Produkte und die daraus abzuleitende Kundenansprache.

Generell identifiziert die gemeinsam vom Verband pro agro und der renommierten Markenberatung Brandmeyer erarbeitete Studie bei über 50 Prozent der Befragten eine hohe Affinität zum Kauf regionaler Produkte. Um dieses ermutigende Vermarktungspotential konkret zu differenzieren und zu beschreiben, haben die Experten durch die Auswertung tausender Einzeldaten sechs Konsumententypen herausgearbeitet (siehe Chart „Sechs unterschiedliche Zielgruppensegmente“). Drei davon zeigen eine so hohe Kaufbereitschaft, dass man sie als Kernzielgruppen bezeichnen kann. Es handelt sich um

  • Anspruchsvolle, trendbewusste Regionalkäufer
  • Qualitätsbewusste, frischeorientierte Regionalkäufer sowie
  • Preisbewusste Regionalkäufer.

Die drei weiteren identifizierten Zielgruppen (Genussaffine Probierkäufer, Preisbewusste Routinekäufer, Gleichgültige Impulskäufer) können laut Studie für das Thema „Regionale Lebensmittel“ vernachlässigt werden.

Sechs unterschiedliche Zielgruppensegmente

Quelle: pro agro/Markenberatung Brandmeyer

Zu den Kernzielgruppen zählen folgende Hauptmerkmale: „Anspruchsvolle“ und „Qualitätsbewusste“ unterscheiden sich in ihrem Altersaufbau nur unerheblich und haben eine starke Basis bei den 25- bis 44jährigen; im Unterschied dazu sind über 50 Prozent der „Preisbewussten“ älter als 55 Jahre. Dieser Sachverhalt spiegelt sich im monatlichen Haushaltseinkommen: Knapp die Hälfte der „Preisbewussten“ hat nur bis zu 2.000 Euro im Portemonnaie, während die anderen beiden Gruppen über rund das Doppelte verfügen.

Einkaufsorte für regionale Lebensmittel

Quelle: pro agro/Markenberatung Brandmeyer

Nicht überraschend sind die Aussagen zur „Einkaufshäufigkeit von Lebensmitteln aus eigener Region“: Die Werte fallen bei allen Typen sehr hoch aus (siehe Chart „Hohe Relevanz regionaler Lebensmittel“). Gleiches gilt für die Wahl des Einkaufsorts: Supermärkte und Discounter sind hier mit Abstand die Favoriten.

Hohe Relevanz regionaler Lebensmittel

Quelle: pro agro/Markenberatung Brandmeyer

Die aus der Studie abgeleitete Empfehlung lautet, dass die Erzeuger und Verarbeiter von Lebensmitteln bei der Vermarktung ihrer Produkte tatsächlich ausschließlich die Kernzielgruppen, also die anspruchsvollen, qualitätsbewussten und preisbewussten Regionalkäufer, im Auge haben sollten. Andernfalls ist die Wahrscheinlichkeit von Fehlstreuungen hoch und die dafür eingesetzten Mittel verfehlen ihre Wirkung. Bei der Wahl der geeigneten Kommunikations-Instrumente zur Kundenansprache müssen die Vermarkter wissen, welche Informationsquellen die drei Kernzielgruppen hauptsächlich nutzen: Etiketten, Infos auf den Produkten; „Flüsterpropaganda“ von Familie, Freunden oder Bekannten; Infotafeln im Lebensmitteleinzelhandel Wichtig: Social Media wie Instagram, Facebook oder Blogs sind da weniger gefragt (siehe Chart „Erreichbarkeit von Kernzielgruppen“).

Erreichbarkeit von Kernzielgruppen

Quelle: pro agro/Markenberatung Brandmeyer

Inhaltlich sollten Brandenburger Kunden laut Studie schwerpunktmäßig mit Themen angesprochen werden, die sich einerseits auf Produkteigenschaften und andererseits auf die Unterstützung regionaler Unternehmen und Strukturen beziehen: Geschmack & Qualität sowie „Gut für die Region“. Tierwohl & Vertrauen, „Heile Welt“ und Preis/Leistung fungieren hier eher als unterstützende „Begleitmusik“. Bei den stark urban geprägten Berlinern wiederum bietet sich eine intelligente Kombination aus sich ergänzenden Botschaften an: Neben den Brandenburger Prioritäten eignen sich hier noch zusätzlich die Themen „Gesund & natürlich“ sowie „Tradition & Nachhaltigkeit“.

Dieses Bündel von Kommunikations-Themen steht für eine weitere wichtige Erkenntnis der Studie: Hohe Zustimmungswerte werden auch bei Einstellungen zu regionalen Lebensmitteln erreicht, die in keinem direkten Zusammenhang mit dem Produkt stehen. Gemeint sind „weiche Faktoren“ wie das Bekenntnis zur Unterstützung regionaler Betriebe und Strukturen sowie das Gefühl, mit dem Kauf regionaler Produkte der Umwelt etwas Gutes zu tun. Auch diese übergeordneten und qualitativ wichtigen Bewertungen sollten also in die Kundenansprache einfließen.

Welche Schlussfolgerungen insgesamt aus den Studienergebnissen für die Branche und die Verbandsarbeit von pro agro zu ziehen sind, lesen Sie im nächsten Newsletter, der Ende Mai 2023 erscheint.

Zur Studie

Die im November und Dezember 2022 erarbeitete Studie mit dem Titel „Vermarktungspotentiale heben für Regionalprodukte aus Brandenburg“ basiert auf einer Online-Befragung von 2.000 Personen in ganz Deutschland, davon je 400 aus Berlin und Brandenburg. Über 300 Einzelergebnisse sind in der repräsentativen Gesamtstudie ausgewertet und zusammengefasst worden, und zwar jeweils nach Wohnregion und Zielgruppenzugehörigkeit der Befragten. Kaufmotivation, Kaufbereitschaft und -verhalten wurden ebenso unter die wissenschaftliche Lupe genommen wie Fragen der Erreichbarkeit und der Kommunikation.

Die Studie wurde aus Mitteln des Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raumes sowie des Brandenburger Ministeriums für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz (MLUK) gefördert. Eine PDF-Kurzfassung der Studie kann bei folgender Mail-Adresse angefordert werden: maeurer@proagro.de.

„Nachhaltige Regionalität“ zunehmend gefragt

Nicht mehr lange, und die hundert Jahre sind voll: 1925 eröffnete Firmengründer Otto Weihe im Berliner Wedding mit einer Handvoll Angestellten ein Frucht-Einzelhandelsgeschäft. Heute ist das Unternehmen mit 300 Mitarbeitern auf dem Berliner Großmarkt angesiedelt; aus dem einstigen Hinterhof-Krämer ist einer der führenden Frischegroßhändler in Berlin und Brandenburg mit einem europaweiten Lieferantennetzwerk geworden. „Auf diese Leistung können wir als Familienunternehmen stolz sein“, sagt Björn Weihe, der das Unternehmen in vierter Generation gemeinsam mit Thomas Kollegger führt.

Frischelogistik: Kurze Transportwege zur Entlastung der Umwelt.

Den Spirit als Familienbetrieb, bei Weihe seit jeher vorhanden, wird auch die jetzige Inhabergeneration trotz wachsender Unternehmensgröße in die Zukunft mitnehmen. Was konkret darunter zu verstehen ist, zeigt sich nicht nur in den Führungsgrundsätzen wie flache Hierarchien, respektvoller Umgang mit den Mitarbeitern oder Verzicht auf Benachteiligungen und Diskriminierungen. Essenziell sind auch die Prinzipien nachhaltigen Wirtschaftens, also die Zusammenführung von Ökonomie und Ökologie durch Verbesserung der energiebezogenen Leistung, die Optimierung von Prozessen oder die Investition in energiesparende Technik (Details finden Sie hier).

Diese und andere Handlungsmaximen zeigen, dass man zwar offen für innovative Wege ist, gleichzeitig aber auch an traditionellen Werten festhält. Diese Haltung findet sich im partnerschaftlichen Umgang mit den Lieferanten wieder, wo, Verlässlichkeit, gegenseitiges Vertrauen und Stabilität der Beziehungen einen hohen Stellenwert haben. Das gilt nicht nur für das europaweite Erzeugernetzwerk, sondern auch für regionale Produzenten vor Ort.

„Gerade beim Thema Regionalität sind Transparenz und Nachvollziehbarkeit der Produktion sowie die Vertrautheit zwischen Erzeuger und Verbraucher von großer Wichtigkeit“, umreißt Björn Weihe sein Verständnis von der Vermarktung heimischer Produkte. „Es ist uns wichtig, durch kurze Transportwege die Umwelt zu entlasten und die Frische der Ware zu gewährleisten“, betont er und fügt hinzu, dass Regionalität für das Unternehmen heißt: regionale Beschaffung und Vermarktung der Produkte.

Qualitätskontrolle: Prüfender Blick des Frische-Profis.

Zum Sortimentsangebot des Frischegroßhändlers gehören neben Obst, Gemüse und Salaten auch Getränke, Molkereierzeugnisse, Fisch und Feinkost, Fleisch und Wurstwaren sowie frische Convenience-Produkte – alles aus einer Hand natürlich.  Geliefert werden die Produkte unter anderem an folgende Geschäftskunden: Gastronomie, Hotellerie, Kindergärten, Schulen, Seniorenheime, Catering oder Lebensmitteleinzelhandel.

Wichtige Abnehmer sind auch Pflegeeinrichtungen und die Schulversorgung, wobei hier vor allem saisonale und regionale Ware sowie Bio- und Fairtradeprodukte nachgefragt werden. Hoch im Kurs stehen immer häufiger Produkte unter dem Etikett „nachhaltige Regionalität“. Diesen Bereich will das Unternehmen weiter ausbauen, um auch dem Restaurantbetreiber entsprechende Erzeugnisse anbieten zu können. So lautet denn die klare Botschaft an die heimische Lebensmittelwirtschaft: „Regionale Erzeuger im Frischebereich sind herzlich eingeladen, sich mit dem Weihe-Einkaufsteam in Verbindung zu setzen. Das gilt insbesondere für Bio-Ware und Produkte nachhaltiger Regionalität“.

Kampf dem Verpackungsmüll!

Angesichts wachsender Verpackungsmüllberge sah sich der deutsche Gesetzgeber genötigt, aktiv zu werden und das Verpackungsgesetz zu verschärfen. Seit Jahresbeginn 2023 sind jetzt Letztvertreibende von To-go-Getränken und -Speisen verpflichtet, neben Einweg- auch Mehrwegbehältnisse für den Transport anzubieten. Einzelheiten dazu konnten Sie in unserem Interview mit dem Deutschen Verpackungsinstitut lesen (siehe pro agro-Newsletter 03/2023 hier). Heute schildern wir am Beispiel des noch jungen Brandenburger Start-ups PFABO, wie das Mehrweg- und Pfandsystem in der Praxis funktioniert.

Handy im Einsatz: Ein- oder Ausloggen der Mehrweg-Verpackungen

Die Initialzündung für die Geschäftsidee war ein Strandurlaub und die Sammlung von Plastikmüll. Das war im Jahr 2018. Nach dieser negativen Erfahrung fragte sich Juliane Spieker (Foto), wohnhaft im brandenburgischen Wildau, warum es so wenige Mehrwegverpackungen für Produkte des täglichen Bedarfs gibt und was zu unternehmen ist, um diesem Problem beizukommen. Zur Beantwortung dieser Fragen holte sie sich fachlichen Beistand durch ihren Bruder Adrian, der an der renommierten Ottto-von-Guericke-Universität in Magdeburg eine Masterarbeit zu eben dieser Thematik schrieb. Zwei Jahre später gründeten die Geschwister die PFABO GmbH, hergeleitet von dem Wort PFAndBOx.

Die Corona-Zeit mit ihren Lockdowns war eine denkbar ungünstige Situation für die Gründung eines Start-ups, gab den Jungunternehmern aber die Zeit, Mehrwegverpackungen für Lebensmittel alltagstauglich, nachhaltig und standardisiert zu gestalten und sich intensiv auf die Marktbearbeitung vorzubereiten: Produktentwicklung und -fertigung, Gebindearten,-formen und -größen, Zielgruppendefinition und -ansprache, Prozessorganisation und -optimierung. Damals wie heute steht, so die Gründerin, folgende Kernfrage als Unternehmens-Vision im Raum: „Wie schaffen wir es, gemeinsam mit den Unternehmen ein anforderungsgerechtes Produkt zu schaffen, das im Vergleich zu Einweg mehrfach nutzbar sowie ökologischer und ökonomischer ist?“.

Heute besteht PFABO aus sechs Mitarbeitern und hat ca. zwanzig regionale und überregionale Partnerunternehmen im Boot. In Berlin und Brandenburg sind das beispielweise der Lebensmittelhändler Bio Company, Vivantes Gastronomie oder der Fleischlieferant Bio Manufaktur. Alle zusammen stehen für ca. 100 Ausgabestellen.

PFABO-Boxen im Einsatz: Gut für Ökologie und Ökonomie.

Von Beginn an war klar, dass sich die Gründer nicht nur auf eine Marktebene, also den Endverbraucher, konzentrieren, sondern entlang der kompletten Wertschöpfungskette operieren wollen. Der Einsatz der modularen und zu 100 Prozent recycelbaren Mehrwegverpackungen soll also bereits beim Produzenten beginnen und sich über den Handel bis zum Endverbraucher fortsetzen. Das heißt konkret: Die vom Produzenten hergestellte Ware (z.B. Feinkostsalate) wird bereits in größeren PFABO-Boxen (zwei oder drei Liter) an die Ausgabestellen von Kantinen oder die Frischetheken des Lebensmittelhandels ausgeliefert und landet dort portionsweise in den kleineren PFABO-Behältern der Konsumenten.

Die Kunststoff-Mehrwegbox wie auch den entsprechenden Becher für Kalt- und Heißgetränke erhält der Endverbraucher gegen ein Pfand von fünf bzw. 1,50 Euro, das er nach Nutzung des Behälters bei den Ausgabestellen wieder bekommt. Da es in Deutschland nicht nur einen Mehrweganbieter gibt, hat sich der Mehrwegverband zum Ziel gesetzt, die Zusammenarbeit der verschiedenen Anbieter in den Bereichen Reinigung und Rückgabe zu stärken. Dadurch soll dafür gesorgt werden, dass die gebrauchten Behältnisse mehr oder weniger überall abgegeben werden können.

Dazu Juliane Spieker, Gründungsmitglied des Mehrwegverbandes: „Es geht darum, wie man den Herausforderungen, die es bei einem solchen System gibt, gemeinsam begegnet. Das betrifft ja nicht nur die Rückholung, sondern auch den Aufbau einer flächendeckenden Spül-Infrastruktur. Und es müssen IT-Infrastrukturen geschaffen werden, so dass die Nutzer ihre Mehrweg-Verpackungen an unterschiedlichen Stellen ein- und ausloggen können.“ Noch ist das für PFABO ein überschaubares Problem: Zwei Drittel der Boxen kommen innerhalb von vier Wochen wieder zurück.

Was das Thema Boxen-Reinigung angeht, ist der „Letztvertreibende“, also der Caterer oder Händler vor Ort, dafür verantwortlich, hygienisch einwandfreie Mehrweggefäße auszugeben. Ist keine eigene Industrie-Spülanlage vorhanden, bietet PFABO einen nach Regionen gegliederten externen Service an. Die Regionen Hannover, Braunschweig, Hamburg und Berlin sind nach dieser Definition so ein Raum; die Kosten für die Inanspruchnahme des Spülservice trägt der Kunde.

In der kurzen Zeit seit der Gründung hat das Geschwisterpaar schon viel erreicht. Das ist auch der Politik nicht verborgen geblieben und hat Juliane Spieker im Vorjahr zur „Existenzgründerin des Landes Brandenburg 2022“ gekürt. Doch trotz der Erfolge und der öffentlichen Anerkennung verliert hier niemand die Bodenhaftung. „Vielleicht haben wir noch nicht für jede Anforderung das richtige Produkt“, sagt sie, „deshalb werden wir auch künftig gemeinsam mit unseren Kunden partnerschaftlich nach Ressourcen schonenden und ökologisch nachhaltigen Lösungen suchen.“

Pflicht zum alternativen Mehrwegangebot

Deutschland ist der größte Verpackungsmüll-Produzent Europas – um die 19 Millionen Tonnen sind das pro Jahr, wie das Umweltbundesamt kritisch bilanziert. Die Politik sieht sich deshalb genötigt, steuernd einzugreifen und die Schrauben fester anzuziehen. So geschehen mit einer Änderung des Verpackungsgesetzes, die im Januar 2023 in Kraft getreten ist. Darin werden Gastronomen verpflichtet, für To-go-Getränke oder -Speisen neben Einweg- auch Mehrwegbehältnisse aus Kunststoff anzubieten. Über die damit verbundenen Anforderungen sprachen wir mit Winfried Batzke, Geschäftsführer des Deutschen Verpackungsinstituts (Foto).

Herr Batzke, welche Betriebe fallen unter die neue Gesetzgebung? In der Regel sind das kleinere Restaurants, Cafés, Tankstellen, Kioske, Kantinen und vergleichbare Anbieter. Betriebe mit maximal 80 qm Fläche und weniger als fünf Beschäftigten sind von der Regelung allerdings ausgenommen. Davon nicht befreit ist indessen die kleine Bäckerei oder der Coffee Shop, wenn sie zu einer Unternehmenskette mit mehr als fünf Mitarbeitern gehören.

Sind von der Vorschrift nur Kunststoffverpackungen betroffen? So steht es jedenfalls im Gesetz. Aber es lassen sich heute schon Tendenzen erkennen, die Vorschrift auf andere Materialien auszudehnen, zum Beispiel auf den Pappe- und Papierbereich. Bringt der Gast jedoch sein eigenes Behältnis mit, dann gilt die Regelung natürlich nicht.

dvi-Geschäftsführer Winfried Batzke

Wie sieht das System in der Praxis aus? Eigentlich recht einfach: Wenn der Kunde einen Kaffee mit auf den Weg nehmen möchte, dann muss ihm der Coffee Shop-Betreiber alternativ zum Einweg-Trinkbecher ein Mehrweg-Gefäß oder für den Salat die Mehrweg-Schale anbieten. Für das Mehrweg-Behältnis kann er natürlich ein Pfand erheben…

…das der Kunde nur dort wieder einlösen kann? In den meisten Fällen ja, was für beide Seiten nicht sonderlich vorteilhaft ist: Der Betreiber muss eine entsprechende Menge Bargeld vorhalten und der Kunde möglicherweise längere Wege zurücklegen, um das Pfand einzulösen.

Gibt es da keine eleganteren Lösungen? Doch. In Chemnitz ist beispielsweise ein Verbundsystem mit stadtweit einheitlichen Mehrwegbechern aus Kunststoff eingeführt worden. Kioske oder andere To go-Anbieter können sich an diesem System beteiligen. Je mehr das sind, desto besser für den Konsumenten, da er das Behältnis an vielen Stellen abgeben kann.

Wie sieht es mit der bundesweiten Abdeckung aus? Es gibt Poolsysteme wie etwa „Recup“ und „Rebowl“, die zwar noch nicht flächendeckend verbreitet sind, aber stark wachsen. Hier zahlt der Kunde für den Getränkebecher oder für die Salatschale Pfand, das er bei allen System-Partnern deutschlandweit einlösen kann. Manche Anbieter arbeiten auch mit Apps, wo das Pfand reingebucht wird. Wenn der Kunde in einem bestimmten Zeitraum das Behältnis zurückbringt, wird es wieder ausgebucht – wenn nicht, muss er es kaufen.

Foto: reCup

Das hört sich wieder nach unterschiedlichen Insellösungen an. In der Tat wäre ein bundesweit einheitliches Poolsystem ideal. Das wäre für den Kunden am komfortabelsten, weil es ihm Wege und die Frage erspart, welches Behältnis von welchem System stammt. Aber momentan sieht es nicht so aus, dass es dazu kommt, da sich bereits etliche unterschiedliche Pfandsysteme im Markt befinden.

Und welche Folgen haben solche Systeme für den Gastro-Anbieter? Er muss unter anderem die teuren Mehrwegbehältnisse selbst kaufen oder mieten; das rechnet sich für ihn nur bei entsprechend hohen Umlaufzahlen.

Worauf muss sich die Wirtschaft künftig noch gefasst machen? Seit Oktober 2022 gibt es im Rahmen der EU einen Verordnungsentwurf, der bindende Reduktionsziele für Verpackungsabfälle vorschreibt. Darin werden auch die „Höchstleerraumverhältnisse für Verkaufsverpackungen“ etwa für Kosmetik, Spielzeug oder Elektronik festgelegt.

Was heißt das in Klartext? Damit sollen Mogelpackungen mit Doppelwänden und -böden oder anderen Mitteln, die ein größeres Produktvolumen vorgaukeln, vermieden werden. Ein weiterer Grund ist sicherlich auch das deutlich gestiegene Verpackungsvolumen durch den Versandhandel.

Inwieweit ist die Lebensmittelbranche davon betroffen? Noch nicht. Aber die Erfahrung lehrt: Was für andere Branchen ausprobiert wird, kommt sehr wahrscheinlich auch auf die Lebensmittelwirtschaft zu. In jedem Falle ist die Rede davon, dass Einwegverpackungen für frisches Obst und Gemüse verboten werden sollen.

Die Zukunft der Ernährung immer im Blick

Das in Brandenburg angesiedelte Institut hat einen weit über die Landesgrenzen hinaus gehenden Ruf als kompetenter und kreativer Partner der Ernährungswirtschaft. Drei Bereiche markieren die Schwerpunkte seiner Tätigkeit: „Foodtech“ und „Planttech“, die für die Erforschung und Etablierung von innovativen Lebensmitteln aus pflanzlichen Rohstoffen zuständig sind, sowie „Testlab“, das als akkreditiertes Lebensmittellabor die Untersuchung und Bewertung der Produkte sicherstellt. Bekannt ist das IGV vor allem für die Entwicklung einer Vielzahl von Innovationen auf pflanzlicher Basis wie beispielsweise Erdnussflips oder Tempolinsen. Seit den 80er Jahren beschäftigen sich die Forscher und Entwickler mit dem Thema Mikroalgen als pflanzliche Rohstoffe. Was es damit auf sich hat und welche Perspektiven sich daraus für die Branche ergeben, beschreibt Inhaber Thomas Kretschmer (Foto).

Mikroalgen stellen gerade für den Lebensmittelbereich eine interessante Quelle als Proteine und Lipide (Fette) dar und können in dieser Hinsicht einen wichtigen Beitrag zur Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung leisten. Gleichzeitig hat die Kultivierung von Mikroalgen im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft auf dem Feld den Vorteil, dass bis zu 15mal mehr produziert werden kann und gleichzeitig bis zu 95 Prozent weniger Wasser verbraucht wird.

Im Zentrum des Bereiches Planttech steht derzeit die Entwicklung von Extraktprodukten aus Mikroalgen und pflanzlichen Rohstoffen. Bekannte Produkte, die aus Mikroalgen gewonnen und in Lebensmitteln eingesetzt werden, sind der aus der Spirulina-Alge isolierte Lebensmittelfarbstoff Phycocyanin sowie der aus der Haematococcus-Alge gewonnene Farbstoff Astaxanthin. Phycocyanin verleiht Lebensmitteln eine blaue Farbe und wird unter anderem in Fruchtgummis sowie in Biersorten wie zum Beispiel im Anti Aging-Bier der regionalen Neuzeller Klosterbrauerei eingesetzt. Astaxanthin wiederum ist als Futtermittelzusatzstoff ein wichtiger Baustein der Fischernährung in Zuchtanlagen.

Der Photobioreaktor: In den mit Wasser gefüllten Glasröhren entstehen die Mikroalgen – je mehr Sonne, desto mehr Algen.

Die Wissenschaftler des IGV haben sich über die Jahre fundierte Kenntnisse über das Wachstum von Mikroalgen, deren Wirkungsweise beim Einsatz der Extrakte sowie die wirtschaftliche Produktion der Mikroalgen wie der Extrakte angeeignet. Fast täglich kommen durch die eigene Forschung und Entwicklung sowie die Netzwerkarbeit neue Erkenntnisse hinzu. Im Mittelpunkt steht dabei die Gewinnung funktioneller Inhaltsstoffe, die in der tierischen und menschlichen Ernährung, in Nahrungsergänzungsmitteln, aber auch in der Kosmetik und Pharmazie angewendet werden können.

Für die weiterführende Analytik verfügt das IGV durch den Geschäftsbereich Testlab über ein akkreditiertes Lebensmittellabor. Dessen Stärken liegen in der Analyse von Lebensmittel- und Futtermittelinhaltsstoffen, von speziellen Getreiden oder Arznei- und Gewürzpflanzen sowie von ätherischen Ölen. Eine wichtige Rolle spielt ferner die Identifizierung von unerwünschten Stoffen. Molekular- und mikrobiologische Untersuchungen von Lebens- und Futtermitteln sowie Kosmetika runden das Portfolio ab. Darüber hinaus arbeiten die Forscher des IGV in Zusammenarbeit mit der Universität Potsdam an neuen ernährungsdiagnostischen Analysemethoden, um den Zukunftstrend der personalisierten Ernährung bei der Entwicklung von neuen Zutaten für Lebensmittelprodukte zu etablieren.

Das Institut: Gebündelte Kompetenz unter einem Dach.

Insgesamt arbeitet das Institut also mit Forschung und Entwicklung sowie Produktion in einem zertifizierten Umfeld die gesamte Wertschöpfungskette bei der Entwicklung von innovativen Lebensmitteln ab. Unterstützt werden diese Arbeiten durch die Kooperation mit nationalen und internationalen Forschungseinrichtungen und den wissenschaftlichen Austausch in Netzwerken. Somit ist das IGV in der Lage, durch Nutzung neuartiger Rohstoffquellen einen entscheidenden Beitrag zur Zukunft der Ernährung zu leisten.

Hintergrund: Das Institut für Getreideverarbeitung (IGV) ist seit mittlerweile 63 Jahren in Bergholz-Rehbrücke aktiv. Das 1994 privatisierte IGV wurde viele Jahre von Dr. Peter Kretschmer als Inhaber geführt. Heute steht mit Thomas Kretschmer und Katharina Fischer als alleinigen Gesellschaftern die nächste Generation an der Spitze des Familienunternehmens. Zum 1. März 2023 wurde Dr. Torsten Schweikert zum neuen Geschäftsführer der IGV GmbH berufen. Er arbeitet seit 2021 im Institut und leitet seitdem den Bereich Planttech.

Ein Brandenburger Gewürz-Pionier

Realschule, Zimmermann-Lehre, Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, Studium mit Abschluss Bauingenieur. So sahen die Lehrjahre des Brandenburger „Gewächses“ Tobias Fahlberg aus. Das war die Pflichtübung. Doch sein eigentlicher Sehnsuchtsort war und ist die Landwirtschaf, also quasi als „Kür“. Die hat er zwischendrin absolviert, z.B. nach dem Schulabschluss als Spargelstecher auf den Äckern Brandenburgs oder nach dem Studium als Mitarbeiter auf den Feldern Marokkos. Zwei Jahre hat er in dem nordafrikanischen Land verbracht, hat dort geheiratet und ist mit seiner Frau Khadija nach Brandenburg zurückgekehrt. Nach einem kurzen Zwischenspiel als Bauingenieur hat er sich wieder seiner Passion zugewendet: Seit 2018 baut er die Knollen des Safrankrokus an, erntet, bearbeitet und vermarktet das edle Gewürz in Handel und Gastronomie.

Es hört sich an wie eine etwas schräge Idee, Safran in Brandenburg anzubauen, eine Pflanze also, die üblicherweise in wärmeren Ländern wie Iran, Indien, Marokko oder Spanien gedeiht. „Keineswegs“, entgegnet Tobias Fahlberg, „in Brandenburg ist es in den vergangenen spürbar wärmer geworden, so dass die Pflanze in unseren Breitengraden besser wächst als früher“.

Um auf der sicheren Seite zu sein, hat er erst mal unterschiedliche Knollen ausprobiert; für den Feldversuch mussten eine gepachtete Ackerfläche von 1.500 qm sowie eine Ecke in Mutters Garten reichen. Ergebnis: Der Safran fühlt sich in den schweren Böden am Rande des Oderbruchs sichtlich wohl.

„Labortests haben bestätigt“, schreibt die Regionalwert AG Berlin-Brandenburg, die mit dem Start-up eine Investitionspartnerschaft eingegangen ist, „dass die Qualität des Safrans in der ersten und damit besten Güteklasse liegt“. Na, wer sagt’s denn! Labortests und Partnerschaft haben schließlich dazu geführt, dass das derzeit aus zwei Mitarbeitern bestehende Familienunternehmen (das Ehepaar Fahlberg) die Anbaufläche kontinuierlich auf rund einen halben Hektar vergrößert hat.

In Deutschland gibt es nur wenige Vermarkter von Safran; das „wertvollste und teuerste Gewürz der Welt“, wie der Jungunternehmer sagt, wird in der Regel aus den Erzeugerländern importiert und als getrocknete Stempelfäden oder Pulver verkauft – meist in Kleinstmengen, weil es so teuer ist. Das hat weniger mit einem neumodischen Hype zu tun, denn schon unsere Altvorderen hantierten etwa beim Backen mit dem Gewürz. Man rufe sich nur die Zeile „Safran macht den Kuchen gehl“ des berühmten Kinderliedes ins Gedächtnis, wobei „gehl“ für „gelb“ steht.

Der knallrote Safran nimmt nämlich beim Koch- oder Backeinsatz eine gelbe Färbung an. Ansonsten punktet er weniger wegen einer auffälligen oder speziellen Aromanote, sondern vor allem als Geschmacksverstärker. Zugeschrieben werden ihm darüber hinaus etliche gesundheitsdienliche Eigenschaften: entzündungshemmend, schmerzlindernd, antioxidativ. Auch eine bestimmte Wirkkraft als natürliches Antidepressivum und sogar als Aphrodisiakum wird ihm nachgesagt. Die Produktion ist keine Geheimwissenschaft, aber sehr aufwendig, da die roten Stempelfäden der Blüten, und um die geht‘s, in mühevoller Handarbeit gezupft werden müssen.

Mit Anbau und Verarbeitung einer derart exotischen Frucht steht Tobias Fahlberg in Brandenburg allein auf weiter Flur. „Wir verstehen uns als eine Art Pionier“, sagt er. Neben diesem Alleinstellungsmerkmal kann er auf zwei weitere Markenkerne seines Safrans verweisen: Er ist bio und regional, und zwar durch und durch. Dies alles hat ihm 2022 im Rahmen des pro agro-Marketingpreises den Regionalpreis der EDEKA Minden-Hannover und damit eine Listung bei dem Händler eingebracht.

Während der diesjährigen Internationalen Grünen Woche konnte er im Zuge der von pro agro organisierten Handelsrundgänge in der Brandenburghalle einer Vielzahl von interessierten Kaufleuten sein Produkt präsentieren – nicht nur den Edekanern, sondern auch REWE und Kaufland. Wobei Fahlberg neben dem klassischen Lebensmitteleinzelhandel natürlich auch weitere Absatzwege „in Arbeit“ hat: den Online-Shop zum Beispiel oder Social Media-Kanäle wie Instagram und Facebook. Nicht zu vergessen die Gastronomen, die er selbst per Strecke oder über die Plattform 2020 beliefert.

Regionalität in Brandenburg weiter hoch im Kurs

Trotz Wirtschaftsflaute und Inflation sind regionale Lebensmittel in Berlin/Brandenburg und darüber hinaus gefragt. Viele Verbraucher wollen nach Ende der Krise sogar noch mehr heimische Produkte kaufen. Das zählt zu den zentralen Botschaften einer repräsentativen Konsumentenstudie, die auf Initiative des Verbandes pro agro mit der renommierten Hamburger Markenberatung Brandmeyer erarbeitet wurde. In drei Ausgaben des Newsletters stellen wir die wichtigsten Ergebnisse der Studie vor und beschreiben, welche Schlussfolgerungen für die Brandenburger Unternehmen und die Verbandsarbeit daraus zu ziehen sind.

Die umfangreiche Studie, die pro agro-Geschäftsführer Kai Rückewold (Foto rechts) und Andreas Ebeling (Markenberatung Brandmeyer) kürzlich im Rahmen einer Landespressekonferenz in Potsdam vorgestellt haben, ist mit dem Ziel erarbeitet worden, Potenziale zu identifizieren, um den Absatz von Regionalprodukten aus Brandenburg weiter zu steigern und in diesem Kontext herauszufinden, welche Maßnahmen am besten für die Wahrnehmung von Lebensmitteln aus Brandenburg geeignet sind.

Die Studie ist zudem vor dem Hintergrund der aktuell schwierigen Rahmenbedingungen für die Brandenburger Ernährungswirtschaft entstanden. Die hohe Inflation vor allem im Lebensmittelbereich und die damit zusammenhängenden Reaktionen des Handels und der Verbraucher haben bei landwirtschaftlichen Erzeugern und bei den Verarbeitern zu steigenden Kosten in Kombination mit stagnierenden bis fallenden Umsätzen und Erlösen geführt.

Dessen ungeachtet sollen die Ergebnisse der Branche Mut machen, alle Kräfte zu bündeln und die Krise zu überstehen. Denn die Studie sagt eindeutig aus, dass die Berliner und Brandenburger als Bürger der Hauptstadtregion – salopp formuliert – auf regionale Lebensmittel stehen. Werfen wir zunächst einen Blick auf das gegenwärtige Meinungsbild in der gesamten Bundesrepublik (siehe Chart „Während der Krise: Kauf regionaler Produkte in ganz Deutschland“): Hier scheint der einzelne Konsument seine Kaufbereitschaft für regionale Lebensmittel grundsätzlich nicht an die Krise zu koppeln: Über die Hälfte aller Befragten kauft konstant regional. Knapp unter 20 Prozent scheinen in der Krise die regionale Lebensmittelproduktion sogar stützen zu wollen. Und nur etwa ein Drittel verzichtet – hier und da – auf den Einkauf regionaler Lebensmittel.

Während der Krise: Kauf regionaler Produkte in ganz Deutschland

Quelle: pro agro/Markenberatung Brandmeyer

Wie aber sieht das Konsumverhalten aus, wenn die Krise vorbei ist? Das folgende Chart („Nach der Krise: Kauf regionaler Produkte nach Bundesländern“) hält aus Brandenburger Sicht ein überraschend positives Ergebnis bereit: Hier wollen 41 Prozent der Verbraucher (wieder) mehr regionale Lebensmittel einkaufen – und zwar deutlich mehr als woanders (Berlin 33 Prozent, Rest neue Bundesländer 30 Prozent, deutschlandweit 32 Prozent). Aus diesem für Brandenburg ermutigenden Befund lässt sich schließen, dass Handel und Hersteller die Verbraucheransprache zugunsten heimischer Produkte bereits jetzt, also noch während der Krisenzeit, intensivieren können und sollten.

Nach der Krise: Kauf regionaler Produkte nach Bundesländern

Quelle: pro agro/Markenberatung Brandmeyer

Im Sinne einer effizienten und erfolgreichen Kommunikationsstrategie ist es wichtig zu wissen, welches Potential Brandenburger Produkte bei den Konsumenten haben und welche Warengruppen in der Verbraucheransprache besonders hervorgehoben werden sollten. Auch hier gibt die Studie wertvolle Hinweise und Antworten (siehe Chart „Produktpräferenzen und Preisbereitschaft in Brandenburg“). So hat sich beispielsweise herausgestellt, dass Frischeprodukte „made in Brandenburg“ klar an der Spitze der Verbrauchergunst stehen. Da die Frage außerdem auf die Bereitschaft abzielt, höhere Preise dafür zu bezahlen, werden die Präferenzen zu einer eindeutigen Festlegung.

Produktpräferenzen und Preisbereitschaft in Brandenburg

Quelle: pro agro/Markenberatung Brandmeyer

Auf der Basis dieser bisherigen Einzelergebnisse zieht Kai Rückewold folgendes Zwischenfazit: „Die Daten und damit verbundenen Kenntnisse sollten wir im Dialog zwischen Produzenten und Handel nutzen. Gemeinsam müssen wir regionale Produkte im Lebensmitteleinzelhandel noch sichtbarer machen. Die Studie zeigt die Potentiale auf – wir müssen sie gemeinsam heben.“ (Weitere Ergebnisse veröffentlichen wir im pro agro-Newsletter 04/2023).

Zur Studie

Die im November und Dezember 2022 erarbeitete Studie mit dem Titel „Vermarktungspotentiale heben für Regionalprodukte aus Brandenburg“ basiert auf einer Online-Befragung von 2.000 Personen in ganz Deutschland, davon je 400 aus Berlin und Brandenburg. Über 300 Einzelergebnisse sind in der repräsentativen Gesamtstudie ausgewertet und zusammengefasst worden, und zwar jeweils nach Wohnregion und Zielgruppenzugehörigkeit der Befragten. Kaufmotivation, Kaufbereitschaft und -verhalten wurden ebenso unter die wissenschaftliche Lupe genommen wie Fragen der Erreichbarkeit und der Kommunikation. Die Studie wurde aus Mitteln des Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raumes sowie des Brandenburger Ministeriums für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz (MLUK) gefördert. Eine PDF-Kurzfassung der Studie kann bei folgender Mail-Adresse angefordert werden: maeurer@proagro.de

Biomanufaktur Havelland: Der gute Mix bringt’s

Ziemlich genau zehn Jahre ist es her, dass die Bio Company eine insolvente Fleischerei in Velten übernahm, wodurch der am Boden liegende Betrieb wieder auf die Beine gestellt wurde. Am Anfang der bemerkenswerten Erfolgsgeschichte stand allerdings ein millionenschwerer Parforceritt, bei dem praktisch kein Stein auf dem anderen blieb: Die Baulichkeiten wurden den Erfordernissen eines modernen Produktionsbetriebs angepasst, der marode und veraltete Maschinenpark durch zeitgemäße Gerätschaften ersetzt, das Sortiment konsequent auf die Kundenwünsche ausgerichtet. Von Beginn an dabei und mittendrin: Thomas Schubert, Geschäftsführer der Biomanufaktur Havelland.

„Manchmal sind Umbrüche Aufbrüche“, fasst der gelernte Fleischermeister die ebenso kurze wie erstaunliche Firmengeschichte zusammen. Das knappe Statement trifft auch auf ihn persönlich zu: Vor Übernahme der insolventen Veltener Fleischerei war er Chefeinkäufer Fleisch- und Wurstwaren bei der Bio Company; deren Inhaber Georg Kaiser übertrug ihm, kaum war der Kaufvertrag in trockenen Tüchern, die Geschäftsführung der Manufaktur.

„Aufbruch“ ist nach Schuberts Verständnis kein abgeschlossener, sondern ein fortwährender Prozess: Nachdem er den Betrieb mit viel Aufwand auf Vordermann, sprich: auf den neuesten Stand der Technik gebracht hatte, begann die eigentliche Arbeit: Produktion und Vertrieb von Fleisch- und Wurstwaren. Ganze elf Mitarbeiter (einschl. Verwaltung) hatte er anfangs mit im Boot, heute sind es 60; parallel ist der Umsatz von 2,7 auf knapp 17 Millionen Euro gestiegen.

Das Sortiment besteht aus ca. 350 Artikeln: Koch-, Brüh-, Roh- und Bratwurst, Schinken und Kassler, Rind-, Schweine-, Lamm- und Geflügelfleisch. Hinzu kommen verschiedene Salate (Kartoffel-, Fleisch,- Kraut- und Geflügelsalat). Selbst ein paar italienische Importspezialitäten (Parmaschinken, Mailänder Salami oder Mortadella) stehen auf dem Vermarktungszettel. „Wir produzieren täglich ca. 2,5 Tonnen Wurst“, erzählt Schubert. Darüber hinaus wandern z.B. pro Woche bis zu einer Tonne Hähnchenbrustfilets oder pro Monat etwa 1.100 Schweinehälften bzw. rund 640 Rinderviertel über die Zerlege- und Verarbeitungstische.

Die Rohware bezieht das Unternehmen von Naturland und Biopark, zwei biozertifizierten Verbänden, die mit ebensolchen landwirtschaftlichen Tierzüchtern zusammenarbeiten und auch für die Schlachtung sorgen. „Wir würden gern in eigener Regie in Berlin/Brandenburg schlachten lassen. Doch hierzulande sind die entsprechenden Kapazitäten praktisch auf Null runtergefahren worden“, bedauert Schubert. Aber mit den beiden Verbänden habe er zwei vertrauenswürdige Partner, die ihrerseits ausschließlich Betriebe des Vertrauens in ihren Reihen hätten. Wobei das Tierwohl für ihn oberste Priorität hat. Die Schlachtbetriebe müssen IFS-zertifiziert sein und somit über eine Kameraaufzeichnung verfügen. Unabhängig davon macht er sich zwei Mal im Jahr auf den Weg zu den Aufzuchtbetrieben. „Tierreisen“ nennt er das. Da kann er sich von Tierwohl, kurzen Schlachtungswegen oder Zertifizierung der Schlachtbetriebe ein Bild machen, was ihm ein besonderes Anliegen ist.

So gesehen versteht er seine Stippvisiten weniger als Kontrollbesuche, sondern vielmehr als vertrauensbildende Maßnahmen für beide Seiten, die gleichzeitig der Kontaktpflege und -festigung dienen. Die Lieferanten sind in Brandenburg/Berlin und Mecklenburg-Vorpommern angesiedelt – mit Ausnahme der Geflügelzüchter, deren Betriebe samt und sonders in Niedersachsen liegen. Warum das? „Weil wir in unserer Kernregion leider keine Hühnerzuchtbetriebe haben, die unseren Mengenanforderungen gerecht werden können“, erklärt Schubert und fügt hinzu: „Das ist hier eine riesige Marktlücke.“

Wenn auch das Bezugsgebiet für die Rohware über die Grenzen Brandenburgs hinausgeht, nennt er das Unternehmen insgesamt als „regional aufgestellt“. Denn neben der Entfernung bezeichnet er auch Faktoren wie Transparenz, Glaubwürdigkeit oder Tierwohl als bestimmende Merkmale von Regionalität, von der Verarbeitung in Velten ganz abgesehen. Als „ehrliches Handwerk“ umschreibt er diese Einstellung, wozu selbstredend auch die Produktion zählt: ohne Zusatzstoffe und Geschmacksverstärker, aber mit Naturgewürzen.

Hauptabnehmer der umfassenden Produktrange sind natürlich die Märkte der Muttergesellschaft Bio Company. Aber ein Fünftel des Sortiments vermarkten die Veltener extern an Dritte: an die Betriebsverpflegung namhafter Unternehmen zum Beispiel oder an Mensen von Studierendenwerken. Auch in mehreren Betrieben der Gastronomie/Hotellerie ist man präsent; dieser Absatzweg soll noch verstärkt werden. „Insgesamt haben wir jetzt schon rund 300 Abnehmer, die wir extern beliefern, darunter auch eine Vielzahl von Imbiss-Ständen wie z.B. Curry 36 in Berlin“, resümiert Schubert.

Die beiläufig eingestreute Bemerkung „jetzt schon“ ist ein Hinweis auf mehr. In der Tat hat sich der Veltener Fleischereibetrieb zum Ziel gesetzt, auch bei den klassischen Vollsortimentern Rewe und Edeka gelistet zu werden – allerdings unter einer anderen Marke als „Biomanufaktur Havelland“, um den Absatz der Bio Company nicht zu kannibalisieren. Deshalb arbeite man derzeit an einer neuen Wortmarke, befinde sich aber noch in der „Findungsphase“. Während der Grünen Woche bzw. der von pro agro organisierten Handelsrundgänge habe es bereits vielversprechende Kontakte mit der Edeka und Rewe gegeben. „Wir sind eben nicht nur der Hauslieferant von Bio Company“, fasst Thomas Schubert zusammen. „Der gute Mix bringt’s.“

Regionale Unternehmen suchen nach Lösungen

Die Informationskampagne Brandenburger Unternehmen unter dem Motto „Regionale Lebensmittel einkaufen – jetzt erst recht!“ ist mit der Realisierung des von den Initiatoren zur Verfügung gestellten Kommunikationsbudgets im Januar 2023 in seine zweite Phase eingetreten. Nach intensiven und fruchtbaren Gesprächen war das Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz (MLUK) Ende 2022 rasch bereit, die zweite Kampagnenphase finanziell zu unterstützen und zu fördern. Ab Mitte Januar 2023 war die Thematik in mehreren Radiosendern in Berlin und Brandenburg sowie auf den Instore-Kanälen von fast 400 Supermärkten in Berlin/Brandenburg „unüberhörbar“ präsent.

Die 21 Unterstützer der Unternehmenskampagne „Regionale Lebensmittel einkaufen – jetzt erst recht!“

Die Kampagne hat von Beginn an auf die direkte Ansprache der Verbraucher in der Hauptstadtregion gesetzt. Zusätzlich führte die flankierende politische Informationsarbeit in den vergangenen Monaten zu intensiven Gesprächen mit Ministern und parlamentarischen Fachausschüssen, um auf die teilweise dramatische Branchensituation in der Krise aufmerksam zu machen. Ein besonderes Ergebnis der politischen Dialoge war ein Spitzengespräch der 21 Unternehmerinnen und Unternehmer auf Wunsch des Brandenburger Wirtschaftsministers Jörg Steinbach sowie des Landwirtschaftsministers Axel Vogel. Während der zweistündigen Beratung am Rande der Internationalen Grünen Woche (IGW) gingen beide Minister auf eine zentrale Forderung der Unternehmer-Initiative ein und machten das Angebot, den fachlichen  Austausch zur Zukunft der Unternehmen am Standort Brandenburg kontinuierlich weiterzuführen, um gemeinsame Positionen zur Entwicklung der Branche zu finden.

Die positive Resonanz der Brandenburger Politik auf die Kampagne wissen die Initiatoren der Gemeinschaftskampagne vor allem deshalb zu schätzen, weil sie die Erwartung haben, dass die Landesregierung „einen klaren Fahrplan für Unterstützungsmaßnahmen in der aktuellen Situation erstellt“ sowie „Weichenstellungen für die Zukunftsfähigkeit der heimischen Lebensmittelwirtschaft“ vornimmt. Erste Schritte sind also getan, so dass die von pro agro koordinierten Aktivitäten der Wirtschaftsunternehmen auf politischer Ebene ihre Wirkung nicht verfehlt haben.

Der Verband selbst hatte während der Grünen Woche die Aussteller in der Brandenburghalle mit aussagekräftigem und aufmerksamkeitsstarkem Informationsmaterial „Regional einkaufen – jetzt erst recht!“ ausgestattet, die sie an ihren Ständen den interessierten Verbrauchern aushändigen konnten. Zudem hebt pro agro-Geschäftsführer Kai Rückewold die ersten positiven Reaktionen von Rewe und Edeka auf die Kampagne hervor: Beide Lebensmittelhändler hätten auf unterschiedlichen Wegen die Kampagne in Maßnahmen der Kundenwerbung integriert. Allerdings sei „in der Sichtbarkeit von Regional aus Brandenburg am Point of Sale noch viel Luft nach oben“.

Landwirtschaftsminister Vogel verschafft sich auf der Grünen Woche einen Überblick über den aktuellen Stand der Kampagne.

Gleichzeitig knüpfte er an die bereits von der Unternehmer-Initiative geäußerte Zielvorstellung an, für beide Marktteilnehmer – Handel und Hersteller – sei eine Win-Win-Situation zu schaffen. Da der Verbraucher dabei den Schlüssel in der Hand halte, müsse dessen Zugang zu regionalen Produkten eventuell noch verbessert oder vergrößert werden. Das wiederum setzt laut Rückewold voraus, dass die Lebensmittelproduzenten exzellente regionale Produkte in ausreichender Menge bereitstellen. Wünschenswert sei ferner „eine effiziente Zusammenarbeit von Handel, Ernährungswirtschaft und Politik“.

Hintergrund und Antrieb der Unternehmens-Initiative ist nach wie vor die Tatsache, dass von den gestiegenen Verbraucherpreisen im Einzelhandel bei den Lebensmittelproduzenten aus Brandenburg „nicht viel ankommt“, wie es heißt. Stark gestiegene Rohstoffpreise, die Explosion der Strom- und Logistikkosten, die Auswirkungen von Mindestlohn und inflationsbedingten Lohnsteigerungen führen dazu, dass viele mittelständische Unternehmen mit dem Rücken zur Wand stehen. Auch die Unternehmen mit eigenen Filialen, Hofläden und Direktvermarkter können die Verkaufspreise nicht den Kostensteigerungen anpassen, da sonst noch mehr Absatz wegbricht. Teilweise werden bis zu 50 Prozent weniger regionale Produkte nachgefragt. Dies gilt für klassische und ökologisch erzeugte Produkte gleichermaßen. Daher ziehen in der Unternehmer-Initiative auch Produzenten aller Richtungen an einem Strang. Angesichts dieser negativen Rahmenbedingungen fordern die Unternehmen dringlich, dass die beteiligten Ministerien in Brandenburg und Berlin mit ihnen gemeinsam weiter nach kreativen und tragfähigen Lösungen suchen, die aus der gegenwärtigen Krisensituation führen. Die zentrale Kampagnen-Botschaft an die Verbraucher bleibt indes ohne Abstriche bestehen: Regionale Markenprodukte sind mehr als beste Qualität und Geschmack; sie sichern Arbeitsplätze, den Wohlstand der Region und tragen erheblich zum Klimaschutz durch direkte kurze Wege zum Kunden bei.

Endlich wieder Trubel in der Brandenburg-Halle!

Optimismus und Aufbruchstimmung allenthalben: Nach zwei Jahren Zwangspause wegen Corona konnte die Internationale Grüne Woche (20. bis 29. Januar 2023) in Berlin wieder in Präsenz stattfinden. Mit über 1.400 Ausstellern aus 60 Ländern sowie rund 300.000 Besuchern hat sie ihren Ruf als kompakte Dialogplattform der Ernährungs- und Landwirtschaftsbranche erneut bestätigt. Eine positive Bilanz zog auch Landwirtschaftsminister Axel Vogel: Die Brandenburg-Halle habe sich wieder als Ideenbörse und Handelsplatz sowie als Ort für Netzwerktreffen bewährt.

Volle Brandenburghalle: Gute Stimmung bei Ausstellern und Besuchern.

In der Brandenburg-Halle (21a) präsentierten sich über 50 Aussteller und insgesamt 200 wechselnde Anbieter aus der Region. Das Interesse der Konsumenten und des Fachpublikums an heimischen Produkten, kulinarischen Spezialitäten und touristischen Besonderheiten stimmte die Aussteller durchweg zufrieden. Sie nutzten den direkten Kontakt mit den Besuchern, um ihre Produkte und Konzepte zu präsentieren.

„Zum Auftakt und ersten Höhepunkt des Agrarjahres haben wir auf der Internationalen Grünen Woche die Regionalität in den Mittelpunkt der Diskussionen gestellt“, hob Minister Vogel hervor und ergänzte: „Der Griff zu regionalen konventionellen und Bio-Qualitätsprodukten hilft den Landwirtinnen und Landwirten, aber insbesondere auch, Arbeitsplätze und die Existenz des Brandenburger Ernährungshandwerks zu sichern.“

Im Rampenllicht: Alle Gewinner des pro agro-Marketingpreises 2023.

22. pro agro-Marketingpreis

Traditionell stand der erste Messetag im Zeichen des pro agro-Marketingspreises 2023 und der Prämierung kreativer und innovativer Unternehmen. Die Preisverleihung nahmen Minister Vogel, die Verbandsvorsitzende Hanka Mittelstädt und Geschäftsführer Kai Rückewold vor. Am Wettbewerb hatten 36 Unternehmen und Institutionen in den Kategorien Ernährungswirtschaft (10 Bewerbungen), Direktvermarktung (18) sowie Land- und Naturtourismus (8) teilgenommen. Im Lebensmittelbereich wurden folgende Bewerber ausgezeichnet:

Ernährungswirtschaft

(1) Märkische Höfe Beelitz (Pfannenspargel)

(2) Luisenhof Milchmanufaktur (Frische Bio-Weidemilch)

(3) Wild & Taste (Wildgulasch & Solanka – jetzt auch im Handel)

Direktvermarktung

(1) Meat Bringer (Regionales Premiumfleisch aus Brandenburg)

(2) Finsterwalder Brauhaus (Rankenpatenschaften – grüngehopftes Jahrgangsbier)

(3) Bäckerei Dorn (Vom Teller ins Brot – wechselnde Saisonbrote)

Als Anerkennung erhalten die genannten Preisträger ein pro agro-Marketingpaket. Überdies werden die Produktinnovationen und Vermarktungskonzepte aller 36 Wettbewerbsteilnehmer in der Broschüre Neues aus Brandenburg. Ein Land voller Ideen dargestellt. (Mit einem Klick auf die Titelseite haben Sie Zugang zur Broschüre).

Zweifacher Gewinner: Wild & Taste mit EDEKA-Regionalpreis.

EDEKA-Regionalpreis

Unter den Bewerbern der Kategorien Ernährungswirtschaft und Direktvermarktung wurde dieser Preis auch 2023 ausgelobt. Geschäftsführer Hans-Ulrich Schlender übergab die Auszeichnung an Wild & Taste. Das Unternehmen erhält eine exklusive Vermarktung über die EDEKA-Handelsgesellschaft. Weitere Informationen rund um den pro agro-Marketingpreis 2023 finden sie hier.

Handels- und Gastronomierundgänge 

Was im Jahre 2009 mit zwei Vertretern des Handels begann, hat sich in den letzten Jahren außergewöhnlich gut entwickelt. So waren diesmal rund 450 interessierte Lebensmittelhändler, Gastronomen und Caterer der persönlichen Einladung des Verbandes pro agro in die Brandenburghalle gefolgt. Dazu Geschäftsführer Kai Rückewold: „Um die Versorgung mit regionalen Produkten aus Brandenburg noch flächendeckender und sichtbarer für die Verbraucher zu gewährleisten, bedarf es der ständigen Kontaktpflege zu den Vermarktern. Das ist gleichzeitig eine wesentliche Voraussetzung für das Funktionieren einer lückenlosen regionalen Wertschöpfungskette.“

Gute Laune (1): Kaufland bei Lothar Parnitzke (Kunella Feinkost).

Stammtisch der Brandenburger Ernährungswirtschaft 

Wie früher fand auch diesmal der erste pro agro-Unternehmerstammtisch des Jahres im Rahmen der Grünen Woche statt. Teilgenommen haben neben Vertretern der Ernährungswirtschaft und der Direktvermarktung auch Staatssekretärin Anja Boudon vom Brandenburger Landwirtschaftsministerium. Inhaltlich ging es hauptsächlich um die Bewertung der IGW aus Unternehmenssicht.

Einerseits wurde begrüßt, dass die Messe wieder live stattfindet, andererseits aber auf die geringere Zahl an Ausstellern hingewiesen. Grund dafür sei die politische und wirtschaftliche Lage der Gegenwart (Ukrainekrieg, Inflation, exorbitant steigende Kosten), so dass sich manches Unternehmen den Messeauftritt wegen der hohen Standpreise nicht mehr leisten konnte. Die Relevanz der IGW wurde ebenso betont wie die Tatsache, dass zu diesem Zweck die Vielfalt der ausstellenden Unternehmen in der Brandenburghalle von besonderer Wichtigkeit bleibt.

Zwei Landesfeste

Am Brandenburgtag (23. Januar) gab Minister Vogel den Austragungsort der zentralen Eröffnungsveranstaltung der 28. Brandenburger Landpartie (10. und 11. Juni 2023) bekannt. Ausrichter wird diesmal die PAE Marktfrucht GmbH Putlitz in der Prignitz sein.  Die komplette Broschüre mit allen wichtigen Informationen, teilnehmenden Betrieben und deren Angeboten erscheint Anfang Mai 2023. Außerdem übergab der Minister an die stellvertretende Bürgermeisterin von Kremmen, Manuela Nebel, den Staffelstab für die Austragung des 19. Brandenburger Dorf- und Erntefestes (9. September 2023). Beide Landesfeste werden im Auftrag des Landes Brandenburg von pro agro koordiniert.

Gute Laune (2): Minister Vogel beim Brandenburger Kochstudio.

Brandenburger Kochstudio 

Der gut besuchte Anlaufpunkt zeigte an allen zehn Messetagen, wie vielfältig das Land Brandenburg auch in der Kulinarik ist. Abgestimmt auf die jeweilige Tagesregion des Bühnenprogramms und moderiert von Detlef Olle demonstrierten Köche aus Brandenburger Restaurants und Landgasthöfen ihre Fertigkeiten und stellten haustypische Gerichte mit heimischen Produkten vor. Weitere Informationen über den Auftritt der brandenburgischen Lebensmittelbranche auf der IGW 2023 finden Sie hier.

Existenzsorgen bei Erzeugern und Verarbeitern

Die Brandenburger Ernährungswirtschaft bleibt im Krisen-Modus. Die schon im Corona-Jahr 2021 arg gebeutelten Unternehmen – landwirtschaftliche Erzeuger ebenso wie verarbeitende Betriebe – sahen sich 2022 nahtlos mit der nächsten Krise konfrontiert: Ukraine-Krieg, Kosten-Explosion, Inflation. Die Stimmung hat sich aufgrund jener überaus negativen Rahmenbedingungen weiter verschlechtert. Das hat sich auch im Mitte Januar veröffentlichten pro agro-Branchenbarometer 2022 niedergeschlagen.

Das düstere Bild spiegelt sich beispielsweise in der Beurteilung des Geschäftsjahres 2022 wider: 59 Prozent der Befragten gaben zu Protokoll, die Lage sei im Vergleich zum Vorjahr schlechter geworden (ein Viertel klassifizierte sie sogar als „deutlich schlechter“); 19 Prozent sahen weder eine positive noch negative Entwicklung und nur 23 Prozent hielten die Situation für besser als 2021 (siehe Grafik „Wie beurteilen Sie das Geschäftsjahr 2022 im Vergleich zum Vorjahr?“).

„Die Kostenspirale bei gleichzeitig stagnierenden Preisen durch die Handelspartner sowie die inflationsbedingte Flucht der Verbraucher in No Name- und Billigprodukte bereiten unseren Mitgliedern und Patnern heftige Existenzsorgen“, fasst pro agro-Geschäftsführer Kai Rückewold die wirtschaftliche Bestandsaufnahme zusammen.

Als Vermarktungsweg nutzen über zwei Drittel der befragten Unternehmen (67 Prozent) hauptsächlich den Lebensmitteleinzelhandel (LEH), der somit der wichtigste Absatzkanal der Ernährungswirtschaft in der Hauptstadtregion ist. Gleichzeitig erzielen 48 Prozent der Unternehmen im LEH auch den stärksten Umsatzanteil.

Eine große Rolle bei der Vermarktung spielen ferner die Direktvermarktung und die Gastronomie mit 54 bzw. 53 Prozent, gefolgt von Großhandel/Gemeinschaftsverpflegung (49 Prozent) und Online-Handel (35 Prozent).

Ein „Dauerbrenner“ in der Branche ist das heikle Thema, ob und in welchem Umfang Kostensteigerungen der Produzenten an den Handel weitergegeben werden können, zumal in derart schwierigen und belastenden Zeiten wie gegenwärtig. Bei der Frage, um wieviel Prozent die individuellen Erzeugerpreise steigen müssten, um eine deutlich nachhaltige Zukunftsperspektive entwickeln zu können, sah nur eine verschwindend geringe Minderheit (4 Prozent) keine Notwendigkeit für eine Erhöhung. Die deutliche Mehrheit war der gegenteiligen Meinung und stellte in der Spitze (42 Prozent) sogar notwenige Preissteigerungen von mehr als 20 Prozent in den Raum.

Hanka Mittelstädt, Vorstandsvorsitzende von pro agro und gleichzeitig Inhaberin der Ucker-Ei GmbH, brachte das Dilemma folgendermaßen auf den Punkt: „Im Klartext muss aber auch gesagt werden: Von den extrem gestiegenen Preisen im Regal oder an der Ladentheke sehen wir als Hersteller recht wenig.“ 

Vom Verband selbst wünschen sich die Befragten die Unterstützung bei Projekten zu Nachhaltigkeit und bei der Förderung regionaler Wertschöpfungsinitiativen, gefolgt von aktiver Interessenvertretung gegenüber Politik und der breiten Öffentlichkeit. Um die künftige Vermarktung regionaler Produkte aus Brandenburg weiter zum Erfolg zu führen, hat der Verband eine breit angelegte Marktstudie in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse demnächst vorgestellt werden. Erste Auswertungen zeigen bereits, dass mit verstärkten Anstrengungen in der Verbraucherkommunikation große Erfolgspotenziale für regionale Produkte aus Brandenburg zu realisieren sind.

Informationen zur Umfrage

Von den rund 650 Unternehmen haben sich 85 an der Online-Befragung beteiligt. 51 Prozent der teilnehmenden Unternehmen erwirtschaften bis zu einer Million Euro Umsatz und 35 Prozent über drei Millionen Euro (davon 10 Prozentpunkte über 50 Millionen Euro). Das Branchenbarometer hat keinen Anspruch auf wissenschaftliche Repräsentativität, ist aber aussagekräftig genug für ein klares Meinungsbild. 79 Prozent der Umfrageergebnisse kommen direkt von pro agro-Mitgliedern. Grafiken zur Umfrage können Sie unter folgender Adresse anfordern: presse@proagro.de.

Jahresplanung 2023 von pro agro

Beim Agrarmarketingverband pro agro stehen auch 2023 etliche branchenrelevante Aktivitäten auf der Agenda, um die Brandenburger Erzeuger, Verarbeiter und Vermarkter von Lebensmitteln zu unterstützen und somit die regionale Wertschöpfung zu stärken. Zu den Instrumenten zählen unter anderem Wissenstransfer, Information und Kommunikation, Branchenevents, Markt-Studien und Unternehmensumfragen sowie Aktionen in Form von Kampagnen. Hier in Stichworten eine Auswahl dessen, was sich bereits heute an konkreten Maßnahmen und Angeboten „in der Pipeline“ befindet.

Auf dem pro agro-Zukunftsabend trafen sich in diesem Jahr führende Köpfe aus Wirtschaft und Politik.

Vermarktungs-Studie: Am 12. Januar 2023 Online-Präsentation der Ergebnisse der pro agro-Studie „Vermarktungspotenziale heben für Regionalprodukte aus Brandenburg“; Möglichkeiten für die Regionalvermarktung in Brandenburg.

pro agro-Branchenbarometer: Vorstellung der Ergebnisse des „pro agro-Branchenbarometers der Land- und Ernährungswirtschaft in Brandenburg 2022“ zur Einschätzung der wirtschaftlichen Situation durch Brandenburgs Unternehmen; Nutzung der Daten als Teil der Kommunikation im Vorfeld der IGW 2023; Fortführung der Befragungen im kommenden Jahr zum kontinuierlichen Monitoring der Branchenentwicklung und der Unternehmens-Stimmung.

Regionale Kooperationen: Begleitung und Erweiterung der Zusammenarbeit von Branchenunternehmen jeder Ausrichtung (von konventionell bis ökologisch, von handwerklich bis industriell etc.), aus allen Sortimentsbereichen und Regionen Brandenburgs. Beispiel: Fortsetzung der Koordination und Unterstützung der Aktionskampagne „Regionale Lebensmittel einkaufen – jetzt erst recht!“ in den kommenden Monaten, um die Unternehmer-Initiative der Brandenburger Lebensmittelwirtschaft

  • in die Mitte der gesellschaftlichen und politischen Wahrnehmung zu halten und
  • mit gezielten Aktionen am POS die Konsumenten direkt zu erreichen und damit Verbraucherinformation und -aufklärung zu unterstützen.

EU-notifiziertes Qualitätsprogramm Brandenburg: Fortsetzung des Einführungsprozesses zur Umsetzung des EU-notifizierten Qualitätsprogramms für Brandenburger Erzeugnisse – „Gesicherte Qualität Brandenburg“ und „bio Brandenburg – gesicherte Qualität“ sowie Fortsetzung des (perspektivischen) Dialogs mit Handelsunternehmen zum Thema EU-notifiziertes Qualitätsprogramm Fleisch – „Gesicherte Qualität aus Brandenburg“.

Regionale Wertschöpfungsketten: Initiierung, Entwicklung und Stärkung entsprechender Maßnahmen, insbesondere auch im Bereich Gemeinschaftsverpflegung/Kita- und Schulverpflegung – u.a. bei den Warengruppen Fleisch, Obst und Gemüse, Hülsenfrüchte sowie Eier und Eiprodukte.

Neue Marktanforderungen: Unterstützung der Unternehmen bei der Einschätzung von Vorschriften wie Carbon Foot Print, EcoScore, Nachhaltigkeitsindex oder Tierhaltungskennzeichnungsgesetz.

Fachveranstaltungen: Umsetzung von Branchenforen und Workshops für Informationsvermittlung und Wissenstransfer sowie den Erfahrungsaustausch innerhalb der Branche. Beispiele: Tag der Direktvermarktung, Norddeutscher Ernährungsgipfel, Workshops im Bereich Kommunikation & Öffentlichkeitsarbeit, Lebensmittelrecht & Lebensmittelsicherheit, „Ernährungswirtschaft trifft IT“ etc.

Publikumsveranstaltungen: Beteiligung an oder Organisation von Verbraucherevents in ganz Brandenburg mit dem Ziel, Regionalprodukte aus Brandenburg erlebbar zu machen bzw. zu vermarkten. Beispiele: Brandenburgische Landwirtschaftsausstellung (BraLa), Brandenburger Landpartie, Potsdamer Erlebnisnacht, BrandenburgTag in Finsterwalde, Brandenburger Dorf- und Erntefest in Kremmen etc.

Verkaufsförderung: Vorbereitung von Dialogveranstaltungen und Marketingmaßnahmen mit einzelnen Absatzpartnern zur gezielten Kontaktanbahnung, zur Vertiefung der Zusammenarbeit mit regionalen Lieferanten aus Brandenburg sowie für den Ausbau regionaler Wertschöpfungsketten und Vermarktungsstrukturen. Beispiele: Produzenteninformationstour von pro agro in Kooperation mit Rewe Ost in Brandenburgs Landkreisen, Edeka- Speeddating Regionalbörse, pro agro-Warenbörse etc.

Dazu Kristin Mäurer, pro agro-Fachbereichsleiterin Agrar- und Ernährungswirtschaft (Foto): „Wir haben als pro agro wieder ein vielfältiges Aktionspaket für das Jahr geplant, das für alle Zielgruppen unserer Verbandsarbeit etwas zu bieten hat – vom Direktvermarkter bis zum regionalen Handelslieferanten, in Kooperation mit Partnern aus Handel, Tourismus oder Medien in der Hauptstadtregion. 2023 wird ein herausforderndes Jahr für die Absatzförderung. Umso wichtiger erscheint mir der Leitgedanke: Volle Kraft voraus – gemeinsam sind wir stark.“